Adagio for Mona Mu

Kurzgeschichte von Michael Wäser (Coverversion in Anlehnung an „Mona Mu“ von Frank Georg Schlosser, anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Offenen Lesebühne So noch nie)

p
Hallo? Ich glaub ich spinne! Echt jetzt? Haaalooo! Nee! Das gibt‘s doch nicht – Halloooo, hallööchen! Nicht zu fassen! Könntest du vielleicht mal kurz aus deinem Selbstmitleids-Panik-Flash aussteigen und dich für ein Momentchen der Wirklichkeit zuwenden – mir zuwenden, zum Beispiel? Hä? Arschloch?!? Hey! Ich bin‘s immerhin, der blutend auf deinem Küchenboden rumliegt! Berechtigt mich das nicht zu einer geringfügig höheren Aufmerksamkeit deinerseits als deine kaputte Besteckschublade? Oder die Zimmerdecke, die du seit Minuten anstarrst? Nein? Nicht? Oder die saublöde Pistole, die du dazwischen immer wieder anguckst als wär‘ sie gerade erst aus einem anderen Universum in deiner Hand aufgetaucht, und zwar jedes Mal von Neuem? Was ist daran verdammt nochmal so spannend? Ich liege ein paar Schritte neben dir, Kumpel! Ich blute! 

p
Okay, ich schalte vielleicht besser erst mal einen Gang runter. Dann komme ich wieder in die Spur und du vielleicht auch. Also: Es war bloß ein Jux! Ein Spaß, eine Verarsche! Unser kleiner Zwist im Laienchor, oder sage ich besser, meine Psycho-Eso-Nummer, die ich mit dir abgezogen habe. Es war nur Scheiß! Ich habe bloß Scheiß gemacht! Ich hab doch gewusst, was dich nervt und dass du auf Schlager allergisch reagierst. Das wissen doch wirklich alle im Chor! Jedes Mal wenn es darum ging, was wir Neues einstudieren sollen, bist du mit irgendwelchem hochgeistigen, anspruchsvollen Zeug angekommen, nie mit was Leichtem oder Leichterem. Muss ja nicht gleich Schund sein, wenn man keine akute Zahnfäule davon kriegt, oder? Aber egal, hat mich ja nicht gestört, ist ja okay. Deine Vorschläge waren okay. Wir haben uns ja auch hin und wieder darauf eingelassen, so wie auf die Vorschläge von anderen, auch meinen. Alles im Lot. Ich wollte dich einfach nur mal ein bisschen verarschen, als ich diesen Schlager vorgeschlagen habe, Mona Mona Mu, du bist meine liebste Kuh. Das ist dermaßen bekloppt, das war doch allen klar, dass das nur Scheiß ist von mir. Aber du hast es ernst genommen! Hast argumentiert anfangs, aber dass du darunter einfach nur mächtig angepisst warst, das war nicht zu übersehen. Was für ein Spaß!

mp
Hatte ja auch gut vorgearbeitet mit deiner Ex. Wir dachten, langsam musst du doch mal runterkommen von dem Trauerding, wir tun mal so, als wären wir jetzt zusammen, das würde dir mal einen Schubs geben, dass du dich mal löst und den Finger aus dem Arsch ziehst. Dass du mal die Augen aufmachst und, wie sagt man so schön, wieder nach vorne blickst. Johanna meinte, du kannst Psychogelaber beim Tod nicht ausstehen und Eso wäre ein rotes Tuch für dich. Also hab ich angefangen, meinen total bekloppten gaga Schlager mit Esogequatsche zu unterlegen und voll auf unendliches Psychoverständnis gemacht, wenn wir darüber ins Argumentieren kamen. Dass ich dich besser verstehe als du selber und so‘n dämliches Gelulle. Und immer hast du versucht, dich zu beherrschen, hast dir beinahe die Zunge abgebissen und ich hab nur immer noch mehr draufgelegt. Ich wundere mich eigentlich nur, dass ich das so hab durchziehen können ohne zusammenzubrechen, ohne mich wegzuschmeißen und abzulachen. Aber ich hab‘s durchgezogen! Und du bist daran hängengeblieben, innendrin in dir selber. Das hab ich gemerkt, jetzt. Keine Frage.

mf
Dabei ist es eigentlich so‘n rein musikalisches Ding. Heute, dass ich aufgekreuzt bin, und nochmal angefangen hab mit dem Eso Geschmiere um das nächste Chorstück. Das war eine Notwendigkeit innerhalb der Komposition. Das letzte, große Crescendo vor dem Schluss. Das kennst du doch. Das muss einfach sein. Danach wollte ich die Auflösung machen, hier in der Küche, also das, was ich gerade mache, und wovon du keine Notiz nimmst anscheinend. Ich hab also nochmal ganz, ganz dick aufgetragen eben, als ich hier in die Küche kam. Ganz dick: „Ich möchte dich am liebsten in den Arm nehmen. Wir beide haben uns verlinkt in unserem Zorn. Das ist etwas uraltes, denn wir streiten nicht um das Lied.“ Wir streiten nicht um das Lied! Ich könnt‘ mich jetzt noch bepissen! Anscheinend mache ich das sogar gerade …

mf <
Hast du nicht damals das Agnus Dei von Barber vorgeschlagen? Klar, also du weißt bescheid. Saumäßig schwer, eigentlich viel zu schwer für unseren Chor, aber dir war ja nie irgendwas zu schwer, solange es nur nicht leicht war! Also für dich heißt das besser schwer im Sinne von schwermütig und leicht, na du weißt. Trotzdem haben wir‘s versucht und es dann gelassen, und du warst beleidigt. Immerhin, eine Sache hab ich bei den Proben mitgekriegt von dem Stück, die Bassstimmen, die männlichen Stimmen, die haben was echt Bedrohliches bekommen im Unterschied zu dem original Streicherstück, die Bässe sind eben echte Personen, Sänger, richtige Typen, die singen, keine Instrumente, und an der einen oder anderen Stelle kommen da die Bassstimmen durch wie eine Mahnung oder Warnung oder Drohung in all der Melancholie. Das war nicht übel. Und jetzt fällt mir dazu auch ein, dass es ja deine Idee war. Also die bedrohlichen Stimmen im Untergrund, die waren deine Idee. Vielleicht war mein Psychogelaber ja doch nicht so ganz daneben, was meinst du? Aber zurück zu dem Stück. Ein einziges, langsames, atmendes Crescendo das ganze Stück, so wie unsere Schlager-Streiterei, die ich dir aufgedrückt habe, und kurz vor Ende das letzte, nochmalige Crescendo aller Stimmen bis rauf … weißt du, das kann ich jetzt doch besser an dem ursprünglichen Stück von Barber erklären, Adagio for Strings, kennt ja jeder. Elefantenmensch elend lange Sterbeszene von dem kranken Freak, und was weiß ich noch alles. Da geht das ja noch klarer und weiter. Das letzte Crescendo, wo alle Instrumente sich so hoch schrauben bis zum Gehtnichtmehr, da knallt plötzlich in der Musik ein Fenster auf, ein Deckel ploppt weg, und sämtliche Streicherstimmen, die Instrumente, die da spielen, sind gar nicht mehr das, was eigentlich abgeht. Sondern, die Obertöne, die sie da miteinander aus ihren Harmonien und Dissonanzen fabrizieren, die Obertöne platzen buchstäblich da raus und ergeben einen, tja, einen Chor. Als ob da irgendwo aus dem Bühnenhimmel ein Chor von Engeln runterschwebt, aber der ist unsichtbar, keiner schnallt, was los ist und was man da hört, es geht ab wie irre in den Ohren, es flirrt und brennt und ist hell wie die blanke Sonne im letzten, mächtigen, höchsten Crescendo, in einem unvorstellbaren Aufbäumen, wie wenn sich in einem Fusionsreaktor das Plasma nach und nach immer mehr verdichtet und erhitzt, und noch mehr und noch mehr, und auf einmal Zäng! geht das Ding los und brennt ganz von allein, Sonnenfeuer, unendliche Energie, Zääääng!

p
Wenn ich ehrlich bin, so ähnlich hat das Mündungsfeuer deiner blöden Pistole ausgesehen. Ich war schon fast fertig, wollte die Katze aus dem Sack lassen, die große Auflösung, hatte mir das super ausgedacht. Dass du dermaßen keinen Humor hast, war mir aber doch nicht klar. Na ja. Jetzt reicht‘s aber auch mal. Komm mal hoch aus deinem Sofa, ja? Was geht dir denn nur durch den Kopf? Hier spielt die Musik, Bruder. Um es nochmal klar zu sagen, ich – bin – am – Leben, kümmer dich mal gefälligst. Du hast scheiße getroffen, Freund! Ich bin nicht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s