Angora Flash

_S013099

Ein Text von 2011, in Erinnerung an den gestern verstorbenen Gründer von Earth, Wind & Fire, Maurice White

Angorapullover waren angesagt, rückenfrei, bei den heißesten Mädels, die dafür die passende Figur hatten. Andere, die sie gerne gehabt hätten, die Figur, trugen sie trotzdem. Die blieben aber blass, unsichtbar, Sichtbehinderung höchstens auf die Anderen, auch wenn ihre Pullover noch so schreiende Farben hatten. Pink. Feuerrot. Lila. Dass die Angorateile eigentlich nichts für den Sommer waren, diesen heißen Sommer neunzehnhundertzweiundachtzig, störte mich überhaupt nicht. Ich musste die Dinger ja nicht tragen. Aber zwei Frauen, die absolut die richtige Figur dafür hatten, eine, in die ich mal verliebt gewesen war, der ich mich erst offenbart hatte, als meine, reelle, Chance dahin war, eine, in die ich jetzt gerade verknallt war, die aber nichts von mir wollte, außer dass ich ihr verliebt hinterherschaute, die trugen sie und sie trugen sie stolz und immer in dem Bewusstsein, wie unwiderstehlich sie darin aussahen. Sie probierten das alles noch aus, waren ja noch keine alten Hasen, und da schadete es nicht, wenn sie sich nach dem richteten, was alle trugen. Der besondere Kick dieser rückenfreien Pullover lag darin: Wenn man den jeweiligen anbetungswürdigen Rücken sah, war sonnenklar, dass das Mädchen nichts drunter hatte. Kein BH zu sehen, weit und breit. Diese Gewissheit konnte uns Jungs in erotische Hochstimmung versetzen, die Zeit, in der die moderne Frau einen Büstenhalter höchstens als Sockenspender benutzte, war schon Vergangenheit, die, in der man dazu nur noch „Dessous“ sagen und jede Frau oder ihr Typ ein Vermögen für die raffiniertesten und elegantesten Modelle ausgeben würde, noch nicht angebrochen. Der rückenfreie Angorapullover riss uns Jungs in einen elektrisch geladenen Raum, in die Spannung zwischen dem Anblick der nackten Haut der Rückseite, die einen die Nacktheit der Vorderseite unvermeidlich imaginieren ließ, und der gleichzeitig pelzartigen wie schwerelos-luftigen, gestrickten Umrahmung. Innerhalb dieser Umrahmung bot sich der Anblick dieses Sommers. Ein gerader, leicht sonnengebräunter Rücken, der beim Gehen in kaum wahrnehmbare Wellenbewegungen versetzt wurde. Die sanfte Linie der Wirbelsäule, der man mit den Augen fast bis zur Taille hinunter folgen konnte, die abwechselnd hervortretenden Schulterblätter, geschmeidig im Rhythmus des Schreitens, der sich dem Rhythmus der Musik anglich, je tiefer man dem reizenden Anblick von draußen, von der Schlange am Eingang folgte, hinein ins pulsierende, dunkel blitzende, rauchdurchzogene Innere bis zur Tanzfläche oder noch tiefer bis zu den beinahe lichtlosen Höhlen in die hintersten Katakomben des Flash, wo in wenigen Stunden schon betrunkene, bekiffte oder wirklich nur erschöpfte Tänzer bei Flugzeugturbinenlautstärke in zerfetzten Kunstledersesseln schlafen würden, deren Farbe noch nie ein Mensch gesehen hatte. Earth, Wind & Fire: September trieb mich auf die Tanzfläche, ich war einer von denen, die sich ohne Colabier, Wodka oder Gras verausgabten. Die Musik war stärker als die Anziehungskraft der Mädels in ihren himmlischen Körpern, in ihren himmlischen, viel zu warmen Pullovern, jedenfalls hier im Zentrum, in diesem wummernden Uterus mit dem Stahlboden, auf dem man sich beinahe schwerelos drehen konnte, von umherwandernden Lichtkanonaden aufgeladen und bewusstlos geschossen, zusammen mit den anderen Embryos, die in dem rauchschwangeren Fruchtwasser umeinanderschwammen, gleitend und zuckend wie ein Fischschwarm, der einem einzigen Gedanken folgt, die Gestalt seines kollektiven Körpers endlos verändernd, verbunden tausendfach in eins, solange die Musik sie griff, solange es die richtige Musik war, die, der man sich hingeben konnte, die gerade, vielleicht nur in diesem Moment, alle hypnotisieren konnte. Baby Love. Mother’s Finest konnten das, fast jedes Mal. Es war eine Liveaufnahme, ich wartete schon auf die Ansage, und sie kam irgendwann, in jeder Nacht. „Motheeers Fineeest!“ Der tiefe Soul und die harten Gitarrenriffs, gegensätzlich und atemberaubend wie die nackten Rücken und der Angorapelz. Burnin‘ for your touch, schrie sie, immer und immer wieder, und ich ließ meinen Körper mitschreien und die Sehnsucht und die Bewegung über mich ergehen, durch mich hindurchgleißen. Gerade in dieser Zeit hatte ich keine Freundin, hatte überhaupt erst eine gehabt, meine allererste Liebe hatte Schluss gemacht und ich war seit Monaten nur noch halb, durchtrennt wie mit einer Kettensäge, lebte nur in der Sehnsucht, mal nach dieser, mal nach einer anderen, und immer wieder die Angorapullover. Die waren wirklich verbreitet, auch die Dritte, die, in die ich mich schon seit ein paar Jahren immer wieder mal verliebt hatte, in die ich irgendwie immer verliebt war, aber sie hatte einen festen, einen sehr festen Freund, auch sie trug einen Angorapulli, in einem kräftigen Himmelblau, einem Himmelblau wie nach einem mächtigen Sommergewitter, wenn die Sonne noch verdeckt ist auf der einen Seite des Himmels und die andere Seite schon klar leuchtet, klar und kräftig Blau, das Dunkel des Weltalls körperlich spürbar. Himmlisch ihr langes, schwarzes Haar, das ihren Rücken meistens bedeckte, aber eben nicht immer, vor allem nicht beim Tanzen, wenn sie ihren Kopf herumwarf. Himmelblau, so himmlisch wie die Vorderseite ihres Pullovers, keine Spur von einem BH. Sie kam nur selten hierher, aber ich ja auch. Wir begegneten uns hier zufällig, ihr Anblick elektrisierte mich augenblicklich, im wahren Leben gingen wir in dieselbe Klasse. Draußen parkte der Motorroller, mit dem sie ihr Typ hergebracht hatte. Jeder, der das Flash betrat, erhöhte die Spannung. Elektrisiert war man nämlich schon, wenn man reinkam, schon bevor man überhaupt reinkam. Da musste man tanzen, um sich zu entladen, sonst wäre man doch explodiert, manche explodierten. Manche kippten sich harte Sachen rein, sackten zusammen irgendwann. Das waren andere, nicht ich. Ich hielt schon ein paar Stunden durch, immer pendelnd zwischen Explosion und dem Aufsaugen der umherjagenden Energie anderer Explosionen, vielfaches Sterben und Wiederauferstehung in jedem Augenblick.

Die Himmelblaue mit den schwarzen Haaren schlief, allein, es war schon der nächste Tag in dieser Nacht. Sie sah wunderhübsch aus, leise und verletzlich, um sie toste der Geschützdonner der Bassboxen. If you wanna be startin‘ somethin‘, you got to be startin‘ somethin‘, schon nach den ersten Bassschlägen flog ich über die Tanzfläche, sie war leer, niemand hatte Lust, zu tanzen, umso besser, ich entlud mich auf jedem Quadratzentimeter Stahlboden, gnadenlos getrieben von dem rasenden Beat und dem Stakkato von Michael Jacksons Gesang. Was machten die anderen bloß, wenn sie „miteinander“ tanzten? Die Musik konnte die nicht so durchdringen wie mich, die tanzten gar nicht, auch wenn sie tanzten. Miteinander! Wahrscheinlich war ich gerade deshalb hier in diesem Druckkessel, wo der Bass erdbebenhaft stampfte wie die gigantischen Schmiedehämmer in den Stahlwerken der nahen Stadt. Wir ließen uns erwartungsvoll in den Hochofen fallen und wurden verschmolzen zu neuen, besseren Legierungen, zu widerstandsfähigerem Stoff für das Leben da draußen. Wir drängten uns im Bunker aneinander, draußen fielen die Bomben, erschütterten die Fundamente im Rhythmus von Michael Jackson. Ich war nicht hier, um Frauen aufzureißen. Ich war hier, um mir Sehnsucht in die Nervenbahnen zu jagen und zu explodieren, damit ich neu zusammengesetzt wieder nach Hause konnte, mich wenigstens heute Nacht ganz fühlen und den nächsten, ermatteten Tag. She’s a Brick House, schnarrten die Commodores, ich ruhte mich aus an der Seite der leeren Tanzfläche, der Stahlboden schimmerte wie Quecksilber unter den Schwaden aus Zigarettenrauch und Trockeneis, aber Brick House holte immer einige aus den Höhlen zurück. Immer. Sie tanzten auf dem Meer aus Quecksilber, versanken nicht, aber es nahm ihnen ihren Verstand mit seinen giftigen Dämpfen, und genau das wollten sie. Ich warf mich wieder hinein. Wer die waren, das ging mich nichts mehr an, ich schwamm im Schwarm, da war einer wie der andere und alle waren ich.

Die Mädels waren schon verschwunden, sie mussten irgendwann mit irgendjemandem abgezogen sein, in ihren Angorapullovern, vielleicht offenbarten sie ihrem Begleiter heute Nacht die Vorderseite. Meine ewige Geliebte in Blau stieg auf den Sozius des Motorrollers. Es war kühl, es war Nacht, nicht mehr lange war es Nacht. September, Angoramonat, du bist noch weit weg, September, wenn ich spät am Morgen erwache, bist du vielleicht schon da. Besser ich erwache nicht mehr. Aber sie lassen einen nicht schlafen in den Kunstledersesseln in der Höhle, sie machen irgendwann das Licht an und die Musik aus, das will ich nicht erleben, diese Ernüchterung, dann lieber nach Hause ins Bett und mich noch ein wenig ganz fühlen, vielleicht sogar am nächsten, ermatteten Tag. Grandmaster Flash, erbarme Dich unser. Last night a DJ saved my life, last night a DJ saved my life from a broken heart.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s