Valentinstag

Frag nicht. Woher soll ich denn das wissen. Es ist ein dreckiger, eiskalter Kerker. Ein Fleischermesser in deinem Unterleib, das dich aufschlitzt bis zum Hals und eine Schusternadel, die dich wieder zunäht mit grobem Faden, wieder und wieder und wieder und wieder wenn du nicht aufpasst. Es geht immer wieder von vorne los. Wenn du dich nicht in Sicherheit bringst rechtzeitig, aber wann ist schon rechtzeitig, wenn es bereits geschehen ist, und es wird geschehen, irgendwann, unvorbereitet trifft es dich, du hast ja keine Ahnung. Wieso soll ich eine Antwort haben, ausgerechnet ich. Glaubst du, die Erwachsenen wissen alles. Das meiste von dem, was Erwachsene wissen, willst du gar nicht wissen, glaub mir. Du willst es niemals herausfinden, nie lernen, nie erleben. Lass mich. Wieso fragst du, ich habe zu tun, ich habe hier im Haus weißgott genug zu tun den ganzen Tag, ich habe dafür zu sorgen, dass du wenigstens irgendwas zu essen kriegst, du und alle anderen hier, ich habe dafür zu sorgen, dass die Wäsche sauber wird und gebügelt, die Unterhosen inbegriffen, ja gebügelt, jede Einzelne, warum soll man die ganzen Unterhosen denn nicht bügeln, wo kämen wir denn da hin, sie sind wichtig, die Unterhosen, ich habe das zu tun, da kann ich nicht auch noch zuhören und irgendwelche dummen Fragen beantworten, das können wirklich andere tun, nicht ich, ich habe keine Ahnung, ich habe keine Zeit, wer bin ich denn, deine Mutter, ich habe nun wirklich keine Zeit für so etwas, ich höre Radio, während ich mich um die Wäsche kümmere. Das Verrückte ist ja, dass du damit zu tun hast, du und die anderen alle, eigentlich haben wir alle damit zu tun, jeder, jeder einzelne, immer schon. Mir wird schlecht wenn ich daran denke. Also warum fragst du. Ich habe damit zu tun, ich bin deswegen da, und du bist deswegen da, und mir wird schlecht, wenn ich daran denke. Warum soll ich immer wieder daran denken, das muss nicht sein, ich brauche das nicht, ich habe damit nichts mehr zu tun, nicht freiwillig, niemals hatte ich freiwillig damit zu tun, ich bin doch nicht wahnsinnig, die sind doch alle verrückt, und du willst es wissen. Willst du es wirklich wissen, sie sind alle verrückt, sie schlitzen sich auf bis zum Hals gegenseitig und nähen sich wieder zu oder auch nicht, das erledigen andere, das erledigt man selbst, oder immer wieder erledigt es derselbe, wo ist der Unterschied, es sind alles Wahnsinnige, also was soll ich dir dazu sagen. Wer es freiwillig macht, ist wahnsinnig, und wer es nicht freiwillig macht, auch, selber schuld, was wackelst du auch so mit dem Arsch, was guckst du so hin, wenn du weggucken sollst, immer weggucken. Da kommt eben einer und schlitzt dich auf, es gibt ja genug davon, die das machen und die das wollen, alle wollen es, irgendwann. Also selbst schuld du Irre. Das hat nichts damit zu tun, ob Krieg ist oder nicht, das ist egal. Du wirst es auch machen, noch früh genug wirst du es wollen, es merken und dann machst du es und bist genauso verrückt wie alle anderen, das muss ich dir doch nicht erklären, du kannst ja versuchen, es nicht zu machen, versuchs doch, du Irrer, du Kind. Jetzt kannst du noch so tun als wär‘ da nichts und kannst dumme Fragen stellen, aber das geht nicht ewig, das hört auf, dann guckst du dumm aus der Wäsche. Also was soll die Frage. Ich habe es niemals in meinem Leben freiwillig gemacht, ich wurde doch nicht gefragt, also frag du auch nicht, was spielt das denn für eine Rolle. Es kommt, und es geht. Sei froh wenn es nicht wiederkommt. Irgendwann weißt du dass es dir den Wanst aufschlitzt und du freust dich wenn es kommt und du jammerst wenn es geht, sag mir mal dass das nicht verrückt ist. Blut. Das kommt dabei heraus. Du spürst es in dir pumpen, es macht dich wahnsinnig, deine Augen wollen den anderen auffressen wie ein Wolf eine Ziege, deine Hände wollen ihm die Haut von der Brust reißen, und weißt du was, sie tun es. Du willst in den anderen hineinkriechen, ihn dir überstülpen wie einen Mantel, und der Andere will dasselbe mit dir tun, und weißt du was, er tut es. Alle sind wahnsinnig. Du badest in meinem Blut und willst nicht damit aufhören, bis du eine andere findest, in deren Blut du baden kannst, gratuliere. Ich komme nicht darum herum, du kriegst mein Blut, du hättest es sogar gekriegt, wenn ich dich hätte rausholen lassen, ohne Blut geht es nicht. Es ist ekelhaft. Also wenn ich dich sehe wird mir übel, ist das so schwer zu verstehen. Wenn ich die Anderen sehe wird mir übel. Wenn ich mich sehe wird mir übel. Und dir soll ich antworten. Jede Nacht bekomme ich die Antwort, ich bekomme sie zu spüren. Jede Nacht, wenn er es will, wenn er mir seine Antwort in meinen blutigen Unterleib prügelt, was soll ich dir sagen. Eines Tages weißt du die Antwort und wirst sie irgend einer anderen aufdrängen, ganz genau so, aber noch nicht jetzt, jetzt bist du noch klein und dumm und willst von mir etwas wissen, von mir. Nicht von mir, Kleiner, nicht von mir. Lass mich in Ruhe, lass das Radio an, lass mich die Wäsche machen, geh weg, geh irgendwohin, bleib wo du bist, ich habe zu tun, Belästigungen habe ich wirklich genug den ganzen Tag, die ganze Nacht. Es ist eine Belästigung. Das ganze Leben ist eine Belästigung. Denn es ist wahr, du kommst nicht darum herum, du stehst mal auf der einen Seite, mal auf der anderen, das einzige, was die eine Seite mit der anderen verbindet ist eine schleimige Spur aus Blut. Willst du dich etwa wehren. Das nutzt nichts, ich sage es dir. Das machst du einmal, das machst du zweimal. Und du musst dafür büßen. Du wehrst dich nicht mehr, du glaubst es ist gut, es ist vielleicht sogar schön, und das Schlachtermesser steckt dir schon tief in deinen Eingeweiden. Du erinnerst mich daran, indem du da bist, ich sollte dir diese Antwort geben vielleicht. Aber sie brennt mir selbst den Gaumen aus, ich will damit nichts zu tun haben, warum soll ich selbst Schmerzen haben, die ich nicht haben muss, ich habe genug Schmerzen, ich brauche Schlaftabletten vor lauter Schmerzen, ich brauche Schlaftabletten, damit ich nicht jede Nacht aufgeschlitzt werde, erinnere mich nicht mehr daran, dann hast du Glück, dann hast du eine Chance, keine Antwort von mir zu bekommen auf deine ekelhafte Frage. Ich habe mich um die Wäsche zu kümmern.

Seine Mutter hatte ihn wohl nicht gehört, dachte der Junge, der im Nebenzimmer mit Legosteinen spielte. Die meisten der Steine hatte er von seinen älteren Geschwistern, die nicht mehr damit spielten. Legosteine waren eine tolle Erfindung, er spielte sehr gern damit und baute Häuser und Autos, sogar Flugzeuge aus Legos. Im Radio liefen wieder die ganze Zeit diese Lieder, die auch im Fernsehen immer gesungen wurden, und da kam ganz oft ein Wort vor, das er nicht verstand. Er hörte es so oft in diesen Liedern, eigentlich in jedem der Lieder ein paar Mal, aber sonst eben nirgends, niemand im Haus oder in der Schule benutzte dieses Wort, aber heute sprachen die Leute im Radio ganz oft davon, wirklich sehr oft, und da hatte er doch einmal wissen wollen, was das wohl war. Also hatte er, als er gerade einen Anhänger für einen kleinen Lastwagen mit einem Paar Rädern versah, durch die offen stehende Tür zu seiner Mutter in den Nebenraum gerufen, seine Mutter gefragt, was das denn sei. Als sie nach einer Weile noch immer nicht geantwortet, keinen Laut von sich gegeben hatte, so wie meistens, wenn sie sich um die Wäsche kümmerte, spielte er weiter und fragte nicht mehr.

© 2014 Michael Wäser

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