Utopia – ein Dankesbrief


SpiegelOnline, 29.10.2011:
„Desertec will 2012 Solarkraftwerk in der Wüste bauen
Ein Solarkraftwerk in der Wüste – diese Idee mutete lange Zeit geradezu utopisch an. Doch jetzt machen die Initiatoren Ernst.“

Liebe SpiegelOnline-Wirtschaftsredaktion,

An dieser Stelle möchte ich mich im Namen Ihrer Leser von Herzen bedanken. (Dass dieser Dank mit etwas Verspätung eintrifft, liegt an einer fiesen Grippe, die mich lange davon abgehalten hat, meine Gedanken zu sammeln und dies niederzuschreiben, also dafür bitte ich um Entschuldigung.) Eine Wirtschaftsredaktion muss sich mit sehr schwierigen Sachverhalten herumschlagen und sie für ihre Leser verständlich aufbereiten. Diese Aufgabe meistern Sie seit vielen Jahren mit beeindruckender Verlässlichkeit. Doch nicht nur das, Sie tun weit mehr. Sie rücken schiefe Weltsichten zurecht. Sie bringen der Welt entfremdete Leser wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. So auch mich, mit dem oben genannten Artikel. Denn dort verwenden Sie gleich zu Beginn ein Wort, das allzu häufig und gedankenlos – und daher falsch – benutzt wird: „utopisch“.    Unbeirrbar, wie Sie nun einmal sind, stemmen Sie sich gegen diesen Missbrauch und platzieren das Wort messerscharf in einen Zusammenhang, der wieder alles klar macht. Das ist grandios, mutig, eines einflussreichen Magazins würdig. Sie schreiben: „Ein Solarkraftwerk in der Wüste – diese Idee mutete lange Zeit geradezu utopisch an.“ Und da kann man nur den Atem anhalten und schließlich, herausgefordert, nicken. Denn „utopisch“ heißt ja abwegig, undenkbar, wirklichkeitsfremd. „Utopia“, der Ursprung des Adjektivs, heißt „Nicht-Ort“. Und wirklich: Was, wenn nicht ein Solarkraftwerk in einer Wüste, wo an 360 Tagen des Jahres die Sonne vom Himmel brennt, wäre komplett, total, vollständig wirklichkeitsfremd? Welcher Ort wäre für ein solches Kraftwerk mehr ein Nicht-Ort als eine Wüste, die geradezu der Inbegriff des Nicht-Ortes ist, an dem es einfach nichts und niemanden gibt, was/der durch die Anwesenheit eines wie groß auch immer bemessenen Solarkraftwerkes gestört, geschädigt oder verdrängt würde? Sie haben dies erkannt, und Sie haben es zu schreiben gewagt. Dafür noch einmal von Herzen Dank! Wenn Sie also so mutig waren, vielleicht gehen Sie auch noch weiter und wagen gleich auch noch weitere Richtigstellungen? Ich will mich nicht zu Ihrem Stichwortgeber aufschwingen, möchte Ihnen aber dennoch einige wenige Vorschläge unterbreiten, was in Bezug auf seinen wirklichkeitsfernen, utopischen Charakter endlich einmal zu benennen wäre. Machen auch Sie Ernst und geißeln Sie ebenfalls als utopisch:

  • Zu essen, wenn man Hunger hat – unglaublich, dass sich manche danach noch richten.
  • Rechts fahren auf kontinentaleuropäischen Straßen – duckmäuserisch, falsch und irregeleitet.
  • Fahrrad benutzen, um die Umwelt zu schonen – wie irre kann etwas sein?
  • Ebbe und Flut – nichts als eine ewig tradierte Lüge.
  • Die Reihenfolge der Jahreszeiten – darauf zu bestehen, fand ich immer schon lächerlich!
  • Den Tod – muss nun wirklich erst mal bewiesen werden!

Mit freundlichen Grüßen, Ihr M. Wäser

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