Trotzdem, oder: The Eddy

Eine Serie über einen Jazz-Club, ohne Filmmusik. Musik machen hier nur die Musiker*innen, die man sehen kann, und die Stadt, in der alles spielt: Paris. Und es ist nicht das Postkartenparis und auch keine romantische Musik, ganz und gar nicht. Was außergewöhnlich ist für eine amerikanische Produktion. Dieses Paris ist das extrem beengte, nervige, beunruhigend vitale, arme, raue, brutale Straßenparis und die Musik ist die der allgegenwärtigen Baustellen, überlaufenen Bahnhöfe, klapprigen Metros, der Seitenstraßen und Banlieues voller schreiender Motorroller, jaulender Polizeisirenen, unentrinnbarem Geplapper auf den Straßen und Plätzen, Fluglärm von oben und Bassdröhnen aus dem Souterrain. Ein kraftraubender Ort, einer, dem man gewachsen sein muss – aber wer ist das schon?

(Die „Eddy-Band“ spielt im Club klassischen, traditionellen Jazz, was der heutigen Bandbreite dieser Musik nicht wirklich nahekommt. Einen kleinen „Ausreißer“ leisten sie sich mit diesem Titel.)

Jedenfalls niemand aus dem auf vielfältige Weise bedrohten Jazzclub „The Eddy“ oder die Anderen drumherum. Dies sind Verlorene, des misérables. Wie wir sie kennenlernen (müssen), gehört zur schmerzhaftesten und konsequentesten Serienkunst, die zu finden ist. Spröder kann man das endlos misslingende „Miteinander“ von Menschen kaum darstellen, quälender kann man „Dialoge“ kaum aneinander vorbei und in triste Leere laufen lassen, als es hier geschieht, zwischen diesem Haufen scheiternder, verschlossener, abweisender, suchender, unberechenbarer Wesen, die eine einzige Sache zusammenhält, als Einzelne und, irgendwie, als Gruppe: ihre Kunst, Musik.

Dass so viel Überlebenskampf auch die Gangster auf den Plan ruft, die kleinen Straßenkriminellen wie die großen im Bürohochhaus, ist unausweichlich und schon immer Teil der Geschichte des Jazz. Nun kann man fragen, was diese randständige Musik mit dem heutigen Leben zu tun hat. Die Antwort gibt „The Eddy“ mit herzerweichenden, aufregenden, hochfliegenden Augenblicken der Freude und der Erlösung – für die Dauer eines Liedes. Prekäre Existenzen sind diese Künstler, so wie in New York, in Barcelona, in Tokio, in Berlin. Die (fantastische) polnische Sängerin wohnt in einem „Loch“, das so kaum in Hohenschönhausen stehen könnte, der (geniale) amerikanische Clubbesitzer jagt auf seinem schäbigen Motorroller gehetzt von einer Katastrophe zur nächsten, die (mitreißende) kroatische Drummerin wechselt ihrem komatösen Vater den Beutel am künstlichen Darmausgang, bevor sie in einer Putzkolonne um ein paar dürre Stundenlöhne betrogen wird. Und das sind nicht die traurigsten Momente dieser Geschichte.

Vielleicht haben die französischen Kreativen im Produktionsteam mit dafür gesorgt, dass, auch wenn man keine „Gelbwesten“ sieht, sie doch sichtbar sind. Frei von materieller Sorge ist niemand in diesem Kreis. Wohlhabende erscheinen ab und zu im Club oder die Band spielt auf ihren Hochzeiten – jedesmal treffen Welten aufeinander. Das Ringen um eine würdige Existenz wird in Frankreich stärker empfunden und in Paris defintiv schwieriger erlebt als in Deutschland. Und dass die Filmlocation des Clubs in genau dem Pariser Arrondissement liegt, in dem schon Hugos „Elende“ um ihr Dasein kämpften, ist kaum Zufall.

Dann aber gibt es, trotz all des Jammers, der gegenseitigen Verletzung, des Todes und der Schmerzen, man mag es kaum fassen, trotz alldem gibt es: Musik (und hier und da auch Liebe). Und die verwandelt den Schmerz und die ganze unüberbrückbar scheinende persönliche Distanz und Leere in Lebensenergie. Plötzlich ist da eine Band, auf einmal erwächst da eine Macht, eine Magie aus den Gestalten und ihren Instrumenten. Und man versteht, was ihre Kunst, die Musik, der Jazz, aber auch all die andere Musik, die wir da hören und die sie da spielen, ihnen bedeutet: alles. Das Publikum, versteht man, kommt genau aus diesem Grund in den Club. Nur aus diesem.

The Eddy, Alan Poul (Prod.), Damien Chazelle (Regie), Glen Ballard (Musik) Netflix (am besten in der vielsprachigen Originalfassung)

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