Zum Nordpol, FAZ-Pioniere!

Die Welt ist so schrecklich abstrakt, es wird einem angst und bange, immer weiter greifen das Unkonkrete und das Virtuelle um sich, unaufhaltsam. Das macht natürlich auch vor der Sprache nicht halt. OK, die ist natürlich auch etwas Abstraktes, aber wir haben uns an den Umgang damit nun einmal schon ein paar zigtausend Jahre gewöhnt und sie kann alles mögliche bezeichnen, Abstraktes und Konkretes. Aber heutzutage … da ist man schon dankbar, wenn jemand sich gegen die Kräfte der Zeit stemmt und uns ein Stück des Bodens zurückerobert, den man anfassen kann, mit der Hand in die Erde greift, die einen trägt. Das tut gut, das gibt ein sicheres Gefühl. In diesem Fall ist es zwar kalte Erde oder gar Eis, aber was soll’s. Jedenfalls hat sich die FAZ an die final frontier gewagt und uns ein konkretes Wortbild geschenkt, das es so noch nicht gab, sie hat also, wenn man’s genau nimmt, metaphorische Landgewinnung betrieben, wo vorher keines war, und vielleicht, vielleicht lässt sich diese künstliche Landzunge ja sogar dauerhaft besiedeln? Welche mutige Pioniertat hat sie nun vollbracht, die FAZ.net? Sie hat eine Überschrift formuliert, ein paar Worte nur, wie bei den meisten Überschriften, kurz, prägnant – und eben mit einer Erfindung versehen, die uns zu Dank verpflichtet, denn wer weiß, womit dieses Neuland künftig noch bevölkert werden kann, welche Bodenschätze wir dort finden werden:

Kanada stellt Ansprüche auf den Nordpol“ 

  

Das ist, wie soll man sagen, ein Geschenk von derartiger Großzügigkeit, dass wir sie noch gar nicht abschätzen können, vielleicht gar ist es der Wegweiser zu einem ganz neuen, unbekannten Kontinent. Abstraktes wie „Ansprüche“ werden zu etwas, das man wo hinstellen kann. Und nicht irgendwohin, sondern auf den Nordpol! Wir sehen unwillkürlich eine Expedition vor uns, einen endlosen Zug von Hundeschlitten, furchtlose Abenteurer, die sich durch beißende Stürme unter polarem Dämmerlicht zum Ziel durchschlagen. Sie kommen vom kanadischen Festland, die Huskies geben alles, um die Schlitten nach Norden zu zerren, nach Norden, Richtung Pol. Und diese Schlitten, sie sind beladen mit Proviant, mit Zelten, mit Werkzeug, Maschinen und mit: Ansprüchen. Drei, vier, vielleicht zehn Schlitten haben die Kanadier vollgepackt mit Ansprüchen, denn sie sollen nicht nur auf den Nordpol draufgestellt werden, sie sollen dort auch stehen bleiben, den arktischen Stürmen und den politischen Anfeindungen standhalten! Zweifellos sind es hohe Ansprüche, was ihren Transport zusätzlich erschwert. Hohe Ansprüche müssen liegend transportiert werden, mitunter mit zwei oder drei Schlitten pro Stück, die wie ein Sattelzug daruntergespannt werden. Eine Herausforderung für Hunde und Hundeführer! Aber damit allein geben sich die Nordamerikaner nicht zufrieden, sie haben auch breite, schwere, weit reichende Ansprüche – ja, diese sind ohne Zweifel die größte Herausforderung, selbst unter den Bedingungen der immer wärmer werdenden Arktis. Dafür braucht man ein ganzes Schlitten-Feld oder Kettenfahrzeuge, die zu siebt vor den Anspruch gespannt, der auf Kufen montiert wurde, unter ständiger Gefahr des Einbruchs oder des Verlustes einzelner Fahrzeuge mit stählernen Klauen ins Eis gekrallt sich nach Norden kämpfen. Und schön sind sie. Nie wieder werden wir einfach so dahersagen können: „Du hast aber ganz schöne Ansprüche!“, ohne an jene majestätischen (Kanada gehört zum Commonwealth) Exemplare erinnert zu werden, die sich genau über dem Nordpol aus dem ewigen Eis erheben, glitzernd in der Sonne, vieltausendfach schillernd in Eiskristallen, die sich an den Ansprüchen festsetzen und ihnen einen Anschein von Ewigkeit verleihen, was sie ja auch sollen, denn diese Ansprüche sind für die Ewigkeit gemacht, geschmiedet in den Höhlen von Alberta, aufgerichtet, um sie alle zu bannen, auf immer zu binden usw. Schon, hört man, ist Russland alarmiert über die kanadischen Ansprüche auf dem Nordpol. Dort ist nun aber kein Platz mehr für russische Ansprüche, der Nordpol ist nur ein kleiner Flecken, aber eben von großer Bedeutung. Die Russen müssten ja nun auch erst eigene Ansprüche entwerfen, herstellen und auf den Weg bringen! Der Zug ist abgefahren, liebe Russen, die Trapper waren schneller. Und was das kosten würde! Material ist natürlich nur vom allerbesten zu nehmen, es muss ja was hermachen und gleichzeitig robust sein, sonst fallen die Ansprüche bald in sich zusammen, kippen um, werden vom Schnee überdeckt, und das soll ja nicht passieren. Frostschäden, Rost oder Beschädigungen durch Wind würden jeden Anspruch gleich lächerlich aussehen lassen – man kann ja nicht jede Woche jemanden zum Polieren hinschicken … Also sollten die Russen sich das gut überlegen, ob sie eigene Ansprüche auf den Nordpol stellen. Es gibt doch genug andere Plätze auf dem Globus wo man solche Dinger hinstellen kann, schaut euch einfach mal ein bisschen um.

Wir alle aber werden in Zukunft vielleicht diese neuen Wege beschreiten können, Ansprüche hinstellen, wo immer wir wollen, Zweifel nicht nur an-, sondern auch ummelden, uns mit jemandem ins Einvernehmen hineinsetzen, die Konsequenz aus etwas herausziehen und was noch alles – die Aussichten sind atemberaubend. Und nicht vergessen,  lernen wir von Kanada und FAZnet: Wer zuerst kommt, stellt seinen Anspruch zuerst hin.

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