Ins Wasser, tief

„Mindhunter“, „Manhunt: Unabomber“. Zwei Serien auf Netflix in der Tradition des Schillerschen Theaters.

Zwei verschiedene Streaming-Serien auf derselben Plattform, die fast denselben Titel tragen – das ist auffällig. Doch beide befassen sich mit demselben Teilbereich polizeilicher Ermittlungsarbeit, dem Profiling. „Mindhunter“ erzählt die „Erfindung“ des wissenschaftlichen FBI-Profilings bei Serienmördern ab den frühen Siebziger Jahren, „Manhunt: Unabomber“ die des linguistischen Profilings im Zuge der Suche nach dem „Unabomber“ Ted Kaczinski in den frühen Neunzigern. Beide stützen sich also auf tatsächliche Begebenheiten, beide erzählen über zehn bzw. acht Folgen hinweg eine zusammenhängende Geschichte. Beide befassen sich mit Menschen, die versuchen, ein tieferes Verständnis des Verbrechens bzw. Verbrechers zu erlangen, als es bis zu diesem Zeitpunkt vorhanden war. Auffällig ist auch, dass die Ermittler in beiden Serien gegen große Widerstände zu kämpfen haben – Widerstände ihrer Kollegen und Vorgesetzten, der ganzen Behörde und auch innere Widerstände in sich selbst. Neue Erkenntnisse, zumal wenn sie das Selbstverständnis des Menschen betreffen, hatten es nie leicht, anerkannt zu werden. Und damit ist es heraus: Es geht um das Selbstverständnis des Menschen. Was ist menschlich und warum sind oder werden wir so, wie wir sind. Das klingt nun ganz und gar nicht nach „Detektiv Rockford“ oder „Navy C.I.S. L.A.“ Beiden Serien gelingt es, sich an dem gewichtigen Anspruch nicht zu verheben, sondern ihn zu einer Herausforderung für den Zuschauer zu machen. Allerdings – und zum Glück – auf sehr unterschiedliche Art und Weise.

Zweimal Meisterschaft
Um es nicht unter den Tisch fallen zu lassen: Ästhetisch ist „Mindhunter“, von der ersten bis zur letzten Folge inszeniert von Kino-Großmeister David Fincher höchstpersönlich, ganz klar der Sieger, wollte man beide Serien in Wettbewerb treten lassen. So elegant, selbstbewusst und stilsicher ist selten eine TV-Serie gewesen. Es ist bei allem Verstörungspotenzial der Story ein Hochgenuss, das virtuos geführte Zusammenspiel von Darstellern, Kostüm- und Szenenbild, Kamera, Schnitt und Musik zu verfolgen. Viele stumme Szenen, die allein auf Bildsprache und Handlung vertrauen, zeigen Finchers Meisterschaft frei von aller Überwältigungsambition. Die Geschichte erzählt er, ähnlich wie in „Zodiac“, über mehrere Jahre hinweg, ohne sich beirren zu lassen, denn die Dauer der Vorgänge und die Mühen der Agenten sind genauso Thema wie ihre einzelnen Besuche bei inhaftierten Serienmördern. Dramaturgisch setzt Fincher also auf den langen Atem, das Interesse des Publikums – zu Recht.

Doch genau hier spielt „Mindhunter“ – Regie Greg Yaitanes – eine unerwartete Stärke aus. Glaubt man über die ersten fünf Folgen hinweg, ähnlich episch ausdauernd an die Hand genommen zu werden, wenn auch nicht so traumwandlerisch sicher wie bei Fincher, so stößt die sechste Folge den Zuschauer so überraschend, so machtvoll und anhaltend aus dem Erzählfluss in einen Abgrund, einen wahren, historischen Abgrund, aus dem sich die gesamte Tragödie speist, dass man alle Gedanken an filmische Ästhetik vergisst. Ein erzählerischer Geniestreich. Von diesem Punkt an funktioniert die Geschichte völlig anders und auch die Teilnahme des Zuschauers hat sich quasi von außen nach innen gekehrt. Atemberaubend. Das können sich die Macher nur erlauben, weil diese eine Staffel den Fall auserzählt. Sollte es weitere Staffeln geben, werden dies keine Fortsetzungen sein, sondern sich jeweils einem anderen berühmten Kriminalfall widmen, mit anderen Ermittlern, anderer Historie, anderer Story. Aber hoffentlich mit ähnlichen Erkenntnismöglichkeiten.

Tauchfahrten in dunkle Wasser
Beide Serien berühren, nein, tauchen ein in das Wesen dessen, was uns als Menschen ausmacht, und zwar an Stellen, wo es dem „Normalen“ am fremdesten, am erschreckendsten erscheint. Dass diese Untiefen nicht weit von den uns allen bekannten Wassern warten und warum das so ist, das lassen uns beide nachvollziehen.

Fincher spiegelt und ergänzt die „krankhaften“ Verhaltensweisen der Mörder mit „alltäglichen“ aus dem Leben der FBI-Protagonisten, und man kommt nicht umhin, die Grenzen zwischen beidem als fließend anzuerkennen, denjenigen, die diese nicht allzu weit und unumkehrbar überschritten haben – uns – glückliche Umstände zu attestieren, welche sie vor dem Schlimmsten bewahrten. Jenen anderen jedoch, welche wir impulshaft gerne „Monster“ nennen und die es in Bezug auf ihre Taten ohne Zweifel sind, muss man im Gegenzug ebenso zugestehen, dass es die Umstände waren, die sie in diese kalten, dunklen Gewässer getrieben haben, als sie noch nicht einmal schwimmen konnten – die meisten von ihnen kannten gar nichts anderes. Sie alle, ausnahmslos, in beiden Erzählungen, waren in einem Alter, wo sie eigentlich Schutz gebraucht und verdient gehabt hätten, selbst bereits Monstern ausgeliefert, brutalster seelischer und/oder körperlicher Gewalt, ausgehend meist von den eigenen Eltern und einer unbarmherzigen, desinteressierten Umwelt. Die Formbarkeit der menschlichen/kindlichen Persönlichkeit und die Verantwortung der Nächsten für ihre gesunde Entwicklung wird mit jeder Minute deutlicher. Wir haben Glück gehabt. Sie nicht. Diesen Gedanken kann man, auch wenn niemand ihn ausspricht, beinahe auf der Stirn der beiden Fincher-Ermittler lesen, immer deutlicher, je mehr Lebensgeschichten von Serienmördern sie erfahren. Denn wo sie immer wieder auf ähnliche Hintergründe stoßen, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Möglichkeiten der Verhinderung solcher Tragödien und der Verantwortung der Gesellschaft.

David E. Kelley stieß im Milennium mit „The Practice“ die Tür zur „TV-Serie als moralische Anstalt“ auf, hier ist sie jetzt auf neue, virtuose Höhen gelangt. Zwei aufregend spannende, anspruchsvolle und wichtige Serien, zu streamen bei Netflix.

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