Frauke Petrys Appetit

AFD-Vorsitzende Frauke Petry möchte den Begriff „völkisch“ gerne benutzen können, ohne dafür als Rassistin und Nazi tituliert zu werden. Sie möchte gerne, dass der Begriff rehabilitiert wird, dass er von negativen Besetzungen entlastet wird. Weil er zum Begriff „Volk“ eben dazugehöre.

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Das kann sie sich natürlich wünschen, sich und allen, die diesen Wunsch mit ihr teilen. Bei manchen Wünschen fragt man sich allerdings: warum bloß? Könnte doch gerade dieser Wunsch zum Beispiel auch so formuliert werden: „Ich würde gerne Scheiße essen können, ohne dass jemand sagt: Du hast da gerade Scheiße gegessen.

Der „negative Beigeschmack“, den sie dem Begriff „völkisch“ zu Unrecht angehängt sieht, ist kein Beigeschmack. Er schmeckt eben so. Wobei Scheiße ja eine wirklich nützliche, ganz natürliche Sache ist, nur eben unappetitlich und hygienisch problematisch, wenn man damit nicht richtig umgeht. Mit dem Begriff „völkisch“ verhält es sich anders. Man kann ihn als politischen Begriff gar nicht unproblematisch verwenden. Er ist, außer dass er im Großen und Ganzen von Nazis und Rassisten bekannt gemacht und verwendet wurde, welche die ganze Welt in Brand setzten, abgeleitet von „Volk“. Der Begriff „Volk“ ist genau so problematisch wie Scheiße. Richtig verwendet, ist er sehr brauchbar und nützlich für die Gesellschaft und die Welt. Falsch verwendet, sorgt er für nichts als Leid und Tod.

Als die Massen 1989 in der DDR durch die Straßen zogen und „Wir sind das Volk!“ riefen, gingen sie mit dem Begriff auf eine Weise um, die (außer den DDR-Offiziellen damals ) niemand problematisch finden würde, ganz im Gegenteil. „Volk“ bezeichnete ganz einfach die vom SED-System drangsalierten Bewohner der DDR, die die Schnauze voll hatten. Als es dann hieß „Wir sind ein Volk“ wurde die Sache schon komplizierter, aber in dem Zusammenhang, in dem der Satz (nun auf beiden Seiten der deutsch-deutschen Grenze) gebraucht wurde, war er nicht schwer nachzuvollziehen – als Wunsch, die rigorose, brutale Teilung der beiden deutschen Staaten  zu beenden. Das Adjektiv „völkisch“ würden nur die Wenigsten darin aufleuchten sehen. Allenfalls glimmen. Immerhin.

Nun ist dieses Adjektiv also Gegenstand eines Wunsches von Frauke Petry. In diesem Zusammenhang bekommen beide Begriffe neues Gewicht. Eine um sich greifende politische Bewegung will sich mit dem ihr angemessen erscheinenden Vokabular ausstatten, es erweitern, an die eigenen Vorstellungen anpassen. Das ist von Bedeutung, denn Worte sind das politische Werkzeug. Ohne das passende, eigene Vokabular kein Profil, keine Kommunikation der eigenen Ideen. Hier also soll eine Brücke gebaut werden,  zwischen der geduldeten Verwendung von „Volk“ und der nicht geduldeten von „völkisch“.

„Volk“ wird in Verbindung mit „völkisch“ unweigerlich zu einem rassistischen Begriff. Das Denken in „völkischen“ Kategorien kann gar nicht anders funktionieren als rassistisch, was wirklich jedem einleuchten dürfte. Dazu kommt, dass die Idee des „Volkes“, des „Völkischen“ besser gesagt (und damit eben auch des „Volkes“ als rassistischen Begriffes) ein politischer Kampfbegriff und eine gesellschaftliche und historische Lüge ist. Über die Existenz und Bedeutung verschiedener „Völker“ kann man viel diskutieren, das soll hier nicht geschehen.

Dass es aber im völkisch-rassistischen Sinn so etwas wie ein „deutsches Volk“ gäbe, ist schlicht und einfach nicht wahr. Es ist eine politische Behauptung, die schon zu Nazi-Zeiten nicht stimmte, und die waren Rassisten reinsten Wassers. Es gibt einfach keine Kriterien, die ein „deutsches Volk“ rassistisch definierbar oder erkennbar machen würden. Das ist den Nazis nicht gelungen (mit ihren windigen Definitionen sind sie nur unter den Bedingungen des kollektiven Wahns durchgekommen), und das wird noch viel weniger heute jemandem unter den Bedingungen der durchlässigen Welt gelingen. Ein deutscher Pass? Das ist sicher nicht das, was Petry sich unter „völkisch“ vorstellt. Sie würde sich nicht um gerade diesen Begriff sorgen wie eine Sozialarbeiterin um ein vernachlässigtes Kind, wenn es so wäre. „Völkisch“ ist ein Nazi-Begriff. „Völkisch“ dockt an den Rassenwahn der Nazis an. „Völkisch“ bedeutet in der gesellschaftlichen Realität unvermeidlich Diskriminierung, Verfolgung und Mord.

Scheiße, Frauke Petry. Guten Appetit.

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