Wehe, du bewunderst mich!

Das Lustige ist, dass ich einen anderen Betrag für diesen Blog bereits begonnen hatte, in dem es, unter anderem, ebenfalls um Verleugnung geht. Womit die Katze ja schon größtenteils aus dem Sack wäre und ich versichern kann, dass der Rest nicht mehr lustig ist.

Alice-Salomon-Hochschule Hellersdorf
Foto: Michael Wäser

Der ASTA der Berliner Alice-Salomon-Hochschule hat gefordert, das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer von der Hochschulfassade entfernen zu lassen und die Forderung wie folgt begründet:


Link zu: Offener Brief: Stellungnahme zum Gedicht Eugen Gomringers


Objektivierung, Beziehung, Verleugnung

Da es nicht um ästhetische Kriterien geht, muss man auch nicht ästhetisch argumentieren. Es geht um gesellschaftliche Kriterien. Und um psychologische. Man sollte nun meinen, Studierende einer Hochschule für „soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung“ sollten sich mit beidem einigermaßen auskennen, doch sie schreiben, sie wollten nicht an ständige „Objektivierung“ durch Männer erinnert werden (Der ASTA scheint ausschließlich aus Frauen zu bestehen). Was soll man dazu sagen? Dass es dafür wahrlich eindeutigere Anlässe gibt als dieses Gedicht? Das stimmt zwar, greift aber zu kurz. Ich denke, es läuft auf einen Umstand hinaus: Entweder sie haben keine Ahnung von der Dynamik und Psychologie von Objektbeziehungen oder sie verleugnen sie. Objektbeziehungen kann man in der Psychologie eigentlich alle zwischenmenschlichen Beziehungen nennen, die aufgrund von emotionalen Wünschen ent- oder bestehen. Liebesbeziehungen, Verliebtheiten (ein- und beiderseitig), sexuelles Interesse einer Person an einer anderen und umgekehrt. Will sagen: Ohne Objektivierung gibt es keine Beziehung, weder eine, die als angenehm, noch eine, die als unangenehm empfunden wird, einseitig genausowenig wie beiderseitig oder auch „einvernehmlich“. Objektivierung geht mit jeder Beziehung einher, ob sie sich in  mehr oder weniger sexuell interessierten Blicken/Phantasien erschöpft oder zu realer Beziehung wird. Und das bedeutet, dass jede Person andere objektiviert und auch gar nicht anders kann, denn die andere Person wird zum Objekt des wie auch immer gearteten Interesses. Anders ausgedrückt: Es ist wirklich nichts dabei.

Frauen tun das nicht!

Ein anderer Aspekt ist Scheinheiligkeit. Wer den Eindruck erweckt, niemand anderen zu objektivieren, ist entweder völlig ahnungslos sich selbst gegenüber oder scheinheilig. Beides kann man als mindestens hinderlich für einen sozialen oder pädagogischen Beruf bezeichnen. Oder geht es vielleicht um die vermeintlich unterschiedlichen Verhaltensweisen von Frauen und Männern: „Frauen tun das nicht“, „Frauen ziehen fremde Männer nicht mit den Augen aus“ – fragen Sie mal George Clooney, Sascha Hehn, Seal oder Brad Pitt. Es ist einfach nicht wahr, dass Frauen weniger „objektivieren“ als Männer. Das Problem sind nicht objektivierende Blicke, das Problem ist schlechtes Benehmen, das, was der ASTA „potenziell übergriffig und sexualisierend“ nennt, wobei „potenziell“ alles und nichts bedeuten kann und „übergriffig“ einem interessierten Blick in den meisten Fällen einfach Unrecht tut. (Wer sogar „potenzielle“ Gefahren umgehen will, kann eigentlich nur noch zu Hause unter der Bettdecke bleiben und erlebt: nichts.)

Alleen, übergriffig

Einem Mann, der bewundernd eine Szenerie mit Alleen, Blumen und Frauen betrachtet, kann man schwerlich schlechtes Benehmen unterstellen, sollte man meinen. Doch genau das tun die Frauen des ASTA, indem sie „bewundern“ mit „objektivieren“ gleichsetzen und dieses wiederum mit schlechtem Benehmen, außerdem „übergriffig“ mit „sexualisierend“. Womit hat der Mann das bloß verdient?

Wehe, du bewunderst mich!

Als Autor und als Mann verstehe ich mich als Feminist. Mein in einigen Monaten erscheinender nächster Roman befasst sich explizit auch mit dem Thema Frauenrecht als Menschenrecht. Ich unterstütze die Bewegung „He for She“ ausdrücklich und sehe das Problem der Benachteiligung von Frauen weltweit als gewaltig und noch lange nicht als gelöst an. Ich will aber gerade deswegen nicht verschweigen, dass mich die Begründung des ASTA an sexualitätsfeindliche Radikal“feministinnen“ erinnert (wenn auch nicht ihre subtileren Mittel). Sie könnten sich „nicht in die Öffentlichkeit begeben …, ohne für unser körperliches „Frau*-Sein“ bewundert zu werden.“ Da ist eindeutig nicht von Übergriffen die Rede, sondern vom körperlichen Frau-Sein an sich, welches für Frauen nach dieser Sichtweise ein unlösbares Problem darstellt, solange sexualisierte (männliche) Blicke existieren. Das ist auch eine Doppelmoral, die Frauen nur eine „gute“ Sexualität und Männern nur eine „böse“, bedrohliche unterstellt – und die in unterschiedlicher Intensität ganz real durch unser gesellschaftliches Leben geistert, die Wahrnehmung weiter Schichten beeinflusst und das Selbstbild sehr vieler Frauen und Männer. Was bedeutet: Sie ist schädlich. Sie verzerrt die Wahrnehmung und die Beziehungen, die quasi durch einen ideologischen Filter hindurch geführt werden müssen. Männer dürfen Frauen bewundern, die sie nur von Ferne sehen. Frauen dürfen Männer bewundern, die sie nur von Ferne sehen. Jede/r darf jede/n bewundern. Daran ist nichts, aber auch gar nichts Bedrohliches. Und Objektivierung ist eine, wenn nicht die Bedingung für unsere Existenz als Spezies. Sollte das Gedicht entfernt werden (und die Hochschulleitung scheint auf diesem Weg zu sein), dann wird es der Verleugnung und der Doppelmoral geopfert, nicht dem unzweifelhaften und dringenden Anspruch aller Menschen auf Respekt und Gleichbehandlung.

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