Grüße aus dem Entgleisungsland an das Präsident Obama

 FAZ.net 15. Mai 2015

Amerika – Das Land der Entgleisungen
In Amerika kommen Züge auffallend häufig vom rechten Weg ab, auch wenn sie selten so tragisch ausgehen wie das Zugunglück von Philadelphia. Woran liegt das?

Winand von Petersdorff-Campen, Washington

Winand von Petersdorff-Campen, der Name klingt, wie einst die stolze Dampflokomotive geklungen haben mag, die sich auf dem Hindenburgdamm, den tobenden Nordseewellen trotzend, vom Festland her unbeirrbar der Insel Sylt entgegen warf und ihre Fahrgäste, beeindruckt von dem Schauspiel, doch trockenen Fußes, sicher am Ziel aussteigen ließ. (Züge entgleisen in Deutschland nicht häufig, aber bei Sätzen sieht das ganz anders aus, dieser Blog wurde einst aus diesem Grund ins Leben gerufen.) Hat etwa ein Mann von altem deutschem Adel seinen Artikel in Washington höchstselbst so schändlich hingeschludert? Oder hat er einen korrekten Text nach Frankfurt gekabelt, der erst dort verhackstückt (natürlich: „bearbeitet und gekürzt“) wurde, ohne auf grammatikalische und inhaltliche (!) Zusammenhänge und Notwendigkeiten zu achten? Es handelt sich bei diesem ersten TextausZUG ja nicht um den eigentlichen Artikel, sondern um Überschrift und Unterzeile (für die es sicher irgendeinen journalistischen Fachausdruck gibt, den sich aber auch die FAZ erst verdienen müsste). Wie könnte der Text also, falls das Letztere zutrifft, gelautet und was könnten sie (WER? Eine Redakteurin? Ein Redakteur? Ein achtjähriger Praktikant aus der Spider-Man-Grundschule Frankfurt-Sachsenhausen?) damit angestellt haben?

Zunächst einmal: Wer oder was geht denn hier tragisch aus? Dem Text zufolge sind es Züge. Die Züge gehen also aus, und zwar tragisch. Wie ein Lichtlein in dunkler Nacht. Ja, brennen sie denn, die Züge, und zwar bevor sie vom Weg abkommen, und dass sie ausgehen, ist tragisch, nicht etwa ein glücklicher Zufall? Das beantwortet uns der Text nicht. Nach der Logik, die der Anwendung der Grammatik folgt, gehen auch Zugunglücke aus, und dass sie tragisch ausgehen, ist tatsächlich keine Seltenheit, sonst hießen sie ja nicht Unglücke, sondern Unfälle oder Vorkommnisse. Aber gehen sie auch aus wie jenes Lichtlein, tragisch oder nicht? Nee. Nee. Und nochmals: Nee. Dieser Zug ist ohne Zweifel vom rechten Weg abgekommen, und er fährt mit Volldampf nach Nirgendwo.
Wie aber könnte dieses … Zeug einmal geschrieben oder zumindest gemeint gewesen sein? Eine naheliegende Möglichkeit: In Amerika kommen Züge auffallend häufig vom rechten Weg ab. Solche Unfälle kommen in den USA immer wieder vor, auch wenn sie selten so tragisch ausgehen wie das Zugunglück von Philadelphia. Woran liegt das?
Ja. Woran liegt das bloß, dass die FAZ ihren Lesern vollkommen sinnloses Kauderwelsch vorsetzt, nur weil, vermutlich, ein Satz gekürzt werden muss? Doch damit ist unsere Irrfahrt mit diesem entgleisten Stahlross noch lange nicht vorbei.

Der Zugführer hatte nach Erkenntnis der zuständigen Behörde aus bisher ungeklärten den Zug kurz vor der Einfahrt in eine Kurve auf 108 Stundenmeilen beschleunigt …
AUS BISHER UNGEKLÄRTEN WAS BITTE? Wir wissen, was ihr uns sagen wollt. Warum sagt ihr es uns dann nicht?!? Will man uns vielleicht quälen? Immerhin ist FAZ.net kostenlos zu kriegen … Ist denn wirklich niemandem bei der FAZ aufgefallen, dass da ein Wort fehlt, ein ganzes, wichtiges? Der Damm, der sichere, er ist schon außer Sichtweite, und der Zug rast unerbittlich fort und fort.

Auffällig geht es weiter, ein anderes Gleis scheint gefunden, die Strecke zwar erst einmal wieder gerade, aber das ist ein stillgelegtes Gleisbett, die verrotteten Schienen haben Buckel, Spalte und Löcher, die kaum zu sehen sind, einem aber beim Drüberfahren/-lesen durch die Wirbelsäule hindurch bis zur Schädelbasis schlagen:
… Deren Chef Joseph Boardman  kündigte unterdessen an, nun ein entsprechendes System  bis zum Jahresende zu installieren. Auch ohne die Kürzung   galt Amtrak schon als unterfinanziert. Nochmal, und jetzt mit rotem Aufkleber „Hier ausbessern“:
„… Deren Chef Joseph Boardman··kündigte unterdessen an, nun ein entsprechendes System··bis zum Jahresende zu installieren. Auch ohne die Kürzung···galt Amtrak schon als unterfinanziert.“
Doppelte Leerzeichen finden sich in Manuskripten häufig, sie unterlaufen eigentlich jedem beim Tastaturschreiben, auch bei ungeschickten oder nachlässigen Textumstellungen per copy- and-paste bilden sie sich gern. Sie werden von jeder, wirklich jeder Textkorrekturfunktion gefunden und berichtigt. Wenn man sie benutzt. Hier sind es in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen ganze drei, eine der Stellen sogar mit drei Leerzeichen. Insgesamt gibt es in diesem nicht gerade umfangreichen Text FÜNF solche Stellen. Nein, niemand in der Textschöpfungskette bei FAZ.net benutzt anscheinend die Korrekturfunktion seines Computers. Dieser Zug wird noch mit Kohlen befeuert, und spätestens hier wird den Mitreisenden klar: Da vorn im Führerstand, da steht ein Alkoholiker; er haut fröhlich singend eine Schaufel Kohle nach der anderen unter den Kessel, und die nächste Kurve, sie ist schon in Sicht. Und sie ist verdammt eng. Zu eng, viel zu eng für diesen schweren, schnellen Zug. Wer sich ein bisschen auskennt mit der Sache, der weiß jetzt: Hier kommt keiner mehr heil raus.

Wichtige Anmerkung: Der Anblick des nächsten Zitates ist nicht für die Augen von Kindern und Jugendlichen geeignet. Bitte tragen sie dafür Sorge, dass Ihre kleinen Goldstücke stattdessen irgendwelche Massaker auf der X-Box verüben oder ihre Whatsapp-Chats ungestört weiterführen 🙂 :-(( :-)) 😉 !

Ich werde die schwer zu ertragenden Beschädigungen des folgenden Satzes weder aufzählen noch berichtigen, denn schließlich werde auch ich unter den Opfern dieses unabwendbaren finalen Unglücks sein und muss mich um meine eigenen Beschädigungen kümmern. Hier also der unheilvolle Satz:

Präsident Barack Obama ließ die Gelegenheit nicht ungenutzt, als es aus Camp David verlauten ließ, die Unfallursache sei zwar nicht abschließend geklärt.

Brazzzzzzzzzz. Kaboooooom. Wunk wunk. Craaash. Dooonk. TakTakTakTakTak. Queeeeeze. Pshhhhhhhhh.

Plink.

Mark Twain hat zwar wie viele Amerikaner und andere Nicht-Deutschsprachige staunend vor der deutschen Sprache gestanden und unter ihr, beim Versuch, sie sich anzueignen, nicht selten gelitten, doch niemand, ob deutscher oder fremder Zunge, hat über das Deutsche so witzig und scharfsinnig gespottet wie er. Unter anderem beklagte er sich vor dem Wiener Presseklub auf unnachahmlich komische Weise über die Schrecken der deutschen Sprache bzw. des Umgangs der Presse mit ihr: Deutsche Bücher sind recht einfach zu lesen, wenn man sie vor einen Spiegel hält oder sich auf den Kopf stellt, um die Konstruktion herumzudrehen, aber eine deutsche Zeitung zu lesen und zu verstehen wird für den Ausländer wohl immer eine Unmöglichkeit bleiben.
Tauschen wir mal „Zeitung“ gegen „Online-Zeitung“, dann rufe ich ihm mit schmerzverzerrten Zügen nach: „Das, hoch verehrter Kollege, geht uns Deutschen ganz genau so!“

In Deutschland kommen Sätze auffallend häufig vom rechten Weg ab, manchmal gehen sie sogar noch tragischer aus als das Satzunglück von Frankfurt. Woran liegt das?
Michael Wäser, Berlin

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