Lügenpresse – Endkampf um den Sonntagsbraten

DSCF8628Ich wuchs auf in einem anderen Land, damals in den Sechzigern und Siebzigern. Das Land hieß BRD, im feinen Unterschied zur DDR, und entsprach doch sehr dem Klischeebild vom Land der arbeitsamen Holzköpfe und engherz- und -stirnigen Kriegsüberlebenden. Die gesellschaftliche Revolution aus den Universitäten in Frankfurt, Tübingen, München und Berlin kämpfte tiefer im Land einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die ZDF-Hitparade und den Sonntagsbraten (welche zugleich als Verkleidung und als Manifestation der allgegenwärtigen Traumatisierung der Kriegs- und Nachkriegsgeneration dienten). Dieses Land gibt es nicht mehr. Oder besser gesagt: Generationenwechsel und die politische Kontinentalverschiebung, die seit Ende der Achtziger das Gesicht der Erde veränderte, haben es in ein paar kleine, bedeutungslose Inseln am Rand der Landkarte zersplittert. An seine Stelle hat sich ein Land geschoben, das viel größer, mächtiger und machtbewusster ist als die beiden alten Länder, aber auch sehr, sehr viel lässiger. Trotz Helikoptereltern und Pegida. Ja, echt!

Kürzlich meinte die Hamburger Journalistin Anja Reschke zu dem Phänomen, dass in letzter Zeit öfter der Vorwurf gegenüber den Medien zu hören ist, sie seien politisch gelenkt und würden nur Lügen verbreiten, sie könne sich das eigentlich nicht erklären, denn noch nie hätten die Medien in Deutschland so wenig unter politischem Einfluss gestanden wie in den Jahrzehnten seit dem Ende der achtziger Jahre. Mit dieser Beschreibung dürfte sie richtig liegen. Die Vorwürfe, die so laut geäußert werden, dass sie nicht zu überhören sind, dürften aber kaum von denen kommen, welche die verfügbaren Medien – und die sind so zahlreich und vielfältig wie nie zuvor – tatsächlich zur politischen Meinungsbildung nutzen. Sie kommen von den versprengten Inseln, wo man niemandem traut, der nicht so denkt wie man selbst.

Die Bewohner dieser Inseln haben den Wandel der deutschen Gesellschaft zu einer mehrheitlich und überzeugt pluralistischen nicht mitvollzogen und lehnen ihn zutiefst ab. Wenn sie „Lügenpresse“ schreien, findet Gero von Randow in der ZEIT, wollen sie sich selbst überhöhen und sich Bedeutung verschaffen. Mag gut sein, aber warum? Weil sie keine Bedeutung mehr haben. Sie finden ihre politischen Positionen, anders als früher, zu Sonntagsbratenzeiten, eben nicht mehr in den etablierten Medien wieder. Niemand in den im Vergleich zur alten BRD und erst Recht zur DDR zivilisierten aber eben nicht gleichgeschalteten Medien pöbelt Ressentiments heraus – nicht weil man sich das nicht traut, denn dafür gibt es Möglichkeiten genug, sondern weil unsere Gesellschaft das – Ausnahmen gibt es – hinter sich gelassen hat. (Nicht mal mehr die früher so genannte „Springer-Presse“ hetzt hemmungs- und pausenlos gegen Minderheiten. Die BILD vergreift sich fast als einzige zwar bewusst im Ton, aber kaum permanent.) Viel mehr Menschen hierzulande sind z.B. Flüchtlingen gegenüber eher mitfühlend, als dass sie sie aus- oder einsperren wollen. Hassparolen verfangen nicht mehr. Die Pegida-Protestierer und facebook-Hetzer fühlen sich, völlig zu Recht, nicht repräsentiert vom Mainstream. Deshalb behaupten sie einfach, all die liberalen, multikulturell verwurzelten, von der alten deutschen Spießbürgerlichkeit wie von ideologischer Fixierung jeder Richtung weit entfernten Kräfte, die sich im ganzen Land verwurzelt haben, seien nichts als Lug und Trug, gesteuert von obskuren, politisch-ökonomischen Konglomeraten, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Das ist tatsächlich so absurd, wie es klingt, aber wenn man lange Zeit auf einer einsamen Insel verbringt, kann man schon mal einer Halluzination aufsitzen.

Ihre Randständigkeit macht die deutschen Rednecks und Sozialismusnostalgiker sicher nicht harmlos, das zu glauben wäre z.B. angesichts der Angriffe auf Flüchtlingsheime gefährlich. Sie bilden mangels Repräsentation auch schon fleißig eigene Mediennetzwerke. Die verarbeiten, entsprechend ihrer Zielgruppe, linke und rechte Extreme zu einer obskuren Verschwörungssuppe. Aber der Kern und die große Mehrheit der Bevölkerung haben seit der Wende eine beachtliche demokratische Stärke und Tiefe entwickelt, die es so vorher nicht gab, als man in beinahe jedem „braven Bürger“ einen klammheimlichen Nazi oder Antidemokraten vermuten musste. Besonders streitlustig waren die Deutschen noch nie, das dürfte die notwendigen Debatten beeinflussen, aber es verhindert sie nicht, auch nicht in Zeiten der Großen Koalition. Vielleicht schaffen wir es ja wirklich, die Lage zu meistern, ohne dass Hysteriker und Bluthunde allzu großen Schaden anrichten. Ach, und die Herren Islamisten wollen wir ja auch nicht vergessen.

Natürlich ist die deutsche Medienlandschaft keine Insel (!) der Seligen. Aber sie ist ganz bestimmt kein Schoßhündchen irgendwelcher (Die USA! Das Finanzkapital! Die Regierung!) heimlich agierenden Mächte. Dazu ist sie alles in allem viel zu divergent, dynamisch und eigenständig. Gegen Einflussnahme wehrt sie sich außerdem. Und es gibt ja auch noch das Internet, die investigativen Blogger, die ausländischen Medien usw. Zeit also, kritisch zu bleiben und von den „Lost Islands“ runterzukommen, denn es gibt viel zu entdecken, da draußen in der Fremde, im Deutschland des 21. Jahrhunderts.

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2 Gedanken zu “Lügenpresse – Endkampf um den Sonntagsbraten

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