Was Mörder macht

Sowjetrussischer Serienmörder und Islamischer Staat, Anders Breivik und Hitlers willige Vollstrecker – Citizen X und Das Lachen der Täter DSCF2881 Der wohl schmerzhafteste Moment dieses Films ereignet sich, als er beinahe zu Ende ist. Es ist zugleich sein schönster und erschreckendster Moment. Und vermutlich einer der erhellendsten in der Filmgeschichte, wenn es um die Kräfte geht, die aus Menschen Mörder machen oder eben nicht.

In dem US-amerikanischen TV-Spielfilm „Citizen X“ von 1995 geht es um den authentischen Fall des Serienmörders Chikatilo, der von den siebziger bis neunziger Jahren in der damals sowjetrussischen Stadt Rostow über fünfzig Minderjährige bestialisch missbraucht und ermordet hat. Nach quälend langwierigen und erfolglosen Ermittlungen des mit der Tätersuche betrauten Gerichtsmediziners, die erst vorangekommen sind, nachdem Gorbatschows Perestroika die kommunistischen Seilschaften der Stadt und des Oblast größtenteils weggefegt hat, sitzt der Täter in der Verhörzelle und will weder reden noch gestehen. Was die Zuschauer des Films bis zu diesem Punkt miterleben mussten, ließ ihnen mehr als einmal die Haare zu Berge stehen. Nicht nur, weil sie Zeuge mehrerer dieser Morde wurden, sondern auch Zeuge der Halsstarrigkeit, mit der die Parteifunktionäre die Ermittlungen über mehr als zehn Jahre hinweg knebeln, instrumentalisieren, beeinflussen, ja verhindern, nur damit nicht publik wird, dass es in der Sowjetunion, genau wie im „dekadenten Westen“, Serienmörder gibt. Nicht wenige Kinder verloren auch deshalb ihr Leben, der Ermittler erlitt mehrere Nervenzusammenbrüche, ein leichtfertig Verhafteter erhängte sich in seiner Zelle. Kurz vor Schluss nun ist der mutmaßliche Täter gefasst und soll gestehen, weil man ihm die Verbrechen nicht nachweisen kann. Doch er schweigt oder weicht dem hilflosen Druck des Parteikommissars aus, indem er über Banalitäten redet.

Zum ersten Mal im Leben

Nur weil Chikatilo bald wieder freigelassen werden müsste, willigt der Kommissar ein, einen Psychiater hinzuzuziehen, der Jahre zuvor, geheim und an der Partei vorbei, auf Wunsch des Ermittlers ein psychologisches Profil des Täters erstellt hatte. Er hatte, und das ist bedeutsam, die einzige Sprache zu entziffern versucht, in der der Täter sich mitgeteilt hat: die seiner Taten. Dieses Papier liest der Psychiater nun dem Verdächtigen vor, nicht ohne ihm vorher aufrichtig zu gestehen, dass er so etwas noch nie zuvor getan und deshalb Angst habe. Kaum hat der Psychiater begonnen, seine Vermutungen über die Geschichte des Mannes, die Ursachen und Ausprägungen seiner Störung, die sich in den spezifischen Handlungen bei seinen Morden ausdrückten, demnach über dessen Persönlichkeit auszusprechen, wird in den Augen des Mörders etwas zutiefst Erschütterndes sichtbar, etwas, das ihm offensichtlich unbekannt ist und mit dem er nicht rechnet: Er, der Kindermörder, erkennt, dass zum ersten Mal in seinem Leben sich jemand  bemüht hat, ihn tatsächlich zu sehen. So wie er war und wie er wurde. Nicht so, wie er nach Ansicht der Partei, seiner Eltern, der Kirche, seiner Lehrer, seiner Arbeitskollegen, seiner Frau, vielleicht sogar von sich selbst, war oder hätte sein sollen. Seine Sprache, die einzige, die ihm anscheinend zur Verfügung stand, ist verstanden worden. Das mag für unsereins bereits nach dem Konsum einiger Folgen von „Criminal Minds“ wie eine Plattitüde klingen, eine Selbstverständlichkeit, soll auch nicht mit Akzeptanz von Taten verwechselt werden, ist aber von weitreichender Bedeutung. Die Bestürzung über sein Erkennen fließt, auch beim Zuschauer, in jene über die Tat, über seine gesamte Existenz, und dann auch buchstäblich in Form bitterer Tränen über das Gesicht des Täters, als dessen lebenslange Abwehr zusammenbricht. Er weint. Nicht aus Reue. Aus Erleichterung, wenn man so will, aus Erlösung. Und man möchte mit ihm weinen über ihn, über seine Opfer, und vor allem über die bestürzende Wahrheit, die hier offenbar wurde. Die Wahrheit, dass all das nicht hätte geschehen müssen, wäre nur früher jemand da gewesen, jemand wie der alte Mann, da vor ihm am Tisch.

Lachende Männer

In seinem neuen Buch „Das Lachen der Täter“ befasst sich Klaus Theweleit mit dem titelgebenden und oft zu beobachtenden Emotionsausbruch von Mördern, Schlächtern, Terrorsoldaten, Amok-Killern. Es sei ihm immer wieder aufgefallen, schreibt er, dieses offensichtlich unangemessene Lachen, immer wieder, wenn von solchen Taten berichtet wurde oder wenn Täter selbst sich zeigten, während oder nach ihrer Tat. Er sammelte unzählige solcher Berichte und Beobachtungen. Der Amokmörder Breivik in Oslo lachte, ja jubilierte geradezu in höchster Lust, während er auf der Ferieninsel einen jungen Menschen nach dem anderen wie Kaninchen abschoss. Die „Gotteskrieger“ vom IS, aber auch anderer islamistischer Terrororganisationen, sieht man auf ihren eigenen Videos immer wieder lachen, bevor, während oder nachdem sie Gefangene abschlachten wie Vieh – oder schlimmer. Den Massakern in afrikanischen „failed states“ sind immer zwei Tonspuren unterlegt: die Schreie der Opfer und das Lachen der Täter. Es gibt zahllose solcher Beispiele, und Theweleit weist auch darauf hin, dass es sich bei den Lachenden nicht zufällig fast ausschließlich um Männer handelt. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, womöglich aber etwas Mut oder Aufrichtigkeit, auch diesem Lachen seine befreiende Eigenschaft zuzugestehen, die dem Lachen im Allgemeinen zugeschrieben wird.

Eine Verbindung

Gibt es in vergleichbarem oder auch nur sichtbarem Ausmaß auch Berichte von solcherart „überzeugten“ Tätern, die bei ihrer Tat weinen? Nein, die gibt es nicht. Und auch das hat einen wichtigen Grund. Denn während das (reale) Täterlachen die angesammelte innere Spannung entlädt bzw. ihre Entladung durch die Tat begleitet und vollendet, ohne die Spannungsquelle zu entladen und letztlich, auch vor dem Täter selbst, zu entblößen, öffnet das (filmische) Weinen das verschlossene Gehäuse, das Chikatilo in sich herumgetragen und das ihn mehr und mehr zum Monster hat werden lassen, weil er es nicht selbst hat öffnen können. Dasselbe Gehäuse, dieselbe Quelle des Inhumanen, wie es auch die jubelnden islamistischen Terroristen in sich tragen, aber lieber töten, lieber sterben, als es zu offenbaren. Dasselbe? Was verbindet diesen mordenden spätsowjetischen Erbärmling mit den tollwütigen Kampfhunden des IS?

Gewalt, Dogma und Gleichgültigkeit

Was sie eigentlich alle verbindet, ist die anti-individualistische soziale Umgebung, in der sie aufwuchsen und in der noch heute Milliarden aufzuwachsen gezwungen sind. Umgebungen, in denen die Moral, die Ideologie, die Religion oder die Tradition wichtiger sind als der Mensch, so wie er eben ist, werden will und werden kann. Manchmal ist es auch Gleichgültigkeit, oder besser Missachtung, in deren Gestalt das Zerstörende erscheint und wirkt, aber die dürfte selten allein ausreichen, um derartige Schäden anzurichten. Theweleit weist darauf hin, dass demokratische Gesellschaften auffällig viel seltener solche Menschen- und Männertypen hervorbringen als dogmatische, undemokratische, gewaltgeprägte. Das ist eine entscheidende Beobachtung. Denn mit der Etablierung demokratischer Prinzipien, zu denen im besten Fall auch die Durchsetzung von Gewaltfreiheit in Erziehung und Gesellschaft insgesamt gehört, aber eben auch das Akzeptieren von gleichen Rechten, Vielfalt und Interessenausgleich, entfallen mehr und mehr diejenigen Faktoren, die dem Individuum unerträgliche Fesseln anlegen, ihm aus purer Willkür Selbstverleugnung, Unterordnung und die Akzeptanz von Gewalt gegen sich und andere abverlangen. Dass also der „entfesselte“ Tätertyp so massenhaft in Regionen und sozialen Zusammenhängen in Erscheinung tritt, wo unerbittliches Dogma, rigorose Moral und Religiösität, ideologischer Extremismus oder schlicht und einfach Gewalt, meist (auch) gegen Kinder, die Regel sind, kann man nicht ignorieren. Denn all diese Faktoren laufen darauf hinaus, das Individuum zugunsten einer anderen Instanz zu zerstören, es bedeutungslos zu machen. Sie entspringen der Vorstellung, ein entwickeltes Individuum stünde im Widerspruch zu der angestrebten Ordnung, und sei diese Ordnung auch die pure Barbarei. Die Männerhorden, die in Indien und Pakistan über meist nicht-traditionelle Frauen herfallen, die sie für „Huren“ halten, sind nicht dafür bekannt, dabei „gebührenden Ernst“ walten zu lassen. Was diese Männer eint, ist vor allem ihre anerzogene Unkenntnis und Angst gegenüber den Frauen, die sie sich nur innerhalb eines traditionellen, streng hierarchischen Rahmens vorstellen können. Das Deutschland, das den Nazi-Horror hervor- und über die Welt brachte, misshandelte in den Jahrzehnten zuvor massenhaft seine Kinder und nannte erbarmungslose, demütigende und brutale Disziplinierung „Erziehung“. Die lachenden, vor Verzückung glühenden Gesichter derer, die ihren Arm dem Führer entgegenstreckten, waren vor allem auch das Negativbild dieser Deformation in ihrem Innern. Hier fanden sie endlich ihr „Heil“, glaubten sie bis zum Schluss. Sie offenbarten sich eben nicht.

Deformation und Fragmentierung

Chikatilo ist nicht die einzige Figur in „Citizen X“, die deformiert ist, und die kurze, aber einfühlsame Analyse des Psychiaters lässt wenigstens ahnen, dass das Übel, welches den Kindermörder schon als Kind selbst zerstörte, über das rein politisch-Gesellschaftliche hinaus geht. Deformiert sind alle Figuren des Films, manche mehr, manche weniger, deformiert von dem ideologisch-korrupten Mangel- und Lügensystem der Sowjetunion, von Grobheit und Ignoranz gegenüber dem Einzelnen. Am unverstelltesten sieht man das am Antipoden des Killers, dem Ermittler, der eigentlich ja gar kein Polizist ist. Er hat keine „Strategie“ entwickelt, kein Schutz-Ich, sei es Brutalität, Härte, Schlauheit oder auch nur Unterwürfigkeit, nein, er hat sich zurückgezogen, in den Keller, in die Pathologie. Seine gedemütigte, zutiefst desillusionierte Figur mit den hängenden Schultern und den tief liegenden, von dunklen Ringen umzogenen Augen erzählt deshalb besonders viel von der Existenz in einer dogmatisch-antiindividuellen Diktatur – ob wie hier in einer staatlich-ideologischen, religiös-moralischen oder familiär brutal-unterdrückerischen (oder mehreren gleichzeitig) spielt eigentlich keine Rolle. Der Einzelne, schon als Kind, erlebt in solchen Verhältnissen zahllose, oft massive Übergriffe seiner Umgebung. Übergriffe, die seine Eltern und Familie, seine religiöse Gruppe, seine Lehrer und Erzieher glauben, vornehmen zu müssen oder zu dürfen. Manchen gelingt es, solche Prägungen nicht in irgendeine Form von eigener Gewalttätigkeit münden zu lassen, aber nicht vielen. „Harmlos“ findet man vielleicht, aber ohne Grund, Gewalt gegen sich selbst, Gewalt als Spaltung des Ichs, als private Perversion, Sucht oder Depression. Dann aber eben: Gewalt entweder (im Rahmen der bestehenden Verhältnisse), die traditionell und strukturell fortbesteht und akzeptiert, ja erwartet wird, oder auch angestaute, überschießende Gewalt, die sich kaum noch steigern lässt, und die in ihrer Ausübung dem lebenslang Deformierten Entladung bringt, ihn triumphieren und lachen lässt. (Das Erleben des „shoot out“ am Ende des traditionellen Westerns und modernen Actionfilms ist durchaus auch eine zivilsierte, sublimierte Variante dieser Entladung wie auch des entladenden, beglückenden Orgasmus‘, der aber den schlimm Deformierten nicht zuganglich oder nicht ausreichend ist.) Wie Theweleit schon in seinen „Männerphantasien“ schrieb, leben diese Männer in der permanenten Angst, zu „fragmentieren“ – was in etwa gleichbedeutend ist mit dem Zusammenbruch jener Abwehr beim schluchzenden Chikatilo. Diesen gilt es, durch wiederholte Bekräftigung zu verhindern, also durch blutigen Mord, der die Schwelle zur Rückkehr von Mal zu Mal erhöht oder sie für immer unmöglich macht. Morden oder sterben. Nichts sonst.

Was es ist

Das verhängnisvolle Missverständnis gegenüber Phänomenen wie der Gewalt des IS ist, dass es sich vorrangig um eine „Ideologie“ handele, um quasi folgerichtige, strategische Gewalt, denn das ist sie nicht. Sie ist eine Gelegenheit. Die deformierten Persönlichkeiten finden in ihr den Handlungs- und Entladungsraum, den sie suchen. Das machte und macht diese Organisationen und Situationen so „attraktiv“ für bestimmte – Männer. Diese Täter sind nicht im eigentlichen Sinn gläubig, sie sind nicht linientreu, sie fühlen sich dabei nur besser.

Augen auf/zu

Warum es ausgerechnet und mit verschwindend wenigen Ausnahmen heute und in vermutlich allen Zeiten Männer waren, die auf Deformation ihrer Persönlichkeit auf diese blutig-gewalttätige Art reagieren – Frauen/Mädchen werden nicht weniger deformiert, aber in anderer Weise und mit anderen, selbstverständlich auch destruktiven Folgen – muss dringend weiter untersucht und verbreitet werden. Frauen haben an der Aufrechterhaltung der deformierenden Umstände immerhin großen Anteil und sind darin, auch wenn die Rahmenbedingungen gerade in solchen Gesellschaften von Männern gesetzt werden, nicht untätig. Die Augen davor zu verschließen, dass Milliarden von Menschen unter inhuman deformierenden Bedingungen aufwachsen und leben, wäre allerdings unabhängig davon, ob es Männer oder Frauen sind, ein fataler Fehler, und zwar für uns alle. Die Folgen bisheriger Ignoranz haben wir nicht erst seit dem 11. September zu spüren bekommen.

Der Psychiater, der am Tisch sitzend mit dem Massenmörder die Augen nicht verschließt, findet keinerlei Trost und keine Wiedergutmachung des Horrors, er übt auch keine moralische Entrüstung oder sucht Distanzierung. (Ein deutscher Film-Psychiater in einem ähnlichen Fall, „Der Totmacher“, tut genau das und scheitert, ebenso wie später sein ganzes Land, an seiner Ignoranz.) Aber gerade deshalb zeigt der alte Mann, dieser fiktive russische Psychiater, einen Weg hinaus aus dem unsäglich Dunklen. Einen langen, schmerzvollen, risikoreichen Weg, aber vermutlich den einzigen.


Info: „Citizen X“ ist in Deutschland nicht im Handel erhältlich, die DVD nur im Original als Importware, die deutsche Synchronfassung läuft selten im TV. Vor kurzem ist er von HBO auch auf youtube verfügbar gemacht worden, ebenfalls in der Originalfassung. (Mit Stephen Rea als Pathologe, Donald Sutherland als Polizeichef, Jeffrey DeMunn als Chikatilo und Max v. Sydow als Psychiater. Buch & Regie: Chris Gerolmo (Mississippi Burning) nach dem Buch „The Killer Department“)

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