Riesen


Wir streiften ohne Ziel umher. Es war ein Nachmittag, vielleicht ein Samstag oder Sonntag, vielleicht auch ein Ferientag. Die Wiesen am Hügel über unserer Siedlung glänzten satt vom Aprilregen, noch immer schwebten hingesprühte Tröpfchen durch die Luft. Bei jedem Schritt sanken unsere Gummistiefel unter unseren sechsjährigen, koboldleichten Körpern tief ins nasse Gras. In der Nähe unserer Grundschule fing uns ein feines Geräusch ein wie mit einem unsichtbaren Cowboylasso und wir ließen uns fesseln. Wir blieben stehen, folgten dem Geräusch, schauten zu Boden. Um unsere Stiefel floss die Wiese. Aus der Flanke des Hügels drückte das Wasser wie aus einem vollgesogenen Schwamm. Zahllose Rinnsale gluckerten durch das Gras den sanften Hang hinunter zu einem Ablaufgraben, in dem wir in den Schulpausen manchmal spielten, denn er grenzte direkt an den Schulhof der St.Martin-Grundschule. An einigen Stellen des Abhangs lag die Erde frei und das Wasser hatte sich bereits Rinnen in den weichen Boden gespült. Ein großer, offener Flecken, nicht so abschüssig wie die Wiese seitlich von ihm, hatte eine Menge dieses Wassers gesammelt, das Erdreich dort war mit dem Regen eine verheißungsvolle Verbindung eingegangen. Keine einzige Fußspur sahen wir darin, weit und breit kein Mensch außer uns, die Schule verlassen. Der schlammige Pfuhl lag unberührt zu unseren Füßen. Wir sahen gleich, dass da noch mehr Wasser hin konnte. Wir mussten es nur geschickt vom Hang ins Schlammloch hinein leiten. Wir mussten Kanäle bauen und Dämme, viele Dämme und viele Kanäle. Also gingen wir, mein bester Freund und ich, an die Arbeit.

Wir wohnten in unserer Siedlung nur zwei Häuser voneinander entfernt. Als ich ihm zum ersten Mal begegnet war, standen wir uns wie Revolverhelden gegenüber, mitten auf der Straße, auf der fast nie ein Auto fuhr. Wir waren drei Jahre alt und blickten uns minutenlang nur abschätzend in die Augen. Von da an gehörten wir zusammen, er war mein bester Freund, ich seiner. In der Siedlung gab es kein Haus, das älter war als wir. Eine Hälfte der Nachbarn dort sprach wie die Leute aus dem Dorf, die andere Hälfte, und dazu gehörten auch unsere Familien, ganz anders. Das war so, sagten unsere Eltern, weil es den Krieg gegeben hatte, weil es das Land, das den Krieg gemacht hatte, nicht mehr gab, weil es jetzt andere Länder gab und sie dort nicht mehr wohnen wollten oder durften. „Wie?“, hatten wir gefragt, „Das Land gibt es nicht mehr? Ist da jetzt ein Loch in der Erde?“ Sie lachten. Manchmal lachten sie nicht, manchmal schlugen sie, wenn wir eine dumme Frage stellten oder etwas falsch machten oder kaputt. Sicher sein konnten wir uns da nie. In unserer Siedlung wurden die meisten Kinder geschlagen, oder schlimmer. Auch die Lehrer schlugen, jedenfalls uns Jungs. Mit der bloßen Hand, mit dem Zeigestab aus Bambus oder, wie der Pfarrer im Katechismusunterricht, mit einem daumendicken Stock. Ich träumte oft, ich würde rennen, während der Boden unter mir wegbricht, vielleicht kam daher die Idee mit dem Loch in der Erde.

Allmählich begriffen wir die Gesetze des Dammbaus, die Anforderungen an Tiefe und Stabilität von Kanälen. Mit bloßen Händen hoben wir Gruben aus, die zu Stauseen wurden, die sich über Wasserfälle in Kanäle entleerten, welche in weitere Staubecken und Kanäle mündeten, die irgendwann in den sich immer weiter ausdehnenden Matschsee flossen. Wir lenkten Flüsse um, wenn uns ihr Lauf nicht gefiel, verstärkten Kanalwände, wenn sie dem anschwellenden Strom nicht mehr standhielten, verfolgten gespannt, wie ein gerade gebauter Damm brach und schrien vor Aufregung, als sich eine verheerende Flutwelle über das darunter liegende Land ergoss und Teile unserer Schöpfung mit sich riss. Wir bauten wieder auf. Ein weites Netz von Kanälen zog sich bald über den ganzen Hang. In allen Richtungen um uns herum sahen wir Spuren unseres Tuns. Jeden Schritt in unserem Bauwerk mussten wir mit Vorsicht setzen, um nichts zu beschädigen. Der Anblick elektrisierte uns, wir konnten nicht fassen, dass wir all das gebaut hatten. Die Dämme hielten, die Kanäle rauschten vielstimmig, und mit dem Matschfeld wuchsen unaufhörlich wir. Stolz erfüllte uns, wie wir ihn noch nie zuvor verspürt hatten. Wir waren Riesen. Staunend wendete ich mich hierhin und dorthin, und berauscht kam ich ins Wanken, rutschte und zermalmte eine Staumauer. Noch bevor ich erfasste, was passiert war, traf ein schwerer Klumpen Erde meinen Kopf. Einer der festeren Klumpen, die wir vom Rand des Hanges rissen, um starke Dämme zu bauen, ein Klumpen, in dem Kieselsteine waren. Ich schrie vor Schmerz, vor Schreck. Mein bester Freund hatte mir Schmerzen zugefügt, harte, stechende Schmerzen. Mein Kopf dröhnte, womöglich blutete ich sogar. Weinend vor Empörung und Enttäuschung griff ich nach dem Rest des Klumpens, warf ihn nach meinem Freund und stürzte mich auf ihn. Wir rutschten und rollten den Hang hinunter ins Matschloch. Wir kämpften.

Bald standen wir uns gegenüber, standen uns wieder gegenüber wie am ersten Tag, doch nun kannten wir einander, oder hatten bis eben geglaubt, einander zu kennen. Und jetzt waren wir Gegner, bereit, jede Unaufmerksamkeit des Anderen zu nutzen. Doch als mein Freund einen Schritt machen wollte, da ging es nicht. Seine Gummistiefel waren im Matsch festgesaugt. Er versuchte, sich zu befreien, verlor das Gleichgewicht und fiel vornüber in den Schlamm. Einen Moment herrschte absolute Stille, dann hob er den Kopf, sein ganzes Gesicht voller Matsch. Der Anblick zerstäubte meinen Zorn, lachend kam ich ins Straucheln, meine Füße wie festgenagelt, und kippte nach hinten in den Schlamm. Nun musste auch er lachen, wir lachten beide. Wir rappelten uns hoch und ließen uns absichtlich wieder in den Matsch fallen. Wir lachten, dass uns unsere Bäuche wehtaten, wir gerieten mit unseren Füßen aus den Stiefeln, traten mit unseren Kniestrümpfen in den Matsch, wir lachten über das laut schmatzende Geräusch, das unsere Stiefel machten, wenn wir sie mit aller Kraft aus dem Schlamm zerrten und liefen wie Strafgefangene mit schweren Eisenkugeln in dem Schlammloch im Kreis herum, jeder Schritt eine titanische Anstrengung. Wir lachten.

Wir ließen uns erschöpft in die Wiese fallen und rangen, immer wieder lachend, nach Luft. Der schwere, feste Schlamm klebte dick an unseren Gummistiefeln. Wir erhoben uns wieder und stampften mit mächtigen Schritten über die Wiese. Einer fing an zu singen, „Schuhe so schwer wie Stein“, der Schlager wurde laufend in der Hitparade gespielt und in den Radios in den Küchen und Wohnzimmern unserer Siedlung. Jeder kannte das Lied auswendig. Wir waren völlig entkräftet und setzten uns auf einen durchhängenden Maschendrahtzaun am Rand der Wiese. Der Zaun trug uns, aber er schwang vor und zurück wie eine Schaukel. Also schaukelten wir. Hätte uns jemand aus der Ferne zugesehen, wir wären ihm auf dem dünnen Drahtgeflecht erschienen, als schwebten wir mit zentnerschweren Klumpen an den Füßen über dem Boden. Wir schaukelten und sangen lauthals „Schuhe so schwer wie Stein“. Wir waren die glücklichsten Kinder dieser Erde.

Irgendwann bemerkten wir, es war schon fast dunkel. Wir sprangen vom Zaun und begannen, den Matsch von unseren Stiefeln zu streifen, damit wir schnell nach Hause laufen konnten. Man erwartete uns sicher schon zum Abendessen. Plötzlich erstarrte mein Freund und packte mich in panischer Angst am Arm. „Unsere Kleider!“ jammerte er und weinte gleich los. Jetzt begriff ich es auch. Wir waren von oben bis unten mit Schlamm beschmiert, wir sahen aus wie die Schweine vom Bauernhof auf der anderen Seite des Hügels, sogar unsere Haare waren voller Matsch. „Ich kann nicht nach Hause. Ich krieg so Senge, wenn mein Papa das sieht!“, heulte er, und ich wusste, er hatte recht. Das hier waren keine normalen dreckigen Kleider, das hier, das waren Ohrfeigen, wütende Schläge mit dem Gürtel, das war Gebrüll, Angst und Schmerzen und Hausarrest und wieder Schläge mit dem Gürtel. Der Boden unter unseren Füßen, er brach weg, und so schnell wir auch rennen mochten, wir konnten auf keine sichere Insel fliehen. Noch nie hatte ich meinen besten Freund so verzweifelt gesehen. Auch mir selbst war tiefer Schrecken in die Glieder gefahren, aber mein Schicksal schien nicht so unausweichlich wie das meines Freundes. Die Tür unseres Hauses wurde nur über Nacht abgeschlossen und wenn ich Glück hatte, konnte ich hinein gelangen, ohne bemerkt zu werden. „Komm mit zu uns“, sagte ich. „Wir schleichen uns rein, machen uns sauber und ziehen uns frische Sachen von mir an.“ Vor unserer Haustür schlug mein Herz wild vor Angst. Ich drehte vorsichtig den Knauf. Mein Freund zitterte, weinte noch immer. Da wurde die Tür von innen aufgezogen. Mein Vater stand vor uns, riesig, kauend, staunend. Offenbar hatte er sich gerade in diesem Moment vom Abendbrottisch erhoben. Mein Freund und ich standen vor der Tür, rückten immer dichter zusammen und erwarteten, was immer möglich war, denn wir wussten, was möglich war. „Bleibt wo ihr seid!“, sprach mein Vater und verschwand im Haus. Nun zitterte auch ich. Da kam mein Vater zurück, meine Mutter folgte ihm, alarmiert. Er hielt etwas in der Hand, hob sie an, ein Blitz, er hatte mit seiner Pocketkamera ein Foto von uns geschossen. „Meine Güte, was habt ihr denn gemacht?“, lachte meine Mutter. Wir waren Giganten gewesen, waren zu Feinden geworden und wieder zu Freunden, unzertrennlicher als je, aber das brachten wir nicht über die Lippen. „Ich trau mich nicht nach Hause“, heulte mein Freund. „Du schläfst heute Nacht hier, ich sage deiner Mama bescheid“, beruhigte meine Mutter ihn und versprach, unsere Kleider gleich zu waschen und seiner Mutter nichts zu verraten. Dieser Tag, dieser unfassbare Tag würde nicht mit Angst und Schmerzen enden. Bevor wir also zu Abend aßen und ins Bett gingen, wuschen wir uns zu zweit in der Badewanne den Schlamm und die Angst ab und dabei sangen wir von den Schuhen, die so schwer waren wie Stein. Wir sangen.

©Michael Wäser, 2012

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2 Gedanken zu “Riesen

  1. wholelottarosie 26. Mai 2016 / 11:32

    Wunderbar….
    voller Stmosphäre, Stimmung und das Herz berührend.
    Mein Kopfkino ist immer noch an…..
    LG von Rosie

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