Mulholland Drive – Rätsel sind aus.

Dieser Film ließ im Jahr 2001 Lynch-Fans wieder jubeln über das neue unergründliche Rätsel, das ihnen der Meister geschenkt hat. Vor dem Hintergrund warne ich vor dieser möglicherweise enttäuschend nüchternen Betrachtung von „Mulholland Drive“.

DSCF1310.jpgDavid Lynchs Filme gelten oft, und vermutlich zurecht, als enigmatisch, mysteriös und abgründig. Seine Fans schätzen genau das und ergehen sich in Diskussionen um die möglichen Interpretationen. Auch das gehört zum „Kult“ um Lynchs Filme. Immer ist da etwas, das man nicht so einfach verstehen, in Schubladen stecken kann, lauter Rätselhaftes, Geheimnisvolles, Verschlüsseltes, was jeden, der sich damit „kultisch“ beschäftigt, in einen Kreis von Eingeweihten einschließt. Ähnlich sieht es bei M. Night Shyamalans Filmen aus, die von den Fans wegen ihrer Rätselhaftigkeit und Spiritualität geschätzt wurden – bis er „Die Legende von Aang“ drehte. Weshalb ich auf Shyamalan zu sprechen komme: Weil seine Fans (und auch seine Kritiker bzw. Rezensenten) Mysterien und Spiritualität selbst noch dort gesehen haben, wo gar keine (mehr) waren. So brach „The Village“ vollkommen mit einer ansonsten durchgehenden Linie in den Filmen von Shyamalan, ohne dass es überhaupt bemerkt wurde. Die Zuschauer sahen, was sie immer sahen/sehen wollten. Doch wo der Filmemacher in allen seinen vorherigen Filmen über die filmisch-erzählerischen Rätsel und Techniken hinaus sich stets mit spirituellen Themen befasst hatte – dem Geisterdasein in „The Sixth Sense“, dem Beweis einer göttlichen Kraft in „Signs“, dem Mythologischen in der realen Welt in „Das Mädchen aus dem Wasser“ direkt nach „The Village“, entlarvte er in „The Village“ jegliches Geheimnis, jeglichen Glauben an Übernatürliches als puren, kalkulierten Hokuspokus, erfunden und angewandt, um die Bewohner des Dorfes daran zu hindern, die Realität zu erkennen und die Grenzen zur Außenwelt und jene ihres Denkens und Wahrnehmens zu durchbrechen. Wie gesagt – trotzdem gilt der Film als ein weiterer in der Reihe seiner „übernatürlichen“ Filme. Doch keine Spur davon im Film selbst. 

Ein Wald von Zeichen

Ähnlich verhält es sich wohl mit „Mulholland Drive“. Die Etiketten, die man dem Film angehängt hat, sind die altbekannten, die man Lynch-Filmen eben so anhängt. Doch zumindest bei diesem Film beruht dies – außer auf Trägheit – wohl auf einem großen Missverständnis. Natürlich scheint nichts in dem Film wirklich Sinn zu machen, wenn man ihn anschaut wie einen üblichen Erzählfilm. Zahllose Details laden zum Deuten und Heruminterpretieren an Symbolen und Codes geradezu ein. Aber Freunde des Mysteriums übersehen in diesem Wald von Zeichen das Naheliegendste, weil sie danach überhaupt nicht suchen wollen. Der Film präsentiert uns kein tiefes Mysterium, nicht die kleinste Rätselhaftigkeit. Nur eine erschütternd reale Tragödie. Die Tragödie einer psychischen Krankheit.

Plot um jeden Preis

Die meisten Rezensionen sowie Wikipedia erzählen in großer Ausführlichkeit den „Plot“ des Films nach, um sich danach auch noch etwas der Machart zu widmen, die im Großen und Ganzen als „surreal“, als nicht realistisch und auf mehreren Ebenen angelegt bezeichnet wird. Eigentlich alle weisen irgendwann auf das Thema „Hollywood“ hin. Der Film sei (auch) ein bissiger Kommentar zur Filmfabrik Los Angeles, denn der Autounfall zu Beginn passiert auf dem Mulholland Drive hoch über der „Traumfabrik“. Immerhin wird auch nicht ganz ignoriert, dass man es in diesem Film unter Umständen mit diversen traumähnlichen Episoden zu tun bekommt, genauer gesagt, einem bzw. mehreren „Tagträumen“ der Hauptfigur, das ganze wird z. B. auch als „postfreudianisch“ bezeichnet, weil der Alte Herr bekanntlich ein Copyright besitzt auf den Traum an sich.

Aus welcher Perspektive?

Womit das Stichwort, ein Stichwort im Spiel wäre: Traum. Die ersten etwa vier Fünftel des Films erzählen schlicht und einfach einen langen Traum, beginnend von der Tanzsequenz mit den Titeln bis zum abrupten Ende/Erwachen der Hauptfigur, gespielt von Naomi Watts. (Dass man gerade einen fast 90-minütigen Traum gesehen hat, kann man erst mit größerer Sicherheit sagen, wenn man den ganzen Film kennt.) Der Traum also, dieser Traum ist ein Film. Denn die Person, die ihn träumt, ist Filmschauspielerin, besser gesagt, sie versucht, eine zu sein, und zwar eine große Schauspielerin, ein Star. Stattdessen aber ist sie abgestürzt, wie es wohl vielen gehen mag, die nach Hollywood kommen, um Filmstar zu werden. Sie träumt ihren großen Film, inklusive Vorspann (Tanzsequenz), und da es ein Traum ist, erzählt er von ihren Wünschen und Ängsten. Da es ein Traum ist, handeln und reden die Personen oft extrem schablonenhaft, obsessiv, unmotiviert, sind Repräsentanzen anderer Personen oder Kräfte aus dem (Seelen)Leben der Protagonistin selbst. Sie tauchen einfach im Film auf und verhandeln in ihren Szenen irgendetwas, das die Protagonistin umtreibt, so wie es im Traum geschieht. Sie stehen des Öfteren nur „herum“ und wollen einfach nicht wieder verschwinden, obwohl sich in der Szene wirklich nichts mehr ereignet. Wer kennt diese Empfindungen nicht aus eigenen Träumen? Der Film ist demnach alles andere als unrealistisch. Er bildet nur eben einen Traum ab, und zwar höchst kunstvoll, kenntnisreich, einfühlsam und: realistisch. Auch wenn das heißt, dass die Hauptfigur „selbst“ ausschließlich und übertrieben hübsch, jung, strahlend und herzensgut ist, außerdem selbstverständlich jeden schauspielerisch vom Hocker haut, und dass die von ihr beschützte brunette Schöne, Inkarnation ihres eigenen Star-Wunsches der vom Tode bedrohten Filmgöttin an sich, selbst nach dem Duschen perfekt gemalte Lippen hat und niemals anders als überirdisch schön und begehrenswert erscheint. Sie, die Debütantin, träumt sich zur grandiosen Heldin, zur Retterin des archetypischen Filmstars, welcher sich sogar mehr und mehr in sie, die Blonde, verwandelt: Sie werden eins. Und überhaupt wirkt der ganze „Film“ – ihr Film – auch wie die naive Fantasie einer jungen Frau aus der Provinz, also so, wie ein „Mädchen vom Lande“ sich Hollywood wohl vorstellt, holzschnittartig, lückenhaft, aber gemischt mit der Logik und der Erscheinungsweise eines Traumes. Und mehr und mehr beeinflusst von ihrem tatsächlichen Zustand. Das ist überhaupt nicht rätselhaft oder spektakulär. Es ist aber spektakulär erzählt.

Zersplittert

Das letzte Fünftel des Films, nach dem Erwachen der Hauptfigur, zeigt uns dann auch die eine oder andere „reale“ Szene aus ihrem Leben. Und das ist eine Ruine. Natürlich begegnen wir hier auch Personen, Orten und Situationen, die schon im Traum vorkamen, nur sind sie jetzt eben keine bloßen Repräsentanzen mehr, sondern tatsächliche Personen aus ihrem Alltag. Doch eine „normale“ Erzählung in kontinuierlicher Handlung ergibt dieser Teil noch viel weniger als der erste, denn das Leben der jungen Schauspielerin ist schon längst dabei, in Stücke zu gehen. Die erzählte Zeit springt vor und zurück, „Reales“ wechselt mit oder wird überlagert von Fantasiertem. Es gibt im Erleben der Frau kein Kontinuum mehr. Sie steckt tief in einer Psychose. Ihr Wahn mag ausgelöst sein von einer enttäuschten/unerfüllten Liebe oder ihren gescheiterten Karriereversuchen oder beidem, oder er fixiert sich bloß auf jene, was wahrscheinlicher ist. (Das ältere Ehepaar, das sie ganz am Anfang aus dem Flughafen begleitet und erst wirkt, als seien die beiden ihre liebevollen Eltern, die sie in ihr verheißungsvolles neues Leben entlassen, erscheint in der halluzinatorischen Eskalation am Ende wieder, aber als Bedrohung. Sie dürften mit dem Zustand der jungen Frau daher stärker und tiefer in Verbindung sehen als ihre neuen Bekannten.) Als Traum-Fabrik erweist sich hier die Protagonistin selbst. Eine labile Psyche zerbricht unter den Umständen, die sie nicht bewältigen kann. Das Erleben der Frau ist chaotisch und zersplittert. Es eskaliert am Ende zu einer Situation, die sie so ähnlich, mit verschobenen Rollen, bereits geträumt hat – ihrem Selbstmord aus dem psychotischen Chaos heraus. Das ist von Lynch alles andere als „surreal“ gestaltet, sondern nur aus einer anderen als der „objektiven“, distanzierten Perspektive: aus der Perspektive einer träumenden Psychotikerin, die auch nach dem Erwachen nicht mehr zwischen Traum/Wahn und Wirklichkeit unterscheiden und den amoklaufenden Kräften in ihrer Psyche nichts mehr entgegensetzen kann. Das Zusammenhängendste in der gesamten Erzählung ist tatsächlich der Traum, nur hier kann die Frau noch Chronologie und so etwas wie das Kontinuum einer Geschichte erleben. Im Wachzustand gelingt ihr das nicht mehr.

Realistisch vom Wahnsinn erzählen

Insofern ist „Mulholland Drive“ auch kein Film über Hollywood. Wir erfahren darin nichts über die Filmwelt, was wir nicht schon viel genauer und ausführlicher in Dokumentationen gesehen oder in Büchern gelesen hätten – kein Wunder, denn es ist eine Hinterwäldlerin, deren Traum von Hollywood wir sehen. Es ist ein Film über eine Psychose. Ich würde ja schreiben, ein „realistischer“ Film über eine Psychose, aber dazu fehlt mir die ausreichende Kenntnis psychotischen Erlebens. Was ich selbst an seelischen Havarien erlebt habe, mag mir zwar eine Ahnung davon vermittelt haben, aber für eine kompetente Beurteilung reicht das nicht. Trotzdem: so mag es sich anfühlen, wenn sich die eigene Verbindung zur Realität auflöst, wenn die eigenen Ängste und Zwänge die endgültige Herrschaft über das Selbst an sich reißen und nichts mehr sie mäßigen kann.

Tod auf dem Mulholland Drive

Ein anderer Film fällt mir ein, der im Prinzip dasselbe Thema hat, „Opening Night“ von 1977: Eine Schauspielerin rutscht in etwas, das eine Psychose sein (oder werden) könnte. John Cassavetes begleitet darin einen Broadway-Star (Gena Rowlands) dabei, wie sie nach und nach den Halt in der Realität einbüßt. Ebenfalls sehr eindrücklich und sensibel, aber ganz anders in seiner Machart – radikal damals, weil er immer wieder kurze Filmstücke aus dem filmischen Kontinuum entfernte, Aussetzer in ihrem Erleben nachvollziehbar machte, ihre Desorientierung im Zuschauer provozierte. Lynch enthält dem Zuschauer über den größten Teil seines Films die „Realität“ selbst vor und zeigt bis auf vereinzelte Bruchstücke im letzten Fünftel des Films nicht das, was die junge Schauspielerin tut, sondern was sie träumt und dann, wie sie ihre letzten Stunden nach dem Traum erlebt. Und dieses Erleben ist bei einer psychotischen Person mit dem, was die Menschen um sie herum tun und erleben, weit weniger in Einklang zu bringen als bei „normalen“ Menschen. Sie fahren, obwohl sie mit uns interagieren, isoliert, unerreichbar und einsam auf dem Mulholland Drive dem Crash entgegen.

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