Unsagbares muss man eben schreiben

Eine autobiografische Geschichte.
Beitrag für die „REINGELESEN“-BLOGPARADE

DSCF7528-001Zwei Jungs auf dem Land, Freunde, beste Freunde, vielleicht sieben, acht, neun Jahre alt. Wir verbrachten viel Zeit damit, über die Wiesen, Felder und Viehweiden zu streunen, weit und breit kein Anderer, kein Erwachsener, keine Aufsicht. Nur die Freiheit, zu tun, wonach uns gerade der Sinn stand. Was erlaubt war und was nicht, meist blieb es Vermutung.

In einem Sommer stand uns der Sinn danach, Milchkühe durch ihre Koppel zu treiben. Das hatte irgendjemand schon mal gemacht, wir hatten davon gehört. Diese riesigen Geschöpfe ließen sich von uns kleinen Kerlen wegtreiben? Die Kuhweide lag direkt vor uns. Niemand sonst zu sehen außer Kühen. Wir vermuteten stark: Das war wohl nicht erlaubt, Kühe treiben.

Die Tiere ließen sich tatsächlich von uns über die Weide scheuchen. Hin und her trieben wir sie, wir mussten gar nicht viel tun, und unsere anfängliche Angst vor den Kolossen wich einem köstlichen Gefühl von Stärke – und Unachtsamkeit.

Der Trecker erschien auf dem Hügelkamm über der Weide. Schon dort oben schimpfte der Bauer wütend in unsere Richtung, und er schimpfte weiter, während er ausstieg und in seinen schweren Gummistiefeln stampfend den Hang hinunter rannte und wir uns durch den Stacheldrahtzaun zur anderen Richtung aus dem Staub machten. Er rannte weiter, hinter uns her. Mein Freund lief gute zehn Meter vor mir, das Gras der Feuchtwiese stand hoch, wir kamen nicht gut voran, trotz der Angst, die nun brannte wie Feuer in unseren Rücken. Mein Freund rief mir irgend etwas zu, das ich nicht verstand, hinter mir kam der wütende Bauer immer näher. Plötzlich warf es mich zu Boden, mein Fuß hatte sich in einem Zaundraht verfangen, der im Gras nicht zu sehen war. Davor also hatte mein Freund mich gewarnt. Als ich mich wieder aufrichten wollte, um weiter zu rennen, packte mich die mächtige Hand des Bauern am Genick und zerrte mich nach oben, dicht vor sein zorniges Gesicht. Ich zappelte vergeblich, sah mich nach meinem Freund um. Der kam tatsächlich zurück, ließ mich nicht allein mit dem brüllenden Mann.

Der Bauer hatte allen Grund, wütend zu sein, und brüllend erklärte er uns sogar, warum. Die Kühe gäben abends keine Milch mehr, wenn sie dauernd von irgendwelchen Drecksbankerten wie uns über die Weide gejagt würden. Wir mussten ihm unsere Namen sagen. Er werde zu uns nach Hause kommen und fünfzig Mark von unseren Eltern verlangen, als Schadensersatz, drohte er, bevor er uns gehen ließ.

Fünfzig Mark! Eine unvorstellbare Summe für mich. Eine gewaltige Schuld, die ich auf mich geladen hatte. Fünfzig Mark, so viel hatten wir doch gar nicht. Wir waren arm. Ich würde meine Familie in große Schwierigkeiten bringen, das war sicher. Aber sagen, nein, sagen konnte ich es meiner Mutter, meinem Vater nicht. Bald würde der Bauer kommen und das Geld haben wollen. Ich musste es ihnen sagen. Aber ich konnte nicht. Ich brachte es einfach nicht über mich. Ich schämte mich, grämte mich, fürchtete mich viel zu sehr. Doch ich musste es ihnen irgendwie erzählen, bevor der Bauer kam.

Ich nahm ein Blatt Papier und zeichnete und schrieb, eine Geschichte, Bildergeschichte, unsere Kuh-Geschichte, mitsamt der Drohung des wütenden Bauern. Den Mut, es meinen Eltern zu geben, brachte ich nicht auf, aber ich konnte mich wenigstens erst einmal dem Papier anvertrauen. Es fühlte sich nicht mehr nur danach an, als ob ich sie ausschließlich in mir selbst verstauen müsste, all die Scham über das, was gewesen ist und die Furcht vor dem, was noch kommen könnte.

„Unsagbares“ erzählen. Keine schlechte Beschreibung für vieles, was ich seitdem geschrieben habe, versucht habe zu beschreiben. Das Alltägliche hat mich nie besonders interessiert, das, was überall verhandelt wird. Verschwiegenes, Verdecktes, Verdrängtes ist es, was ich beschreiben, betrachten und mit Anderen teilen und zur Diskussion stellen will. Dinge, über die man eben nicht gern spricht, deren Betrachtung Überwindung erfordert. Das heißt nicht, dass solche Dinge nicht offen sichtbar sind. Sie sind es zumeist. Offen betrachtet werden sie aber selten. Gewalt in Familien oder Gesellschaften einerseits, Gewalt zwischen Gruppen oder Staaten andererseits und der Zusammenhang zwischen beidem. Noch immer tun viele, als gäbe es diesen Zusammenhang nicht. Darüber schreibe ich oft, in der einen oder der anderen Form.

Als der Bauer auch an den folgenden Tagen nicht auftauchte, zerriss ich das Blatt Papier mit der verräterischen Geschichte, meine Eltern erfuhren nie von unserer Tat. Der Bauer hatte uns bloß Angst einjagen wollen und damit sein Ziel erreicht. Und er hatte mich ohne Absicht dazu gebracht, zu erzählen, zu schreiben.

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14 Gedanken zu “Unsagbares muss man eben schreiben

    • Michael Wäser 19. Mai 2016 / 09:01

      Hallo, willkommen und danke für deinen Kommentar. „Die Einzige“ – damit meinst du, über Verschwiegenes zu schreiben? Zum Glück versuchen das wohl auch noch mehr Schreibende außer uns. Mehr als es immer wieder zu versuchen, kann man wohl kaum. Es adäquat in Worte fassen … sehr sehr schwer …

  1. andreamaluga 16. Mai 2016 / 14:46

    Ein Dank an den Bauern!
    Im Ernst: Unsagbares aufzuschreiben ist auch mein Antrieb, obwohl ich es nie so schön formuliert habe. Danke.

    • Michael Wäser 19. Mai 2016 / 08:51

      Danke für deinen Kommentar. Bleiben wir dran, am Unsagbaren …

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