Ray Donovan – das Innere nach außen

Wieder eine US-Serie, die einen um den Schlaf bringt – diesmal aber nicht nur, weil sie spannend ist.

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Ray Donovan (Liev Schreiber) ist kein Mann, der gern redet. Jedenfalls nicht mit Worten. Nicht, dass er gar nicht redet, aber wenn, dann ungern und kurz angebunden, nur weil die Situation es verlangt. In den „besseren Kreisen“ von L. A. wird ohnehin viel zu viel Bullshit gequatscht, da kann man schon verstehen, wenn einer da nicht mitmachen will. Aber Verachtung für die Egomanen, die Gierigen, Halt- und Rücksichtslosen ist nur ein Grund für Ray, sparsam mit Worten umzugehen. Schließlich lebt er von ihren Eskapaden, ihren Fehltritten und auch ihren Verbrechen. Er ist ein „Fixer“. Er bringt Sachen wieder in Ordnung. Und er ist sehr gut. Er ist cool. Frauen werfen sich ihm an den Hals, und nur selten weist er sie zurück. Er verdient viel, sehr viel Geld.

Die Frau im Hintergrund

Viel weniger Überwindung als zu reden kostet es Ray, seine beiden eigentlichen Muttersprachen zu sprechen: Gewalt und Sex. Die eine, meistens, auf der Arbeit, die andere, überwiegend, zu Hause. Er ist also ein klassischer maskuliner Filmheld. So klassisch, dass man die Figur „altmodisch“ nennen müsste, altbacken, klischeehaft – wäre da nicht die Frau im Hintergrund. Nicht seine Ehefrau (zu ihr später mehr), sondern Ann Biderman, seine Schöpferin. Die, die ihn sich ausgedacht hat. Ihn und die Figuren um ihn herum, die Konstellationen und Geschichten. Ja, eine Frau hat sich diese harte Männergeschichte ausgedacht, und das ist es, was diese altmodische Sache hochinteressant macht. Denn sie hat hinter die harte Fassade geblickt und nicht beschlossen, darüber zu schweigen, was sie dort gefunden hat, sondern es in einer detailreichen, komplexen Erzählung wie ein Panorama auszubreiten. Ein Panorama von Missbrauch, Trauma und den verschiedenen Strategien, damit zu leben. Warum ist das Leben dieser erweiterten Familie, wie es ist? Warum handeln die Figuren so, wie sie handeln? Die Serie ist, glücklicherweise, eine breit angelegte Geschichte, die einzelnen Folgen und Staffeln sind wie Kapitel und Bände eines großen Romans.

Drei Brüder mit Vergangenheit

Ray ist nicht der einzige Donovan. Er ist der mittlere von drei Brüdern, ihre einzige Schwester hat sich im Drogenrausch von einem Haus gestürzt. Der ältere Bruder Terry (Eddie Marsan) führt einen Boxclub und trainiert junge Boxer, er leidet unter Parkinson. Der jüngere Bruder Bunchy (Dash Mihok) ist ein Wrack, unselbstständig, ängstlich, einer, der nichts auf die Reihe kriegt. Er ist gerade auf Entzug und hat einen Prozess gegen die katholische Kirche gewonnen, weil ein Priester ihn als Kind missbraucht hat. Jetzt erwartet er einen ziemlich großen Scheck als Wiedergutmachung. Sonnenklar, dass er auch das versauen wird, denn er ist kaputt, zerstört, kann mit dem Trauma nicht leben, auch die Selbsthilfegruppe, die er besucht, kann das nicht ändern. Gut, dass Ray den Laden zusammenhält, denn er ist der Beschützer. Wenn er es für nötig hält, geht er dabei bis zum Äußersten. Dann fließt eben Blut.

Shakespeare in L. A.

Die Donovans sind Iren. Besser gesagt, sie stammen ab von Iren, kamen vor ein paar Jahren von South Boston nach L. A. Auch Mickey, ihr Vater, kennt Irland nur von Fotos. Mickey ist das größte Arschloch, dass man seit langem auf einem TV-Bildschirm gesehen hat. Mit Jon Voight hat er einen zugleich beängstigend kongruenten wie auch furchtlosen Darsteller. Voigt lässt einen immer wieder Dinge von Mickey sehen, die man wirklich nicht sehen möchte, und das ist beeindruckend. Ray hat ihn hinter Gitter gebracht und will ihn nun, nachdem er wieder raus ist und sich in Rays Leben und seine Familie drängt, umbringen lassen. Wo er auftaucht, entsteht Unheil für jeden, der sich mit ihm einlässt. In L. A. und im Umfeld seines Sohnes Ray gibt es viele, die dafür anfällig sind. Man könnte meinen, ein Shakespeare-Drama im Vollzug zu sehen, genauso vertrackt und gnadenlos ist RD, nur viel detaillierter. Auch sein Humor ist ebenso böse.

Keine(r) kommt ungeschoren davon

Da darf natürlich auch Rays eigene Familie nicht fehlen: Seine Frau Abby ist mit ihm aus Boston hergekommen, ihre beiden jugendlichen Kinder kennen nur das sonnige Los Angeles mit seinen ganz eigenen Gefahren, vor denen Ray sie natürlich auch zu beschützen versucht. Abby leidet unter Rays Schweigsamkeit und seinen Affären. (Sicherheitshalber hat er neben dem trauten Eigenheim ein eigenes Appartment in der Stadt.) Abbys Problem ist nur: Sie steht auf Männer wie Ray. Sie empfindet es als Bestätigung, wenn er sie überfallartig vögelt, sobald es brenzlig wird, dass er, ihrzuliebe, ein viel zu teures Luxushaus in einem Nobelviertel kaufen will. Sie steht auf Wohlstand, auf dicke, deutsche Karren und die Art, wie Ray sich kleidet, sie ist irgendwie immer noch das Mädchen aus dem trüben South Boston. Erst, als ihr (Paar)Therapeut ihr entnervt ein Blatt Papier vor die Nase hält, auf das er in riesigen Buchstaben „Bestechung“ gemalt hat, beginnt sie zu begreifen. Auch ihre Darstellerin Paula Malcomson scheut sich nicht, ihre Figur so lange immer wieder dieselben Fehler machen zu lassen, dass sie einem wirklich nicht mehr leid tun kann.

Das Verborgene ist sichtbar

Es ist die intelligente Konstellation und der ständig präsente, psychologisch geschulte Blick hinter die Fassaden, die „Ray Donovan“ (neben der exzellenten Inszenierung) so außergewöhnlich machen. Die vordergründige Handlung speist sich sichtbar aus dem, was normalerweise im Verborgenen bleiben soll. Die drei Brüder repräsentieren jeweils drei „Strategien“ des Lebens nach dem Kindesmissbrauch, denn auch Ray und der älteste Bruder wurden als Kinder in Boston vom selben, von „ihrem“ Priester missbraucht und von ihrem Vater, der davon wusste, immer wieder hingeschickt. Der Archetyp des schweigsamen Filmhelden wurde in den letzten Jahren zwar schon mehrfach aufgebrochen und genauer unter die Lupe genommen, zum Beispiel in den letzten James-Bond-Filmen, aber „Ray Donovan“ nimmt sich dafür viel Zeit und geht vielen Einzelheiten auf den Grund. Das ist auch bei den weiteren Nebenfiguren – Rays Helfern, Affären, Gegnern, Auftraggebern – und dem zwar bissigen, aber nie eindimensionalen Blick auf die Society von Hollywood darüberhinaus sehr unterhaltsam anzusehen. Bis zum Ende der dritten (!) Staffel dauert es, bis Rays Verdrängungspanzer kollabiert – ausgerechnet in einer Kirche, ausgerechnet bei einem Priester. Wie es weitergeht? Die Autorin dürfte nicht so einfältig sein, aus ihrer hellsichtigen Analyse eine simple Bekehrungsgeschichte zu machen. Staffel vier wurde in den USA bereits gesendet, Staffel fünf angekündigt.

RD zurzeit bei Netflix, möglicherweise auch ab und zu im ZDF.

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