Die Party ist vorbei

So wie es bei den Bedingungen öffentlicher und politischer Debatten ein „vor Social Media“ und ein „seitdem“ gab, gibt es nun in Bezug auf die sozialen Netzwerke ein „vor dem Sturm aufs Capitol“ und ein danach.

Der Sturm von monate- ja jahrelang mit pausen- und zügelloser Propaganda aufgepeitschter Trump-Anhänger auf das Capitol in Washington am vergangenen Mittwoch ist ein Wendepunkt mit tiefgreifenden Konsequenzen. Unübersehbar trat nun zutage, dass der öffentliche Diskurs entgleist ist wie ein Hochgeschwindigkeitszug bei voller Fahrt. Und es trat auch für die letzten Beobachter sichtbar zutage, dass dies an den Umständen des Diskurses liegt, die durch die sozialen Netzwerke in die Welt gekommen sind.

Neuartige Impulsverstärker

Niemals zuvor – also vor der Ausbreitung der sozialen Medien und des Smartphones – konnten sich nicht nur Informationen, sondern auch Impulse in nationalen, sogar globalen Maßstäben sammeln, sich gegenseitig bestätigen, sich gegenseitig verstärken. Impulse, die vorher vorhanden gewesen sein mögen, aber sehr viel mühevoller zu organisieren gewesen waren. Impulse, die sich vorher in andere Bahnen, institutionell oder medial, gerichtet oder sich von selbst gelegt hätten. Doch das Social Media-Zeitalter hat nicht nur die technischen Möglichkeiten hervorgebracht, dieses Potenzial zu vervielfachen, es bot sich auch vielen Akteuren geradezu an, diese Möglichkeiten sehr bewusst und gezielt für ihre Zwecke zu nutzen und dafür technische, psychologische, linguistische und logistische Methoden zu entwickeln, von denen Normalbürger keine blasse Ahnung haben. Aber genau die waren mit ihren Affekten der Brennstoff dieser Anlage.

Die Bullshitmaschine

Die schnellsten und besten Akteure auf diesem Feld waren leider auch die skrupellosesten. Ein ganzes Ökosystem/Netzwerk entstand, dessen Wurzeln u.a. aus der ultraliberalen Tech-Szene des Silicon Valley genauso wie der US-amerikanischen Ultrarechten, der Tea Party der Republikanischen Partei, der alt right-Bewegung und Techniken traditioneller politischer Propaganda und Zersetzung aus westlichen und östlichen Geheimdiensten zu dieser neuartigen Mutation zusammenwuchsen. Das war auch kein Zufall, denn die Kanalisierung aggressiver Affekte ist schon immer Königsdisziplin und Existenzgrund der Rechten gewesen. Unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit kultivierten sie – sehr lukrativ – die Freiheit, zu hassen, zu bedrohen, zu hetzen und andere darin zu bekräftigen. Ein unfassbar gigantischer Kanalisations- und Akkumulationsapparat für Aggression ist so entstanden, aber keineswegs „frei“ und ungesteuert. Es standen immer kompetente Maschinisten an den Ventilen und Schaltungen dieses immerzu anschwellenden Stroms von ungezügelten Affekten. Damit meine ich aber weniger die Inhaber der Anlage als bestimmte „Nutzer“ wie Trump, Bannon, Thiel, um nur einige wenige und prominente zu nennen. Die Akteure z.B. aus russischen Trollfarmen, die bewusst, gezielt und gekonnt undercover mitmischen, um alles noch schlimmer zu machen, nicht zu vergessen. Doch seit Mittwoch erkennen die Besitzer dieser Anlagen, dass sie etwas ändern müssen, und zwar gründlich.

Freier Fall

Die entfesselten Trumpisten trugen am Mittwoch Aggression ins Capitol, die seit Jahren, mehr als ein Jahrzehnt lang in Echokammern kultiviert worden ist. Ohne Reality-check, ohne Moderation, ohne Ausgleich. Unterstellt, die Agression erwuchs aus Frustration, so wäre sie in Zeiten vor Social Media doch niemals so sehr gedüngt, verstärkt und gebündelt worden wie jetzt. Es musste eine gewisse Zeit vergehen, bis sich diese neuen Umstände so deutlich herausgebildet und gezeigt haben. Was in diesen Gewächshäusern des Hasses kultiviert wurde, ist nun reif. Viele haben das schon vorher gesehen und davor gewarnt. Doch nun ist die Erkenntnis als Schock durch die US-amerikanische und die globale Öffentlichkeit gefahren. Wovor die Betreiber unter Trumps Präsidentschaft noch zurückgeschreckt sind – die Erkenntnis, dass in ihrem Pool von Milliarden Nutzern viel zu viele Haie schwimmen und sich weiter vermehren – greift nun, und wird die Realität der Social Media tiefgreifend verändern. Die Unternehmen sind sich nun bewusst, dass sie, Spiderman lässt grüßen, entsprechend große Verantwortung tragen.

Ein Tisch ist ein Tisch

Lügen sind keine Meinung, Todesdrohungen kein Entertainment, Mobbing kein Trendsport. Erst recht nicht, wenn sie von Präsidenten, Politikern, Journalisten oder anderen Akteuren des öffentlichen Diskurses kommen oder auf sie zielen. Bullshit zu verbreiten ist keine freie Meinungsäußerung. Nicht unter den Umständen der abermillionenfachen gegenseitigen Verstärkung. Lügen verbreiten sich im Internet und in Social Media um ein mehrfaches schneller und weiter als Informationen es tun. Damit wurde viel, viel Geld verdient. All dem müssen die Unternehmen dieser Branche und auch der Medienbranche ins Auge sehen. Es spielt kaum eine Rolle, warum erst jetzt, es ist aber jetzt so.

Laissez-faire – geht nicht mehr

Ich habe einige Jahre lang ein Internet-Diskussionsforum geleitet. Und moderiert. Manchmal haben sich Teilnehmer*innen beschwert, wenn ich nicht regelkonforme Beiträge nicht freigegeben habe, manchmal wurden sie sogar bedrohlich. Aber ein solches Forum ohne Moderation laufen zu lassen, wäre für alle Beteiligten zerstörerisch gewesen und hätte sehr schnell zur Zerstörung des Forums selbst geführt. In einer ähnlichen Situation befindet sich nun die gesamte Branche. Die ersten Jahre und (durchaus neue und neuartige) Erfahrungen liegen hinter uns und sie haben zu einem politischen Mega(MAGA)-Crash geführt.

Enemy of the state

Trump und seine Sondererlaubnisse wurden aus allen genutzen Netzwerken geworfen, Parler muss sich eine eigene technische Infrastruktur aufbauen, die keine „unverfängliche“ mehr sein wird, wenn es überhaupt gelingt. Die breit aufgestellten Unternehmen wie twitter, facebook usw. werden so etwas wie den Sturm aufs Capitol nicht wieder so einfach in ihren Infrastrukturen wachsen lassen – und niemand zweifelt daran, dass es nur dort wachsen konnte – , denn sie wollen und können nicht als Staatsfeinde gelten und existieren. Sie müssen nun also umsteuern. Das nahezu ungebremste Verbreiten, Vermehren, Verstärken von Hass, Aggression, Lügen, Falschinformationen und Propaganda wird künftig wirkungsvoll verhindert werden müssen – wie, das werden wir erleben, hoffentlich mitgestalten und beobachten. Die Meinungsfreiheit zu schützen, auch vor denen, die sie missbrauchen, wird im Zentrum all dessen stehen müssen, ja sogar ihre Neudefinition in der neuen Ära, die angebrochen ist.

7 Gedanken zu “Die Party ist vorbei

  1. Michael Wäser 14. Januar 2021 / 13:43

    BKA- Statistik: 77 % aller Hasskommentare in sozialen Medien kommen aus dem extrem rechten Spektrum. (Quelle: arte) Ein Ziel dieser Strategie ist, die freie Äußerung unliebsamen Akteur*innen durch Einschüchterung und permanenten Druck zu verhindern. Also das genaue Gegenteil dessen, was sie immer wieder als ihr Ziel behaupten.

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