offen / maskiert

eiKirchenvertretern, speziell katholischen, aber im Grunde allen Vertretern von religiösen Institutionen Lüge und Bigotterie vorzuwerfen, ist nicht schwer. Vielen gelten sie außerdem als gestrig und weltfremd. Ich will hier nicht pauschal in dieses Horn stoßen. Stattdessen möchte ich einmal ganz genau hinhören, wie ein Bischof Sprache verwendet.

Die katholische Kirche ist die katholische Kirche. Das scheint simpel und selbstverständlich, dennoch sehen viele Menschen das wohl anders. Sie erwarten von ihr Modernität, Aufgeschlossenheit, Toleranz, ja sogar eine Vorreiterrolle in der gesellschaftlichen Debatte und Entwicklung. Und sie verstehen nicht, warum die kK dem nicht entspricht, nicht einmal unter dem neuen, dem netten Papst. Natürlich kann man sich von einer mächtigen Institution wünschen, sie solle, teils entgegen ihrer festgeschriebenen Grundsätze, in einer solchen Weise agieren, es aber zu erwarten, als sei das ihre spezielle Pflicht, ist realtitätsfremd. Die Kirche beruft sich auf jahrtausendealte Schriften, ist konstituiert nach Ordnungen und Regeln, die über ganze Weltepochen hinweg so ziemlich alles sicherstellen sollten, aber sicher nicht Modernität und Vorreitertum in einem demokratisch-offenen gesellschaftlichen Diskurs. Wenn nun Katholiken darüber klagen, dass sie nicht so flexibel und undogmatisch agiert wie ein Startup des 21. Jahrhunderts, scheint das in der Tat ebenso weltfremd wie ihrerseits die Kirche vielen Menschen heutzutage erscheint. Dass die kK von vielen Seiten mit Erwartungen, Wünschen und auch Druck konfrontiert ist und ihn auch selbst ausübt, hat sie mit allen globalen Organisationen gemein, und sie geht damit um, auf ihre Weise. Einen Einblick in diese „Weise“ gab kürzlich der deutsche Bischof Franz-Josef Bode in einem Interview für 3sat anlässlich der Familiensynode in Rom und der aktuellen Kontroverse um das italienische Kinderbuch „piccolo uovo“. Das Bilderbuch erzählt die Geschichte eines Hühnereis, das nicht weiß, ob es ein Männchen oder ein Weibchen ist/wird und das deshalb herumzieht und verschiedene Tierfamilien trifft, traditionelle, gleichgeschlechtliche, Patchwork usw, die ihm zeigen, dass Familien vielerlei Gestalt haben können. Um das Buch ist in Italien eine erbitterte Auseinandersetzung entbrannt, die Kirche will es aus den Kindergärten und Grundschulen verbannen lassen und – wir sind in Italien – die Kirche hat hier großen Einfluss. Die Frage, die dem Bischof dazu gestellt wurde, ist nicht im Interwiew erhalten, sie dürfte in etwa gelautet haben: „Warum opponiert die kK so massiv gegen ein harmloses Kinderbuch?“

Ein Interview ist nicht unbedingt ein Anzeichen für existierende Wünsche, Erwartungen oder Druck, sondern zunächst einmal für Interesse. Da fragt jemand und jemand antwortet. Allerdings ist die Antwort bei einem Interview nur zu einem vernachlässigbaren Teil an den Fragesteller gerichtet, sondern, mindestens, an diejenigen, die das Interview sehen, hören oder lesen, im weiteren Sinn auch an jene, die davon auf anderem Weg erfahren bzw. sich dafür interessieren. Und das bedeutet im Fall des Sprechers einer globalen Organisation prinzipiell an alle. (Da sich der Bischof, im Auftrag der Kirche, wiederholt gegenüber Medien zu Themen der Synode geäußert hat, darf er als einer ihrer offiziellen Sprecher gelten.) Seine Antwort jedenfalls lautet: „Das bleibt kein harmloses Kinderbuch, weil dahinter natürlich sehr sehr viele Hintergründe stecken, wie wir Kinder erziehen. Wenn ich Kindern so früh schon Dinge „beibringe“, wenn ich das jetzt mal so sagen darf, so auf eine solche Weise, deren Kompliziertheit und deren Komplexität sie letztlich noch gar nicht durchschauen können. Das ist auf der einen Seite sicherlich eine Möglichkeit, etwas zu erklären, auf der anderen Seite kann es aber auch ein Instrument einer Ideologisierung sein, die ich für gefährlich halte.“

Wonach klingt das? Vordergründig nach Parteinahme für „die Kinder“. Die Kirche sorgt sich um das Wohl der Kinder. Das entspricht den Erwartungen, die vermutlich jeder an eine Institution wie die kK haben dürfte. Doch in dieser Begründung gibt es ein problematisches Element: Sie ist einerseits falsch und andererseits … wie soll man das nennen … andererseits wird da mit zweierlei Maß gemessen. Die Darstellung, das in dem Buch gezeigte vielgestaltige Familienleben sei nach Aufassung der Kirche für Kinder zu kompliziert, ist zwar streng genommen keine Tatsache, sondern eine Behauptung bzw. Meinungsäußerung und kann daher nicht wahr oder falsch sein, aber sie steht nicht allein im luftleeren Raum. Man schaue sich einfach an, was für Inhalte die Kirche selbst, wenn sie Gelegenheit dazu hat, Kindern „beibringt“: Ein kaum überschaubares biblisches Personal (allein in der Weihnachtsgeschichte tummeln sich Individuen, Volksgruppen und historische Gestalten, deren Fülle und Bedeutung Kindergartenkinder oder Grundschüler sicher niemals „durchschauen“ können), Erzählungen von unendlich verzweigten Familienclans, von Wundern, Gottesstrafen, Geistwesen im Himmel, Auferstehung von Toten, außerdem umfangreiche Rituale und Gebote, die befolgt werden wollen usw. sollen für Kinder weniger „kompliziert“ sein als ein illustriertes Büchlein darüber, dass Liebe uns auf mannigfaltige Weise verbindet und der Wunsch, eine Familie zu gründen, in vielen Herzen lebt und ausgelebt werden will? Der Mann ist nicht dumm, das kann er nicht wirklich glauben. Er behauptet es aber. So bleibt von dem ersten der beiden Argumente, das der Vertreter im Interview vorbringt, nur übrig, dass es nicht stimmt. Und dass der Kirchenvertreter das sehr wohl weiß.

Das zweite Argument, die, in seinen Augen gefährliche, „Ideologisierung“, muss man vielleicht sprachlich ein wenig runterkochen, um es nachvollziehen zu können. Es geht um Weltbilder, genauer gesagt aber um Lebensauffassungen, die miteinander nicht vereinbar sein sollen. Da steht die eine gegen die andere, und nach Ansicht des Kirchenmannes jedenfalls schließt die eine die andere aus. Warum die Vermittlung der einen, die er selbst vertritt, weniger „Ideologisierung“ sein soll als die der anderen, das weiß wohl nur er. (Und wiederum: Er weiß natürlich, dass diese Unterscheidung nicht zutrifft. Er ist ein akademisch gebildeter Mann.) Doch wenn man ihn beim Wort nimmt: Will die Kirche Kinder nun vor Ideologisierung schützen oder nur vor der, die sie nicht billigt, während sie die eigene aufrechtzuerhalten versucht, wo sie nur kann? Dazu sagt er nichts, und das lässt vermuten, er klammert die unzweifelhafte Ideologisierung durch die Kirche aus, er will sie nicht einräumen, nicht der anderen gleichstellen und damit genauso anzweifelbar machen, tut so, als sei sie keine. Wieder stellt sich die Frage: dumm oder unaufrichtig? Dumm, wir gestehen es ihm ehrlich zu, ist er sicher nicht.

Seine Antwort auf die ihm gestellte Frage ist, in beiden Teilen, ganz offensichtlich unaufrichtig. Sein Sprechen ist, in einem altertümlichen Wortsinn, falsch. (Auch die Bibel spricht desöfteren von falscher Zunge, und das falsche Zeugnis findet sich sogar in den zehn Geboten.) Man möchte dieses Sprechen „Lüge“ nennen, aber der Begriff wäre nicht ganz zutreffend. Der Bischof gibt dem Publikum, also allen, auch den Katholiken dieser Welt, die ihm ja folgen sollen, auf eine Frage zu einem äußerst wichtigen, im Hinblick auf geradezu monströse Diskriminierung und Verfolgung Homosexueller in vielen Weltgegenden brennenden Lebensthema, keine ehrliche, sondern eine ablenkende und irreführende Antwort. Das, nicht die unsinnige Begründung, die er anbietet, ist das Problem. Er verschweigt das Tatsächliche, das niemand in Zweifel ziehen würde, und maskiert es mit, zudem leicht durchschaubaren, Schutzbehauptungen. Und er glaubt, damit durchzukommen. (Die Autorin des Buches dagegen spricht unverstellt, erzählt von Konflikten, berichtet, was sie erlebt hat und sagt offen ihre Meinung zu den angesprochenen Problemen.) So stellen sich weitere Fragen: Schämt sich die kK für ihre eigene Überzeugung? Glaubt die kK, mit Unaufrichtigkeit besser zu fahren als mit ihren nun einmal existierenden Grundsätzen? Glaubt die kK, ihre Anhänger und ebenso die allgemeine Öffentlichkeit würden ein solches Verhalten akzeptieren (bzw. gar nicht bemerken), von einer Institution, deren ureigenster Anspruch ein kompromisslos moralischer ist?

Das Interview insgesamt ist es, das eine Antwort auf alle diese Fragen gibt:
Ja. Ganz offenbar.
Das, sagen Sie jetzt, ist doch ein alter Hut? Sie haben recht. Die katholische Kirche ist eben die katholische Kirche.

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