Das gespaltene Land

Sein Buch „Der Gefühlsstau“ machte Hans-Joachim Maaz bekannt. Erstmals nach der Wende beschrieb darin ein Psychologe aus der ehemaligen DDR die psychische Verfassung der Ostdeutschen im vereinten Deutschland und deren Ursachen im DDR-Leben. Nun schreibt er über die Gesamtdeutschen, die sich nicht einig werden, und wie er persönlich an ihnen verzweifelt.

Versteher

In den letzten Jahren sah sich Maaz immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, „rechts“ zu sein, ein „AfD-Versteher“. Darauf geht er gleich im Vorwort zu seinem neuen Buch ein und erzählt ganz persönlich, wie anders er sich doch selbst versteht und wie ihn das Klima, aus dem dieses neue „Lagerdenken“ kommt, verstört. Dass sich das gesellschaftliche Klima verändert hat, steht außer Frage, doch damit ist nicht alles gesagt: Hier setzt seine psychologische Analyse an.

Kinder!

Die fundamentale These, auf der er aufbaut: Menschen, die im frühen Kindesalter verstört, verletzt oder gar misshandelt wurden, kompensieren oft die dadurch ausgelösten, meist verdrängten Gefühle im späteren Leben, was ihre Persönlichkeit und ihr Verhalten entscheidend prägt. Und betroffen davon sind, in unterschiedlicher Ausprägung und Stärke, so gut wir alle. Speziell deutsch ist daran: Die Auswirkungen zweier Diktaturen auf die Psyche der Deutschen, so Maaz, sind noch immer nicht ausreichend verstanden oder gar überwunden.

Die grundlegende Annahme, die eigentlich unumstritten ist, teile ich voll und ganz. Ich teile auch Maaz‘ weniger allgemein verbreitete Ansicht, dass all das unsere Geschichte, unsere Gegenwart und unsere Zukunft als Gemeinschaft, als Bevölkerung und als Spezies sehr viel stärker beeinflusst, als die meisten wahrhaben wollen.

Manche dieser kompensatorischen Bemühungen sind gesellschaftlich durchaus erwünscht – wie übersteigerter Leistungswille und Aufopferungsbereitschaft – andere, wie Drogensucht oder Gewalttätigkeit, eher nicht. An all dem ist nichts „rechts“ oder „links“. Warum also sieht sich Maaz in die „rechte Ecke“ gedrängt?

Rechte Narrative

Das liegt daran, dass er, auch in seinem neuen Werk, rechte Narrative übernimmt und sie sogar als „unstrittig“ (Regierungskrise) oder „offensichtliche Realitätsverzerrung“ („Der Islam gehört zu Deutschland“) bezeichnet. Das gilt für einige, doch nicht für alle seiner Positionen aus dem Buch. Für sie beansprucht er – unnötigerweise – eine Art Objektivität. Doch auch wenn er nachvollziehbare Begründungen vorbringen kann, muss man seinen Schlussfolgerungen nicht zustimmen.

Gefühlsstau 2.0

Im Grunde beschreibt er die gesamte deutsche Gesellschaft unserer Epoche als „gefühlsgestaut“ und kompensatorisch zwischen den Polen „Gutmensch“ und „Wutbürger“ eingeklemmt. Die extremen politischen Außenseiten schließt er bewusst aus und gewichtet die extreme Linke nicht anders als die extreme Rechte. Die unversöhnlichen Beschimpfungen, Anfeindungen, Abgrenzungen und gegenseitige Ausschlüsse im politischen Alltag aber sieht er nicht ganz grundlos als deutliches Symptom für den kompensatorischen Ursprung der jeweiligen Haltungen. Sowohl AfD-Fans als auch Flüchtlingsaktivisten benutzen demnach ihre Tätigkeit und ihren jew. Gegner, um ihre eigene Störung nicht spüren zu müssen. Wieder ein nachvollziehbares Modell, psychologisch weit verbreitet. Doch auch wenn Maaz diesen Gedanken kleinteilig auffächert und mit verschiedenen, auf unterschiedliche Gesellschaftsbereiche angepassten Einordnungen anschaulich macht, hinterlassen einzelne Thesen große Fragezeichen oder, bei mir jedenfalls, klaren Widerspruch. Ich möchte drei davon herausgreifen:

1. Der Lügen-Detektor

Dass Ostdeutsche, so Maaz, aufgrund ihrer DDR-Erfahrung ein feineres Sensorium für Unaufrichtigkeit und politischen Betrug haben sollen als andere, sehe ich so nicht. Vielmehr blühen im Osten althergebrachte Schablonen wieder auf, die kritisch klingen, es aber nicht (mehr) sind: Die Ansicht, dass man von „den Medien“ nur belogen wird, leitet sich bruchlos aus den realen Erfahrungen mit der staatlich gelenkten DDR-Presse her, hat aber wenig mit unserer medial unübersichtlichen Realität zu tun. Die Corona-Maßnahmen triggern unweigerlich altbekannte Gängelungsgefühle, was die Bundesregierung noch lange nicht zum „Staatsrat“ macht. Doch die früh erlernte Perspektive gibt man nicht so einfach auf, manche nicht einmal nach dreißig Jahren, denn sie ist, oft unbewusst, Teil der Identität. Ein selbstständig-kritisches Teilnehmen einer Person am politischen Leben wird dadurch aber eher behindert als befördert.
(Dazu Maaz im Interview bei ntv)

2. Die Bedrohung

Das rechte Narrativ der „Bedrohung durch ungesteuerte Zuwanderung“ findet sich wörtlich auch bei Maaz. Es ist gleich doppelt falsch und wird nur um so hartnäckiger behauptet. Statt einer realen Bedrohung durch Zuwanderung handelt es sich nach allen Erfahrungen und trotz realer Verbrechen von Asylanten eher um ein Bedrohungsgefühl, und ungesteuert war die Zuwanderung, wenn überhaupt, nur in der humanitären Ausnahmesituation 2015. Nun darf man Gefühle der Bedrohung nicht kleinreden, sie sind real und sie bewegen Menschen zu Haltungen und Handlungen. Meist widmet sich Maaz auch gerade diesen Gefühlen. „Ungesteuerte“ Zuwanderung gab es in der BRD allerdings schon einmal nach dem Vietnamkrieg, als zigtausende „Boat People“ gerettet und auch nach Deutschland gebracht wurden – ohne reguläres Asylverfahren, als Hilfe in der Not. Unter ihnen gab es vermutlich Kriegsverbrecher – es wurde kaum thematisiert – doch ähnlich starke Bedrohungsgefühle wie 2015 ff kamen nicht auf.

3. Die Klimahysteriker

Die Erzählung vom „ungesicherten Wissen“ (Maaz) zum Klimawandel ist unhaltbar, und das Engangement für Klimaschutz vorwiegend als psychodynamische Nebenhandlung einzuordnen, ohne ihm seine dringende Berechtigung zuzusprechen, blind. Maaz zählt den Klimaschutz durchaus zu den realen Herausforderungen, doch die Aktivist*innen von FFF agieren seiner Analyse nach vor allem ihre seelischen Defizite aus. Dass auch echte Besorgnis um unsere Zukunft ihr Hauptantrieb sein kann, erwähnt er nicht.

Unbemerkt nostalgisch

Maaz bezieht nicht durchgängig politisch Stellung, als Psychologe muss er das auch nicht, und er erscheint absolut nicht als rechter Dogmatiker oder DDR-Nostalgiker, was er als reflektierter DDR-Oppositioneller auch sicher vehement bestreiten würde. Doch durchzieht sein Buch als Ganzes ein, bis aufs Vorwort, unausgesprochenes Gefühl, die Welt sei dem Autor in den letzten Jahren irgendwie entglitten. Der Eindruck entsteht, dass Maaz selbst – wie viele, von denen er schreibt – nicht mehr mithalten kann oder will bei den Veränderungen der politisch-sozialen Landschaft. Da ist der Kapitalismus im Vergleich zum Sozialismus dann doch die „gefährlichere“ Ideologie, als Beleg dient u.a. die Umweltzerstörung, um die sich die sozialistischen Staaten wirklich keinen Kopf gemacht haben.

Innere Demokratie

Sein Wunschbild einer auf innerlich/psychisch freien Persönlichkeiten beruhenden, stabilen, „innerlich-demokratischen“ Gesellschaft, das ich grundsätzlich nur bejahen kann – ähnelt bei ihm doch eher traditionsgeprägten als zuküftig zu erwartenden Verhältnissen einer globalisierten Gesellschaft. Wobei erstere, es ist eben so, vergangen, letztere erst noch zu definieren ist und ständig bleiben wird. Doch Konservatismus heißt wohl, darauf wenig Lust zu haben. Maaz klingt oft, als solle die Gesellschaft warten, bis auch die Letzten ihre Angst, ihre überkommenen Vorstellungen, ihre in der kindlichen Kränkung verhafteten Persönlichkeiten hinter sich gelassen haben, bevor sie sich weiterentwickelt. Das ist entweder ungeheuer naiv oder verkappt anti-progressiv. Maaz ist, man muss es dem intelligenten, kenntnisreichen Mann nicht übelnehmen, vermutlich konservativer, als er es sich selbst eingesteht. Sein psycho-analytischer Blick ist dennoch wertvoll.

Maaz traut dem Unfrieden nicht

Vielleicht ist sein Blick aber auch getrübt oder dominiert von seinen Erfahrungen als Therapeut. Dort hat er unbeschreiblich viel Leid gesehen und wie viel Mut und Mühe es kostet, sich dem zu stellen. Die Deutschen erscheinen ihm nun vielleicht belasteter als sie (mittlerweile) sind. Seit nun mehreren Jahrzehnten wachsen sie in der Regel frei von körperlicher Gewalt auf, in größerem Respekt gegenüber Kindern und ihrer Individualität, frei von existenzieller materieller Not, mit Schulen und Kitas, in denen Kinder nicht misshandelt werden usw. Vielleicht hat sich dies – bei allen aktuellen Problemen und Auseinandersetzungen – in den heutigen Generationen positiv niedergeschlagen und Deutschland eben zu einem freundlicheren, empathischeren, gewaltfreieren, toleranteren und offeneren Land gemacht, als es im vorigen Jahrhundert zweifellos war. Es gibt nicht wenige gute Gründe, das anzunehmen. Dann ist der von Maaz so beklagte „Mainstream“ nicht so sehr eine Strömung fanatischer „Gutmenschen“, Verdränger und Kompensierer frühkindlicher Schäden, und dann ist die gegenteilige Haltung mancher Deutscher in Ost und West zwar meist noch immer nicht verfassungsfeindlich, aber möglicherweise wirklich eher gestrig als konservativ.

Hans-Joachim Maaz, Das gespaltene Land, C.H.Beck 2020, 219 S.

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