Der zweite Bund


Beschneidung, Trauma und Tabu. Ein Beitrag zur Debatte um das Kölner Urteil.

Trauma (v. griech. τραύμα ‚Wunde‘)

Die rituelle Beschneidung von Jungen oder Mädchen ist eine vor Jahrtausenden entstandene Prozedur mit dem Zweck, das beschnittene Kind in die Gemeinschaft aufzunehmen und es gleichzeitig an die Gemeinschaft zu binden. Es klingt paradox, aber dieser und andere Riten, bei denen Kindern oder Jugendlichen, seltener auch Erwachsenen, schmerzhafte und bleibende Verletzungen beigebracht werden, scheinen dem Zusammenhalt der Gruppe nicht zu schaden, sondern ihn zu festigen. Warum ist das so? Und warum wollen z.B. Juden und Moslems diesen riskanten und umstrittenen Brauch, der den „Bund mit Gott“ besiegelt, nicht der heutigen, stärkeren Berücksichtigung von Kinder – und Menschenrechten zumindest anpassen? Dieser Beitrag versucht, eine Antwort zu finden, allerdings nicht auf dem Gebiet der religiösen Tradition, sondern der Psychologie des Menschen.

Die Sprache, in welcher die Beschneidung kommuniziert, ist nicht verbal, sondern körperlich und dringt bis ins tiefste Unbewusste des Kindes. Da die Betroffenen keine Wahl haben, ist sie ist besonders ambivalent: Sie sagt gleichzeitig „Du gehörst nun zu unserer Gruppe/Religion“ und „Die Gruppe hat absoluten Zugriff auf deinen Körper, deine Sexualität, wende dich also niemals gegen die Gruppe.“ Da die Sprache körperlich ist, wird sie auch vom Körper „gehört“ und verstanden. Da sie ausgesprochen blutig und schmerzhaft ist, kann sie nur gegenüber Kindern, Schwächeren oder Untergebenen (früher z.B. Sklaven) zwangsweise angewendet werden. Die gemeinschaftsfördernde Wirkung ist unbestritten und hatte in archaischen, um ihr Überleben kämpfenden Gesellschaften vermutlich unmittelbare Vorteile. Doch wurden viele andere blutige Riten mit der zunehmenden Entwicklung zivilisatorischer Sicherheiten aufgegeben oder in unblutige transformiert – nicht dieser Ritus. Obwohl Beschneidungen selbst heute, unter hygienisch einwandfreien Bedingungen ausgeführt, ein nicht zu unterschätzendes Risiko für ansonsten gesunde Kinder darstellen, halten die Gruppen, die sie praktizieren, hartnäckig an der Praxis fest. Das gilt für Mädchenbeschneidungen in Afrika im Grunde genauso wie für die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen überall auf der Welt, in gewisser Weise auch für die „gewohnheitsmäßigen“ Beschneidungen z.B. in den USA. (Nur über den entstehenden Schaden gehen die Meinungen weit auseinander.) Was aber die religiös motivierte Beschneidung besonders kennzeichnet, ist ihre Koppelung an einen bedeutenden Ritus und dadurch die Erzeugung eines zweifachen Tabus – eines „öffentlichen“, religiösen und eines verborgenen, seelischen.

Am Beispiel der aktuellen Diskussion um das Kölner Beschneidungsurteil lässt sich die Wirkungsweise und die sich selbst erneuernde Tragik des Tabus gut nachvollziehen. Warum ein Schriftsteller sich zu (nicht unumstrittenen) psychologischen und soziologischen Fragen äußert? Seit über 20 Jahren befasse ich mich mit den Ursachen, Wirkungsweisen und Folgen von traumatischen Erlebnissen und Umständen auf Individuen und Gruppen. Wegweisend war dabei die Auseinandersetzung mit dem Werk von Klaus Theweleit, Lloyd de Mause, Marianne Krüll und nicht zu vergessen der Kindheitsforscherin Alice Miller, mit welcher ich einige Jahre bei der Betreuung ihrer Internetforen für Überlebende traumatischer Kindheiten zusammenarbeiten durfte. Die Entstehung, die Wirkung, die Widerstandsfähigkeit, die Folgen des Aufdeckens verdrängter Traumata sind längst nicht nur in der o.g. Literatur ausführlich dokumentiert und mir auch besonders eindrücklich aus unzähligen Berichten Betroffener bekannt. Der zugrunde liegende „Mechanismus“ ist im Großen und Ganzen immer derselbe. Besonders Alice Miller hat ihn in ihren Büchern eingehend untersucht und beschrieben, ich will hier nur eine kurze Zusammenfassung geben:

Ein verdrängtes (Kindheits)Trauma erzeugt im betroffenen Menschen oder der betroffenen Gruppe von Menschen eine Tabuzone – einen Bereich der Erinnerung, des Lebens und des Gefühls, der vermieden, verleugnet und verschleiert wird. Das geschieht beim Individuum meist „automatisch“, also unbewusst. Bei Gruppen nimmt der Prozess nicht selten die Gestalt einer Verschwörung an, einer mehr oder weniger unausgesprochenen Übereinkunft, die nicht infrage gestellt, aber tradiert wird. Dadurch entzieht sie sich wiederum der bewussten Betrachtung. Je größer die Gefahr, dass ein solches Tabu berührt wird, um so massiver die Kräfte, die mobilisiert werden, um das zu verhindern. Voraussetzung dafür, dass ein Erlebnis überhaupt tabuisiert, „eingekapselt“ wird, ist seine emotionale Dimension. Niemand verdrängt ein bedeutungsloses Kinkerlitzchen, man vergisst es meistens auf Nimmerwiedersehen. Ein Ereignis oder ein dauernder Umstand aber, der ein Kind in solch großen Schmerz, Bedrohungsgefühle und Todesängste stürzt, dass es damit nicht anders umgehen kann, als ihn, unbewusst, für nicht vorhanden, nie geschehen zu erklären, ist damit zwar vorerst aus dem bewussten Erleben verdrängt, aber nicht verschwunden. Die Erinnerung bleibt meist ein Leben lang eingekapselt. Das ist das Fatale an nicht bewusst verarbeiteten Traumen. Der Mensch tut (unbewusst) so, als seien sie nicht vorhanden, aber gerade deshalb beeinflussen sie sein ganzes Leben – durch die andauernden, unbewussten Strategien und Versuche, das Trauma zu umgehen, nicht daran zu rühren. Manchmal ist der gesamte Lebensentwurf eine solche Strategie. Die Verdrängung geht nicht selten mit einer Desensibilisierung einher – eine „taube Stelle“, ein „blinder Fleck“ in der Wahrnehmung genau der Emotionen, die an das Trauma rühren könnten – bei einem selbst und auch bei Anderen. In diesem Fall ist das Empathievermögen geschädigt, in schweren Fällen sogar völlig zerstört. Die Verdrängung hält das Ursprungsereignis im Leben der Menschen dadurch gleichzeitig versteckt und präsent. Es sei denn, die Person (oder Gruppe) setzt sich bewusst damit auseinander, freiwillig, oder weil das Leben, das sie leben möchte, nicht mehr funktioniert. Nicht mehr funktionieren wird ein Leben z.B. dann, wenn die Umstände, die man sich geschaffen hat, um das Trauma nicht antasten zu müssen, sich ändern. Dann bricht nicht selten die ganze Vorstellung vom Leben zusammen, die Persönlichkeit, die man sich aufgebaut hat, die Beziehungen, die in den „Plan“ gepasst haben und nun nicht mehr passen, ja sogar höchst bedrohlich erscheinen können.

Vor dieser Situation stehen seit dem Kölner Urteil zur Beschneidung Juden und Muslime in Deutschland. Die ungemein heftigen Reaktionen aus ihren Reihen weisen ganz klar darauf hin, dass an ein Tabu gerührt wurde. Da wird vom „Ende jüdischen Lebens in Deutschland“ gesprochen, von der größten Bedrohung seit dem Holocaust, von Antisemitismus, Rassismus, vom Aufleben faschistischer Ideologie gegen nicht-deutschstämmige Kulturen usw. Da sind Bedrohungsvorstellungen und Todesängste im Spiel, die mit den juristischen Auseinandersetzungen nichts zu tun haben, sehr wohl aber mit dem verdrängten Trauma, dessen Aufdeckung hier droht. Die Heftigkeit der Reaktionen ist von daher absolut verständlich. Das Trauma muss unter allen Umständen geschützt bleiben.

Das Trauma aber ist nicht die Tatsache der Beschneidung, es sind die damit verbundenen, verdrängten Gefühle des Kindes. Darin liegt sein explosives Potenzial und seine enorme Widerstandsfähigkeit gegen Aufdeckung und jegliche Veränderung.

Wie erlebt ein acht Tage alter Säugling seine Beschneidung? Wie ein drei bis achtjähriger Junge? Das kann niemand hundertprozentig wissen. Aber ganz ahnungslos sind wir auch nicht. Ich versuche eine Annäherung: Der Erstere kann sich nicht verbal äußern, er reagiert physisch meist mit heftigem Schreien, oft Einnässen, manchmal auch mit Phlegma – er „schaltet sich ab“, weil die Schmerzen und der Eingriff sein emotionales und physisches System überfluten, überfordern. Die Schmerzen, die er erleidet, überkommen ihn – da ihn niemand vorbereiten oder warnen kann – völlig überraschend, das gilt auch für Beschneidungen, die unter örtlicher Betäubung vollzogen werden. Die Vorhaut ist noch mit der Eichel verwachsen und muss von dieser abgerissen werden, bevor sie ganz entfernt wird. Der Säugling ist in dem Alter mit ziemlicher Sicherheit noch nicht in der Lage, Personen zu identifizieren, zu denen er ein besonderes Vertrauensverhältnis hat – das entwickelt und vertieft sich erst im Laufe der weiteren Monate. Er befindet sich in einer „vollkommenen Welt“, die mit ihm eins ist und er mit ihr, denn er hat noch keine Vorstellung von der Trennung zwischen Ich und Welt: Vermutlich ist er bis dahin liebevoll und angemessen behandelt worden, geborgen, beschützt, genährt. Nun plötzlich bricht ein ungeheurer Schmerz über ihn herein, an einer der sensibelsten und schmerzempfindlichsten Stellen seines Körpers, aus „heiterem Himmel“. Der Schmerz hält mehrere Tage, wahrscheinlich mehrere Wochen an, bis die Wunde verheilt ist – wenn es keine Komplikationen gibt. Der permanente Schmerz geht – das kann er lokalisieren – von seinem Penis aus. Ein Säugling erlebt wahrscheinlich jede Art von schmerzvoller Operation und schmerzhaften Unfällen und Verletzungen ähnlich wie diese – unvorbereitet, schockiert und meist mit seelischen Spätfolgen, die sehr viel schwerer zu lokalisieren sind als sein ursprünglicher Schmerz, denn es existiert schon bald keine bewusste Erinnerung mehr und symptomatische Verhaltensweisen und Auffälligkeiten können später auch ganz anders (oder gar nicht) zugeordnet werden. Die fundamentale Erschütterung des „Urvertrauens“ ist also oberflächlich nicht mehr ohne Weiteres zu erkennen. Das gilt, wie gesagt, für traumatische Erlebnisse bei Säuglingen im Allgemeinen. Die Spuren zur Ursache sind beinahe völlig verwischt. Aber die Verletzung ist nicht verschwunden.

Was ist mit muslimischen Jungs? Sie werden meist zwischen dem fünften und zehnten Lebensjahr beschnitten. Sie sind also in ihrer körperlichen, psychischen und sozialen Entwicklung auf einem ganz anderen Stand als ein Säugling. Sie haben einige Jahre hoffentlich unbeschwerter Kindheit hinter sich und erleben die Vorbereitungen zum „Großen Tag“ bewusst mit. Manche bekommen schon vorher Angst, manche erst, wenn es losgeht. Manche haben Albträume, vorher, nachher. Dann ist da der Beschneider, der ihnen mit einem scharfen Werkzeug ein Stück vom Körper, von ihrem Pimmelchen abschneiden will. Und alle Verwandten freuen sich und sind gut gelaunt und loben den Jungen und sagen, er werde danach ein Mann sein. Verstehen kann das weder ein Dreijähriger noch ein Achtjähriger wirklich. Und selbst wenn er es könnte – das Messer ist sehr viel realer und das Pimmelchen hat bisher keine Probleme gemacht und die Angst ist da, ganz unmittelbar, aber es gibt anscheinend kein Zurück. Verzweiflung, Angst, niemand bewahrt einen vor dem Zugriff. Niemand. Alle freuen sich nur. Der Junge heult, aber er soll doch ein Mann sein, wenn das stimmt, was die Eltern sagen. Natürlich ist er kein Mann, er ist ein Junge, weit davon entfernt, in Mann zu sein. Aber alle sagen, er sei nun ein Mann. Und das Pimmelchen schmerzt furchtbar und ist verletzt und blutet ungeheuer. Der muslimische Junge erlebt alles viel bewusster, aber ob das von Vorteil ist, bleibt dahingestellt – hilflos und ausgeliefert ist auch er. Nach dem Eingriff wird er oft als eine Art Prinz herumgetragen, wird gefeiert und bekommt Geschenke. Das sind extrem widersprüchliche Erfahrungen, die hier zum Baustoff des Tabus zusammenkommen. Das Trauma wird in einem großen, bunten, fröhlichen Fest versteckt. Es ist künftig nicht mehr ohne Weiteres sichtbar.

Doch: Was das Trauma „verrät“, ist gerade das Bemühen des Traumatisierten, es zu leugnen. Vor Kurzem erst haben drei junge Berliner jüdischen und muslimischen Glaubens eine Online-Petition ins Netz gestellt, wo sie schreiben: „PSYCHISCHE SCHÄDEN? Wo sind die Beispiele hierfür? Zumindest kennen wir keinen beschnittenen Freund, der aufgrund seiner Beschneidung traumatisiert wurde!“
Kein „guter jüdischer oder muslimischer Sohn“ würde seinen Eltern einen Vorwurf machen oder ihnen ganz einfach sagen, dass sie ihm entsetzliche Schmerzen zugefügt haben, dass (im Moment der Beschneidung) sein Vertrauen darauf, von seinen Eltern vor allem Übel beschützt zu werden, erschüttert wurde. So etwas geschieht nicht. Es unterliegt dem Tabu. So etwas tut auch kaum ein nicht-jüdischer oder nicht-muslimischer Mensch. Misshandelnde Eltern/Bezugspersonen werden meistens von ihren Kindern in Schutz genommen, so merkwürdig das klingt, auch noch nach Jahrzehnten, nicht selten bis zum Tod. Das Tabu ist beständig und robust. (A. Miller nannte ein Buch über das Tabu-Gebot: „Du sollst nicht merken“) Es gibt Juden und Muslime, welche die Übereinkunft, darüber zu schweigen, nicht beachten und die Schmerzen und Beschädigungen der Psyche nicht mehr leugnen. Sie werden: ignoriert.

Ironischerweise war es ein jüdischer Arzt, der sich um die Beschäftigung mit dem Trauma und dem Tabu verdient gemacht und ihr gleich wieder einen Deckel verpasst hat, um die „Büchse der Pandora“, die er geöffnet hat, wieder zu verschließen, was ihm zum Glück nicht gelang – Sigmund Freud. Die jüdische Holocaust-Überlebende und Freud-Gegnerin Alice Miller hat die Büchse endgültig aufgerissen. Viele ihrer Thesen, für die sie erbittert angefeindet wurde, wurden mittlerweile sogar von klassischen Medizinern und Neurologen bestätigt. Demnach kann man die Spuren früher Traumatisierungen in vielen Fällen unbestritten im Gehirn nachweisen. Ein führender deutscher Neurowissenschaftler, der die Gehirne vieler Traumatisierter mit modernsten Verfahren untersucht hat, sagt heute sogar: in allen Fällen. Das bedeutet nicht, dass die Betroffenen „gaga“ sind, denn das sind sie nicht, es bedeutet, dass physisch oder psychisch extrem schmerzhafte Erfahrungen speziell von Kindern nicht folgenlos bleiben. Wer das dennoch behauptet, leugnet eine Tatsache. Leugnen ist das eine notwendige Mittel zur Aufrechterhaltung des Tabus. Weitermachen das Zweite.

Was die Situation in der Beschneidungsdebatte so brisant macht, ist die große Verbreitung des Tabus. In Deutschland sind es Millionen Männer, die das Trauma der Beschneidung als Säugling oder Grundschulkind erlebt und niemals bewusst und angemessen verarbeitet haben. Es ist für die Individuen genauso wie für die Gruppen völlig unmöglich, das Trauma überhaupt als solches anzuerkennen, denn das würde die Verdrängung aufheben. All die eingekapselten, entsetzlichen Angst- und Demütigungsgefühle, die Schmerzen, die Gefühle der Machtlosigkeit, die mit diesem für kein Kind, schon gar keinen Säugling nachvollziehbaren Übergriff auf den eigenen Körper gekoppelt sind, drohen wieder an die Oberfläche zu kommen. Wer will das schon? Stattdessen werden die Folgen der Verwirrung und Verletzung kompensiert – mit Macho-Kult, (und noch dreimal Macho-Kult) und vielfältigen anderen Aktivitäten und Lebenshaltungen, die den realen, aktuellen Umständen eigentlich unangemessen, oft sogar abträglich sind. Wie entsetzlich die Situation einer Beschneidung für ein Kind ist, wird fast nie gezeigt – Fotos oder, noch schlimmer, Filmaufnahmen davon sieht man in der Berichterstattung nicht, man hört die Jungen und Babys nicht schreien und weinen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dies ist kein speziell jüdisches oder muslimisches, im Grunde auch kein religiöses Phänomen. Es trat und tritt überall auf, wo Menschen systematisch Traumatisierungen ausgesetzt wurden und werden.

Soweit zur Wirkungsweise und Entstehung des Tabus. Die Beschneidung ist aber nicht irgendeine verletzende Handlung, sie ist ein sehr bedeutender Ritus für die betreffenden Religionen. Bedeutend, weil sie entweder so vorgeschrieben ist oder seit Jahrhunderten als Tradition praktiziert wird. Warum hat sich dieser schmerzvolle und verletzende Ritus so lange gehalten, während sich andere Traditionen im Laufe der Jahrhunderte verändert haben oder gar völlig verschwunden sind? Gerade weil es für die Betroffenen so tief greifend ist und nicht aufgedeckt werden darf, wird dieser Ritus nicht aufgegeben. Das Tabu erzeugt sich aus Selbstschutz immer wieder neu.

Denn was bei Beschneidungen auch geschieht, ist die Aufrechterhaltung der kollektiven Verdrängung in die nächste Generation hinein, und das macht den Ritus so bedeutsam und robust. Er darf nicht aufgegeben werden. Wer das Trauma nicht erlitten hat, keine Desensibilisierung erfahren hat, wird den grausamen Ritus wohl kaum an seinen Söhnen fortführen wollen – und damit ist die kollektive Verdrängung der Schmerzen und des Vertrauensverlustes in Gefahr. Das ist ein mächtiger, vielleicht der wichtigste Grund dafür, warum sich die erdrückende Mehrzahl der Juden und Muslime nicht von diesem Ritus lösen, ihn z.B. in eine nicht-grausame Form, einen rein symbolischen, aber genauso bedeutsamen Akt umwandeln wollen. Es wäre das Eingeständnis, misshandelt worden zu sein, selbst zu misshandeln oder es zu billigen. In jedem Einzelnen, der als Baby oder Kind beschnitten wurde, wirken die Verdrängungsmechanismen und treiben die Aufrechterhaltung des Tabus kollektiv mit enormer Kraft an. Ganz wichtig für das Verständnis der ungeheuer emotionalen und heftigen Reaktionen, die jetzt beim Streit um das Kölner Urteil aufkommen: Die Bedrohungsgefühle, die Todesängste sind echt, aber sie kommen nicht aus der heutigen Situation der Religionsführer und der Religiösen, sondern aus ihren eigenen traumatischen Erfahrungen, die sie nicht anerkennen können. Was wir erleben, ist die kollektive Abwehr der Bedrohung des Tabus. Der Zusammenhalt der Gläubigen ist in diesem Fall auch der Zusammenhalt von Traumatisierten, und die Kraft des Tabus ist enorm. Es wird nicht nur ein Bund geschlossen, sondern zwei: der symbolische mit Gott über den Ritus und der konkrete, psychische mit der Gemeinschaft über die individuelle und die kollektive Verdrängung des Traumas. Die Methode ist weder gesund noch human, aber sie funktioniert, und zwar seit Jahrtausenden.

Ein deutliches Zeichen für das Wirken des Tabus ist auch die Kommunikation der betreffenden Organisationen und ihrer Vertreter. In zahllosen Interviews werden sie nicht müde, den Eingriff und seine gesundheitlichen Folgen herunterzuspielen. Ein Säugling könne noch gar nicht so viel Schmerz wahrnehmen, wird da z.B. von Rabbis geäußert. Ähnliches, in Bezug auf Jungen zwischen 4 und 8, hört man von Vertretern des muslimischen Glaubens: Da wird der große, bedeutende Moment, das Freudenfest herausgestellt, das diese Feier für die ganze Gemeinschaft ja tatsächlich auch ist – aber eben nicht nur. Der Verlust der Vorhaut sei von Vorteil in hygienischer, ästhetischer und sexueller Hinsicht, wird behauptet – durchaus keine religiösen Begründungen, aber sie werden unverzagt vorgebracht – ohne Beweis, weil es keinen gibt. Die Sensibilität leide nicht, wenn dem Penis die fraglos hoch sensible Vorhaut entfernt werde, was ein Widerspruch in sich selbst ist. Lauter Verharmlosungen, nicht stichhaltige rationale Begründungen werden, unnötigerweise, bemüht, denn es ist ja ein religiöses Ritual, es braucht keine rationale Begründung. Doch sie wird in vielerlei Gestalt vorgebracht. Die Frage ist: Warum? Man müsste den Verlust, die Schmerzen, die mit der Beschneidung verbundenen körperlichen und seelischen Qualen, Risiken und Spätfolgen doch eigentlich gar nicht leugnen, ganz im Gegenteil. Wieder möchte ich aus der Petition der drei jungen Berliner zitieren: „Die Beschneidung war und ist ein zentrales Element unserer Religionen und ein Bund zu Gott, welcher schon seit tausenden von Jahren reibungslos geschlossen wurde – Weswegen wird er nun kriminalisiert?“ „Reibungslos“ nennen die Drei eine Praxis, die erwiesenermaßen immer wieder, seit Tausenden von Jahren, zu schweren Komplikationen führt, zu schlimmsten Verstümmelungen und sogar zum Tod von völlig gesunden Kindern. Was ist das, wenn nicht Verleugnung? Warum aber leugnen, wenn doch das Opfer, das überstandene Risiko, der ausgehaltene Schmerz so bedeutsam ist? Entwicklungsgeschichtlich ist religiöse Beschneidung nichts anderes als ein transformiertes Opferritual. Es wäre doch ein noch größeres Opfer, ein noch deutlicheres Zeichen der Verbundenheit mit Gott und der Religionsgemeinschaft, wäre der Eingriff, anders als behauptet wird, eben keine Bagatelle. Man tut es, weil die Verleugnung Folge des Traumas und Bedingung für die Aufrechterhaltung seiner Verdrängung ist. Die hartnäckige Leugnung des Schmerzes, besonders aber der seelischen Verletzung, ungeachtet allen medizinischen Wissens ist gerade der Beweis dafür, dass das Trauma existiert und wirkt. (Stefan Heym, wortgewandter und hochverdienter Schriftsteller, findet in seiner Autobiografie für die zweifellos unvorstellbaren Schmerzen seiner eigenen, vom Lehrer mit dem Daumennagel und ohne Betäubung vorgenommenen Beschneidung als Säugling keine eindrücklicheren Worte als „Knips, ab.“)

Die Leugnung ist meist keine bewusste Entscheidung, könnte und sollte aber Gegenstand einer bewussten Auseinandersetzung sein. Doch dazu müsste der erlittene Schmerz anerkannt werden und mit ihm all die Gefühle, die damit einhergegangen sind: Vertrauensverlust, Wut, Enttäuschung über diejenigen, die einen nicht davor beschützt, sondern die Tat sogar selbst veranlasst oder durchgeführt haben. Das ganze soziale und familiäre Gefüge würde u. U. infrage gestellt, sofern nicht alle Beteiligten sich damit aufrichtig und verständnisvoll auseinandersetzten. Das ist schwerwiegend. Realistisch betrachtet schwer vorstellbar. Die Glaubensgemeinschaften zeigen, bis auf einige oppositionelle Gruppen, die es dort aber durchaus gibt, keine Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Höchstens gezwungenermaßen, z.B. durch eine staatliche Autorität, durch ein gesetzliches Verbot, könnte die Kette der jahrhundertelangen Verdrängung unterbrochen werden. Es würde die Auseinandersetzung der Beteiligten mit dem Trauma – und seine Überwindung – wohl nicht leichter machen, aber wenigstens möglich. Vor allem aber könnte es viele, sehr viele Kinder davor bewahren, im Kreise der Menschen, die ihnen am liebsten sind und am nächsten stehen, verletzt zu werden und von da an einen beachtlichen Teil ihrer Lebensenergie an die Aufrechterhaltung einer tragischen Verdrängung zu verschwenden.

Das von mir hier beschriebene Szenario kann natürlich jeder anzweifeln oder ablehnen. Ich bin kein Psychologe, kein Arzt, kein Analytiker. Wer mir deshalb Unkenntnis unterstellen will, kann das tun, und ich fordere gerne jeden auf, die Argumente, die ich anbringe, die Schlüsse, die ich ziehe, zu widerlegen. Vielleicht erreiche ich aber ein paar Menschen, die sich im Glauben entscheiden können, ihre Söhne nicht einem grausamen und überkommenen Ritual auszusetzen, das niemanden zu einem besseren Menschen, auch nicht zu einem besseren, weil überzeugten Gläubigen macht. Das Beharren auf der Unantastbarkeit des Tabus ist keine wirkliche Perspektive, weil die dadurch gespendete Gemeinschaft zu einem beachtlichen, doch uneingestandenen Teil nicht auf Überzeugung beruht, sondern auf Verleugnung. Das scharfe Messer erzeugt nichts als eine Wunde, Überzeugung aber erwächst aus einem glaubwürdigen Vorbild.

Michael Wäser, im August 2012

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8 Gedanken zu “Der zweite Bund

  1. Susanne Koch 7. August 2012 / 22:02

    Hallo Michael,
    Ohne Deinen Text in irgendeiner anderen Weise werten zu wollen, ich denke auch noch sehr kontrovers übder das Thema, muss ich Dir doch in einem Punkt widersprechen. Es gibt durchaus sehr viele hochkarätige wissenschaftliche Studien über die hygienisch-medizinischen Vorteile einer Zirkumzision.
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11089625
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18800244
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22676057
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22777988
    Durch die deutlich verbesserte Hygiene werden schwerwiegende sexuell übertragbare Infektionen wie HIV, Condylome, Clamydien und andere Erreger deutlich seltener übertragen, auch chronische Entzündungen, die unter einer engen Vorhaut entstehen, treten bei zirkumzidierten Männern fast nie auf. Es gibt sogar Studien dazu, dass Frauen beschnittener Männer seltener Gebärmutterhalskrebs bekommen, da die humanen Papillomviren, die diesen auslösen, seltener übertragen werden.
    Zudem habe ich keine Studie gefunden, die eindeutig belegt, dass zirkumzidierte Männer ein weniger erfülltes Sexleben haben.
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18086100
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18422492
    Soviel zur medizinischen Seite.
    Was die Traumatisierung eines wenigen Tage alten Säuglings durch einen Einfriff in lokaler Betäubung angeht, denke ich fast nicht, dass diese so ausgeprägt ist, allerdings sind die Risiken jedes operativen Eingriffes wie Blutung, Schmerzen und Infektionen nicht zu unterschätzen. Die infektiologisch-hygienischen Vorteile greifen größtenteils sowieso erst im sexuell aktiven Alter, so dass es meines Erachtens auch ausreichen würde, wenn die Jungen sich mit ca. 16 Jahren selbst dazu entscheiden.
    Einen operativen Eingriff mit einer uralten, wer weiß von wem geschriebenen Textsammlung zu begründen, davon wollen wir erst gar nicht anfangen……..
    Liebe Grüße, Susanne

    • Michael Wäser 22. August 2012 / 08:41

      Liebe Susanne,
      Danke für Deinen Beitrag. Wie es so ist mit Studien, werden sie von Gegnern oder Verfechtern der einen oder der anderen Seite angefertigt, angefordert, instrumentalisiert oder abgelehnt – und zu den meisten gibt es widersprechende Studien. So auch hier. Mein Thema hier ist die „unsichtbare“ Verletzung der Seele und ihre auffällige Leugnung. Als gestern der Oberrabbiner aus Jerusalem die Bundespressekonferenz besuchte, spielte auch er die Begleiterscheinungen der Beschneidung herunter und behauptete, dieser Eingriff sei beim achttägigen Säugling „nachweislich am wenigsten schmerzvoll“, was vollkommener Humbug ist. Was er meinte und auch sagte: er lehne die Betäubung und „alles Künstliche“ bei dem Ritual ab. Das bedeutet, dass dem Säugling ohne Betäubung zuerst die Vorhaut von der Eichel, mit der sie noch verwachsen ist, abgerissen und dann abgeschnitten wird. Man (kein Arzt) könne dem Säugling vor der Beschneidung einen Tropfen Wein verabreichen, damit „er sich beruhigt“. In Israel scheint das gängige Praxis zu sein. Wenn DAS jemand in Deutschland ohne religiöse Rechtfertigung mit einem Säugling machen würde, er käme wegen Körperverletzung und schwerster Kindesmisshandlung ins Gefängnis. Auch MIT Betäubung ist der Eingriff schwerwiegend, was von denen, die so viel Wert auf ihn legen, aber auffällig geleugnet wird. Mir war es wichtig, hinter diesen Widerspruch zu schauen. Zur Ergänzung hier noch ein link zu einem aufschlussreichen, wenn auch nicht sehr in die (psychische) Tiefe gehenden Artikel: http://www.berliner-zeitung.de/wissen/beschneidungen-unterschaetztes-trauma-risiko,10808894,16643734.html

    • Michael Wäser 22. August 2012 / 09:04

      Ein Nachtrag: in diesem SZ-Bericht wird der Auftritt des Oberrabbiners in der BPK genauer geschildert. Er ging demnach auch auf das Thema Traumatisierung ein – er leugnete sie nicht nur, sondern zeigte eindrucksvoll, dass er überhaupt nicht weiß was das, was er leugnet, eigentlich ist: http://www.sueddeutsche.de/politik/oberrabbiner-in-berlin-rabbi-metzger-zieht-die-grenzen-der-beschneidung-1.1446407
      Für ihn ist ein seelisches Trauma scheinbar gleichbedeutend mit Unzurechnungsfähigkeit, eben „Gaga“-sein, Lebensunfähigkeit. DAS ist ein Zeichen für sehr weitgehende Verdrängung.

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