Super

Habe heute der Geschäftsleitung Jemen vorgeschlagen. Unbeackerte Felder für einen globalen Dienstleister wie uns sind nun mal schwer zu finden. Soll ein Kurzkonzept entwickeln, haben die gesagt. Sitze schon am Handout, die paar Basics hacke ich im Halbschlaf zusammen. Glaube, die haben was vor mit mir. Habe deshalb beschlossen, Tagebuch zu führen. Das wird was Wichtiges mit Jemen, da will ich alles notieren, wird ’ne super Story, ich mach da ein Buch draus, Markterschließung für echte Kerle oder so, Verlag wird kein Problem, das verkauft sich wie bescheuert.

Habe der Geschäftsleitung im Handout als Einstieg in den Markt dort unten eine Event-Agentur vorgeschlagen, Name: DAS PERFEKTE FEST, Veranstaltungen all inclusive, Festivitäten, Feiern und so was, ganz groß für die reichen Kameltreiber, natürlich übersetzt, keine Ahnung, wie das dann heißt, kann ja auch keiner aussprechen die Scheiße. Sind voll drauf angesprungen. Soll das Projekt vor Ort leiten. Ich wusste es, die haben was vor.

Gehe mit einem kleinen Team nach Sanaa, Büros sind schon gemietet. Spezialisierung erstmal große Hochzeitsfeste irgendwo in der Wüste, alles Stammesgebiete, da kommen Hunderte von Gästen, die lassen sich die professionelle Hochzeit noch was kosten, sind ganz wild auf deutsche Zuverlässigkeit. Die werden aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. In drei, vier Monaten sind wir Monopolist, dann wollen die Saudis und die anderen Ölscheichs uns auch alle haben. Dann rollt der Rubel erst richtig. Verstehe schon, warum die mich wollten. In spätestens einem Jahr sitze ich in der Geschäftsführung mit am Tisch.

Scheiße heiß hier in Sanaa. Nichts klappt, die haben uns noch nicht mal Strom und Telefon ins Büro gelegt. Machen alles mit Handy. Immerhin gibt’s den ersten Auftrag, Hochzeitsfest. Großes Tier irgendwo weit draußen. Fettes Budget. Dolmetscher ist faul wie Scheiße, aber wenn man den immer schön an den Eiern hat, spurt der auch. Paar Scheine und alles flutscht. Catering und Entertainment à la Deutschland, die sind total geil drauf, von wegen Moslems und Traditionen. Die wollen sogar jede Menge Alk. Die vom Team sollen bloß beim Ausschank sagen, es wär‘ Tee oder so was, dann würden sie den Alk unbewusst trinken und es wär ok. Jedenfalls die Männer. Ich sag’s ja. Nennen wir den Champagner eben Brause und den Jägermeister Kräutertee. Natürlich auf Arabisch, nicht mein Problem.

Hochzeitsfeier lief super, die haben alle gesoffen wie doof. Stimmung am Siedepunkt, super. Dann haben irgendwelche Idioten auf einmal Maschinenpistolen rausgeholt und Freudenschüsse abgegeben, voll besoffen. Drei Schwerverletzte, einer von den entfernten Verwandten abgekratzt. Spinnen die? Ist Tradition, sagen die Dolmetscher. Hätten sie mal ruhig früher sagen können. Sind alle ganz doll bestürzt, aber so machen die das eben: Wenn die gut drauf sind, wird rumgeballert. Hab ich die gefragt, ob sie die Kanonen nicht zuhause lassen könnten, haben die mich angeglotzt als wär ich vom Mond. OK, muss man ja nur wissen. Habe dann gleich Folgeaufträge abgegriffen, und ich, das wird der Hammer, habe denen noch am Abend angeboten, das Geballer können sie machen, aber wir kümmern uns drum, dass keiner was abkriegt, macht doch sonst schlechte Stimmung. Die waren erst so ääh, aber ich hab denen gesagt, lasst mich machen, das wird geil. Also OK, mach mal, haben die gesagt, Geld spielt keine Rolle.

Habe voll das Programm für die raus. Schusssichere Westen, extra-dünn, für alle Gäste, können die unter ihren Klamotten tragen, Kaftan und die Scheiße, Super. Der Hammer ist das Brautkleid. Voll West-Schick, von wegen Verschleiert. Das Ding ist gepanzert. Merkt keiner! Kevlar im Stoff eingenäht. Schussfest! Die Braut ist ausgerastet, als die das gesehen hat, ist voll drauf abgefahren. Das Hochzeitsfest wird unser Durchbruch.

Was wir aufgefahren haben, aber hallo, das volle Programm! Denen sind die Augen rausgefallen, Buffet mit Zwei-Meter-Fischen, Magnums ohne Ende, Kräutertee bis zum Abwinken. Alles nochmal eins drauf, die wollen sich schon gegenseitig zeigen, wer der wildeste Hengst ist, meinetwegen, wir kriegen die Aufträge, einer besser als der andere. Lief super, waren natürlich gespannt wegen der Schusswesten und so. Geballer wie Stalingrad, aber alles super. Nur die Band hatte keine Westen, der Schlagzeuger Bauschschuss, aber wird schon wieder. Beim nächsten Mal setzen wir die Band hinter Panzerglas, mir fällt immer was ein. Die Saudis haben schon was gerochen, ganz sicher.

Rie-sen-auftrag, Hochzeitsfest, der Oberstammesführer von irgendwo, nochmal doppelt so viel auflegen, die wollen es wissen. Haben beim Brautkleid nochmal ’ne Schippe draufgelegt: Pailletten aus versilbertem Karbon! Körperbetont und kugelsicher! Diesmal dann mit Schleier, auch schussfest. Habe die Anprobe auf Video gesehen, Mann ist die Alte scharf in dem Ding. Glückspilz. Was die Frauen angeht sind die aber echt hart drauf, keine Ausnahmen wie beim Kräutertee. Finger weg oder du landest bis zum Hals eingegraben in der Düne und kriegst ’ne Ladung Steine ab. Aber die Fressage diesmal, der Wahnsinn. Haie, Kanarienvögel, Orang-Utan, und überall Eisskulpturen! Die nehmen mir alles ab. Bin schon ’ne halbe Legende hier, es geht los. Die Feier war natürlich der Oberknaller, sind alle voll ausgerastet, Weißbier vom Fass, alias Feigensaft, ganze Magazine leergepfiffen, und kein einziger Verletzter. Musste dann bloß zurück nach Sanaa, das Geschäft brummt wie die Hölle. Zentrale, wärmt schon mal ’n Vorstandsessel für mich an.

Bin gerade in Sanaa angekommen, habe CNN laufen. Verdammte Scheiße! Da haben die beschissenen Amis unseren Hochzeits-Autokorso in der Wüste für ’n Al-Kaida-Konvoi gehalten und mit Drohnen reingeknallt. Sind anscheinend alle draufgegangen. Da helfen die Karbon-Pailetten auch nicht mehr! Geht’s noch?! Ich reiß mir den Arsch auf und die Amis kriegen’s mal wieder nicht gepeilt! Jetzt aber Ende Gelände. Bin doch nicht der Alm-Öhi hier! Ich rekrutiere kein frisches Personal mehr. Werde den Vorstand um Versetzung bitten, bin stark traumatisiert über den Verlust meines Teams, sage ich denen einfach. Sollen die sich ’n anderen Trottel suchen. Hab die ja von Anfang an gewarnt. Aber die wollten ja unbedingt mittlerer Osten. Können mir jetzt aber acht Wochen Regenerierung abdrücken, Traumatherapie auf Bali, und dann ab in die Geschäftsführung. Mindestens!

P.S. Aus dem Buch wird ja jetzt wohl nix mehr, die paar Seiten kriege ich nicht mal mit ’nem Ghostwriter auf Buchlänge aufgeblasen. Aber vielleicht kann ich sie ja irgend so ’nem TV-Arsch aufschwatzen. Für ’ne Vorabendserie mit der Carpendale-Fresse in der Wüste reicht der Dreck immer. „Das perfekte Fest“– ist doch schon mal ’n super Titel.

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