In der Falle

Gestern setzte ich mich noch einmal an einen Text, den ich schon vor einigen Wochen begonnen und dann unfertig liegengelassen hatte. Die Ereignisse von Paris brachten die darin angesprochene Problematik nun, wieder einmal und diesmal besonders, nahe. Ich kam aber auch jetzt nicht soweit, dass ich den Text „fertig“ nennen könnte. Heute las ich dann diesen Kommentar, der sich mit einer ähnlichen Frage befasst. Er stellt auch die Frage nach dem „warum“, seine Wortwahl im letzten Abschnitt finde ich unglücklich, aber er richtet den Blick auf dasselbe Thema wie mein Text. Über die Frage geht er jedoch nicht hinaus. Ich stelle in meinem Text eine Hypothese zu möglichen Antworten auf. Ich glaube nicht, dass ich den Text jemals „fertig“ bekomme, das muss er auch nicht sein. Er soll zur Diskussion, zur Auseinandersetzung beitragen, und das dürfte er tun können.

Mit dem Veränderungsprozess des Islam, der in der Tat im Gang ist, beschäftigt sich auch dieser Artikel.
Hier also meine Überlegungen zu Fragen religiös motivierter Gewalt:

In der Falle

Immer wieder, immer wieder und wie es scheint unvermeidlich, fällt in Interviews, Schriften, Erklärungen und Berichten zu religiös motivierten Gewalttaten, Massakern und Völkermorden und ihren Hervorbringern die Formulierung des „wahren Glaubens“, des „wahren Korans“ oder ähnliches.

Sie kommt nicht nur von jenen, die ihrer Überzeugung entsprechend gewalttätig handeln, sondern auch von vielen, die sich von dieser Gewalt distanzieren. Das sei nicht der „wahre Islam“, das habe Allah nicht im Sinn gehabt, das erlaube die Bibel nicht, das könne man in dieser Sure, in jenem Kapitel oder wo auch immer in den heiligen Schriften nachlesen – usw. Niemand scheint auch nur zu erwägen, dass es genau diese Glaubensauffassung sein könnte, die immer wieder in dieselben Kämpfe führt, dass sie eine Falle ist.

Dahinter steht immer die Vorstellung einer höheren Autorität, die uns einen Auftrag bzw. Regeln gegeben hat, welche, meist schriftlich, niedergelegt wurden. Leider sind die entsprechenden Schriften in ihrer Gesamtheit, um es mal höflich auszudrücken, nicht eindeutig, aber gleichzeitig mit der Erwartung versehen, bei mehr oder weniger drakonischer Strafe befolgt zu werden. Das kann man mit gutem Recht ein Dilemma nennen. Denn was damit „in Wahrheit“ gemeint ist, ist schlicht und einfach unmöglich zu sagen. Es sei denn, man entscheidet sich für eine Sichtweise, die man zur Wahrheit erklärt.

Man kann ALLES aus dem Glauben rechtfertigen

Der springende Punkt dabei ist: Es ist EGAL, was irgendwo in irgendeiner heiligen Schrift steht. Es bringt uns nicht weiter. Auch die friedfertigen, toleranten Gläubigen aller Konfessionen müssen endlich anerkennen, dass man ALLES aus einer heiligen Schrift oder aus einem Glaubenszusammenhang heraus rechtfertigen kann, wenn man nur will. Die Berufung auf einen vermeintlichen höheren Willen führt immer in die Irre, denn letztlich geht es um unser Handeln, unser Wünschen. Es geht darum, was wir wollen. Wir können uns natürlich endlos darüber den Kopf zerbrechen, was „Gott“ wünscht, wie „seine“ Worte zu verstehen sind und wie wir demnach handeln sollen. Aber darum geht es gar nicht, es spielt schlicht und einfach keine Rolle. Das Bemühen, dem Willen Gottes zu folgen, ähnelt dem Flug eines Ballons in den wechselnden Winden. Denn auch wenn man noch so intensiv glaubt, man kann diesen, den „wahren“ Willen niemals ergründen. Man kann beschließen, ihn gefunden oder erkannt zu haben, und genau das tun wohl alle, die sich auf Gott berufen. Es hilft aber nichts. Es dient der Rechtfertigung des eigenen Handelns, wie „gut“ oder „böse“ es auch immer sein mag. Nein, wir selbst sind es, die verantwortlich sind, und wir haben unser Handeln vor einander zu verantworten. Die Behauptung, etwas für oder im Namen einer göttlichen Instanz zu tun, sagt gar nichts über ihre menschliche, ihre moralische Qualität aus. Sie lässt sich aber sehr leicht missbrauchen.

Der Koran, um das aktuellste Konfliktfeld zu betreten, verbiete Gewalt, behaupten nicht wenige. Der Koran verpflichte zu gnadenloser Härte gegen Andersgläubige, behaupten andere, wie wir wissen, und handeln danach. Auch wenn dieses aktuelle „Gewaltproblem“ mit dem Koran (oder seiner Missachtung) verbunden wird, ist es in allen Weltreligionen vorhanden, ja, selbst im „friedliebenden“ Buddhismus, wenn nicht momentan, so in der Vergangenheit und, latent, in manchen Gegenden der Welt, in der extremistische Buddhisten kaum weniger gewalttätig agieren als der IS. Sie alle berufen und beriefen sich in den vergangenen Jahrhunderten, auf den „wahren Glauben“.

Religionen sind mit Staatsführung überfordert

Es geht nun nicht darum, dass Gläubige ihrem Glauben, welchem auch immer, entsagen. Aber Religion muss, von den Gläubigen selbst und von den Gemeinwesen, Regierungen und Verfassungen die Aufgaben erhalten, die sie tatsächlich erfüllen kann und auch die Grenzen, die sie einhalten muss. Dass der Islam, wie jede Religion, mit Staatsführung und Politik hoffnungslos überfordert ist, spüren alle, wollen oder können es sich aber nicht eingestehen. Für die Organisation und geistige Fundamentierung eines modernen, humanen, pluralistischen, demokratischen, erst recht eines globalen Gemeinwesens taugen Religionen nicht, und zwar ganz egal welche. Sie alle stammen aus archaischen, feudalen oder nach meist streng patriarchalen Stammesprinzipien geordneten Gesellschaften und das prägt sie bis heute. Das autoritäre Prinzip ist ihnen allen gemein, mindestens in Bezug der Gläubigen zu ihrem Propheten, Gott oder ihren Göttern, fast immer aber tief in die Gemeinschaften und Familien hinein. Die fundamentalsten Menschenrechte müssen damit kollidieren, denn sie lassen solche Prinzipien hinter sich.

Der Ilsam selbst ist in einer Krise

Die zurzeit besonders sichtbaren Gewaltexzesse von religiös (nicht politisch) radikalisierten Muslimen sind auch ein deutliches Zeichen einer eskalierenden Krise des Glaubens im Islam. Die versuchte Auslöschung jeder Alternative oder Interpretation ist nicht die Ursache dieser Krise, sie sind ein Symptom davon. Warum ich das behaupte? Bin ich etwa ein Islam-Experte? Nein, bin ich nicht. Aber: Je dogmatischer eine Religion (oder Ideologie) praktiziert und geäußert wird, umso brüchiger sind ihre Fundamente, als um so gefährdeter empfindet sie sich. Die „Feinde“ werden allerdings nicht dort lokalisiert, wo sie sind, nämlich in den Verzweifelten selbst, sondern z.B. in der „sündhaften westlichen Bildung“ (Boko Haram). Dass der islamistische Terror sich vor allem gegen Muslime richtet, ist kein Zufall. In den Augen der Gotteskrieger kann niemand jemals gottesfürchtig, unterwürfig oder fromm genug sein, und das gilt auch für sie selbst. Sie sehen sich also einem unmöglichen Anspruch ausgesetzt, dem sie nur durch immer neue „Beweise“ ihrer Frömmigkeit irgendwie gerecht werden können. Mit den extremst denkbaren Mitteln versuchen sie den Zweifel am Glauben in sich selbst (und damit an ihrem eigenen Wert vor Gott) zu beseitigen. isaaks-Nur und ausschließlich ihr eigener Glaube ist der wahre Glaube, und er ist darüber hinaus dem extremen Gott niemals genug. Gestern wurde in einer IS-Hochburg ein einfacher Straßenzauberer festgenommen und für sein Vergehen umgehend öffentlich enthauptet. Sein Vergehen? Er war einer, der, um Passanten zu belustigen und zu verblüffen, die Wahrnehmung austrickst und Verwirrung stiftet. Daran kann man gut erkennen, dass Uneindeutigkeit und Zweifel von Fundamentalisten als existenzielle Gefahr empfunden werden und ausgelöscht werden müssen, vollständig, selbst in scheinbar völlig belanglosen Bereichen des Lebens. Die Verunsicherung in den Extremisten könnte gar nicht größer sein. Der verherrlichte Märtyrertod bedeutet in diesem Zusammenhang auch die ultimative Befreiung vom Zweifel. Aus der Falle der Verabsolutierung und gänzlichen Überantwortung an den extremen Gott scheint es keinen anderen Ausweg zu geben. Ohne Kampf, ohne unentwegten Treuebeweis und ohne Tod ist dieser Gott gar nicht denkbar. „Moderat“ sein heißt, sich an Gott versündigen. Jeder weiß, dass Islamisten selbst oft gegen ihre strengen „Regeln“ verstoßen, weil das gar nicht anders geht. Sie sehen sich also selbst „sündigen“ und müssen das so beschädigte Bild immer wieder korrigieren, statt die inhumanen und unerfüllbaren „göttlichen“ Ansprüche an sich und die Welt aufzugeben. Ein friedvoller „Islamischer Staat“ dieser extremen Prägung wäre ein Widerspruch in sich, genau wie eine friedvolle „Herrenrasse“ einer gewesen wäre – aber den Anspruch der Friedfertigkeit erheben/erhoben ja beide aus gutem Grund nicht. Die Ähnlichkeiten dieser beiden Ideologien und Lebensweisen erschöpfen sich beileibe nicht nur in diesem einen Feld, ich halte auch ihre Ursachen für sehr nahe Verwandte. Aber das wäre wieder ein eigenes Thema.

Um auf die Eingangsthese zurückzukommen: Die „heilige Schrift“ welcher Religion auch immer ist, z.B., in der Auseinandersetzung, die gerade stattfindet, nutzlos, weil tatsächlich jeder sie mit dem gleichen Recht für sich in Anspruch nehmen kann. Weil es darauf nicht ankommt, sondern auf das, was wir tun. Weil es nicht darum geht, wie wir wegen irgendwelcher Gebote, Schriften oder Vorschriften sein sollen, sondern wie wir sein wollen.

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2 Gedanken zu “In der Falle

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