Was der Präsident wünscht

DSCF1099Ein Auszug aus „Warum der stille Salvatore eine Rede hielt“. Lesen Sie es ruhig als Kommentar zum wachsenden Nationalismus in Europa. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Ereignissen und Personen sind natürlich vollkommen zufällig und unbeabsichtigt.

Die Unabhängigkeitserklärung des Staates Bovnik, die gemeinhin als Grund für den Krieg mit dem einstigen Mutterland Thunak angesehen wurde, war eigentlich gar nicht der Grund, nicht einmal der Anlass, sondern eine Folge des Kriegsausbruchs. Wie es dazu kam, und in welcher ursächlichen Reihenfolge, darüber gab es vom ersten Moment an unterschiedliche, ja völlig unvereinbare Auffassungen, je nachdem, welche Seite sich dazu äußerte – schließlich befand man sich ja nach Beginn des Krieges eindeutig in verfeindeten Positionen. Unbeteiligte Instanzen wie die Vereinten Nationen oder einige Nachbarländer, die alle von der Entwicklung überrascht worden waren, versuchten, wenn sie einigermaßen bei Trost waren, erst gar nicht, das Gewirr von Gerüchten, Fehlinformationen, Lügen und Beweisen zu ordnen. Diejenigen, die es dennoch taten und die eine oder die andere Version der Geschehnisse favorisierten, machten sich damit entweder Bovnik oder Thunak zum Feind, wurden von der Regierung des einen oder des anderen Kleinstaates mit den absurdesten Beleidigungen überschüttet, ihre Staatsangehörigen mussten das jeweilige Land sofort verlassen und alle Beziehungen wurden abgebrochen. Glücklicherweise stellten sich nur wenige Staatsregierungen so abgrundtief dumm an.

Nicht einmal die Tatsache, dass es im Bovniker Teil des Staates Thunak, der bis dahin „Gouvernement Bovnik“ hieß, große Unzufriedenheit mit der traditionell thunakisch dominierten Regierung gab, galt im Nachhinein als allgemein anerkannt. Die zunehmenden Reibereien zwischen thunakischen und Bovniker Volksangehörigen, die Ausbreitung separatistischer Tendenzen in Bovnik, aber auch im thunakischen Teil des Landes lange vor Kriegsausbruch, wurden von thunakischer Seite strikt geleugnet. Genau diese Situation jedoch war einer der beiden Gründe dafür, dass Os Krens, Präsident der Republik Thunak, auf dem Rückflug von einem Staatsbesuch in Übersee, noch während des Landeanfluges auf den Zivilflughafen Thunak dem Piloten der Präsidentenmaschine von seinem Stabschef die Anweisung überbringen ließ, den Landeanflug abzubrechen und stattdessen auf dem Militärflughafen Bovnik zu landen, der sich auf der südlichen Seite der Bovniker Bucht befand. Mit der überraschenden Landung im anderen Landesteil wollte er den Bovnikern demonstrieren, dass er Präsident von ganz Thunak sei und folglich landen könne, wo er wolle. Krens, der während des Heimfluges nach getaner Arbeit mit seinen ihn begleitenden Ministern, Staatssekretären, Armeechefs, seiner Ehefrau und einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation ordentlich einen gehoben hatte, zeichnete sich, und damit wäre der zweite Grund für den Kriegsausbruch hinreichend beschrieben, durch ausgeprägte Ignoranz aus. Hatte er bis dahin ausgiebig und gänzlich unbehelligt die Gesetze seines Landes und des fairen Interessenausgleichs zwischen dessen Volksgruppen ignoriert, ignorierte er in den nun folgenden, letzten zweiundvierzig Minuten seines Lebens die der Physik.

Was sich in diesen zweiundvierzig Minuten an Bord des Flugzeuges, in den Flughafentowers der beiden beteiligten Flughäfen und abschließend auf dem Gelände des Militärflughafens Bovnik abspielte, hätte zu großen Teilen zweifelsfrei nachvollzogen werden können, wäre nicht später die Blackbox mit dem Voice Recorder der Präsidentenmaschine – von einem thunakischen Kommando gestohlen worden, sagten die Bovniker, von den Bovniker Verrätern mutwillig vernichtet, die Thunakis. In diesem Falle allerdings hatten die Bovniker eindeutig recht. Beweise gab es für keine der beiden Versionen. So entging den Bovnikern, den allermeisten Thunakis (mit Ausnahme einiger Geheimdienst- und Regierungsmitglieder) und dem Rest der Welt nicht nur die Kenntnis der Wahrheit über den folgenreichen Vorfall, sondern auch ein bizarres Hörspiel von finsterster Komik, das mit seiner Länge von zweiundvierzig Minuten zufälligerweise genau der Länge der in Thunak sehr populären Freitagabend-Hörspiele entsprach. Dem ausstrahlenden Sender – wäre der Vorfall nie geschehen, das Werk einer ausgedachten oder zumindest fernen Nation zugeschrieben worden und hätte er es an diesem beliebten Sendeplatz in den Äther geschickt – wäre ein weiterer, großer Erfolg bei den Radiohörern beider Volksgruppen sicher gewesen. Denn Thunakis und Bovniker einte ihre große Vorliebe für schwarzen Humor. Das wahre Hörspiel aber bleib nur ausgewählten, thunakischen Ohren vorbehalten, denn es hätte, wie man so sagt, nach Kriegsausbruch nicht mehr in die politische Landschaft gepasst:

THUNAK TOWER: Thunak Luftwaffe Einsfünfnulleins, wiederholen Sie bitte.

PILOT: Thunak Luftwaffe Einsfünfnulleins. Wir brechen den Landeanflug ab und steigen wieder auf 3000 Fuß.

THUNAK TOWER: Thunak Luftwaffe Einsfünfnulleins, haben Sie Probleme mit dem Fahrwerk?

PILOT: Nein, keine Probleme … wir, der Präsident möchte nur nicht, dass wir hier landen.

THUNAK TOWER: Der Präsident möchte …? Sie haben keine Probleme?

PILOT: Nein, keine. Erbitten Freigabe für Aufstieg auf 3000 Fuß. Gehen anschließend in Anflugposition für BNH (militärischer Flugplatz Bovnik).

THUNAK TOWER: Oh Mann … also … Moment, Thunak Luftwaffe Einsfünfnulleins, müssen die anderen umleiten … steigen, Freigabe, steigen Sie auf 3000 Fuß.

PILOT (zum Stabschef im Cockpit): Das bringt den Flugbetrieb aber ganz schön durcheinander da unten, Herr Minister.

STABSCHEF: Sagen Sie bloß. (Er will offenbar gehen.)

PILOT: Wir müssen bald landen, Herr Minister. Der Sprit reicht noch … 30, maximal 45 Minuten.

STABSCHEF: Dann landen Sie bald. (Tür wird zugeknallt.)

(Hier erfolgt eine Auslassung von ca. 7 Minuten, in denen der Pilot während des Steigfluges versuchte, die beleidigten Fluglotsen in Thunak zu ignorieren und zu denen vom Militärflughafen Kontakt aufzunehmen, was ihm nicht gelang, weil sich diese gerade nicht im Tower aufhielten. Das brachte den Piloten zu der Entscheidung, den Steigflug fortzusetzen, um in größerer Höhe zu kreisen und irgendwie zu versuchen, Kontakt mit dem Tower in Bovnik zu bekommen. Durch das Steigen in die größere Höhe verbrauchte das Flugzeug deutlich mehr Treibstoff als geplant.)

Die Cockpittür wird geöffnet:

STABSCHEF: Sagten Sie nicht vorhin, wir würden bald landen? (Aus der Kabine hört man Gesang von mehreren Männern.) Einmal über die Bucht, das kann ja wohl nicht so lang dauern.

PILOT (gereizt): Da unten ist niemand im Tower. Die haben einfach nicht mit uns gerechnet. Ist eben ein Militärflugplatz, Herr Minister!

Eine weitere Person betritt das Cockpit.

LUFTWAFFENCHEF: Was ist hier los, verdammte Scheiße? Warum sind wir immer noch …

STABSCHEF: Anscheinend keiner im Tower, Ludwin.

LUFTWAFFENCHEF: Herrgott! Das behaltet ihr mal alle schön für euch, klar? Der Chef muss das nicht wissen, klar? Hier … (Er kramt nach etwas.) Die in Thunak sollen mal da anrufen, hier diese Nummer. Die pennen da wieder in der Kaserne beim Tower!

PILOT: OK, Herr General. Thunak Tower, hier Thunak Luftwaffe Einsfünfnulleins bitte, könnte mal jemand von Euch in der Kaserne beim Militärflugplatz anrufen, damit der Tower dort besetzt wird? Bitte schnell …

THUNAK TOWER: Wie bitte? Und da wollen Sie landen?

PILOT: Bitte, hier die Nummer: 88, 28, 341, 44, gleich anrufen!

THUNAK TOWER: 47?

PILOT: Nein, 44! Drei vier eins, vier, vier!

THUNAK TOWER: Thunak Luftwaffe Einsfünfnulleins, OK, wir kümmern uns drum. Wie sieht es mit Ihrem Treibstoff aus?

PILOT (nervös): Ja, also, wir sollten doch besser bald landen, doch.

LUFTWAFFENCHEF: Pfeife! Ich hätte das Ding schon längst runtergebracht!

PILOT: Herr General, tut mir leid, ohne Tower darf ich nun mal nicht so eben …

LUFTWAFFENCHEF: Sie sind doch Kampfflieger, oder?

PILOT: Jawohl, Herr General. 620 Flugstunden auf der …

LUFTWAFFENCHEF (rülpst laut): Oder etwa nicht? Pfeife! (Er verlässt scheinbar das Cockpit. Im Weggehen noch hörbar:) Die komplette Regierungselite Thunaks in den Händen eines Scheiß Hobbypiloten!

(Auslassung ca. 9 Minuten. Der Tower in Thunak hatte die Kaserne im Militärflughafen Bovnik erst beim dritten Anruf erreicht, woraufhin eine Notbesatzung in den Tower Bovnik geschickt wurde. Derweil war die Präsidentenmaschine über dem Meer gekreist. Der Chef der Marine, der Hobbypilot war, und der Luftwaffenchef, beide stark angetrunken, drohten im Cockpit dem Piloten seine unehrenhafte Entlassung aus dem Militär an und gerieten danach miteinander in einen handgreiflichen Streit über Anzahl und Rang ihrer Auszeichnungen. Nach dem Hilferuf des Piloten in die Kabine holte der Stabschef die beiden aus dem Cockpit. Als die Besatzung im Tower Bovnik endlich einsatzbereit war, übernahm sie die Maschine und dirigierte sie auf Landeanflugskurs. Die Treibstoffreserve war zu diesem Zeitpunkt bereits beinahe aufgebraucht.)

PILOT (zu Kopilot): Pffff! Jetzt wird’s aber Zeit, dass wir runterkommen.

COPILOT: Absolut.

TOWER BOVNIK: Thunak Luftwaffe Einsfünfnulleins, wir haben wie üblich starke Scherwinde 30 Knoten aus 84 Grad, sinken Sie auf 3000 Fuß.

PILOT: Thunak Luftwaffe Einsfünfnulleins, sinken auf 3000 Fuß, äh, wir sind uns hier bloß nicht mehr ganz sicher, über … über die Länge eurer Landebahn. Das waren 7500 Fuß, richtig?

TOWER BOVNIK: Was? Na klar! Was soll diese Frage?

PILOT: Wir müssen bei schweinischen Scherwinden optimal am frühesten Punkt aufsetzen, damit wir nicht über die Landebahn rausrollen, also helft uns, damit das auch so klappt.

TOWER BOVNIK: Wessen bescheuerte Idee war das eigentlich, Thunak Luftwaffe Einsfünfnulleins?

PILOT: Nicht meine. Helft uns einfach.

TOWER BOVNIK: Einfach wird’s für uns, aber bestimmt nicht für euch.

PILOT (schreit mit sich überschlagender Stimme): Wir kommen hier mit der kompletten beschissenen Regierung an, die ganze Kiste stinkt wie ein Schnapsladen, hier ist mehr Sprit in der Kabine als in unseren Tanks, versteht ihr, was ich sage?

Stille

PILOT (schreit): Versteht ihr, Ihr blöden Arschlöcher??!!!

TOWER BORNIK: Wenn es zu eng wird, starten Sie durch und landen in Thunak wie geplant, over.

PILOT (räuspert sich, tonlos): Alles klar.

(Auslassung: Der Landeanflug musste wegen zu starker Scherwinde abgebrochen werden, der Pilot startete die Maschine durch und wollte in Thunak landen. Er begann gerade, einen Notruf zum Thunak Tower abzusetzen, um Priorität für die dortige Landung zu bekommen, als Staatspräsident Krens stark angetrunken ins Cockpit polterte.)

KRONS (schreit): WIESO STEIGEN WIR WIEDER, VERDAMMTE SCHEISSE?

PILOT (weint): Herr Präsident, bitte …

KRENS (schreit): SCHWANZLUTSCHER! DU LANDEST SOFORT IN BOVNIK! AUF DER STELLE! HAST DU MICH VERSTANDEN?! ICH BIN DER PRÄSIDENT! KAPIERT? SO EIN REN…ETINER BOVNIKER SCHWANZLUTSCHER FLIEGT MEIN FLUGZEUG! ICH BIN DER PRÄSIDENT! ICH LANDE, WO ES MIR PASST! HEULST DU ETWA? SCHLAPPSCHWANZ! DU LANDEST AUF DER STELLE, UND DU UND DEINE SCHWANZLUTSCHER-FAMILIE WERDET NICHT ABGEKNALLT! WENN DU ES WAGST, WOANDERS RUNTERZUGEHEN ALS IN BOVNIK, BIST DU TOT UND AUCH DEINE BOVNIKER ELTERN UND DEINE FRAU SIND TOT UND DEINE KINDER UND DIE BESCHISSENEN SCHWANZLUTSCHER-KANINCHEN VON DEINEN DRECKIGEN BOVNIKER KINDERN SIND TOT!

(Auslassung: Der letzte Landeanflug gegen den ausdrücklichen Protest der Bovniker Fluglotsen und ihre strikte Anweisung, in Thunak zu landen, wo es kein Windproblem und eine ausreichend lange Landebahn gebe, bis zum Abbruch der Aufnahme, die mit folgenden Aufzeichnungen schließt:)

GPWS (Ground Proximity Warning System): Bank angle! Bank angle!

Starker Lärm von Warnsignalen, Schreien und vom Schleudern und Zerbrechen des Flugzeuges auf Grund.

PILOT (schreit): Verdammte Scheiße!

KRENS (schreit): SCHWANZLUTSCHER! IHR DRECKIG …

Als die Präsidentenmaschine zum zweiten und letzten Mal in den Landekurs auf Bovnik einschwenkte, fielen in kurzer Folge wegen Treibstoffmangels beide Triebwerke aus, was der Pilot mit einem, zwangsläufig planlosen und aus zu geringer Höhe ausgeführten „Combat Approach“ auszugleichen versuchte, also einer Art Sturzflug, der sicherstellen sollte, dass die Maschine nach dem Abfangen noch schnell genug war, um nicht wegzusacken. Im Gleitflug aber konnte der Pilot nicht mehr effektiv gegen die Scherwinde ansteuern (von erneutem Durchstarten ganz abgesehen). Die Maschine setzte fast unkontrolliert und außerdem viel zu spät auf der Landbahn auf, und ohne die Schubumkehr seiner Triebwerke hatte der Pilot keine Möglichkeit mehr, das Flugzeug abzubremsen, bevor es stark ins Schleudern geriet. Bei etwa 250 km/h rutschte es schräg von der Landebahn und kippte auf dem Rasen um, überschlug sich über mehrere Hundert Meter hinweg, wurde auseinandergerissen und krachte dann in einen Hangar, wo die dort abgestellten, flugbereiten Jagdflugzeuge explodierten. Niemand außer einem Kaninchen, das dem Präsidenten als Geschenk für seine kleine Tochter überreicht worden war, überlebte den Crash und das anschließende Feuer. Das weiß-braun gefleckte Kaninchen namens „Paxy“ war in einer Transportbox im Frachtraum verstaut und beim Auseinanderbrechen der Maschine hinausgeschleudert worden. Beim Aufprall auf dem Rasen hatte sich die Box geöffnet, und als sich das Tier etwas verwirrt, aber unverletzt zwischen einigen Trümmerteilen und Gepäckstücken auf frischem, grünem Rasen wiederfand, auf dem sogar Klee wuchs, fing es gleich an zu fressen.

(C) Michael Wäser. Verwendung nur mit Erlaubnis

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