Nur ein Bild

zum besseren Betrachten bitte anklicken
Zum genaueren Betrachten bitte anklicken. Quelle: National Gallery, London

 

Es ist früh am Morgen, der Kaffee ist bereit, seine Treibladung zu zünden, die ersten Mails fliegen ein. Darunter, wie jeden Tag, ein Bild. Quasi im Abo bekomme ich jeden Morgen eine kleine Reproduktion eines Gemäldes geschickt, irgendetwas aus der Kunstgeschichte dieser Erde, eine liebgewonnene Gewohnheit ist es mir so geworden, morgens mit als erstes einen Blick auf Kunst zu werfen. Und dann das. Ich kenne das Bild, schon seit langer Zeit. Schon damals, ich muss noch Schüler oder Student gewesen sein, hat es mich geflasht. Jetzt ist es wieder da. Viel ist geschehen auf der Welt, seit damals. Und noch immer brennt mir das Bild im Gemüt, wenn ich es ansehe, es brennt und wärmt zugleich, begeistert und erschreckt. Dabei ist es ein echt ödes Bild, eine kleine Holztafel mit Farbe darauf, viel passiert da nicht, eigentlich gar nichts. Da sitzt einer und liest. Drumherum nichts, ein Haus, ein großer Innenraum vielmehr, ein Löwe schlendert entspannt da herum, ungewöhnlich, aber überhaupt nicht dramatisch, der Kerl, der liest, lässt sich davon nicht stören. Vögel flattern an den glaslosen Fenstern, draußen Italien, der warme Sommerwind durchweht das Haus, man möchte sich einfach ein kühles Getränk mixen und vielleicht ein bisschen den zahmen Löwen kraulen. Oder sich ebenfalls eins der Bücher schnappen und lesen. Und den Löwen kraulen.

Was, verdammt nochmal,  ist daran so aufregend, ja erschreckend?

Das Bild ist ein allegorisches Bild. Antonello hat darauf vor weit über 500 Jahren eine Idealvorstellung formuliert. Wenn man so will, das Ideal des aufgeklärten Menschen. Lange, lange vor der Aufklärung. Der Mensch, den er damit meinte, ist nicht der, den er malte. Er malte den Kirchenvater Hieronymus, den „heiligen Hieronymus“, den man wohl gemeinhin hauptsächlich wegen dieser Löwensache kennt, wenn überhaupt. Das spielt hier keine Rolle. Er meinte keinen real existierenden Menschen mit Adresse und Hausnummer. Antonello hat einen Geist gemalt, eine Geisteshaltung besser gesagt, etwas sehr Abstraktes, weshalb er es mit wirklich allem repräsentiert, was auf dem Bild zu sehen ist, nicht nur mit dem Mann in der Mitte. Selbst mit dem, gemalten, „Rahmen“ – den Mauern des Durchgangs, der den Blick ins Gebäude gewährt.

Es ist ein solides Gebäude. Und dennoch ist es auffallend großzügig und offen. Da scheint es rein gar nichts zu geben, was einen hindern könnte (oder wollte), hindurch zu laufen, irgendwo anders hin zu gelangen, sich innen wie außen frei zu bewegen. Nicht einmal der Löwe. Die Vögel verkörpern diese Ungebundenheit sicher am deutlichsten. Das ganze dargestellte Gebäude ist die reinste Einladung, darin frei umher zu wandeln, neugierig zu sein, sich jede mögliche Perspektive zu erschließen, dieses und jenes zu betrachten, hinaus zu gehen und wiederzukehren. Überall wächst etwas, grünt, treibt aus. Pflanzen, kleine Bäumchen in Schalen drinnen, die Vegetation der Landschaft draußen. Sogar für den „eitlen“ Pfau ist hier Platz, alles halb so wild. Der Mann, der da sitzt und liest, auch er schließt sich nicht ab. Er sitzt aufrecht, aufmerksam – offen. Er hält Distanz zu dem, was er liest. Das ist keiner, der mit wiegendem Kopf heilige Verse büffelt, auch wenn auf dem Regal über ihm der Heiland am Kreuz baumelt. Auch der hat eben Platz hier. Nein, das ist ein Fragender, ein Denkender, ein Forschender. Die Bücher, die ihn umgeben, vermauern ihn nicht. Die stehen bereit, hervorgeholt zu werden. Sein herausgehobener Platz, dieses Podest, diese Studierecke, sie ist wie das ganze Haus offen, aus ihr kommen Dinge ebenso leicht heraus wie in sie hinein, Dinge, Menschen, Gedanken.

Schaue ich mir dieses Bild an, empfinde ich jedoch nicht nur das Gefühl der Freiheit, sondern auch das der Friedfertigkeit. Und das ist sicher kein Zufall. Woran sollte sich hier ein Streit, nein, ein Kampf entzünden, Gewalt, Krieg? Das Gefühl entsteht wohl auch nicht trotz der Anwesenheit eines Löwen, sondern gerade ihretwegen. Die wilde Kraft ist nicht ausgeschlossen, sie ist zivilisiert. Antonellos freigeistiges Ideal ist daher nicht zu verwechseln mit Libertinage. Es gibt hier kein Chaos, keine Unordnung, in dieser Hinsicht gleicht das Bild ein bisschen den sauber aufgeräumten Kinderzimmern aus dem IKEA-Katalog – so etwas gibt es im wirklichen Leben einfach nicht. Antonellos Bild zeigt eben keinen realen Raum und bezieht sich auch auf keinen. Es ist eine Allegorie. Das Chaos zählt für ihn zum Gebiet des Realen, nicht des Ideellen. Wir heute würden da widersprechen, wenn auch nur ganz milde und ziemlich kleinlaut.

Schauen Sie sich das Bild einfach eine Weile lang an. Betrachten Sie die einzelnen Elemente, die Tiere, die Bücher, die Gegenstände, den Mann, die Bücher. Dann spüren Sie wahrscheinlich dieses angenehme, leichte, befreiende Gefühl. Und irgendwann vielleicht auch, so leid es mir tut, den Schrecken. Darüber, wo wir sind. Wir, heute. Ob wir unser Gebäude mit diesem da vergleichen können. Das hier soll kein pauschales Gejammer über den Zustand der Welt werden. Es hilft aber, sich eines Ideals zu vergewissern, wenn man die Realität einschätzen will. So wie Ist- und Sollwert. Entdecken wir in dem Bild viel von unserer Welt? Ist das unser Gefühl, wenn wir Nachrichten lesen/hören/sehen? Haben wir es heute weniger als Antonello mit Leuten zu tun, die ihre Nasen so tief in ihre heiligen Bücher stecken, dass die Welt um sie herum bedeutungslos wird, nur noch ein Störfaktor? Deren Gehäuse kein offenes Anwesen ist, sondern ein Bunker, eine Trutzburg, ein Gefängnis für alles und jeden? Antonellos hunderte Jahre alte Vision erscheint heute wie ein ferner, naiver  Traum. Schauen Sie sich das Bild bitte lange, lange und ausgiebig an. Es hilft. Sogar besser als Kaffee.

 

Hl. Hieronymus im Gehäus (Antonello da Messina) Entstanden: um 1456
National Gallery, London
Holz, 46 x 36 cm

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