Unfisch


Was suchen wir hier? Herrgottsakrament, was? Fuck. Fuck.

Ich will scheißen und ich kann nicht. Ich kann schon, aber ich scheiße mir in den Anzug, wenn. Ich wär einfach irgendwo in die Büsche gesprungen, aber geht ja nicht ohne Büsche. Super. Deswegen? Deswegen etwa? Um als erwachsener Mann dazustehen und nicht scheißen zu können, wenn man scheißen muss? Deshalb? Ihr macht Witze! Ich mache Witze. All das. All das und dann steht man da und … Das war klar, von Anfang an. Aber daran denkt doch keiner, was das wirklich heißt. Oder doch? Oder doch? Vielleicht genau deshalb. Ich lach mich schlapp.

Überleitung: die Große Frage. Der entscheidende Punkt. Trommelwirbel, Posaunen, Pauken, Lichteffekte, das volle Programm! Stellt euch vor, Menschen der Erde: Alle Nationen, oder wenigstens alle, die der Rede wert sind, Staaten, Regierungen, Megakonzerne, schmeißen in einen Hut, was sie können. Oder was sie wollen, egal. Ein riesen Hut jedenfalls. Ein Hammerhut. Never experienced before. Was sollen wir damit anstellen, hä? Das ist die Frage, die große. Das war die Frage, Kinder. Und? Was denn nun? Nicht so schüchtern. Zweihundertfünfzig Billionen Eier, da ist man doch nicht schüchtern. Richtig gehört, zweihundertfünfzig BILLIONEN. Zum Mitschreiben: zweihundertfünfzigtausend Milliarden Kröten. Rund. Also: Was sollen wir damit machen? Vorschläge. Ernsthaft. Oder nicht ernsthaft, wie ihr wollt. Also.

Never before experienced.

Hunger. OK, der Klassiker. Hunger beenden. Wer bietet mehr?

Erderwärmung. Wow, da ist jemand informiert. Klimawandel handeln.

Überbevölkerung, der Evergreen, yes.

Schulen, Krankenhäuser, Straßen in Afrika, klar, auf jeden Fall. Keine Ausbeutung mehr. Entwicklung, diesmal richtig. Gebongt.

So wie ich die Sache sehe, sind damit die 250 Billionen noch lange nicht verbraten.

Wer zum Henker schlägt mal was cooles vor? Party? Fette Karre? Geht nicht, meint ihr? Party und/oder fette Karre für 250 Billionen Steine? Gut: ein paar Monsterpartys und ‘ne Flotte Hammerkarren. Jetzt? Drogen. Gehören dazu. Diese Art Party geht nicht ohne Drogen. Alter! Für alle! Klasse, aber nö. Schöne Vorstellung, einmal alle so richtig BÄÄÄÄÄM alle around the world around the world die Wahnsinnsparty alle durch und stoned und drauf und runter und happy, geil. Aber nee. Wie soll das gehen, Alter. Nee. Aber gut. Wir hatten keine Party, sind ja schlauer jetzt. Also was? Die Antwort, die Entscheidung, was machen wir mit diesem unvorstellbar gigantischen Haufen Kohle? So viel wie ein 100-Millionen-Euro-Lotto-Jackpot für eine illegale nigerianische Putze in Marseille, einen verschissenen Kokabauern aus den Anden. Würden nie wieder Probleme haben, sie nicht, ihre Familie nicht und ihre Nachkommen nicht, never again. Was machen wir? Na? Wir machen eine Party, nicht für alle, lange nicht für alle. Für ein paar. Eigentlich wie immer.

Wir fliegen zum Mars. Wir besiedeln den Mars.

Ja, echt. Wir haben es getan. Wir haben es wirklich getan. Wow. Die Kohle rausgehauen nach allen Regeln der Kunst. Not because it is easy but because it is hard. Dafür, dass ich jetzt hier stehen und sagen kann, ich kann nicht scheißen. Ich kann hier überhaupt nichts einfach so. Ich gehöre hier nicht her. Ein Fisch auf dem Trockenen. Quatsch, das ist ganz und gar nicht, was ich bin, ich bin hier nicht auf dem Trockenen, das ist eine schamlose Untertreibung, ich bin hier ein … ein Unfisch, etwas, das es hier gar nicht gibt, was mit diesem System hier komplett quer läuft, so was haben wir eben auf der Erde gar nicht, weil da alles irgendwie hingehört. Hier nicht. Nichts. Die haben immer gesagt, mit feuchten Augen, die Menschheit, die hat eben immer schon das Abenteuer gesucht, die Ferne, das Unbekannte. Kann ja sein. Aber wohin sie da auch gekommen sind, konnten sie atmen und essen und trinken und scheißen. Mussten sich vielleicht was bauen, ein Iglu oder ’ne Station. Sogar auf der Raumstation ging das irgendwie, war eher ein Ausflugsdampfer, und die paar Rundreisen zum Mond, ach Gottchen. Und die Kohle nicht zu vergessen! Das alles damals war nichts gegen unsere Karren hier. Null und nix.

Wir bauen ein neues Zuhause hieß es. Warum? Brauchen wir eins? Was haben die unten davon? Die Ziegenbauern in der Wüste? Die Nähsklaven in Bangladesch? Die Straßennutten in Bangkok? Wir bauen ein neues Zuhause für wen? Ich wäre froh, ich wäre dort, jetzt, irgendwo, da könnte ich einfach in einen Graben scheißen, oder irgendwo klingeln und nach einer Toilette fragen. Klar haben wir Klos hier. Aber hier draußen nicht. Ich muss zurück und rein und die ganze Prozedur machen und dann ist da irgendwo ein Klo, und nach dem Scheißen, dann alles wieder zurückfallera, dann wieder bis hierher und weiter. Wenn nicht, wenn ich einfach die Hose ausziehe und hinter den Felsen dort verschwinde, bin ich tot, bevor ich mein Geschäft erledigt habe. Wenn ich mich sehr beeile, vielleicht während. Aber meine Eier sind dann schon Eiswürfel, da kann ich mich beeilen wie ich will. Für zweihundertfünfzig Billionen könnte man doch vielleicht auch ein Dixi-Klo hier haben, eins, auf dem man nicht stirbt. Sollte man denken. Kommt wohl noch. Eine weitere Herausforderung auf der To-Do-List. Wenn wieder neue Kohle genehmigt ist, vielleicht ist ja auch schon im nächsten Transport so ein Ding drin, oder vier, fünf. Mobile, für Außeneinsätze. Muss ja was aushalten können, und zuverlässig sein. Sonst benutzt die doch keiner, wenn du draufgehen kannst bei jeder kleinen Störung. Klopapier alle? Sorry, das kann jetzt eine Weile dauern, hoffentlich bleibt die Kiste dicht und hoffentlich kommt genug Sauerstoff aus den Tanks und läuft die Heizung ohne Probleme, und hoffentlich steckst du nicht ein paar Wochen in einem Sturm fest, das wär‘ echt Scheiße mit runtergelassenen Hosen in so einer Dose. Irgendwann wirst du gegrillt, tiefgefroren, geräuchert, gepökelt, getrocknet, das wünscht sich doch keiner. Sollte mal jemand einen Film drehen, Blockbuster, Weltraumhelden auf der Suche nach einem funktionierenden Scheißhaus. Vielleicht schicken sie die Dinger deswegen nicht her. Zu gefährlich. Zu hohes Risiko. Zu teuer bestimmt nicht. Also halten wir mal fest: Wenn du hier mal einen Ausflug machen willst – Ausflug! Hammer! – oder eine Bergwanderung oder eben mal weiter draußen was zu tun hast, wo das „Wohnmobil“ nicht hinkommt, dann brauchst du ein strahlengeschütztes, energieautarkes, ultra-beheiztes, atemluftgenerierendes, wasserunabhängiges, druckdichtes Dixi-Klo. Geht! Geht alles!

Jetzt kann man sagen: Bequemlichkeiten hatten die Entdecker früher auch nicht. Aber das ist es ja gerade. So ein Super-Scheißhaus ist hier oben keine Frage der Bequemlichkeit. Ohne gehst du einfach drauf, as simple as that. Natürlich sehen die Dinger scharf aus, das sind ja keine ranzigen Holzhäuschen mit ’nem Herz in der Tür. Ihr solltet mal unsere Küchen sehen. Unsere Duschen. Unsere Gewächshäuser. Der Wahnsinn.

Ja. Die Gewächshäuser, ihr könnt euch denken, was die hier sollen. Die produzieren das meiste von dem, was wir hoffentlich in den Dixi-Klos bald wieder ausscheißen. Der Plan ist ja, hier den ganzen Planeten umzubauen, damit irgendwann Atemluft und Wasser und was wir sonst noch so auf der Erde verbockt haben, hier vorhanden ist, Terraforming. Das Überleben der Menschheit sichern, das machen wir hier. Bis wann wir den Planeten soweit haben? Wird schon ein paar hundert Jahre dauern. Wenn es klappt. Das machen wir hier. Eine neue Zivilisation aufbauen. Unabhängig von der alten irgendwann. So bald wie möglich, man weiß ja nie. Mit der Erde geht es ja schneller bergab, als man so dachte. Unabhängig heißt ja, das macht man sich ja nicht so klar meistens, das heißt ja: Wir müssen hier jede Bratpfanne selbst herstellen können. Jeden scheiß 3-D-Drucker, mit dem wir alles mögliche zusammenkleistern, müssen wir demnächst hier selbst herstellen können, jeden Prozessor, jedes Gummi, jedes Zahnrädchen. Von neuen Raketen ganz zu schweigen. Womit? Hat irgendwer zufällig irgendwo ein Stahlwerk gesehen? Irgendwas, was so aussieht wie Erdöl? Also, ich glaube, das wird noch ein Weilchen dauern mit dem „unabhängig“. Ob die Erde wirklich so lange durchhält? Wenn die da unten innerhalb der nächsten drei, vierhundert Jahre komplett abkacken, dann haben wir hier ein Problem. Ist eine Frage der Balance, könnte man sagen. Und nach allem, was man so hört, tickt die Uhr doch immer schneller. Hätte man sich eben kümmern müssen, da unten, als noch was ging. Ärmel mal echt hochkrempeln und die heißen Eisen anpacken. So richtig meine ich, im ganz großen Stil, der Kleinscheiß hat‘s ja nicht gebracht, wie man sieht. So ein paar extra-Billionen hätten da bestimmt geholfen. Tja, zu spät. Also wohl doch keine Dixi-Klos hier oben. Wir werden sehen.

Die, die bei der Aktion so reich geworden sind, wie sich das bis dahin keiner vorstellen konnte, die können sich jetzt gerade noch aussuchen, wo sie ihren letzten Haufen setzen wollen. Da unten, hier, oder irgendwo in einer Kapsel. Egal. Alle anderen, also eigentlich alle, können sich aussuchen, wie lange sie den Scheiß noch mitmachen oder lieber aussteigen, mit ner Kugel oder mit Tabletten oder nem Föhn. Aber das geht nicht so schnell. Erst läuft alles noch so weiter. Wisst ihr, was ich letztens gesehen habe? In den Nachrichten von der Erde, als ich wirklich gerade in der Basis auf dem Klo saß? Was sich bei euch auf der Erde prächtig entwickelt? Die Straßennutten in Bangkok, die werden immer mehr.


© Michael Wäser, 2018

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