Französische Zeichensetzung

Macrons Händedruck-Duell mit Trump und sein Interview dazu sorgen für Aufsehen. Ein kommunikativer Geniestreich mit Risikofaktor.

Jetzt regt sich der „Spiegel“ über den französischen Präsidenten Macron auf, als der seinen viel diskutierten Händedruck bei Trump erklärt. Macron habe selbstzufrieden geklungen. Dabei hat Macron bei Trump etwas sehr einfaches und zugleich sehr intelligentes getan, darüber hinaus etwas sehr angemessenes. Er hat sogar mehrere Dinge auf einmal getan, als er Trump bei seinem ersten Zusammentreffen in der Botschaft in Brüssel vor der Presse demonstrativ entschlossen die Hand schüttelte. Und er hat über seine Beweggründe und Ziele dabei in einem Interview sehr klar und bewusst Auskunft gegeben. (Hier auch die wichtigsten Passagen in Deutsch.) Was er getan hat:

  1. Er zeigte, dass er sehr gut vorbereitet in diese Begegnung ging und sich nicht von Trump instrumentalisieren lassen wollte. Das war laut seinen Äußerungen im Interview auch seine Absicht. Dort sagt er dazu: „Man muss zeigen, dass man auch keine kleinen Zugeständnisse macht, nicht einmal symbolisch.“ Das Wort „Zugeständnisse“ zielt dabei sicher nicht auf die erforderliche Zusammenarbeit, sondern auf die Instrumentalisierung durch Trump.
  2. Er hat Trump damit ganz offensichtlich überrascht, „kalt erwischt“ – dazu später mehr. Das hat ihm die Chance eröffnet, selbst ein Zeichen zu setzen, gegenüber Trump und gegenüber der Öffentlichkeit. Ein Zeichen der Souveränität, ganz grundsätzlich, und zwar in der Sprache, die Donald Trump tatsächlich versteht, jedoch ohne die Grenzen des Anstandes zu übertreten – was ihm selbst geschadet hätte.
  3. Er hat Trumps primitive Masche, sein Gegenüber mit einem eindeutig übergriffigen, beinahe gewalttätigen und nicht selten völlig unvorhersehbaren Schraubzwingen-Händedruck von vornherein zu dominieren (statt diese Geste als sensibles Zwei-Wege-Kommunikationsmittel einzusetzen), als den billigen Trick aus Managerkursen auf Volkshochschulniveau entlarvt, der er ist, und Trump hatte keine Möglichkeiten mehr, weil er nur diese eine beherrscht.
  4. Beim zweiten Zusammentreffen, zur Einweihung des neuen NATO-Hauptquartiers, als Macron ihm schon wieder ein Zeichen der Souveränität sandte, indem er nicht ihn, sondern erst Merkel, dann andere, und erst als vierten auch Trump begrüßte  (jedoch nicht als letzten), wusste sich Trump nicht anders zu helfen, als Macron bei diesem Handschlag beinahe den Arm auszureißen und ihm danach noch einmal gönnerhaft auf die Schulter zu klopfen, mit gequältem Gesichtsausdruck. Er MUSSTE sich irgendwie “rächen“. Und er wird sich daran erinnern (und die Öffentlichkeit ebenso), dass Macron stellvertretend für die EU sich dessen manipulative Taschenspielereien nicht bieten lässt.
  5. Macron erscheint mir deshalb nicht selbstzufrieden, sondern geradezu bescheiden, denn er hat weit mehr getan als sich nur „Respekt zu verschaffen“. Es ist unmöglich, von einem Charakter wie Trump wirklich respektiert zu werden, es sei denn man begeht ein Verbrechen oder setzt sich über sonstige zivilisatorische Regeln hinweg. Etwas, was dieser in seiner Position zwar andauernd versucht, aber nicht wirklich tun kann, ohne einen Aufschrei nach dem anderen zu verursachen und sich selbst zu gefährden. Nur wer ihn übertrifft in Skrupellosigkeit oder Machtfülle, hat Trumps Respekt, denn er hält diese Männer für ÜBERLEGEN. (Macron selbst nennt sehr zutreffend Erdogan und Putin, ich ergänze um Kim Jong Un und Duterte, für welche Trump nach eigenen Aussagen „Respekt“ empfindet – allesamt autokratische Führer oder gar Mörder und brutale Despoten). Macron sagt dazu im Interview: „Donald Trump, der türkische oder der russische Präsident agieren in einer Logik der Stärke – das stört mich nicht. Ich glaube nicht an eine Politik der öffentlichen Beschimpfung, aber in meinen bilateralen Kontakten lasse ich nichts einfach passieren.“ Das ist nicht selbstzufrieden, sondern ein Vorbild in moderner, bewusster Politik. Und genau so erklärt er es auch.
  6. Natürlich ist es nicht ohne politisches Risiko, dem derzeitigen US-Prasidenten so zu begegnen – jemand wie Trump vergisst nichts, was er als Demütigung empfindet, denn er hat die psychische Struktur eines halbwüchsigen Gang Leaders vom Schulhof. Dieses Risiko hat Macron ganz klar kalkuliert. Vielleicht wird es nicht beim hilflos-symbolischen „Armausreißen“ bleiben. Ein Aspekt von Macrons Gesten-Kommunikation ist daher auch, dass er damit sagt: Es gibt für Regierungen im Moment wirklich wichtigeres zu bewältigen als solchen Kinderkram. „Handshake war“ kann jeder Trottel, wir aber haben uns mit dringenden Problemen zu befassen, und zwar als Partner, global, gemeinsam, nicht als Koch und Kellner. Das ist eine prinzipielle Frage, zu der Macron hiermit eindeutig Stellung bezogen hat.

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