Klick (off topic)


Gestern unterhielt ich mich mit einer alten Freundin über dies und das, über die „Piraten“, die Berlin geentert haben, über das Leben mit Internet, facebook, twitter, Smartphones, das anders ist, als das davor. Und wie es so geht, ganz nach Kleist, klärten sich beim darüber Reden so manche Gedanken, verbanden sich auf einmal zu einem schlüssigen Ganzen, durch Austausch und Kommunikation, womit wir auch schon beim Thema dieses Beitrages sind: die fundamentalen Veränderungen der Welt und des Bewusstseins des Einzelnen im Zeitalter genau dieser technologischen und sozialen Neuerungen. Unterm Strich geht es darum, dass die Welt durch diese Phänomene  im Begriff ist, sich radikal zu verändern, weit mehr, als es bislang schon geschehen ist. Die epochalen Umwälzungen in Nordafrika und Arabien sind nur ein Vorgeschmack dessen, was uns erwartet – auf was wir uns einstellen müssen – freuen können, sage ich –  der Erfolg der „Piraten“ und diesbezügliche Ahnungslosigkeit aller anderen Parteien ein weiterer. Was ich mit fundamentalen Veränderungen meine, ist z.B. die Verlagerung von Macht nach unten, das Erwachsen von ungeheuer machtvollen Zusammenschlüssen aus der totalen, globalen Zerstreuung. Beides gehört zusammen, beides wirkt zusammen.    Dass sich  die Revolutionäre in Tunesien und Ägypten ohne digitale Vernetzung wohl niemals so effektiv hätten organisieren können, bezweifelt niemand. Nicht das Bedürfnis nach Veränderung hatte vorher gefehlt – die Schwelle, es zu artikulieren, ihm nachzugeben und sich mit Gleichgesinnten zu verbinden hatte sich gesenkt, und zwar signifikant, weil es so einfach ist über Internet und Mobilfunk, und irgendwann haben das einige Leute dort gemerkt. Damit war der Damm gebrochen, und die neuen Möglichkeiten der Kommunikation bündelten die Millionen Stimmen zu einer einzigen, machtvollen, unüberwindlichen Stimme. Begleitet natürlich von „offline“ – Protesten, Kämpfen und gar nicht virtuellen Opfern.

Ich erzählte meiner alten Freundin von einer Erfahrung, die ich mittlerweile schon mehrfach machen durfte, nämlich der, an einer solch machtvollen Stimme Teil zu haben. Und auch das Schildern/Teilen dieser Erfahrung brachte mir Erkenntnisse, die ich an dieser Stelle mit Ihnen, den Lesern, teilen will. Vor einigen Monaten registrierte ich mich auf einer Internet-Plattform. E-Mail- und Postadresse angeben, fertig. Diese Plattform wird von einer Organisation betrieben, die hauptsächlich über Petitionen, offene Briefe und Deklarationen versucht, ganz klar definierte und konkrete politische Ziele zu erreichen. Und weil diese Organisation, sie heißt AVAAZ, sich ganz bewusst über  das Internet organisiert, spielt es überhaupt keine Rolle, an welchem Ort der Erde ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll. Es gibt dort oder in der Nähe auf jeden Fall gut Informierte Menschen, die entweder selbst unter den jew. Problemen zu leiden haben oder die jenen eine Stimme geben möchten. So landen die Probleme bzw. die Lösungsvorschläge oder Appelle bei allen Teilnehmern des AVAAZ-Netzwerks, rund um den Globus, abermillionenfach. Das bedeutet, die Anteilnahme selbst an lokalen oder regionalen, aber natürlich auch kontinentalen oder globalen ernsten Problemen in irgendwelchen Ländern auf der Welt ist keine weltfremde Illusion mehr, kein hilfloses „Weltverbesserertum“. Denn die Millionen Teilnehmer auf der ganzen Welt solidarisieren sich, wenn sie wollen, mit den Menschen vor Ort. Plötzlich haben Unterdrückte, Rechtlose oder Ungehörte eine Stimme in ihrem Rücken, die ihnen Macht verleiht, Respekt einfordert, Gerechtigkeit, unüberhörbar. Ganz praktisch habe ich das erfahren – um nur eines von mehreren Beispielen zu nennen – bei einem südafrikanischen Gesetz, das bekennende Homosexuelle zu Straftätern erklärt hätte. Um die entsprechende Petition zu unterstützen, welche die südafrikanische Regierung aufforderte, dieses menschenrechtswidrige Gesetz keinesfalls zu verabschieden, musste ich nur meine registrierte e-mail-Adresse eintragen und die Schaltfläche dahinter anklicken. „Klick“. Mehr nicht. Einige Wochen später entnahm ich dem AVAAZ-Newsletter, dass sich die Regierung in Südafrika dem gewaltigen internationalen Druck gebeugt und das Gesetz nicht verabschiedet hat. Wie gesagt, das ist nur eines aus einer immer länger werdenden Liste von erfolgreichen Beispielen. Das Gefühl, dass sich bei mir einstellte, als ich zum ersten Mal von dem durchschlagenden Effekt „meines Klicks“ erfuhr, ist wirklich schwer zu beschreiben. Auf eine sympathische, nicht-tyrannische Weise ähnelt es wohl dem Gefühl, dass ein Diktator bei seinen Entscheidungen überkommt, wenn er mit einem Augenaufschlag eine Stadt erbaut oder zerstört, ein Volk reich macht oder ins Verderben stürzt. Es ist eine Form von Macht, mit der man da Bekanntschaft macht, aber eine, die sich aus dem gesunden Menschenverstand von Millionen speist, aus der Liebe zur Gerechtigkeit und zu den humanistischen Werten, und die so massiv nur entsteht, weil man sie teilt. Und all das ohne zermürbende Menschenketten im Dauerregen, Protestzüge mit schlechter Musik und noch schlechteren Rednern, ohne Wasserwerfer fürchten oder gegen Panzer ankämpfen zu müssen. Jedenfalls für die große Mehrheit der Unterstützer. Neu ist, dass nun klar wird, dass die einen ohne die anderen, die vor Ort nicht ohne die in der Welt und umgekehrt ihre Ziele erreichen können. Das geht nur gemeinsam, jedenfalls mit solcher Schlagkraft. Es bildet sich eine globale Solidargemeinschaft des bürgerlichen, des zivilen Bewusstseins, die echte, nicht ignorierbare Macht zu entfalten in der Lage ist. Nicht nur über dieses eine Netzwerk, sondern vielfach, tausendfach womöglich. Das wird Staaten verändern, die Art verändern, wie regiert wird, die Art, wie Macht verteilt wird ebenso. Und zwar nur in eine Richtung: von oben nach unten. Die repräsentative Demokratie, die wir als die beste aller bisherigen Staatsformen schätzen, sie bekommt eine Frischzellenkur verpasst, sie wird, langsam aber sicher, mit partizipatorischen Elementen gepimpt.

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2 Gedanken zu “Klick (off topic)

  1. Michael Wäser 3. März 2012 / 09:14

    In der aktuellen ZEIT als Titelthema: „Die Macht im Netz“.

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