Sprachlos – Schreiben

bpDieser Beitrag nimmt Teil an einer „Blogparade“, einer Kampagne von Bloggern mit dem Motto „Schreiben gegen rechts„.

Der Impuls, zu verstummen, ist stark. Fassungslos blicke ich auf machtvolle Vorgänge, Vorgänge, die einander, noch, entgegenlaufen, einander den Wirkungsraum streitig zu machen versuchen, Platz greifen wollen, einander zur Seite zu drängen versuchen, ohne letztlich zu „gewinnen“, noch. Aber warum dann stumm werden und nicht gerade dann sprechen, schreiben, reden, rufen, schreien? Schreien wohin? Das ist der Schmerzpunkt. Rufen, schreiben, schreien, alles schön und gut. Aber wer von denen, die gemeint sind, die umdenken sollen, bekommt das überhaupt mit? Meine facebook-Feunde sind sicher keine „Asylkritiker“. Und ein Schreiwettbewerb ist es schon lange, oder scheint es zu sein, mit unguten Resultaten.

Was soll ich noch sagen oder schreiben, denke ich, was ich nicht schon oft gesagt oder geschrieben habe, was andere, viel hörbarere, nicht schon unzählige Male geäußert haben, denke ich. Nicht, dass wir uns in Europa in einem faktischen und moralischen Totalzusammenbruch befinden wie im zweiten Weltkrieg. Aber sehr weit davon entfernt scheinen wir nicht zu sein, auch wenn innerhalb der EU-Grenzen noch keine Schüsse oder Bomben fallen wie damals. Ein gemeinsames Einstehen für die allgemeinen Grundwerte und Grundrechte jedenfalls, auch die von Nicht-Europäern, gibt es nicht, oder nicht mehr. Die EU habe ich immer auch als Menschenrechtsraum verstanden, mit verbürgten Freiheiten, Schutz vor Staatsunrecht und auch Schutz für Bedürftige von außen. Danach haben sich auch die neuen EU-Mitgliedsstaaten gesehnt, dachte ich. Worüber schreiben? Ich wundere mich. Eigentlich nicht.

Ich bin kein Christ. Von dem, was Christentum heißt, habe ich dennoch eine gewisse Vorstellung. Das ist durchaus keine eindeutige oder verlässliche Grundlage, denn wonach soll man bei der Auswahl der bestimmenden Eigenschaften dieser oder jeder anderen Religion oder Geisteshaltung denn gehen – nach den mit ihnen gemachten Erfahrungen, dem, was man gehört, gelesen, gesehen hat oder dem, was sie von sich selbst sagt und erwartet? Fasse ich grob zusammen und konzentriere mich auf das, was diese Religion, bezogen auf das Zusammenleben aller Menschen, als Anspruch, als absoluten Kerngedanken formuliert, der in den Grundsätzen keiner Aufspaltung ihrer Gemeinschaften fehlen darf, dann würde ich sagen: diese Grundsätze sind, in christlicher Terminologie, „Barmherzigkeit“ und „Nächstenliebe“.
Die Haltung, ausgesprochen und ausgeübt von den Visegrád-Regierungen der Slowakei, Polens, Tschechiens und Ungarns „Wir (die Bevölkerung der Länder, die wir regieren) sind Christen. Wir nehmen, wenn überhaupt, nur Christen auf.“ ist ja vor allem deshalb so bemerkenswert, weil die eine Aussage die jeweils andere aufhebt. Nicht, dass sich europäische Regierungspolitiker auf einen Glauben berufen müssten oder sollten, wenn sie ihr Handeln rechtfertigen, ganz und gar nicht, doch diese tun es, ausdrücklich. Sie tun es auf eine Weise, die sie (und ihre Bevölkerung) gerade als das disqualifiziert, als das sie sich darstellen: als Christen. Der fundamentale christliche Gedanke der Barmherzigkeit schließt niemanden aus. Tut man das, handelt man nach den eigenen Maßstäben unchristlich. Natürlich nehmen sie ihre Aussage selbst nicht ernst, sie ist ein rein politisches Argument, eine Schutzbehauptung, wenn auch eine jämmerliche, um politisch eigennützige und dem Menschenrecht zuwiderlaufende Entscheidungen zu bemänteln. Das heißt aber nicht, dass sie damit, was ihre Bevölkerung angeht, falsch liegen. Bigotterie war schon immer die Kehrseite proklamierter Religiösität.

Wenn sich die deutsche Kanzlerin, obwohl sie Vorsitzende einer sich christlich nennenden Partei ist, zur Begründung ihrer grundsätzlich das Asylrecht ernst nehmenden und weltpolitisch umsichtigen Flüchtlingspolitik in dieser beispiellosen humanitären Krise gerade eben nicht (oder nicht auffällig) auf den Glauben beruft, dann tut sie das auch, weil sie weiß, was für ein Land sie regiert – genau wie ihre vier Kollegen – und welche Verantwortung Deutschland in Europa und der Welt hat. Deutschland ist kein christliches Land, es ist ein religiös pluralistisches, die vielen Religionsfreien inbegriffen. Mit religiös begründeter Politik würde sie nur Unfrieden stiften. Trotzdem ist ihre Politik der Nothilfe weitaus „christlicher“ als die der meisten anderen Regierungen und ganz besonders derer, die sich auf ihre christliche Kultur berufen.

Nothilfe. Menschenrechte. Grundrecht auf Asyl. Vielleicht ist es in der Unübersichtlichkeit der politischen Krisen innerhalb und außerhalb der EU ja gerade wichtig, solche simplen Grundsätze nicht aus dem Blick zu verlieren. Also schreibe ich das.

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3 Gedanken zu “Sprachlos – Schreiben

  1. anna_schmidt_berlin 1. März 2016 / 10:38

    Und ich danke dir, dass du das schreibst und teilnimmst! Ich bin wegen der Unterschiedlichkeit aller Beiträge sehr fasziniert und dieser ist ein Teil davon! Klasse!

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