Das Böse – eine Bestandsaufnahme der WELTonline, 25.09.2011, 09.35 Uhr


Nach einigen zugegebenermaßen und ausdrücklich polemischen, „bösen“ Blogbeiträgen über kleinere und größere linguistische Niederlagen an der Nachrichtenfront an dieser Stelle, möchte ich einmal ein weniger offensichtliches, sondern eher latentes Element einer breiteren Betrachtung und Bewertung unterziehen. Dass dieses Element, ein kurzes Wort, genauer gesagt, zwei – ein Artikel und ein Substantiv von nur vier Buchstaben Länge – aus derselben Bedeutungsgruppe stammt wie die „bösen“ Blogbeiträge, ist natürlich reiner Zufall. Sicher: die zutreffendere Wortwahl in Bezug auf spöttische Blog-Artikel wäre „boshaft“, der Stamm aber immer noch derselbe. „Das Böse“ – ohnehin aus verschiedenen Gründen Reizwort, latenter Oberbegriff großer Teile der Nachrichtenwelt, und hier nun auch der Startseite vom heutigen Tag in der WELTonline, steht nicht ganz oben in der ersten Headline dieses Tages, sondern weiter unten über einem Bericht zum Papstbesuch in Freiburg, aber dazu später.    In der obersten Überschrift der Startseite heißt es „Lasst Griechenland doch endlich pleitegehen!“, wobei einem natürlich sofort Begriffe wie „böse“ durch den Kopf schießen, entweder als Verurteilung derer, die so gnadenlos fordern können, einen alten Freund und Stifter der Demokratie fallen zu lassen, oder als Sammelcharakterisierung der miesen griechischen Polit-Trickserbande, die ihr durch und durch korruptes „Scheißland“ (sorry, mein Fehler, das ist ja ein anderes EU-Mittelmeerland …) einst in die Eurozone gelogen hat. So oder so, der Begriff, auch wenn er noch nicht wörtlich im Text erscheint, geschweige denn seine Bedeutung wirklich geklärt ist, schwebt bereits jetzt über den Meldungen dieses Tages in der WELTonline Die nächste Hauptmeldung „Ministerin Kristina Schröder antwortet Eva Herman „ erscheint also schon gleich in einem ganz anderen Licht, als es die reinen, dürren Worte nahelegen. Hier kämpft eindeutig das Gute gegen das Böse, oder, wenn man es etwas weniger grundsätzlich, „biblisch“ haben will, DIE Gute gegen DIE Böse. Na bitte. Schon ist man eingegroovt auf den echten Stoff, das Wort, das man also nun wirklich lesen kann, und zwar als Zitat aus dem Munde des „Heiligen Vaters“. Hier lohnt also Hinschauen, Lesen, was unter „Papst warnt die Generation Facebook vor dem „Bösen““ geschrieben steht. Nun, im Grunde nichts Neues, denn der alte, belesene Mann, der, soweit man weiß, weder Vater von irgend jemandem, schon gar nicht von einer pubertierenden Nervensäge (was seine, ich nenne es mal „skeptische“,  Sicht auf die Jugend für jeden Vater durchaus nachvollziehbar machen würde) und ganz objektiv auch nicht heilig ist, jedenfalls noch nicht, legt Jugendlichen in einem Gespräch nahe, „das Böse in sich selbst zu suchen“. (Ich unterstelle hier einfach, dass er nicht meint, das Böse im Bösen (sich) zu suchen, sondern das Böse in EINEM selbst.) Beim Vorsteher einer Religionsrichtung, die es sogar nicht vorbestraften Grundschulkindern via Vaterunser zur Pflicht macht, um Vergebung ihrer „Sünden“ zu bitten, überrascht es zwar nicht, dass der Papst auch in unbescholtenen, katholischen Jugendlichen „das Böse“ zu entdecken vermag, wenn sie es schon nicht selbst entdecken, der „welt“lichen Headline verleiht er damit aber auf jeden Fall biblischen Pfeffer und drückt der „WELTonline“ wie der ganzen deutschen Tages-Berichterstattung seinen am Ewiggültigen orientierten Stempel auf. Das kann man an den weiteren Hauptberichten leicht überprüfen, beinahe alles sieht man jetzt unwillkürlich durch die Gut-Böse-Brille. Das muss man an einem Tag wie diesem einfach hinnehmen und auf rasche Genesung hoffen:

Fußballtrainer – Ein Leben nah am Burn-out“: BURN OUT – die Geißel des Turbokapitalismus, bloß ein neues Synonym für DAS BÖSE.

Lebenslange Haft für Amanda Knox gefordert“: Amanda Knox! Noch Fragen?

Die Machokultur wurde Giuseppe zum Verhängnis“: Ein Migrant flieht in Berlin vor Kriminellen in den Tod. Das „Böse“ ist identifiziert: Die Machokultur des Italieners an sich, womit wir gleich wieder mitten im Vatikan gelandet wären!

Model Eva Padberg wird zur Walküre“ und „Vom Glücklichsein mit einem dicken Körper“ lassen sich nur in ihrer Kombination verstehen: dünn vs. dick, depressiver Hungerhaken Eva Padberg vs. dicke Glücksputten – wer ist gut, wer ist böse – die Entscheidungsschlacht – oder die Synthese in einem Walkürenkörper? Unmöglich! Doch weiter, eine Auswahl zwar, aber der Reihe nach:

Deutscher Tourist in Afghanistan erschossen“, „Russische „Pingpong-Diplomatie“, bis einer stirbt“, „Bayern-Profi Breno sitzt in Untersuchungshaft“, „„Die Banken haben aus Fehlern nichts gelernt““, „Dr. Copper und das Massaker bei den Rohstoffpreisen“, „„Rollen mit Maschinengewehr sind doch fabelhaft““. Deutscher erschossen – keine Diskussion! Tödliche Diplomatie in Russland – das wussten wir doch schon. Der Kreml ist doch schon traditionell Zweitwohnsitz des Bösen. Bayern-Profi zündet Haus an? Geldprobleme machen böse! Die Banken … darüber muss man nun WIRKLICH kein böses Wort mehr verlieren. Rohstoff-Massaker. Schon mal von einem nicht-bösen Massaker gehört? Hellen Mirren als Lady-Geheimagentin an der UZI – DAS ist allerdings die Synthese, Gut und Böse in einem einzigen Charakter. (Vielleicht sollte der Papst mal ein ernstes Wort mit ihr reden.)

So schafft es WELTonline mit bewundernswerter Virtuosität: man kommt einfach nicht um das Thema herum, auch in den oberflächlich unverfänglichsten Meldungen lauert irgendwo das Böse – man muss es nur suchen – am besten natürlich in sich, pardon, EINEM selbst.

Bis zum nächsten unschönen Anlass, Ihr M. Wäser

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