Glanz


Beinahe Stille. Mehr und mehr Sonnenlicht bricht sich Bahn durch die letzten aufgewirbelten Sandwolken und umher schwebenden Objekte, die bald auch zu Boden gesunken oder von der Strömung sanft fortgetragen worden sein werden. Große, silbrig glitzernde Augen spiegeln sich in mir, deren mit ihnen verbundenes Gehirn nicht im Entferntesten zu erfassen in der Lage sein dürfte, was gerade geschehen ist und warum es geschehen ist, nicht einmal, warum das Bild, das diese Augen sehen, auf dem Kopf steht, das Bild der ganzen Welt.

Ich wurde geschaffen vor drei Jahren im französischen Limoges, als eines von 362 Teilen des exklusivsten Speisegeschirrs dieses Jahrzehnts. Ich bin einer von 48 Speisetellern mit 270 mm Durchmesser, welches mich und die anderen Speiseteller von den 48 Platztellern mit 285 und den 48 Suppentellern mit 250 mm Durchmesser unterscheidet, wobei ich die kleinen Speiseteller, die Salatteller, die Dessertteller und -schalen, die ebenfalls in einer jeweiligen Anzahl von 48 Stück und der ihnen jeweils angemessenen Größe vorhanden sind, und die dazugehörigen, umfangreichen Serviergeschirre nicht ausdrücklich erwähnen möchte. Der Name, den die Manufaktur in Limoges diesem Service gab, das nur einmalig und nur für einen einzigen Kunden angefertigt wurde, war „Helios“. Dieser Name verband auf bestechend klare Weise, ebenso wie das so bezeichnete Service, die Vorstellung von Erhabenheit und Macht mit dem Anspruch wahrhaftiger Exklusivität. Diese wurde auch dadurch sichergestellt, dass der Preis für einen einzigen Speiseteller, also mich, bei etwa 6000 Euro anzusetzen war. Diese Preisgestaltung kam dem Wunsch des Kunden durchaus entgegen, der sich um die Kosten nur insofern Gedanken machte, als sie für alle anderen Menschen, abgesehen von sehr, sehr wenigen Ausnahmen, vollkommen unerreichbar sein sollten. Sie erklärte sich aber auch durch die neuartige und kaum weniger exklusive Art der Herstellung des Geschirrs. Es bestand im Kern aus feinstem Limoger Porzellan. Eine flämische Designerin hatte das komplette Service in konsequenter und radikaler Reduktion der Form entworfen – es gab bei keinem Teller, keiner Schale, keiner Platte einen althergebrachten „Tellerrand“. Stattdessen wiesen alle Stücke, soweit das irgendwie realisierbar war, eine perfekte Kreisform auf und von Rand zu Rand durchliefen die jeweiligen Durchmesser ein vollkommen geformtes Kugelsegment. Um zu dem gewünschten Ebenmaß zu gelangen, wurden in der Porzellanfertigung bis dahin noch nie eingesetzte Techniken aus dem Maschinenbau und der Feinoptik angewendet. Jedes Stück, das den ersten Brand, den anschließenden Schliff und die folgende, erste Qualitätskontrolle überstanden hatte, wies daher an seiner Oberseite eine perfekte konkave Kugelsegmentform auf, deren Abweichung an keiner Stelle mehr als ein Hundertstel Millimeter betrug. Anschließend wurden diese konkaven Oberseiten in einem für die Herstellung astronomischer Spiegel entwickelten Verfahren mit Rhodium bedampft, einem der seltensten und teuersten Edelmetalle dieses Planeten. Rhodium besitzt außergewöhnlich starke Reflexionseigenschaften, weshalb es für die Beschichtung von Präzisionsspiegeln verwendet wird. In der Tat konnte man daher jedes der kreisförmigen Teile, also jeden Teller, als hochpräzisen Parabolspiegel bezeichnen. In meinem Fall und dem der anderen Speiseteller derselben Größe lag der optische Brennpunkt des Spiegels exakt bei 1434 mm – bei jedem einzelnen Teller auf den Bruchteil eines Millimeters genau. Da gelöste Rhodiumisotope toxisch wirken, konnte die nur wenige Mikrometer starke Metallschicht trotz ihrer fast an Porzellan heranreichenden Härte allerdings nicht auf die Glasur des Geschirrs aufgetragen werden. Die Designerin entschied sich daher, die Stücke erst nach der Rhodiumbeschichtung glasieren zu lassen. Dies hatte zwar Auswirkungen auf die Reflexionswerte der Oberfläche, doch wurde auch bei diesem Fertigungsschritt mit solch großer Präzision gearbeitet, dass der Unterschied zwischen einem glasierten und einem unglasierten Teller mit bloßem Auge nicht zu erkennen und auch nur in untergeordneten Bereichen messbar war, die tatsächlich für den Bau von Teleskopen oder optischen Messinstrumenten von Bedeutung gewesen wären. Dem Kunden allerdings bereitete das Wissen darum, dass sich unter der Glasur ein potentiell lebensbedrohliches Material befand, nur um so größere Freude, gedachte er doch, seine Gäste bei Tisch mit beiläufig eingestreuten Bemerkungen über diesen Umstand zu wohligem Schauer zu provozieren. Gleich anschließend an diese Bemerkungen plante er, seine Gäste zu beruhigen, indem er sie seiner Anweisung an das Personal versicherte, sämtliches Geschirr vor der Verwendung auf mögliche Beschädigungen der Glasur zu überprüfen. In Kombination mit dem Genuss einer durch einen aus Japan eingeflogenen Meister zubereiteten Fugu-Spezialität versprach die Verwendung von „Helios“ sogar einen mehrfachen Nervenkitzel für die künftigen Gäste.

Das vollendete Tafelservice, und damit auch ich selbst, wurde in Begleitung des Innenausstatters des Kunden, der es sich nicht nehmen ließ, dieses eindrucksvolle Beispiel europäischen Kunsthandwerks in der Manufaktur persönlich in Empfang zu nehmen, von Limoges aus mit einem Privatjet nach Dubai geflogen, wo es umgehend an seinen Bestimmungsort verbracht wurde – die einhundertsiebenundachtzig Meter lange, drei Monate zuvor fertiggestellte Yacht des Kunden, die im Hafen der Metropole am Persischen Golf mit den letzten Ausrüstungs- und Einrichtungsgegenständen ausgestattet wurde, welche dem einzigartigen Porzellan aus Frankreich zwar an Exklusivität nicht nachstanden, es aber auch kaum zu übertreffen vermochten.

Selbst gegenüber den mit außergewöhnlichen Kreationen durchaus vertrauten, ausgewählten und zum engsten Freundeskreis des Kunden gehörenden Gästen der Jungfernfahrt verfehlte das exquisite Geschirr seine Wirkung nicht. Der Kunde und nunmehr Besitzer der größten, modernsten und selbstverständlich luxuriösesten privaten Yacht der Welt hatte sein Personal angewiesen, den Gästen Gelegenheit zu geben, die erstaunlichen Eigenschaften des Porzellans kennenzulernen, und ihnen nicht sofort aufzutragen, nachdem sie an der Festtafel Platz genommen hatten, sondern vier Minuten länger als üblich zu warten. In meinem Fall führte dies dazu, dass die junge und außergewöhnlich schöne Gattin eines weltweit agierenden, brasilianischen Unternehmers, welcher den Platz neben ihr einnahm, sich, nachdem sie das außergewöhnlich intensive Glitzern der Kerzenflammen in dem auf dem Tisch und dem an ihrem Platz arrangierten Geschirr, welches durch die leicht dunkel-silbrigen Oberflächen und die konkaven Formen eingefangen, verstärkt und vervielfältigt wurde, bemerkt und mit einem unwillkürlich ausgestoßenen Ausruf des Erstaunens gewürdigt hatte, über mich beugte und nun ebenso bemerkte, dass sich ihr anbetungswürdiges Gesicht in mir spiegelte, dies jedoch nicht wie in einem gewöhnlichen Spiegel, sondern, den Gesetzen der Optik folgend, auf dem Kopf stehend und, je nach Entfernung und Position ihres Gesichtes über mir, in einer gewissen, verzerrten Darstellung. Hier nun zahlte sich die von manchen vielleicht als übertrieben angesehene absolute Präzision der Stücke aus. Denn, genau wie es die Designerin beabsichtigt hatte, entfaltete erst dieser hohe Grad an Perfektion jene verblüffende Wirkung, die an Magie grenzt und die dem, dem sie widerfährt, pure Fassungslosigkeit, ja reines Entzücken abnötigt. Da auch die anderen Gäste nicht umhin konnten, diesen Effekt ebenfalls zu bemerken, breitete sich an der Tafel eine von Bewunderung und Erheiterung getragene Stimmung aus, welche den ganzen Abend anhielt und den Besitzer in der Richtigkeit seiner Wahl des Geschirrs bestätigte. Von diesem Tage an hatte ich die Ehre, immer wieder die auserlesensten, nobelsten, wohlhabendsten und einflussreichsten Mitglieder der Gesellschaft mit meinen unvergleichlichen Eigenschaften erbauen zu dürfen. Dass mein Besitzer diese, im Grunde nur nebensächlichen Annehmlichkeiten stets mit den Kreationen der unvergleichlichsten, gefragtesten und kreativsten Köche aus aller Welt schmückte, versteht sich dabei von selbst.

Meine vorläufig letzte Verwendung erlebte ich zirka dreißig Seemeilen nordöstlich der Seychellen im indischen Ozean. Die Tafel wurde diesmal schon am Morgen an Deck errichtet, während die Gäste und Passagiere noch schliefen, denn diese Festtafel hatte einen besonderen Anlass – den achtzehnten Geburtstag und damit die Volljährigkeit des Sohnes und Erben des Besitzers. Um diesem eine angemessene Geburtstagsüberraschung zu bereiten, waren die Familie des Besitzers und alle Geburtstagsgäste, zu welchen Verwandte, Freunde und die persönlichen Sportpartner des Sohnes gehörten, am Vortage in Victoria, wohin sie aus der ganzen Welt mit Privatflugzeugen angereist waren, an Bord gegangen und in See gestochen. Die besondere Überraschung wusste der Besitzer indes geheim zu halten. Diese erschien erst am späteren Abend nach der Abreise per Helikopter, welcher gegen 22.45 Uhr auf der Landeplattform der Yacht aufsetzte, und bestand zum ersten Teil aus einer weltberühmten, US-amerikanischen Pop-Sängerin und ihren Begleitmusikern, die anschließend bis in die frühen Morgenstunden für das Geburtstagskind und seine Gäste spielten und dann in ihren vorbereiteten Kabinen übernachteten, zum zweiten Teil aus dem Helikopter selbst, was jedoch erst am zweiten Tag, dem eigentlichen Geburtstag, enthüllt werden sollte. Zu diesem Zweck nun wurde die Tafel rund um den Hubschrauber auf der Landeplattform aufgebaut. Dies konnte risikolos geschehen, da die Wettervorhersage wolkenlosen Himmel und kaum wahrnehmbaren Wind in Aussicht gestellt hatte. Nachdem alle Tische mit mir und den anderen Rhodium-Porzellan-Kreationen eingedeckt worden waren, kümmerte sich das Personal unter Deck um die Bewirtung der nach und nach aus ihren Kabinen erscheinenden Gäste mit einem leichten Frühstück oder brachte ihnen Kaffee, Tee, Backwaren oder was immer sie zum Frühstück wünschten, ans Bett. Die Neugier des Geburtstagskindes, dem der Besitzer für den Vormittag eine weitere Überraschung angekündigt hatte, stieg ebenso wie sein Wunsch, die Neugier zu befriedigen, von Minute zu Minute, konnte sich jedoch bedauerlicherweise nicht mehr erfüllen, womit ich mich, auch wenn es unbescheiden erscheinen mag, selbst wieder ins Blickfeld bringen muss. Denn trotz, oder gerade wegen der nicht besser zu nennenden Wetterbedingungen, die an jenem Vormittag rund um die Yacht herrschten, kam es nun zu einer gewissen Verkettung von unglücklichen Zufällen, welcher im Ergebnis jedoch eine gewisse tragische Größe nicht abzusprechen ist.

Ich war auf einem Tisch zusammen mit fünf weiteren Platzgedecken rechtsseitig neben dem Heck des Hubschraubers platziert worden. Der Zufall, genauer gesagt, die Position der Erde zu ihrem Zentralgestirn, wollte es nun, dass sich die Strahlen der äquatorialen Vormittagssonne, die auf mich trafen, im Brennpunkt meines Präzisionsspiegels schräg über mir an einer Klappe der Maschine bündelten, hinter der sich unvorteilhafterweise an einer Hydraulikleitung ein kleines und unter normalen Umständen unbedeutendes Leck gebildet hatte, aus dem über Nacht Hydrauliköl ausgetreten war und sich dort angesammelt hatte, ohne auf den Boden zu tropfen und so Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die aus der extremen Bündelung der Sonnenstrahlen resultierende Erwärmung reichte mühelos aus, um das Aluminium der Klappe zu schmelzen und das dahinter befindliche Öl zu entzünden. Es dauerte nur wenige Minuten, bis sich das Feuer innerhalb des Helikopters bis zu den Treibstofftanks ausgebreitet hatte, die, um dem Geburtstagskind eine ausgiebige Spritztour zu ermöglichen, noch fast bis zum Maximum mit Kerosin gefüllt waren. Die unvermeidliche Explosion zerriss die umliegende Plattform und setzte die angrenzenden Decks in Brand. Da sich die Landeplattform am Heck des Schiffes oberhalb der Maschine und der Treibstofftanks befunden hatte, griff das Feuer rasch auch auf diese über. Nach mehreren Explosionen wie der Explosion der Gastanks in der Küche, der Sauerstofftanks des schiffseigenen Notoperationssaals, der Munitionskisten der Personenschützer, die das Schiff außerdem mit modernsten Boden-Boden und Boden-Luft-Raketen zu schützen in der Lage gewesen wären, die nun jedoch im Schiff explodierten, und um sich greifenden Feuerwellen stand das gesamte Schiff in Flammen und wies massive Beschädigungen des Rumpfes auf, bevor jemand auch nur ansatzweise Lösch- oder Rettungsmaßnahmen ergreifen konnte. Nicht einmal ein Notruf konnte abgesetzt werden, die Yacht sank mit den allermeisten, bereits verstorbenen, Passagieren, die restlichen, die über Bord geschleudert worden oder selbst von Bord gesprungen waren, kamen bedauerlicherweise in den Flammen ums Leben, die sich rund um das untergehende Schiff auf der Wasseroberfläche ausgebreitet hatten. Der gerade volljährig gewordene Sohn des Besitzers würde seine Geburtstagsgeschenke niemals bekommen, weder seinen Helikopter fliegen, noch eine der beiden Zehn-Zimmer-Lofts in den USA bewohnen, noch die in den dazugehörigen Garagen auf ihn wartenden deutschen und italienischen Sportwagen fahren. Ich selbst blieb wie durch ein Wunder, jedoch gewiss auch wegen meiner außergewöhnlichen Beschaffenheit, gänzlich unbeschädigt.

Neunzig Meter unter der sanft wiegenden Wasseroberfläche liege ich in weißem Sand. Wie antike Keramik, die Jahrtausende überdauert am Grunde des Meeres und dann, geborgen, den Nachgeborenen kündet von einstiger Größe und Macht, erwarte ich geduldig und in Dankbarkeit, auch diese Aufgabe zu erfüllen. Große, silbrig glitzernde Augen spiegeln sich in mir. Das Bild, das diese Augen sehen, steht auf dem Kopf. Dann entfernen sie sich rasch mit demütigem Schimmer und in mir bleibt nichts als vollkommener Glanz.

©Michael Wäser, 2013

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