Hiromi. Eine Hymne auf das Ungestüm

Während eines Interviews für den Hersteller ihres wichtigsten Werkzeugs macht Hiromi Uehara, als sie über klassische Musik spricht, mit beiden Armen eine weit ausladende Geste. Die klassischen Komponisten seien es, welche das Klavier in seinen ganzen Möglichkeiten ausschöpften. Diese Geste ist es, die nun ihre eigene Musik auszeichnet – sie will alles, will sich von nichts einschränken lassen, nicht von geschmacklichen, traditionellen, technischen und schon gar nicht spieltechnischen Grenzen. Sie will das ganze Spektrum des musikalischen Ausdrucks ausschöpfen in aller Breite und seiner ganzen Tiefe, es sogar noch ausweiten ins Unbekannte. Und zwar in beinahe jedem ihrer Stücke, immer, alles.

Was für ein Jazz!

Und sie tut es. Weil sie es kann. Weil sie nicht anders kann. Es ist tatsächlich so: Nahezu alle ihre Stücke beschränken sich nicht jeweils auf ein Tempo, eine Dynamik, einen Gestus. Sie entwickeln sich, springen oder stürmen durch viele, man meint, alle musikalisch erreichbaren Regionen und Stimmungen. Man merkt es ihrer Musik an, dass da ein ungestümes, ein leidenschaftlich expressives und sensibles Herz schlägt, ein zugleich kindlich-spielerisches wie wagemutig-neugieriges Wesen in die Welt da draußen strebt. Sie schert sich nicht um Genregrenzen, auch wenn sie ihre Kompositionen vom Jazz herleitet und sie auch nach Jazz klingen. Aber WOW, was für ein Jazz! Technisch ist Hiromi so virtuos – und musikalisch-emotional so unerschrocken, dass sie wohl jedes klassische Klavier-Werk spielen könnte. Es ist ihr eine Lust, diese Virtuosität in ihren Jazz-Stücken einzusetzen, das ist unüberhörbar. Die Freude am Spiel im eigentlichen Sinn – spielen – durchzieht alle ihre Stücke, ihre Auftritte solo oder mit Band zeigen eine Musikerin, die sich vor Hingabe und Entzücken an der Musik völlig aufzugeben scheint.

„Alles“ ist nie alles

Ob sie den Konzertflügel via Tastatur dröhnen, klagen, singen, jubilieren oder Witze machen lässt oder ihm in die Eingeweide greift und plötzlich mit vier Armen zugleich zu Werk zu gehen scheint, oder ob sie, oft gleichzeitig mit einer Hand hier und der anderen dort, auch den Synthesizer dazuschaltet, ob sie mit machtvollem Rhythmus dahinprescht oder sich suchend in unbestimmten Melodiefragmenten buchstäblich vortastet, ob sie klassischen Ragtime einer völlig schamlosen Reanimation unterzieht oder „Tom-und-Jerry-Musik“ in geradezu geisteskrankem Tempo ohne einen einzigen falschen Ton aus ihrem Instrument schießt oder mit hartem Funk, Beethoven-Sonaten, erdigstem Blues und hell perlenden progressive-Läufen wie mit bunten Bällen jongliert – man kann nur fassungslos zuhören, wie entschieden und selbstverständlich das klingt, nicht selten auch übergeschnappt, und das ist: großartig! Technisch so schwierig, dass wohl niemand außer sie selbst all das verbinden könnte, musikalisch wie ein Aufatmen, ein Niederreißen völlig unnötiger Grenzen, und immer wieder verblüffend, berührend, überwältigend. Atemberaubend wild und kontrolliert zugleich verlangt sie sich am Instrument alles ab, bis zum nächsten Mal, wo „alles“ schon wieder „noch mehr“ ist.

Wir müssen mit ihr gehen. Unbedingt.

Kein Wunder, dass die großen, die Etablierten des Jazz sich nicht lange bitten lassen, wenn sie mit ihnen auftreten oder eine Platte aufnehmen will. Sie erscheinen neben diesem unabhängigen, aber seinen Vorbildern immer zutiefst verbundenen und dankbaren Geist trotzdem wie Gestalten aus einer vergangenen Epoche.

Die Japanerin hat mit klassischer Musik ihre Grundausbildung am Klavier erhalten und es darin weit gebracht. Aber wenige klassische Pianisten wagen sich in die Improvisation oder gar auf das offene Feld der Komposition von Jazz. Sie hatte offensichtlich nur darauf gewartet, ihren musikalischen Expansionsdrang auszuleben, und als sie noch als Schülerin mit dem Jazz in Berührung kam, hat sie die Tür sehr schnell sehr weit aufgestoßen, hinaus, ins Freie, ins Leben, wo es so vieles zu entdecken gibt, zu vermischen, zu erfinden. Selbst schuld, wer nicht mit ihr auf die wilde Reise geht.

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