Mein erster Kinobesuch

Es war ein Sonntagnachmittag im Spätsommer, als ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Kino besuchte. Ich ging noch nicht zur Schule, denn dieser Kinobesuch war sozusagen mein Geschenk zum bevorstehenden allerersten Schultag am nächsten Morgen. Meine Erinnerung daran ist ein bisschen lückenhaft, an manche Dinge erinnere ich mich gar nicht mehr, andere habe ich bis heute nicht vergessen. Man weiß eben nie, was in Erinnerung bleibt. Ganz sicher war es aber im Jahr 1970, ich war fünf, Früheinschuler, und furchtbar aufgeregt, weil ich zum ersten Mal ins Kino durfte. Aufgeregt war ich aber sowieso schon seit Tagen, weil ich meine Schultüte, die ich am folgenden Morgen bekommen sollte, schon entdeckt hatte. Auf dem Wohnzimmerschrank hatte sie jemand ganz schlecht vor mir versteckt. Eine große, orangerote Schultüte mit einer Kuppe aus Krepppapier, so dunkelrosa wie die reifen Sauerkirschen, die in unserem Garten gerade am Baum hingen. Morgen schon würde ich sie stolz in Händen halten, so wie meine älteren Geschwister auf ihren Einschulungsfotos, und Schultüten, das hatten mir meine Geschwister verraten, waren immer voll mit Süßigkeiten und Spielsachen. Mein unbedeutendes Kinderleben ohne Sinn und Verantwortung würde bald zu Ende sein und einer viel erwachseneren Existenz weichen. Ich würde kein kleines Kind mehr sein! Nie mehr! Ich durfte sogar heute schon ins Kino. Als ich in Begleitung meiner Mutter das Filmtheater in der Nachbarortschaft erreichte, wusste ich aber nicht, dass der Abschied von meinem unschuldigen Kinderdasein ganz anders stattfinden würde, als ich dachte, und dass er außerdem unmittelbar bevorstand. Allerdings nicht nur mir.

In der Eingangshalle der „Thalia Lichtspiele“, einem der zwei Kinos im Umkreis von zwanzig Kilometern, drängten sich ungefähr hundertfünfzig andere Kinder, die meisten in meinem Alter, mit ihren Eltern oder älteren Geschwistern, manche kannte ich aus meinem Dorf. Sie durften also auch zur Einschulung einen Film anschauen. Die Aufregung war mit Händen zu greifen. Links und rechts vom Kartenverkaufsschalter hingen Plakate. „Bambi“ hieß der Film, das konnte ich sogar schon ganz alleine lesen. Bambi war ein kleines Reh, das wirklich süß aussah. Was würde Bambi wohl erleben? Ich konnte es kaum mehr aushalten, beinahe machte ich mir in die kurzen Lederhosen, doch es gab in dem Kino zum Glück eine Toilette, was mich, so dachte ich, rettete. Ich kam gerade rechtzeitig vom Klo zurück, die Flügeltüren zum Kinosaal öffneten sich wie die Pforte zu meinem neuen, erwachsenen Leben. Ich hielt die Hand meiner Mama ganz fest, denn der Durchgang in den riesigen, halbdunklen Saal mit den vielen Reihen roter Klappsessel und den goldfarbenen, stoffbespannten Wänden machte mir schon ein bisschen Angst. Die Sessel waren alle ziemlich abgewetzt und fleckig, der Stoff an den Wänden ganz verstaubt und zerrissen, aber das fiel mir nicht so auf. Meine Mutter führte mich zu einer Reihe in der hinteren Hälfte des Saales. Ganz vorne, dort, wo alle Sessel hinzeigten, war hinter einem roten Vorhang das Geheimnis versteckt. „Kommt da Bambi?“, fragte ich meine Mutter und zeigte zu dem ehrfurchtgebietenden Vorhang, der auch schon sehr abgenutzt war. „Ja, da ist die Leinwand“, sagte meine Mutter und wir setzten uns. Ich zitterte vor Aufregung am ganzen Körper.

Den vielen Kindern um mich herum ging es genau so. Überall quiekten, plapperten, kreischten und lachten zukünftige ABC-Schützen in Erwartung des kleinen Rehs Bambi. Der Moment, in dem die Türen zur Eingangshalle sich wieder schlossen und die Lichter im Kino dunkler wurden, ließ mich und alle Kinder im Saal augenblicklich stillsitzen: „Gehts jetzt los? Geht der Film jetzt los?“, fragte ich, kurz vorm Überschnappen. Die Antwort bekam ich von der Leinwand, deren Vorhang sich wie von Geisterhand öffnete und Werbung für die erste Pizzeria im Ort und eine Diskothek mit einer echten Pferdekutsche den Kinonachmittag einläuteten. „Was ist eine Pizzeria?“, fragte ich. „Ist das der Film? Kommt jetzt Bambi?“, fragte ich. „Kommt Bambi mit der Kutsche? Das wär’ toll!“ Die Werbung ging aber weiter, Autowerkstätten und Reiseunternehmen aus den Nachbardörfern priesen mit zerkratzten Fotos und unbeholfen vorgelesenen Sprüchen ihre Dienste an. Irgendwann wurde das Licht wieder heller und auf der Leinwand kam Werbung für Langnese-Eis. Durch einen glücklichen Zufall traf es sich, dass eine Eisverkäuferin mit einem Bauchladen im Saal erschien und mit unbeteiligtem Gesichtsausdruck „Will jemand Eis?“ rief. „Krieg ich eins? Krieg ich eins?“, fragte ich, bis ich eins kriegte. Ein Vanilleeis am Stiel. Wie aufregend war das, und wie spannend! Und immer sehnsüchtiger erwarteten wir Bambi, das kleine Reh aus dem Wald. Das Licht im Saal wurde wieder dunkler, richtig dunkel, total dunkel.

„Kommt der Film jetzt? Kommt Bambi?“, fragte ich und umklammerte meinen Eisstängel mit beiden Fäusten. „Ich glaub, erst kommt noch mal Werbung“, sagte meine Mutter, die selten ins Kino ging, eigentlich nie. Das Geschehen auf der riesigen Leinwand hatte aber nun einen anderen Charakter als vor dem Eis. Das war schon ein Film, keine Fotos mehr. Cowboys waren zu sehen, abgerissene Kerle auf Pferden und mit Revolverpistolen, einer zog einen Sarg hinter seinem Pferd her und holte ein riesiges Maschinengewehr raus. Eine markige Stimme kündigte den Film an, „Django, bald in diesem Kino!“ Krachend laute Gitarrenmusik und Schlagzeug ließen uns alle zusammenzucken, das Maschinengewehr mähte die Cowboys nieder, Mann, das war nach meinem Geschmack, auch wenn es echt heftig war. Ich liebte Cowboy spielen, Bonanza und solche Sachen kannte ich ja aus dem Fernsehen. Aber das hier, hey, das war ein ganz anderes Ding, hier ging es richtig zur Sache, und laut war das! Ich presste meine Beine ganz fest zusammen und biss mir auf die Lippen. Aber schon war Django wieder vorbei. Meine Mutter räusperte sich, sie schien sich ungemütlich zu fühlen. Nächster Vorfilm. Wie aufregend. Was die Django-Werbung in der Kindervorstellung sollte, darüber machte ich mir natürlich keine Gedanken. Vielleicht machte meine Mutter sich gerade darüber Gedanken, vielleicht dachte sie, da hat wohl jemand die Werberolle von Samstagnacht drin gelassen. Aber was auch immer sie oder ich oder die anderen dachten, wir alle hörten nun schnell auf damit, denn das, was auf Django folgte, fegte alles beiseite.

Erst sah es wirklich wie ein Kinderfilm aus – ein Kinderspielplatz war zu sehen, eine Schaukel und eine Wippschaukel. Bambi, endlich! Aber dann saßen plötzlich nackte Frauen auf den Schaukeln. Das war schon seltsam. Im nächsten Augenblick waren Männer da, die waren auch nackt. Und die Männer hatten riesige, steife Pimmel, die richtig in die Luft ragten. So einen Pimmel wie die da hatte ich noch nie gesehen. Sie waren irgendwie dunkel orangerot, mit einer kirschroten Kuppe, genau wie meine Schultüte, von der ich noch nichts wissen durfte, und die Frauen nahmen sie in ihre Hand und rieben daran herum. Eine markige Stimme kündigte an: „Im Taumel der Ekstase! Die Sensation aus Schweden!“ Die Frauen, die alle blond waren, nahmen die Pimmel der Männer in den Mund und machten damit ganz komische Bewegungen, so wie ich gerade mit meinem Eis, nur noch doller, aber da bin ich mir gar nicht mehr so sicher, denn ich war wirklich sehr aufgeregt und lutschte wie verrückt an meinem Eis. Die Stimme meldete sich wieder: „Im Taumel der Ekstase! Da wird gefickt bis sie in Ohnmacht fallen! Sie sehen alles, der Wahnsinn der Liebe, der ihnen den Atem rauben wird!“ War das, was die da machten „ficken“, und wir fielen davon in Ohnmacht? Ich schaute zu meiner Mutter, die war ganz still geworden, vielleicht war sie schon in Ohnmacht gefallen. Was sollte ich dann machen, wenn sie ohnmächtig war, musste ich dann mit dem Bus ganz alleine nach Hause fahren? Aber sie war nicht in Ohnmacht gefallen, sie hatte die Augen offen, ganz, ganz weit offen und schaute so gebannt nach vorne zur Leinwand, dass ich sie lieber nicht stören wollte und nochmal nach Bambi fragte. Anscheinend war das ja jetzt der Film und Bambi würde wohl gleich kommen. Die nackten Männer hatten mittlerweile angefangen, den Frauen auf der Schaukel einen Mittelfinger in die Mumu zu stecken und ihn so hektisch vor und zurück zu bewegen, wie mein Papa das manchmal machte, wenn er versuchte, mit einem Schraubenschlüssel eine festsitzende Mutter an seinem Auto wieder los zu kriegen. Die Männer machten auch dieselben Geräusche wie mein Papa, weil das wohl so anstrengend war, und die Frauen gaben sich auch alle Mühe. „Im Taumel der Ekstase! Noch nie haben Sie solche atemberaubende Erotik erlebt!“ Die Männer rüttelten noch immer angestrengt mit ihren Fingern in den Mumus herum. Im Saal war es ganz still geworden, das laute Geplapper der vielen Kinder war vollkommen verstummt. Nur ganz vorne hörte ich ein Kind heulen. Jetzt steckten die Männer ihre Pimmel in die Mumus der Frauen und schaukelten mit ihnen auf der Schaukel herum, immer vor und zurück. Zwei Männer saßen verkehrt herum auf der Wippschaukel und versuchten immer, wenn sie sich nach oben abstießen, mit ihrem Pimmel in die Mumu der Frau zu treffen, die vor ihnen stand, sich nach vorn beugte und ihnen den Popo vors Gesicht streckte, aber das klappte nicht so gut. Ab dieser Stelle werden meine Erinnerungen, wie schon gesagt, unzuverlässig. Irgendwie hat sich die Sensation aus Schweden mit dem anschließenden Bambi-Film auf eine Weise vermischt, die für einen Zeichentrickfilm von Walt Disney ziemlich unwahrscheinlich ist. Und zu Kinderspielplätzen habe ich seitdem ein, sagen wir mal, zwiespältiges Verhältnis. Von dem restlichen Tag damals aber weiß ich ab dem letzten „Im Taumel der Ekstase!“ und „Grenzenlose Leidenschaft! Bald in diesem Kino!“ eigentlich nichts mehr. Ich glaube, ich war sehr traurig, als Bambis Mama starb.

Von meiner Einschulung ist auch nicht mehr viel hängengeblieben. Meine Freunde aus der Jungenklasse sagten mir später, ich und ein paar andere wären immer wieder eingeschlafen, auch in der Mädchenklasse wäre das passiert. Auf dem Einschulungsfoto wirke ich jedenfalls ziemlich müde. Das Bild mit der orangeroten Schultüte ist zwar Schwarzweiß, aber ich weiß noch gut, wie sie in echt ausgesehen hat.

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