Übergang vom Berufsleben zum Rentnerdasein

Drei Wochen Korfu hatte er sich gegönnt. Gleich am nächsten Sonntag nach seinem letzten, seinem allerletzten Arbeitstag war Ludwin zusammen mit seiner Tochter in den Flieger gestiegen. Es war Frühling, Vorsaison, das konnte er sich ein Mal leisten, auch wenn seine Rente bescheiden sein würde. Korfu erblühte in den schönsten Farben, die man sich nur vorstellen konnte. Das grüne, das bunte Korfu, die Blumeninsel Griechenlands. Sie bezogen zwei nette Zimmer in einem kleinen Hotel nahe dem Strand. Barbara hatte sich um alles gekümmert, schon Monate vor Ludwins Abschied aus der Firma. Zur Feier seiner Pensionierung, dachte sie, begleite ich ihn mal ein paar Tage und mache endlich auch wieder Urlaub vom Stress in der Kita. Ihre Mutter, Ludwins Ehefrau, hatte nicht mitkommen wollen. Ihr war nicht nach Reisen, hatte sie gesagt. Barbara blieb zwei Wochen, gemeinsam erkundeten sie die Insel, was sich ganz gut anließ, es war noch nicht so heiß wie im Sommer und Ludwin kam nur selten aus der Puste, trotz seines Raucherhustens. Am liebsten allerdings lag der ältere Herr am Strand, las in seinem Tucholsky oder schlief, planschte ein wenig in der sanften Brandung herum, fing sich einen Sonnenbrand ein und stöhnte am Abend beim Essen scherzhaft über das Brennen auf seinem Rücken. Es würde nicht schlimm werden, das wusste er. Zweiundsechzig Sommer hatte er mittlerweile erlebt, da gab es keine Überraschungen mehr, was das betraf. Ja, er hatte seinen Bürojob ein paar Jahre vor den meisten seiner Kollegen an den Nagel hängen können. Eine Verletzung hatte ihm schon vor langer Zeit Behindertenstatus beschert, was bedeutete, dass er seinen Ruhestand schon früher genießen konnte als andere. Und genau das hatte er sich vorgenommen: seinen Ruhestand genießen. Der duftende mediterrane Grillteller, das kühle, deutsche Bier, der erfrischende Ouzo und die warme, nächtliche Brise vom Strand lagen ziemlich genau in dieser Linie, und mit Barbara verstand er sich auch gut, solange sie nicht über irgendwelche sensiblen Themen redeten, aber das hatten beide nicht im Sinn. Er war jetzt Rentner, die wilden Jahre waren vorbei! Ohne Zweifel – so prächtig war es Ludwin schon lange nicht mehr gegangen.

Nachdem Barbara wieder nach Hause geflogen war, um in der Gemeinde-Kita die Kinder des Dorfes zu hüten, änderte Ludwin seinen Tagesablauf nur insofern, als er keine Ausflüge mehr unternahm. Er hielt sich nun den ganzen Tag nur am Strand, am Pool, im Speiseraum oder in seinem Zimmer auf. „Was willst du denn machen, wenn du wieder zuhause bist?“, hatte Barbara ihn gefragt, bevor sie zum Flughafen aufgebrochen war. Er hatte bloß abgewunken und gelacht. Darüber wollte er sich Gedanken machen, wenn es soweit war. Das Haus war ja nicht leer, er lebte ja nicht allein. Barbara und ihr Bruder Jürgen lebten beide noch – oder wieder – zu Hause, lange würden sie nicht mehr bleiben, das war klar, sie waren erwachsen. Jürgen wollte studieren, irgendwo in Niedersachsen, und Barbara suchte bereits eine eigene Wohnung im Ort. Die anderen Kinder, die älteren, waren schon längst ausgeflogen. Aber seine Frau war ja noch da, schon seit vierzig Jahren, und so ein Haus, das wollte in Schuss gehalten werden, es war auch schon etwas in die Jahre gekommen, das Haus. Selbst ist der Mann, das war schon immer Ludwins Motto gewesen. Dem Büroalltag, den Kollegen und den immer gleichen Autofahrten zur Arbeit und zurück – er würde ihnen keine Träne nachweinen.

Jürgen holte ihn am Flughafen ab, mit seinem, Ludwins Auto. Sie waren schon eine Weile unterwegs – es ging über Land, der Flughafen war nicht gerade in der Nähe, Jürgen hatte gefragt, wie der Urlaub gewesen war und seinen Vater erzählen lassen – da stellte sich ein Schweigen ein. Der Sohn fragte nicht mehr nach und Ludwin, vielleicht war er müde von der Reise oder weil es Nachmittag war, oder vielleicht ahnte er etwas, aber nein, und wenn, dann sicher nicht das, sondern irgendetwas, so ein Gefühl, ein seltsames, das einen erst einmal schweigen lässt, weil man es noch nicht so recht erkennt. Jürgen schwieg, weil er Anlauf nehmen musste. Was er zu sagen hatte und wie er es sagen würde, das hatte er sich bereits auf der Hinfahrt zurechtgelegt, um jetzt nicht ins Stottern zu kommen oder ins Schleudern, mit dem Auto, und um es klar und deutlich sagen zu können und ohne Sperenzchen hinter sich zu bringen, kurz und schmerzlos. Also sagte er es. „Mama ist weg. Abgehauen. Sie ist ausgezogen. Wir wissen nicht, wo sie hin ist.“ Jürgen hatte sich zwar keine genaue Vorstellung davon gemacht, wie sein Vater auf die Nachricht reagieren könnte und sich vorgenommen, einfach zu nehmen, was kommen würde. Dass der braungebrannte Mann, dessen weißes Haar sich nun umso deutlicher von seiner Kopfhaut abhob und fülliger erschien, als es war, nun aber außer einem ersten, erstaunten Blick, den der junge Mann nur aus dem Augenwinkel mitbekam, überhaupt keine Reaktion zeigte, verblüffte Jürgen dann doch. Erst nach einigen schweigsamen Kilometern beschloss Jürgen, seinem Vater das Wenige, das er über die Angelegenheit noch zu berichten hatte, zu offenbaren. Ein paar Tage zuvor habe seine Schwester ihm, als er von seiner Zivildienststelle nach Hause zurückkam, einen Zettel in die Hand gedrückt, den sie ihrerseits bei ihrer Rückkehr aus der Kindertagesstätte auf dem Küchentisch des verlassenen Hauses vorgefunden habe. Darauf teilte ihre Mutter den beiden letzten im Hause verbliebenen Kindern in wenigen, kurzen Worten mit, dass sie das Haus für immer verlassen habe und vorerst niemand außer ihr selbst wissen solle, wo sie sich aufhalte. Sie werde sich später irgendwann melden. Bis sie vor dem Haus aus dem Auto stiegen und Jürgen das Gepäck seines Vaters hinein trug, wo Barbara sie erwartete, sagte Ludwin kein einziges Wort mehr.

Die Begrüßung mit seiner Tochter fiel kurz aus, Barbara wusste, dass ihr Bruder den Vater ins Bild gesetzt hatte und wunderte sich nicht über seine Stimmung. „Ich will den Brief lesen“, sagte Ludwin, bevor er sich in der Stube an den Tisch setzte. „Der war nicht für dich. Der war für uns“, entgegnete seine Tochter. „Dann lies ihn vor.“ Jürgen bezweifelte, dass das eine gute Idee war, aber Barbara ging mit einem etwas spöttischen „OK, wenn du willst!“ den Zettel holen. Das, was Ludwin „Brief“ genannt hatte, musste seine Ehefrau vom Umschlag irgendeines Werbeschreibens abgerissen haben und sah aus wie ein eilig zusammengekritzelter Einkaufszettel. Das Papier war von Fettflecken übersät, hatte wohl in der Nähe des Kochherdes gelegen, und dementsprechend schwer waren die wenigen ungleichmäßigen Zeilen zu entziffern, geschrieben mit einem Kugelschreiber, der seine guten Tage schon längst hinter sich hatte. „Also“, begann Barbara mit deutlicher, ungewöhnlich lauter Stimme, als sie mit dem Zettel in der Hand in die Stube zurückgekehrt war. „Die Drecksau hat es geschafft. Ich halte es nicht mehr aus mit eurem Vater. Wenn der ab jetzt den ganzen Tag da ist, bringe ich den Kerl um oder ich gehe weg. Also ich bin weg. Ich will meine Ruhe haben, ihr seid ja bald aus dem Haus. Ich melde mich. Mama.“ Als ihr Vater schweigend sitzen blieb, setzte Barbara nach: „Und, was sagst du dazu?“ Statt zu antworten, erhob sich Ludwin, fragte seinen Sohn nach dem Autoschlüssel, verließ das Haus und fuhr davon. Wenig später kehrte er mit zwei prall gefüllten Plastiktüten zurück. Er hatte in der Tankstelle im Nachbardorf eingekauft, dem einzigen Laden, der am Sonntag öffnete. Die schweren Tüten stellte er neben dem Stuhl ab, auf den er sich setzen würde, vorher aber nahm er noch ein Bierglas, ein Whiskyglas und einen Flaschenöffner aus dem Schrank. Die Tüten waren, selbstverständlich, voller Flaschen, für diesen Abend sollten sie reichen.

Etwa eine halbe Stunde später erlebten Jürgen und Barbara ihren Vater, wie er, bereits angetrunken, in hemmungsloses Weinen ausbrach und wieder und wieder laut klagte, seine Frau habe ihn verlassen, nach vierzig Jahren Ehe. Das klang sogar für den weichherzigen Sohn eine Spur zu selbstmitleidig. Er sprach seinen Vater an: „Du hast nicht damit gerechnet, dass sie so einfach abhaut, schon klar, aber eure Ehe war doch nun wirklich …“ „Was war unsere Ehe? Pass auf, was du sagst, du Würstchen!“, schrie Ludwin seinen Sohn an. Wie eine Furie sprang Barbara aus dem Fernsehsessel hoch: „Halt die Fresse, Arschloch! Eure Ehe war eine einzige Scheiße, die totale Katastrophe, und zwar die ganzen vierzig Jahre lang!“ Ludwin wusste keine Antwort auf diese Frechheit seiner Tochter, er wollte aufstehen, wollte ihr eine reinhauen, aber er kam nicht vom Stuhl hoch. „Ach, du willst wieder zuschlagen, du miese Sau!“, zischte Barbara und wich keinen Zentimeter zurück. „Du dreckiger Wichser jammerst rum, vierzig Jahre vergewaltigen ist dir nicht genug, was?“ Ludwin starrte seine Tochter an. Auf Korfu hatte sie ihm besser gefallen. „Wie deine Frau das die ganze Zeit mitgemacht hat, ist mir sowieso ein Rätsel, ihr seid doch alle beide völlig gestört! Blöde Vollidioten!“ Jürgen beobachtete mehr, als dass er sich als Teil der Auseinandersetzung empfand. Sein Vater goss sich das Whiskyglas bis zum Rand voll. „Was glotzt du so dumm?“, rotzte Ludwin Jürgen über den Tisch an und kippte den Whisky hinunter. „So lässt du deine Schwester mit mir reden? Du kannst auch gleich ausziehen, du Pisser!“ Jürgen stand auf. „Ich bin kein Pisser! Nenn mich nicht Pisser, du besoffenes Schwein!“ Seine Stimme überschlug sich. „Was du im Suff alles angerichtet hast, dafür gehörst du in den Knast, die eigenen Töchter angefasst, du und deine vierzig-Jahre-Ehefrau, ihr habt sie doch nicht alle, ihr seid doch kriminell! Fick dich selbst! Fick dich! Fick dich!“ Ludwin staunte. Er hatte zwar schon mit Barbara deftige Streitereien ausgefochten, aber von seinem jüngsten Sohn war er noch nie so angegangen worden. „Was fällt dir ein?!“, stieß er hervor, schon mehr hilflos als wütend oder gar bedrohlich, wie früher. „Wie redest du … mit deinem Vater?“ „Miese Drecksau! Schläger! Du beschissener Kinderficker!“ schleuderte Jürgen ihm entgegen, bereits mit heiserer Stimme. Dann verließ er das Zimmer. Ludwin trank.

Als Jürgen etwa eine Stunde später zurückkam, lag sein Vater besinnungslos mit dem Oberkörper auf dem Tisch, um ihn herum hatte sich die Tischdecke von erbrochenem Alkohol dunkel verfärbt. Nebenan in der Küche kochte Barbara ihren Abendtee. „Was macht er jetzt? Was machen wir jetzt?“, fragte Jürgen. „Was wir machen? Wir machen unser Ding.“ „Und er?“ Barbara warf einen unbeteiligten Blick durch die Durchreiche auf den Ohnmächtigen. „Meinetwegen kann er das den ganzen Tag machen. Er ist ja jetzt Rentner.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s