Wer’s glaubt

Zur März-Lesebühne war ich Themenbeauftragter und hatte obiges Thema gelost. Da mich zu dieser Zeit die Frage des Wissens beschäftigte, schrieb ich einen Essay.

Zuerst speichern Sie bitte folgendes ab: Dies ist ein Essay. Ich hatte überlegt, den Text „wilde Spekulation“ zu taggen, aber „Essay“ klingt viel glaubwürdiger. Jetzt kann’s losgehen:

„Niemand würde am Ende des neunzehnten Jahrhunderts geglaubt haben, dass diese Welt aufmerksam und sehr genau beobachtet wurde von Intelligenzen größer als die des Menschen und doch so sterblich wie er selbst; dass die Menschen untersucht und studiert wurden, während sie ihren alltäglichen Angelegenheiten nachgingen, ähnlich genau wie ein Mensch die kurzlebigen Organismen, die in einem Wassertropfen umherschwirren und sich vermehren, mit einem Mikroskop studiert.“

So beginnt „Der Krieg der Welten“ von H.G. Wells. Und schon in diesem kurzen Absatz ist fast alles enthalten, womit sich der folgende Text befassen soll: Glauben, Wissen, Neugier, Angst. Fehlt noch: Gesellschaft. Aber ganz fehlt sie hier auch nicht. Zum Beispiel ging gerade „Krieg der Welten“ in die Geschichte ein, indem Orson Welles ein Hörspiel daraus machte, als praktisch jeder in den USA ein Radio und noch niemand ein Fernsehgerät hatte. Sein Umgang mit dem Stoff und mit dem Medium führte dazu, dass viele Hörer tatsächlich glaubten, Marsianer griffen die Erde jetzt, in diesem Moment an, wo sie in ihrer Guten Stube mit der Familie am Gerät saßen, und ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Sie waren so überzeugt davon, dass manche bewaffnete Trupps bildeten und in die Nacht hinaus zogen, um gegen Marsmenschen zu kämpfen.

Ein paar andere Zitate zum Thema:

Stevie Wonder in Superstition: „When you believe in things you don’t understand, then you suffer.“ – Ich glaube, er hat sich geirrt. Sehr sogar. Und grundsätzlich. Auch wenn er nur das meinte, was er als Aberglauben bezeichnete. Er irrte sich.

„Unwissenheit ist die neue Vortrefflichkeit“, sagt ein Prediger in dem Film „Widows“ des Briten Steve McQueen und hat viel von der heutigen Zeit verstanden, glaube ich. Es ist wie ein backlash gegen die Wissenschaft und die Vernunft.

Eine Q-Anhängerin auf einer Querdenkerdemo in Berlin sagt, Q-Anon sei „Wahrheitsverbreitung“. Ich glaube, die Frau spinnt. Aber damit ist leider nicht alles dazu gesagt.

Wissen ist vermutlich die älteste und frühste geistige Kategorie beinahe jeden Lebewesens. Das pure Erleben, totale Erfahrung ohne Infragestellung ab dem Moment der Embryonalentwicklung oder gar Zellteilung, wo das fundamentale Erleben überhaupt einsetzt. An diesem Punkt spielt Angst auch noch keine Rolle. (Ein neu geborener, leider blinder Esel sprang wie jeder junge Esel im Gehege herum und krachte ein paarmal gegen das umlaufende Gatter oder die Stallwände. Er hatte keine Angst, sich wie alle jungen Esel zu bewegen, trotz Blindheit.) Absolute Gewissheit in scheinbar absoluter Unwissenheit. Wahrscheinlich spielt sich bei den allermeisten Lebewesen die gesamte Existenz in solch einem Zustand der Gewissheit ab, bei uns Menschen, abgesehen vom Anfang und vom Ende, eher nicht.

Wozu gehen wir aber dann in die Schule, lesen Bücher, schauen Dokus? Nicht, um mehr zu wissen? Das glauben wir jedenfalls. Die Schulen, die Unis, Bibliotheken, Datenbanken, Wikipedia – da ist doch massenhaft gesammeltes Wissen!

OK, das klingt, als wüsste ich, wovon ich rede. Und ich kann natürlich sagen, dass ich es weiß. Nur bedeutet das nicht viel. Oder: Es kommt drauf an. Darum geht es: wissen, glauben, nicht großgeschrieben, sondern als Infinitiv. Und darum geht es: Wissen, Glauben, großgeschrieben, als … tja, als was?

Ich weiß etwas. Du sagst, das stimmt nicht. Wer bestimmt, dass das, was ich zu wissen glaube, stimmt? Niemand. Die Gesellschaft. Niemand. Ich. Nur ich. Nur für mich. Nur für mich. Das ist doch aber kein Wissen, oder?

Was Wissen ist und was es heißt, etwas zu wissen, lässt sich kaum miteinander überein bringen. Schon gar nicht, wenn das Individuelle mit dem Allgemeinen überein gebracht werden soll. „Wissen“ steht im Lexikon, ist real. Aber Chemtrails sind auch real. Nicht? Q hat wieder einen drop fallenlassen, und der ist wahr, auch wenn ihn nur die Eingeweihten verstehen. Beweis mir das Gegenteil! Und selbst wenn du das tätest, spielt’s für mich auch keine Rolle. Ist mir egal. Die Erde ist flach, niemand beweist mir, dass es nicht so ist. Die Sonne ist ein Wasserstoff-Fusionsreaktor Millionen Kilometer von hier im Weltall? Soll mir mal einer eine Fahrt dorthin spendieren, bevor ich das glaube. Auch, wenn das alle behaupten. Aber nicht ganz alle. Wer weiß es denn schon wirklich? Beweise! Kann doch keiner wirklich prüfen, verstehen schon mal gar nicht. Auch, wenn es vernünftig ist. Wenn es als vernünftig gilt. Ich halte mich für vernünftig, oder zweifelst du daran? Du bist es, der irrt!

Und wenn schon. Wissenschaft hat bewiesen. Hat schon viel Mist bewiesen. Und wieder zurückgenommen. Die Newtonschen Gesetze, Schwerkraft usw., sind vielleicht Quatsch. Das sagen mittlerweile sogar Wissenschaftler. Sie müssen Begriffe wie „Dunkle Materie“ und „Dunkle Energie“ erfinden, um Newton aufrechtzuerhalten. Bei 95% des Universums können wir nur mit den Schultern zucken. Immerhin hat die Wissenschaft das selbst herausgefunden.

Oder Bielefeld. Bielefeld gibt es. Auch wenn manche sagen, das stimmt nicht. Woher weiß ich es denn? Ich war noch nie da. Und wenn ich hinfahre? Dann gibt’s Ortsschilder und so weiter, und sehr vieles deutet darauf hin, dass ich dort bin. Dann gibt es Bielefeld? Sehr wahrscheinlich. Für mich. Was ich meine: Ich glaube, dass es Kathmandu gibt. Nenne es aber Wissen. Vielleicht ist es bescheuert, es nicht zu glauben, aber was nenne ich denn Wissen? Wissen ist etwas, was viele glauben. Beweisen können sie fast nichts davon. Nicht ich, nicht die anderen. Nur sehr wenige. Ist das dumm? Was sehr viele glauben, ganz fest glauben, ganz sicher wissen, ist, dass es einen lieben Gott gibt und einen Allah und es einen Plan für uns gibt. Also ist es Wissen. Beweise gibt es, frag nur. Frag die Richtigen. Das ist kein Wissen? Frag die Richtigen, und sie wissen es ganz sicher. Und haben Beweise. Aber viele, die gläubig sind, würden es gar nicht damit vergleichen, etwas zu wissen, es ist für sie auch kein Gegensatz, es ist eine andere Kategorie, beides schließt sich gegenseitig nicht aus, für sie nicht und für viele, die nicht gläubig sind.

Was wir wissen, ist im Grunde, für jeden selbst, kein Wissen. Strenggenommen. Etwas wissen ist etwas akzeptieren. Gesellschaftlich akzeptiert ist es, also ist es – großgeschrieben – Wissen? Siehe Gott und Allah, und Bielefeld. Was wir wissen, dazu haben wir uns irgendwann entschieden.

Ich schätze, und das ist wirklich, wirklich von großer Bedeutung, neurologisch gibt es gar keinen Unterschied zwischen – kleingeschrieben – wissen und glauben. Abgesehen von eigener, körperlicher, sinnlicher Erfahrung. Die ist auf andere Weise im Gehirn und/oder im Organismus gespeichert, im Darmgehirn vielleicht, das es, so habe ich gehört, geben soll, auf eine Weise, die sich von dem unterscheidet, was ich, um es von eigener Erfahrung mal überdeutlich abzugrenzen, „Hörensagen“ nenne. So kann man es vielleicht fassen. Neurologisch ist das, was uns andere erzählt haben, ob mündlich, schriftlich oder auf anderem Weg, „Hörensagen“, nicht mehr. Das meiste davon bleibt beim reinen Hörensagen, manches bekommen wir durch eigene Erfahrung, durch Anschauung, bestätigt – aber, wenn man es genau nimmt, erschreckend wenig – manches wird irgendwann sogar widerlegt oder zumindest angezweifelt. Vieles geht so hin und her im Laufe unseres Lebens. Das ist verdammt wenig stabil. Bei so 98 Prozent meines Wissens habe ich objektiv keine Möglichkeit, es selbst zu verifizieren, nicht mal für mich allein. Und meine eigenen Erfahrungen sind fast gänzlich nicht nur rein subjektiv, sondern oft sogar falsch, Illusion, Sinnestäuschung oder atemberaubend exklusiv. Na super. Selbst Erinnerungen, eigene Erinnerungen können uns täuschen.

Die Zeit spielt überhaupt ihre ganz eigne Rolle. Und die aktuelle Situation, die Umstände. Vor der WM „wissen“ wir, wer gewinnt. Wo es wohl besser heißen sollte, „wünschen“ oder „fürchten“ oder „spekulieren“. Die Corona-Pandemie hat noch nicht mal richtig angefangen, da wissen plötzlich Millionen von Leuten, die bis dahin nicht mal wussten, was ein Virus überhaupt ist, dass es gar kein unbekannter, sondern ein künstlicher Virus ist, oder dass es ihn gar nicht gibt, oder was auch immer. Sie sagen, sie wissen es, und sie sind überzeugt davon. Widersprich ihnen und du lernst Überzeugung kennen. Schon der leiseste Zweifel ist Widerspruch. Aber woher nehmen die gottverdammt ihre totale Sicherheit? Unsicherheit und Angst erzeugen das Bedürfnis nach Sicherheit, danach, die Wahrheit zu kennen, zu wissen. Ganz egal, ob die Wahrheit wahr ist oder absoluter Bullshit. Hauptsache sie erlöst von der Verunsicherung. Und dazu taugt diese Art Wissen einfach bestens. Der springende Punkt dabei ist – ich brauche dafür nichts zu tun, als daran zu glauben. In meinem Gehirn ist es damit „Wissen“ und wirkt verzögerungsfrei angsthemmend. Wir nennen in der Epidemie nur die Virologen „glaubwürdig“, die das sagen, was uns unsere Angst nimmt. Darüber braucht man sich nicht lustig zu machen, es ist so, wir sind so, und weil es eine für jeden Menschen verfügbare Methode ist, wendet sie jeder an, manche mehr, manche weniger. Ohne diese Fähigkeit würde es uns vielleicht längst nicht mehr geben – manche sagen allerdings, sie wird genau dazu führen, früher oder später.

Und auch beim Glauben, großgeschrieben. Der füllt auch diese beängstigende Kluft der Unsicherheit. Eine Mutmaßung würde dazu einfach nicht taugen, oder ein Wunsch, der auch so genannt würde. Dazu ist Glaube einfach nicht da. Erzeugung von Sicherheit – besser gesagt einem Gefühl von Sicherheit – ist eine seiner Aufgaben, besonders ausgeprägt bei Verunsicherten oder Ängstlichen. Jeder ist mal unsicher oder ängstlich. Oder bei ganz besonders angstvoll Zweifelnden, die sich stets als die halsstarrigsten Fundamentalisten aufführen. Manche können oder wollen Unsicherheit um keinen Preis aushalten – um keinen Preis der Welt. Das ist verständlich, aber tragisch, oft mörderisch. Geheimwissen gibt uns das Gefühl von Stärke.

Unsicherheit ist seltsamerweise auch das Lebenselixier der Wissenschaft. Falsifizierung, Überprüfung, Widerlegung als Teil des Wegs zu mehr Wissen, als Methode. Es geht nicht um die Auslöschung der Unsicherheit, ganz und gar nicht, sondern um ihre Verschiebung, denn sie wird weiterhin gebraucht, sie verschwindet sowieso nicht.

Etwas zu wissen ist also nichts Allgemeines oder Allgemeingültiges. Wir müssen es gemeinsam dazu machen und tun das seit Jahrtausenden, mithilfe von Schrift, von Übermittlung, von Konservierung und Überprüfung. Das Gefühl, etwas zu wissen, ist vollkommen subjektiv und jede Person verfügt darüber selbst. Allgemein wird es erst durch die Allgemeinheit, und die ist unsicher, ist immer wieder zu erkämpfen, zu erneuern. Unser Gehirn aber kennt keinen Unterschied. Es gibt kein Hirnareal für „wissen“ und ein anderes für „glauben“, es dropt alles, wenn überhaupt, in dasselbe Körbchen. Da hängen dann tags dran an den einzelnen Sachen: „Sicher“, „möglich“, „Gerücht“, „weiß ich“, „glaube ich“ usw. Die können sich ändern, verloren gehen, sich vermischen oder vertauschen. Das passiert, so, wie es passiert, nur in meinem, einzigartigen Gehirn, aber es passiert in allen anderen auch. Ich hänge an den neuen Q-drop den tag „weiß ich“ und dann ist das so. Problem gelöst, Verunsicherung entfernt. Wenn ich etwas, vor dem ich Angst habe, als bloße Erfindung tagge oder als Lüge, habe ich keine Angst mehr davor, sondern beherrsche es. Ein erschütternd simpler Vorgang, aber deswegen ist er ja so verbreitet, trotz allgemein verfügbaren Wissens. Unser Gehirn macht keinen Unterschied, wenn wir ihn nicht machen. Wir alle haben dasselbe Gehirn-Modell. Verlassen müssen wir uns auf das, was wir gemeinsam wissen und erkennen und weitergeben. Aber für den einzelnen Menschen wird es wie seit Urzeiten dabei bleiben: Ich weiß auch am Anfang des 21. Jahrhunderts nur, was ich auch glaube.

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