Ein Buch über Alice Miller – von ihrem Sohn

In diesem Sommer erschien ein wichtiges Buch, das für heftige Diskussionen sorgte: das Buch des schweizer Psychotherapeuten Martin Miller über seine Mutter, die Kindheitsforscherin Alice Miller, ihre Kindheit und seine Kindheit und Beziehung mit seiner Mutter und seinem Vater, Überlebende des Holocaust. Ich kannte Alice Miller, habe einige Jahre mit ihr zusammen in Internetforen gearbeitet, telefoniert, geschrieben, bin ihr aber nie persönlich begegnet. Mit ihrem Werk habe ich mich sehr intensiv auseinandergesetzt, was der Grund für unsere Zusammenarbeit war. Sie starb 2010. Warum ich das Buch ihres Sohnes so wichtig finde, erkläre ich in dieser Besprechung:

„Das wahre Drama des begabten Kindes“ von Martin Miller

Dass dieses Buch von manchen als „Racheprojekt“ und Beschmutzung des Andenkens und Werks von Alice Miller empfunden wird, ist nicht sehr überraschend, denn sie wurde von vielen ihrer dankbaren Leser idealisiert und immer wieder zu einer Art Guru erhoben. Niemand hat das entschiedener abgelehnt als Alice Miller selbst. Andererseits hat sie ihre eigene Geschichte nie offen zum Thema ihrer Bücher gemacht und, das nun war wirklich tragisch, sich ihr niemals in der Beziehung zu ihren Kindern – als sie noch Kinder waren und darüber hinaus – offen gestellt. Sie hat sie verdrängt und die Auseinandersetzung damit in ihrem eigenen, privaten Leben vermieden. Ist das so überraschend? Ehrenrührig? Nein. Das hatte sie mit vielen gemeinsam, die den Krieg, die Judenvernichtung, die Vertreibungen und den Zusammenbruch jeglicher zivilisatorischer Werte erlebt und überlebt hatten. Und wie die Kinder dieser vielen Millionen Menschen haben auch Millers Kinder unter der Verschlossenheit, der Tabuisierung bestimmter Bereiche, dem Abwehrverhalten, welches nicht selten gewalttätig war – den seelischen Verstörungen und Verheerungen ihrer Eltern schwer zu leiden gehabt. Was Alice Miller von den anderen unterschied: Sie gehörte zu den wenigen, die genau das aufdeckten und anklagten, die sich zum Anwalt der Kinder machten, die endlich aufhören sollten, für die Verletzungen ihrer Eltern zu bezahlen. Das bestreitet ihr Sohn mit seinem Buch nicht im Mindesten. Er stellt es sehr klar und mit echtem Verständnis für diese Leistung dar. Dadurch, dass er nun aber die verborgene Seite ebenfalls darstellt, wird seine Mutter ebenso wenig unglaubwürdig wie ihr Sohn – ganz im Gegenteil. Das Bild wird nur endlich vollständiger, und wer, der ihr Anliegen verstanden hat, sollte nicht verstehen, dass eine Frau mit dieser Kindheitsgeschichte schwerste seelische Verletzungen davongetragen und sie ihren Kindern „weitergegeben“ hat. Dass sie selbst nicht in der Lage war, ihre eigenen Erkenntnisse zu leben, schmälert nicht ihren Verdienst für die Allgemeinheit. Sie war „nur“ eine schlechte Mutter, eine wohl teilweise sogar gefährliche Mutter, so wie viele aus ihrer Generation, wie viele vor ihr und nach ihr. Vermutlich aber waren ihre Versuche, den erwachsenen Sohn in eine Therapie zu drängen und den Schaden, den sie angerichtet hatte, zu beheben, ja genau daher gekommen, dass sie so viel darüber wusste, was Tabus und Misshandlungen bei Kindern anrichten. Das konnte nur tragisch scheitern, weil sie sich selbst nicht in diesen Prozess einbeziehen wollte/konnte. Martin Miller hat das sehr schlüssig beschrieben, hat beschrieben, was auch sie beschrieben hatte – wie Eltern, die sich – aus welchen Gründen auch immer – ihrer Vergangenheit nicht stellen, ihren Kindern damit eine schlimme Last aufbürden. Dass er dabei zugleich aufrichtig und fair sein konnte, halte ich für eine echte Leistung, denn er hat sich gestellt und sein Leid nicht verschwiegen. Sein Schicksal rührt mich. So schmerzhaft dies alles ist, was er zu Tage gefördert hat über die Kindheit seiner Mutter und seine eigene, ist es dennoch schade, dass es wohl nicht möglich war, mehr über Alice Millers Geschichte herauszufinden. So sehr hatte sie darauf geachtet, ihre grauenvolle Vergangenheit vor sich selbst und allen anderen hinter einer Schweigemauer zu verbergen. Gut, dass ihr Sohn diese Mauer nun eingerissen hat.

Nachtrag vom Juli 2016:

Beim erneuten Lesen meines eigenen Artikels fällt mir auf, was typisch für viele ist im Umgang mit eigenen Vorbildern, prägenden Gestalten, besonders den eigenen Eltern, hier im Umgang mit einer für mich prägenden Gestalt: Man möchte sie ungern vom Sockel stoßen, wenn sie einem noch etwas bedeuten. Diese Tendenz spüre ich in dem Text. Gegen diesen nachvollziehbaren, aber oft verhängnisvollen psychischen Mechanismus hat Alice Miller immer angeschrieben, das ist unzweifelhaft. Scheinbar ist sie gleichzeitig in ihrer eigenen Verleugnung und dem Abwälzen ihres eigenen Traumas auf ihre Umwelt, auf ihren Sohn, noch viel weiter gegangen als bekannt und hat sich Leistungen Anderer, auch der ihres Sohnes, zu eigen gemacht und als rein ihre eigene ausgegeben. All das passt zwar nicht in das Bild, das sie in ihren Büchern von sich gezeichnet hat, aber es passt in ihre eigene Geschichte, ihre Symptomatik als misshandeltes Kind und als Holocaust-Überlebende, misshandelte Frau in dauernder Re-Inszenierung des Traumas, wie auch als misshandelnde Mutter. So war sie einerseits bedeutende Aufklärerin und auf der anderen Seite hat sie verschleiert und verborgen, vor sich selbst und der Öffentlichkeit. Nun neigt man in der aktuellen Medienwelt leider gern zu entweder-oder-Wertungen. An ihrem Beispiel ist jedoch sichtbar, wie Licht und Schatten in einer Person enthalten sein können und gleichermaßen gesehen werden müssen.

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