Über die Wahrheit einer abgegriffenen Metapher (trotzdem Danke, SpiegelOnline!)

„China bietet Europa und USA Finanzspritze an“, SpiegelOnline, 14.09.2011

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Bis die Lage zum Zerreißen angespannt ist. Bis die Kacke voll am Dampfen ist. Bis der Level, unser Level, wieder abgesunken ist unter den verschmerzbaren Wert. Bis die Wahrheit sich aus dem allseits geplauderten Dampf abzeichnet. Bis wir der Welt unser wahres Gesicht nicht mehr verbergen können, sondern es zeigen müssen. Bis wir nicht mehr gute Miene zum bösen Spiel machen können, sondern unsere Fratze offenbaren müssen. (Und sie auch. Diese anderen.) Bis wir unsere Masken abnehmen müssen. Die Masken der Zivilisation. Die des braven Bürgers. Die des ehrbaren Kaufmanns. Weil wir das Zittern gekriegt haben. Immer schlimmer. Weil uns ein Gedanke verfolgt, ein einziger Gedanke uns auf die Pelle rückt, immer näher. Weil dieser Gedanke das Szepter übernommen hat. Weil sich dieser Gedanke in unserem Oberstübchen breitgemacht hat. Weil wir, Scheiße nochmal endlich unseren Schuss brauchen.    Wir sind durch die Nebenstraßen gezogen, haben in Hinterhöfen Mülltonnen durchwühlt, haben arme, kranke Penner ausgeraubt, die sich nicht wehren konnten, weil sie noch kaputter sind als wir. Wir wussten, wo der Weihnachtsmann wohnt, aber dort klopft man nicht einfach mal eben an die Tür. Das sieht nicht gut aus, das macht einen schlechten Eindruck, und den wollten wir ja bis jetzt vermeiden. Das haben wir bis jetzt lieber diskret erledigt, und der Weihnachtsmann hat sich darauf eingelassen, er hat uns seinen Lieferanteneingang benutzen lassen, auch wenn er das albern fand. Aber jetzt haben wir jeden Stein umgedreht, in jedes Loch geschaut, jeden Teppich hochgehoben, die letzten Krümel aus dem Brotkorb gekratzt, nicht mal mehr die Penner haben noch was für uns. Die drängen wir von der Straße, treten ihnen ins Kreuz, auf dem Weg zum Weihnachtsmann. Und der Lieferanteneingang ist schmal, wir sind zu viele, werden dort nicht mehr lautlos und diskret empfangen, nicht mehr schnell genug abgefertigt. Wir müssen den Mummenschanz beenden. Müssen im Licht des Tages vor die Pforte treten und unsere Spritze vor aller Augen in Empfang nehmen. Aber es ist noch nicht aller Tage Abend. Wir haben noch ein Ass im Ärmel. Wir müssen dem Kind einfach einen anderen Namen geben, dem Christkind. Der gnädigen Gabe. Dem Stoff. Der uns interessiert und nichts anderes. Das können wir, darin sind wir geübt, das kriegen wir noch hin, auch wenn unsere Hände zittern. Wir geben immer noch ein gutes Bild ab, an der Pforte, können unser bestes Lächeln aufsetzen, können uns und allen ein X für ein U vormachen mit der Spritze in der Hand. Wir wollen das ja selbst. Wollen doch nicht als Deppen dastehen, als Junkies, wollen die Hosen nicht runterlassen. Man reicht uns die Hand, kommt uns entgegen, lässt uns nicht im Regen stehen, erwartet nicht die Welt von uns. Nur eine Geste. Das kann man sich doch aus dem Kreuz leiern. Die alten Zöpfe können wir doch endlich abschneiden. wenn wir nicht mehr zittern, setzen wir uns mal an einen Tisch. Dann kann man einiges ausräumen und klar Schiff machen. Da muss man ja keine Berge versetzen, den Kahn kriegen wir schon über den Fluss. Aber jetzt gib uns erst mal die verschissene Spritze, Weihnachtsmann!

Bis zum nächsten unschönen Anlass, Ihr M. Wäser

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