Menschenfreundlichkeit aus der Rechnerfarm

Ratatouille, WALL.E, Toy Story, Findet Nemo, Monster AG, Merida und Oben sind eine humanistische Bibliothek für kleine und große Menschen.

Nein, ich habe nicht alle Pixar-Filme gesehen, aber bis auf die letzten drei, vier fast alle. Was je nach Standpunkt auffällig oder verdächtig ist, denn schon als der erste Pixar-Kinofilm erschien (Toy Story, 1995), war ich lange kein Kind mehr. Mein eigenes Kind erschien zwar im selben Jahr, doch bis ich mit ihm zusammen ins Kino ging, dauerte es noch mindestens bis zu Toy Story 2 (1999) oder Die Monster AG (2001). Und wenige Pixar-Filme später war die Zeit der gemeinsamen Besuche im Kinderkino auch schon wieder vorbei. Cars war wohl der letzte Pixar-Film, den wir zusammen ansahen. Ich habe mir die Filme also meistens ohne kindliche Begleitung (oder Rechtfertigung) angesehen, teils im Kino, teils auf DVD oder im Fernsehen.

Für viele sind die Animationsfilme aus dem Pixar-Studio Kinderfilme, für die meisten eher Familienfilme. Für mich sind sie – nicht alle, aber fast alle – große, humanistische Kunst. Und bewundernswertes, erfinderisches Erzählerhandwerk.

Gleichgesinnte

Wie es kam, dass einst gerade diejenigen Menschen sich um Steve Jobs und vor allem um John Lasseter versammelten, die es verstanden, Lasseters Vision und Menschenbild zu teilen, zu bereichern und zu vermitteln, wird immer ein glückliches Mysterium bleiben – man kann auch einfach sagen: Die Richtigen haben zueinander gefunden, damals und in den meisten folgenden Jahren. Sie interessierten sich nicht wirklich für die bis dahin aus den USA bekannten Disney-Musicals, denn diese erzählten nicht wirklich vom Menschen, sie interessierten sich zu wenig für ihn bzw. für die falschen Aspekte – mit wenigen Ausnahmen. Und nun nahm das ausgerechnet eine Handvoll Computerfreaks in Angriff – und krempelte den amerikanischen, ja eigentlich den weltweiten Animationsfilmmarkt und seine Erzählweise vollkommen um.

Den Technikfreaks geht es nicht um Technik

Was die allermeisten (nicht alle) Pixar-Filme vor allem auszeichnet, ist nicht ihre  staunenswerte Technik. Es ist die beispiellose Hingabe ihrer Schöpfer an die Geschichte und die Figuren. Ein Pixar-Film steht für ein leidenschaftliches Anliegen, welches Unterhaltung und kommerziellen Erfolg zwar beinhaltet, aber weit, sehr, sehr weit darüber hinaus geht. Den Aufwand, den ein Team in der Entwicklung eines neuen Films, seiner Figuren, seiner Geschichte und seines Themas betreibt, ist mit nichts zu vergleichen, was es sonst in der Branche auf diesem Gebiet gibt. Und auch das ist eher ein quantitativer Aspekt, wo es doch um die einzigartige Qualität von Pixar geht. Denn ihr ist alles andere untergeordnet, an ihr muss sich alles messen lassen. (Allein an der Animation der unbezähmbaren Locken von Heldin Merida arbeitete ein ganzes Team ein ganzes Jahr lang. Warum das? Weil Meridas Locken uns etwas über Merida erzählen sollten, und das tun sie sehr eindrücklich.) Das gilt für fast alle ihrer Werke (jedenfalls die meisten, die ich kenne), anschaulich machen möchte ich es an dem, der mir von allen (und noch vor, ja,  WALL.E, Toy Story 2&3, Merida und Oben) am meisten am Herzen liegt: Ratatouille.

Mit ganzem Herzen

Nichts an Ratatouille ist ohne Bedeutung und Bedacht in Hinblick auf seinen Kern, sein Anliegen, sein Herz. (Dieses Stichwort bezeichnet jeden der vielen besonderen und so gelungenen Pixar-Filme – jeder von ihnen hat ein warmes, spürbares und kontaktfreudiges Herz.) Die unglaublich detaillierte Gestaltung schon der Anfangssequenz in und um ein altes Häuschen in der Nähe von Paris lässt uns unmissverständlich spüren: Die, die das gemacht haben, lieben das, was sie uns zeigen. Sie bieten alles auf, wozu sie in der Lage sind, um uns diese Geschichte zu erzählen. Und die Hauptfigur, die Ratte Rémy, ist genau wie sie. Aber sie kann nicht so, wie sie will, wozu es sie mit aller Kraft drängt: Kochen. Sie hat noch nicht erkannt, dass sie ihren Weg gehen muss, wenn sie sein will, was sie werden kann, nämlich ein wahrer, großer Künstler des Genusses und keine „normale“, aber in diesem Fall unglückliche Ratte. Welcher Mensch kennt nicht diese Frage, diesen Konflikt, diese Unsicherheit, die damit verbunden ist, zu werden, was man sein kann – oder es zu verleugnen und darunter zu leiden? Das,was in einem selbst angelegt ist, wahrhaft zur Entfaltung zu bringen – gegen Zweifel und gegen Widerstände? Es sind  zutiefst menschliche Themen wie dieses, die Pixar so konsequent wie sonst kein Animationsstudio in seinen Filmen entwickelt.

Immer: Geschichte! Erzählen!

Und dieses Thema ist in Ratatouille in jeder Sekunde zu spüren, in der Sorgfalt, in der Opulenz, in der beinahe greif- und schmeckbaren Gestaltung des – meist kulinarischen – Genusses, eingebettet in die betörend gezeichnete Kulisse der Hauptstadt des Genusses, Paris. Das, wovon Rémy träumt, es ist Realität, es ist erstrebenswert, sagen diese überbordend schönen und atmosphärischen Bilder, die unfassbar schwierig herzustellen waren. Nie war eine animierte Ratte so sehr echte Ratte und trotzdem so ein menschlicher Charakter wie bei Rémy. Seine Bewegungsabläufe sind ohne jeden Zweifel perfekt rattig, unerreicht davor und danach, aber seine zarten Pfötchen und seine Augen und Ohren vollbringen zugleich auch einen menschlichen und zutiefst anrührenden Gestus. Die zweite Hauptfigur, der tollpatschige Küchenhelfer, geht einen ähnlichen Weg wie Rémy, nur hat er keine solche Leidenschaft fürs Kochen, entdeckt sie aber in der Liebe. Hingabe, das ist das Herz von Ratatouille. Es ist ebenso das Herz von Pixar. Man kann sich nicht vorstellen, wie viel Arbeit, Mühe, Neugier, Kommunikation, Kreativität, Durchhaltevermögen und vieles mehr aufgeboten wurde, um am Ende den Film so präsentieren zu können, wie seine Regisseure Brad Bird und Jan Pinkava und das ganze Pixar-Team ihn präsentieren wollten. Hätten sie es sich leichter gemacht, hätten sie weniger Sorgfalt und  – Hingabe – walten lassen in Recherche, Drehbuch, Charakter Design, Set Design und immer wieder Drehbuch – sie hätten ihr menschenfreundliches Anliegen nicht glaubhaft vertreten können. Das aber war und ist es, warum sie Filme wie Ratatouille machen und wofür ich sie von den ersten Minuten von Toy Story an bewundere.

Humanismus. Humor.

Der Humor, der in allen Pixar-Filmen so stark wirkt, er ist nicht nur, wie bei vielen anderen teuren Animationsfilmen, ein durchschaubares Verkaufsargument, er ist Teil der menschenfreundlichen Haltung, die jedem Film eigen ist. Er ist Ausdruck der Milde gegenüber menschlichen Schwächen und dem Ausgeliefertsein des Menschen im Getriebe der Welt. Wir sind fehlbar, sagt dieser Humor. Das ist nichts Schlechtes, sagt dieser Humor. Lachen wir miteinander darüber, weil wir alle so sind, es ist okay. Was kann man einem Kind, einem Menschen Wertvolleres vermitteln? Für all dies liebe ich diese Filme. Wirklich.

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