American Gods: Migranten wie wir

„American Gods“ ist eine US-amerikanische Streaming-Serie, die in Deutschland bei amazon gezeigt wird.

Journal angelegt am 19.12.2017 Seite 2

Eine Rotte kampf- und wettergegerbter Wickinger landet nach einer langen, entbehrungsreichen Fahrt an einem unbekannten Strand. Als sie sich aufs Landesinnere zubewegen, um es in Besitz zu nehmen, wird einer von ihnen unvermittelt aus eben dieser Richtung Ziel von schätzungsweise hundert fast gleichzeitig in ihn eindringender Pfeile. Noch bevor er tot zu Boden geht, sieht er aus wie ein zu groß geratenes Stachelschwein. So beginnt American Gods, und das Land, das sich hier noch eindrucksvoll gegen Invasoren zu wehren weiß, ist „Amerika“. Nun aber beginnt das zweite Wort des Titels seine Bedeutung zu fordern. Denn die ungebetenen Gäste sehen ein, dass sie weder willkommen sind, noch eine Chance haben, die Hausherren im Kampf zu überwinden. Doch vom Strand kommen sie nicht weg, ihr Schiff bräuchte dazu Wind in den Segeln – der sich ums Verrecken nicht regt, Tag um Tag um Tag. Was tut man in einer ausweglos scheinenden Situation? Na klar: Man wendet sich vertrauensvoll an die zuständige Gottheit. Und wie stellt man die Verbindung her? Mit Anbetung und Opfern. Also schnitzen sie eine Odin-Statue und huldigen ihr – erfolglos. Also stechen sie sich jeder ein Auge aus, denn das wird, so viel steht fest, Odin überzeugen und Wind bringen. Doch die Gottheit geht wohl ungern ans Opfer-Phone, kein Lüftlein regt sich. Ein größeres Opfer muss her. Der Auserkorene schreit denn auch laut, während er auf dem Strand-Scheiterhaufen verbrannt wird – aber zu Odin dringen auch seine Schreie nicht durch. Das kann nur heißen, dass sogar dieses Opfer noch zu klein war. So gehen sie mit ihren Schwertern und Äxten aufeinander los und beginnen, einer den anderen abzuschlachten, bis sie nicht einmal mehr halb so viele sind wie vorher – und der Wind einsetzt. Sie machen sich aus dem Staub und lassen nur ihre Toten und ihren hölzernen Gott am Strand zurück. Das Land wird von anderen erobert werden. Doch Immigranten sind keine Eroberer. Sie gelangen ins Land und tauchen in es ein, leben in ihm wie alle anderen, prägen es, wie es von jedem geprägt wird. Auch von Gott Odin, und allen, die nach ihm kamen in dieses Land, das heute USA heißt und oft den Eindruck zu erwecken versucht, es kenne nur einen einzigen, den wahren Gott. Womit das ganze Schlamassel beschrieben und die Grundkonstellation der Serie angelegt wäre. Götter in Amerika. Heute. Alte Götter. Gegen neue Götter.

Bis zum Ende der achten und letzten Folge der ersten Staffel von AMERICAN GODS gibt es so gut wie keine durchgehende Story – lediglich eine sehr schlanke „Rahmenhandlung“ um einen Ex-Knacki und seine Ex, und das ist eine der größten Qualitäten dieser außergewöhnlichen Serie. Was innerhalb dieser Handlung geschieht und was in den vielen „historischen Rückblenden“ (s.o.) und Neben“handlungen“ geschieht, bleibt ungeachtet ihres Reizes und ihrer Unterhaltsamkeit (s.o.) oft rätselhaft, und auch das gehört zu den tollen Aspekten dieses auf einem Roman von Neil Gaiman beruhenden Werks. Worum geht es? Das fragt man sich über alle Folgen hinweg immer wieder, was seltsamerweise die Spannung, das Interesse aufrecht erhält – nicht erprobte dramaturgische Kniffe und Figurenentwicklungen. Worum geht es also?

Es geht um die aufgeklärte (und sehr unterhaltsame) Auseinandersetzung mit Religion und Glauben, generell und besonders in den USA der Gegegenwart. Was dabei angenehm auffällt: Die verschiedenen eingewanderten Gottheiten (Religionen) werden vollkommen gleich behandelt – nordische, altägyptische, indianische, afrikanische, arabische Gottheiten, der Jesus der mexikanischen Einwanderer, jener der europäischen Christen oder der Jesus der Afrikaner, sie alle sind Götter wie alle anderen. „Die Götter werden in den Herzen der Menschen geboren“, heißt es an einer Stelle. Zu keinem Zeitpunkt beschleicht einen das Gefühl, hier würde missioniert für die Sache des Glaubens oder der Glaube an Gott und (z.B.) den Teufel einfach vorausgesetzt, wie es oft in US-amerikanischen Filmen und Serien der Fall ist. Nein, hier herrscht eine gesunde, unparteiische und humorvoll-ironische Distanz zum Glauben, die aber von unabhängigem Einblick und Einfühlungsvermögen durchzogen ist. Für den einen oder den wahren Glauben oder Gott allerdings, das ist schnell klar, gibt es hier nichts zu holen, dieses Konzept existiert nicht in der Story, denn es geht ja gerade um die vielen, geboren in den Herzen so vieler Verschiedener. Brutal geht es zuweilen zu, grotesk blutig. Wie in den meisten religiösen Mythen. Verwirrend, wahnhaft, sexuell ausufernd, wie in so vielen Kulten. Das wird wunderbar angst- und tabufrei in Szene und in Beziehung zur amerikanischen Geschichte und Gegenwart gesetzt.

Und bis zum Ende der Staffel, bis zu dem man kapiert hat, dass die althergebrachten Götter gegen das Vergessenwerden ankämpfen und sich gegen die Vereinnahmung durch die neuen Götter wehren (Medienstars, Internethypes …), bleiben all diese Götter eher im Untergrund, im Verborgenen – mehr oder weniger – und erzählerisch plausibel, als Metaphern für menschliche Projektionen, Wünsche, Errettungsphantasien und Schicksalsbilder, die auf die reale Welt keine Wirkung ausüben (s.o.), weil sie nicht real sind, sondern u.a. als Erklärung herhalten müssen. (Der Feuergott Vulkan immerhin wird zutiefst verehrt, denn er ist hier Fabrikant für Waffen und Munition.) Doch am Ende der achten Folge wollen sie wieder zeigen, wer sie sind, um dem Untergang zu entgehen – und verwandeln kurzerhand eine komplette fruchtbare (chemisch gedüngte) Landschaft in eine verdorrte Wüstenei. Und hier könnte das ganze kluge Spiel doch noch in alten Genrekonventionen absaufen – so wie z.B. in „Supernatural“, „Biss …“, „Grimm“ usw. Ob das aber so geschieht, wird die zweite Staffel erweisen müssen – wenn sie, so Gott Amazon will, produziert wird.

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