Die Schlacht am Prenzlauer Berg – Epos in fünf Gesängen


Erster Gesang
Phaeton, der ewige Läufer, der Erde entstieg in den Nebeln des
Frühlings, zog strahlend und singend wohl über der Ebene weit seine
Bahn. Von den östlichen Auen der Lychener Straße hinauf zu dem
Schimmernden Rund welches Heimat athletischer Kämpfer im Lichte der
Masten voll Sonne, das Sechsganggetriebe, es drängt ohne Fehl.
Hat auch des Kofferraums endlose Weite die Kindergeburtstags-
Ausrüstung verschlungen wie einst Polyphem des Odysseus Gefährten,
Als wöge sie nichts und als wollte die Mutter nicht auch noch den Grill und den
Jammernden Hund und die leuchtenden, fliegenden Scheiben, die hellblauen
Kästen vogesischen Wassers und tropischer Säfte von fremden
Gestaden und vielerlei Wahl Bionade in wiederverwertbaren
Flaschen mit öligen Händen von Schutzfaktor fünfzig aus örtlichem
Handel verstauen, trägt schwer doch der Wagen an Waffen und Mensch.
Zum nördlichen Rand des zerschundenen Feldes hin eilt der Koloss mit den
Jungen, den Mädchen, der Frau, die sich rüstet, dem Hund und dem Federball-
Netz, zu spießen die Stangen tief in die Erde, auf dass nicht der
Wind es vernichte, Äolos‘ mächtige Hand es zerreiße wie
Flüchtige Watte. So stehn an der Pforte zum Platze die Truppen,
Vereinigt mit hundert aus allradgetriebenen Panzern gestiegenen
Kriegern des Prenzlauer Berges, geführt von Männern und Frauen,
Beladen und fordern heraus schon die Gegner bevor sie gesammelt sich
Hinter dem Kessel, des Mauerparks mythischem Rund, das zu nehmen sie
Alle zu kämpfen und sterben bereit sind, Heroen ein jeder!

Zweiter Gesang
Von Westen her nähern sich eilig die orientalischen Scharen
Durch Pfade, die niemand mag wandeln: des Gleimtunnels ewiges Dunkel!
Mit Decken und Dosen und Säcken voll Holzkohle, schnell zu besetzen
Den Platz der Entscheidung, und scharf sollen Blicke der Helden die Gegner
Erschüttern, bevor noch ein einziger Recke gefallen, beweint und begraben,
Gleichviel, ob es einen der Ihren, ob einen der Andern ereilt.
Entschlossen und drohend, mit lodernden Zungen aus Brennspiritus
Zu entflammen die Kohle in Tausenden Kesseln von Eisen und Farbe wie
Blut, formieren sie sich gegen Osten und Norden und ziehen
Gen Süden zum Schlachtfeld, zum Schlachtfeld als Junge, als Alte, als Vater
Und Mutter, als Sohn und als Tochter, als Bruder und Schwester, als Homie,
Als Sister aus Wedding, als stolzes Berliner Geschlecht aus dem Wedding.

Dritter Gesang
Im Felde, auf welches sie drängen nun Seite an Seite, die ewig
Verfeindeten Rotten, erwarten schon gierig, doch kaum ganz erwacht sie nun
Jene, die überall heimisch und nirgends, die gestern noch über
Den Wolken, alsdann wohl am Boden wie Götter entstiegen den glänzenden
Fliegern mit rollenden Koffern und Säcken voll Gold, zu erwerben
Der Amphetamine Verzückung. Besetzt haben sie dieses Schlachtfeld
Des Nachts, wo sie tanzten bacchantische Feiern in nahen Gewölben,
Entzündet gigantische Feuer zu Füßen des heiligen Stadions,
Gingen, um sich zu erleichtern auf Grün und auf Weg, auf Schaukel,
In Sand und in Blüten der grade gesprossenen Zähne von Löwen.
Wer wage es, sie zu vertreiben, soll sterben den grausamsten Tod!
Denn ihr ist dies Land, ist der Berg, ist das Rund des Theaters allwo
Sie nun heben die Köpfe aus Staub und aus hopfiger Lache zu schauen
Nach jenen, die nicht sie als Götter zu ehren gekommen. Die leblosen
Augen, geschwollen und blutig, sie fassen den Feind aus dem Norden,
Die taumelnden Körper erheben Gespenstern gleich sich vom Boden
Mit hängenden Armen und Händen, zu Krallen gekrümmt und zerrissenen
Kleidern, die Hosen herab bis zum Knie und dort erst gebunden
mit Gürteln. Und wer sie je sah, die Armee aus des Tartaros Schlund,
Und nicht in demselben Moment sich gewendet zur angstvollen Flucht,
Ein Held muss er sein, denn das Herz eines Helden nur stemmt sich dagegen,
Was Augen zerspringen und Beine zerbrechen lässt, trunkene Götter
Der Fremde! Auf diese nun treffen die ungleichen Heere von Nord.

Vierter Gesang
Doch während noch ordnen sich jene und diese und spähen die Schwächen
Der Gegner, die Zucht auch der eigenen Kämpfer, heran aus Südost
Naht das Unheil. Ein Heer, so erbarmungslos, stark und bewaffnet mit neuestem
Kriegsgerät, bebend die Masse sich bahnt ihren Weg auf das Feld.
Kundschafter gleiten erst lautlos auf schlankem Gestell und zwei Rädern,
Die Sonne im Rücken, ihr Fixie so flink wie der Schwertfisch auf blutiger
Jagd. Die Augen so groß wie die Augen des Schwertfischs auf blutiger
Jagd. Die Reifen so scharf wie das Schwert des Schwertfischs auf blutiger
Jagd. Sie weisen dem Heere, das folgt, nun den Weg des Triumphes.
Da kommen sie, Reihen um Reihen geschlossen, heran wie die Brandung
Des wütenden Meeres! Ein Fußvolk mit magischen Brillen, die sengenden
Strahlen der Sonne zu schleudern auf jeglichen Feind. Es folgen
Die leichten Kohorten mit rumpelnden Wägen voll Säuglingen, Kleinkindern.
Dachshunde schnappend nach Luft, entkommen dem sicheren Tode,
Den kniehoch gehäuften Beruhigungssaugern am Kolle, die watend
Durchschreiten die Väter und Mütter, bewaffnet mit kochendem Latte,
Zu brühen, wer immer sich stellt zwischen sie und den Dackel. Sie stoßen
Voran nun und wehe, es folgen noch schlimmere Truppen, gerüstet
Mit doppelläufigen Streitwägen, Zwilling um Zwilling darin,
Hochbegabt, dreihundert Säuglinge, Halbgötter noch ohne Zähne.
Die Phalanx verbreitet nur Schrecken und Angst, wo immer sie bahnt
Sich den Weg, zerschmetternd die Knie, zermalmend die Füße der Feinde!
Fliehet, Verlorne! Umsonst vergießt ihr das kostbare Blut gegen
Diese Titanen, die Schonung nicht kennen, nur glorreichen Sieg!

Fünfter Gesang
So nun erfüllt sich der Spruch von Konnopkes Orakel, der blüten-
Gewandeten Priesterinnen in glühender, dampfender Kammer.
Es suchen die Orientalen geschwind zu besetzen das Feld an der
Westlichen Flanke, erbittend den Segen des Regenbogens,
Der leuchtend sich spannt über sandiges Bett, getränkt mit dem Blut
Von Pygmä’n, die gestürzt beim verbotnen Erklettern der heiligen Stätte.
Doch werfen sich frech und entschlossen dazwischen die taumelnden Geister
Der Fremde, sie löschen die Feuer der Kessel mit Gleitcreme und Bier.
Wie Eber im Rausch, überrumpeln die Menge, die nicht sich formiert,
Schon blickt in den Abgrund noch eh‘ sie als Helden zu kämpfen begonnen!
Diabolos schleudernd erreichen die Massen von Norden das Schlachtfeld
Und dringen hinein in die Tiefe des Amphitheaters, sie nutzen
Die Schneise, welche sich öffnet, in Kämpfen sich reiben die Geister
An anderem Gegner. Dort rotten sie sich in der Kuhle, befeuern
Einander mit wilden Gesängen, erschüttern die Gegner als brüllender
Lindwurm, bewaffnet mit Federballstangen. Schon fühlen als Sieger
Sie sich in der Schlacht, doch von Süden her wälzen die Wägen heran!
Als erste der Wellen mit Fixie und Dackel auf Kopfsteinen brechen
Die Kleinkinder vor ihren Eltern hinein in den Kessel, den Kessel
Vom Mauerpark, ihn zu erobern. Die Menge des Nordens, sie richtet
Die Spieße entgegen, doch wehe, hoch über den Köpfen und unsichtbar
Allen den Streitern, im Schutze der Sonne dort auf dem Kamm
Der Zwillinge Hundertschaft, listig gesondert den Hügel hinauf,
Sie wirft sich mit tödlichem Kreischen aus zwiefachen Kehlen dem Mob
In den Rücken, sie rollen und rasen hinunter den Hang, zermalmen
Die Elenden, die dort gefangen im Kessel, im Kessel vom Mauerpark.
Das Schlachten und Schlagen und Treten und Toben erfüllt nun das Feld,
Ein Orkan kann nicht grausamer wüten. Die Kämpfer, sie rennen, sie schreien,
Sie stoßen, sie siegen, sie sinken. Am westlichen Rand Marketender
In Zelten, die Kämpfer, sie stillen den Durst dort nach Wasser und Waffen,
Sie streichen die Blutsteuer ein dieses grausamen Tages, des ersten
Mit Sonne am Sonntag im Juni im Mauerpark, Prenzlauer Berg.
Das Schlachtfeld am Abend, die Dämmerung rot, das Auge, wohin
Es sich wendet, erkennt nur noch Elend, Verwüstung, Verwundung und Schmerz.
Übersät ist das Feld mit geschlagenen Kämpfern, sie stöhnen, sie rufen
Ins Leere. Die Waffen zerhauen, die Wägen besudelt, die Dackel,
Sie kauen auf Knochen. Millionen von Scherben, und glühende Kohle
Noch raucht überall aus zerstoßenen Wannen. Es wehen herum zwischen
Leblosen Körpern wie Seelen die Tüten und Tücher. Die Jungen,
Die Mädchen, die Frau sind ermattet, der Hund in dem Federballnetz
Nun gefangen, gefesselt, gebunden auf ewig. Der grausame Sommer,
Er ist wieder da! Der Sommer im Mauerpark, Prenzlauer Berg.

©Michael Wäser, 2013

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