Walter und ich machen einen drauf

Wie Medien auf „berlin mosaik“ reagieren

sued

Meine satirische Website „berlin mosaik“ hat die Aufmerksamkeit nationaler und internationaler Medien auf sich gezogen – was mich außerordentlich freut. Schließlich habe ich mit dem Konzept und noch mehr mit den digitalen Mosaik-Imitationen saumäßig viel Arbeit gehabt! Die Spanne der dortigen Beurteilungen reicht über die ganze Skala zwischen heller Freude und Übelnehmen. Es ist Satire, da gehört das zum Geschäft, außerdem berührt es das Ost-West-Thema, was erfahrungsgemäß vermintes Gelände darstellt. Man weiß wirklich nie, wo das nächste hochexplosive Fettnäpfchen lauert. Was mich jedoch wunderte bei den bisherigen medialen Meinungen zu meiner Neufassung des monumentalen Mosaiks am Berliner „Haus des Lehrers“: Unabhängig davon, ob sie sie mögen oder nicht – viele sehen darin vor allem eine Kritik am Original.

Zur Erinnerung: Das monumetale Mosaik Unser Leben von Walter Womacka ist mittlerweile über 50 Jahre alt (wir wurden beide im selben Jahr der Öffentlichkeit übergeben), sein Thema ist das Leben in einem Staat, den es seit über 25 Jahren nicht mehr gibt und die Ideologie, die zu preisen es in Auftrag gegeben wurde, ist vom Winde verweht. Es ist folglich nur noch von historischem, kunsthistorischem oder ästhetischem Interesse. Warum also sollte sich ein Künstler im zweiten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts darüber lustig machen? Wer macht sich, um den Gedanken zu verdeutlichen, heute z. B. über den Parthenon lustig? Über die sogenannte „Nachtwache“ oder über den „Mönch am Meer“? Und wozu? Mit Letzterem, übrigens gerade frisch restauriert und endlich wieder in Berlin zu sehen, mit kräftigen Farben und weniger düster als man immer dachte, habe ich mir auch selbst, wie manche vor mir,  einen Spaß erlaubt. Wer aber wollte heutige Arbeiten, die sich jener Motive bedienen, als „Kritik“ am Original ansehen? (Der „Welt„-Kritiker fand dafür dennoch das passende Wort: Pastiche.) Bei Womackas Mosaik bzw. meiner „Neufassung“ desselben geschieht genau das, mal nebenher, mal ausdrücklich.

Wer sich das berlin mosaik ansieht, dürfte sehr schnell erkennen, dass es eindeutig und weit vor irgendetwas anderem das Berlin von heute ist, welches hier „kritisiert“ wird, verspottet und mit den stilistischen Mitteln des Sozialistischen Realismus mit einer untergegangenen Utopie konfrontiert wird und mit dem Bild, das es von sich selbst hat und vermittelt. Das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit scheint es zu sein, was den Blick von dort weg lenkt, was manchen sich angegriffen fühlen lässt, wo gar kein Angriff stattfindet. Noch immer spielt das in „unserem Leben“ im vereinten Deutschland eine spürbare Rolle. Da wird Womackas Kunst sehr fantasievoll als „Sozialistischer Surrealismus“ verteidigt, wo sie gar nicht angegriffen wird – jedenfalls nicht nennenswert.

Womackas Staatsmosaik hat das Idealbild illustriert, das die DDR-Führung ihrem Volk aufdrängen wollte, von Beginn an bis zu ihrem Ende. Der „Bitterfelder Weg“, dem Womacka laut „Die Welt“ überhaupt nicht folgte, hat sogar direkten Einzug ins Mosaik gefunden. Da steht doch tatsächlich ein Maler mit Leinwand und Pinsel direkt neben einem Hochofen und malt das Arbeiterpaar, das sich davon sogar vom flüssigen Eisen ablenken lässt, das direkt vor ihnen aus dem Bottich stürzt. Und was er malt, entspricht exakt dem Slogan des Bitterfelder Wegs: „Greif zur Feder, Kumpel!“ Man kann nun sagen, diese Darstellung sei derart abstrus, dass sie nur eine Kritik sein kann – eine Satire – , Surrealismus eben, Dialektik in dem im DDR-Volk weit verbreiteten Sinne, das im Grunde nichts irgendetwas bedeutet. Aber damit überstrapaziert man seine eigene Nostalgie, und zwar unnötigerweise. Es ist eine Verdichtung, so wie alle Motive in dem Mosaik es mehr oder weniger sind und sein müssen.

Die Parteiführung hat während des gesamten Entwurfsprozesses umfassend in Womackas Arbeit eingegriffen, und viele seiner eigenen Ideen mussten denen der Funktionäre Platz machen. Das Ideen-Illustrieren wird wohl an keiner Gruppe im Mosaik so deutlich wie an der bekanntesten – dem aufrechten Soldaten, der kernigen LPG-Angehörigen und dem fahnenschwingenden Arbeiter. Der Soldat mit der Kalaschnikow ist, drei Jahre nach dem Mauerbau und nach etlichen getöteten DDR-Bürgern an der Grenze, selbstredend kein Bewacher, sondern ein Beschützer des Paares zu seinen beiden Seiten und ihrer aller Errungenschaften!

Die Diskussion, ob Womacka ein Unterstützer oder ein (verdeckter) Kritiker der DDR-Führung war, will ich gar nicht führen. Er selbst fand seinen Ansatz bei Unser Leben später „naiv“, und das, finde ich, ehrt ihn. Er war als Künstler sicher kein Speer oder Breker des Sozialismus, seine Vision im Mosaik war, auch wenn sie nicht der Lebenswirklichkeit der DDR entsprach, keine martialische, sondern eine humane. (Wie aber auch eine solche in hochneurotische Wirklichkeitsverdrehung umschlagen kann, sieht man heute bei nordkoreanischer Propaganda-„Kunst“ und ihrer dortigen Rezeption und je hinfälliger die DDR wurde, umso mehr sah man diese auch in Womackas Mosaik.) Ihn und seine Arbeit kritischer Betrachtung zu unterziehen, überlasse ich gern Leuten, die davon etwas verstehen. Ich mache mich lieber lustig über das verrückte Berliner Leben von heute, mit modernem Propaganda-Neusprech in den Texten und Womacka als Kumpan und seinen kraftvollen Figuren als Kollaborateuren der Aufdeckung. Danke, Walter!

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Ein Gedanke zu “Walter und ich machen einen drauf

  1. sozialismusisruine 22. Juli 2016 / 14:53

    1.Herr Wäser, schreiben Sie mit Abstand und verklausulieren Sie nicht die geschichtlichen Zusammenhänge in Deutschland. Hin und her Gerede! Opportunistisches Gehabe!
    2. Die beste, erlebte historische Zeit meines Lebens war der Untergang der DDR.
    3. Aber deswegen, ich zitiere Sie, Herr Wäser: Womacka“ selbst fand seinen Ansatz bei Unser Leben später „naiv“, und das, finde ich, ehrt ihn.“ Zitat Ende.
    4. Das ist lächerlich für Einen, der über 50 Jahre an der vordersten Front Hand in Hand mit Ulbricht und Honecker stand. Das hätte auch Honecker sagen können, er sei doch „naiv“ gewesen!!!
    5. Das Wandbild Haus des Lehrers ist trotzdem Zeugnis der uns oktruierten DDR. Kaum sah jedoch jemand dorthin!
    6. Das später gestaltete Mosaik ist um so grauenhafter, da hier die gesamte Volksmasse Deutschlands als lebensunfähig und zukunftsuntüchtig dargestellt ist bzw. bereits VERLOREN illustriert wird.
    7. Im Zuge der Islamisierung Deutschlands und seines Untergangs hätten Sie damit Recht!

    Gruss, Gertrud Julia Kothe de Carapeto (Spanien&Portugal).

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