Das anlasslose Kettensägenmassaker


Danke, dass Sie so spontan noch einen Termin einschieben konnten, es ist wirklich … dringend, ich bin verstört, ich … seit heute Morgen … OK, also … ich … sage also, was mir so durch den Kopf geht? Alles, was eben so kommt … klar. Alles klar … frei assoziieren … wie immer. Also einfach … alles klar … Aber ich fange mit heute Morgen an. Heute Morgen habe ich … das geht mir den ganzen Tag durch den Kopf, seit heute Morgen, ich werde es nicht los … also, ich habe SpiegelOnline angeguckt, mal die wichtigsten Schlagzeilen von Weihnachten überflogen, was so passiert ist. Und da kam wieder dieser … Schmerz. Ja, ein Schmerz, es hat sehr, sehr weh getan. Vielleicht, weil die Weihnachtstage dazwischen lagen, etwas Abstand, keine ausführliche Zeitungslektüre, Entwöhnung, nun also wieder Schlagzeilen. Aber soweit ja nichts  … grundsätzlich Außergewöhnliches … aber dann, dann hat es mich wirklich erwischt, und seitdem habe ich sie wieder, diese Angst. Die Angst vor dem nächsten Schmerz.   So wie der Ganove, der von dem Rächer gestern Abend in diesem Film mit elektrischen Nägeln in den Oberschenkeln gefoltert wurde, aus Angst vor dem nächsten Schmerz redete er irgendwann und bekam dann doch den finalen Stromschlag. Also, ich habe auch diese Angst seit heute Morgen. Die Schlagzeile machte mich noch irgendwie neugierig, so kurios, wie sie war, das war das Verhängnisvolle, das Perfide, denn ich erwartete nicht, was dann kam. „Vorratsdatenspeicherung: Liberaler Hahn will rasche Einigung“ – Ich dachte noch: Wie bekloppt ist das denn?! Ein liberaler Hahn? Will rasche Einigung? Hähne wollen doch immer, und rasch, dachte ich. Das in derselben Zeile mit „Vorratsdatenspeicherung“, das piekste schon etwas im Stirnlappen  … ich klickte trotzdem an und ZACK der Stromschlag, mit voller Wucht, schmerzvoll, scharf, tief ins Mark: Bislang lehnte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger eine anlasslose Vorratsdatenspeicherung ab. Nun will ihr liberaler Parteikollege aus Hessen, Jörg-Uwe Hahn, mit einem Kompromissvorschlag eine Einigung mit der Union voranbringen.
Worte wie Nägel in den Oberschenkel gerammt, Stromklemmen dran und Schalter umgelegt –

ZACK!
BUNDESJUSTIZMINISTERIN!
ZACK!
LEUTHEUSSER-SCHNARRENBERGER!
ZACK!
ANLASSLOSE VORRATSDATENSPEICHERUNG!
ZACK!
KOMPROMISSVORSCHLAG!!!

Warum müssen sie uns nur so wehtun? Wer zwingt diese Leute, solche Worte, die schon jedes für sich in der Lage sind, Gliedmaßen abzutrennen, auch noch zusammenzuraffen und wie ein Schrapnellgeschoss gegen unsere empfindsamen Seelen abzufeuern?  Ich konnte jedenfalls nicht mehr weiterlesen. Ich kämpfte gegen die Tränen und meine Hände verkrampften sich, bis Blut aus meinen Fäusten quoll. Nein, nicht, bitte, dachte ich. Bitte nicht! Ich rede, ich sage alles, was sie wollen! Nur nicht noch mehr solche Worte! Dann plötzlich dämmerte es mir. Es ist normal. Es ist einfach um uns herum, es ist in unserer eigenen Sprache, es sind die grausamen, eigentlich als Kriegswaffen zu ächtenden Worte aus den schmutzigen Ecken unserer Wortschatzkammer. (Eine deutschstämmige US-Schauspielerin machte sich einmal in einer Latenight-Show über die deutsche Sprache lustig, auf verletzende Weise, wie ich fand, denn sie stieß schneidende, harte, verunstaltete Wörter aus, zur Belustigung des amerikanischen Publikums, doch jetzt … jetzt muss ich einsehen – es GIBT diese Wörter, es GIBT dieses Macheten-Deutsch! Was soll man jemandem wie dieser Schauspielerin denn zur Verteidigung entgegenhalten, wenn es Wortmonster wie ANLASSLOSE VORRATSDATENSPEICHERUNG in unserer Sprache gibt, eine linguistische und phonetische Kettensäge, bereit zu jedem Massaker?) Aber dennoch: Müssen sie diese Folterinstrumente gegen uns einsetzen, und gar eins nach dem anderen? Nein, das müssen sie nicht! Sie TUN es aber! Sie sind skrupellos, gefühllos, sie kennen kein Mitleid und keine Gnade. Sie wissen, wo sie diese grausamen Worte finden, und vielleicht sogar noch grausamere. Sie haben sie in ihrem Waffenschrank! Ich habe ANGST! Denn, das ist mir jetzt klar geworden, sie werden sie benutzen.

Bis zur nächsten Sitzung, Ihr M. Wäser

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