Überleben. Buchstäblich.

Einige krasse Gedanken, die ich mir bis vor einem Jahr nie hätte vorstellen können, tatsächlich zu denken

Als die Pandemie in Deutschland die ersten allgemeinen Konsequenzen hatte, staunte ich über Anblicke, Erlebnisse und Maßnahmen, die ich noch nie selbst gesehen und erlebt hatte, wahrscheinlich wie die meisten Menschen hier. Es war nicht einfach, ging nicht automatisch, die Dimension zu erkennen, oder überhaupt damit zu beginnen, die Dimension zu erkennen, dessen, was sich da gerade auszubreiten begann. Und die unsichere Frage im Kopf: Ist das alles nicht etwas übertrieben? Damit meine ich nicht (nur) die Infektionslage, sondern alle Konsequenzen, die sich aus ihr ergaben, ob zwangsläufig oder durch Entscheidungen und Handlungen herbeigeführt. Beides entwickelt sich ja seither stetig weiter, täglich verändert sich die Lage, die Stimmung, das Befinden, der Ausblick.

Tote klagen nicht

Nach über einem Jahr hat sich längst Ermüdung breitgemacht, Unzufriedenheit, Ärger, Lethargie, Trauer, Wut, Hoffnung auch, Hoffnung, dass es bald überstanden sein wird. Das „Ereignis“, das unvorstellbar war, das beispiellos in der Weltgeschichte ist, das innerhalb eines Jahres so viel Schaden angerichtet, so viele Opfer gefordert, so viel verändert hat wie kaum etwas zuvor. Das Pandemieereignis. Die Pandemie, die noch immer im Gange ist, und die Reaktionen darauf, das, was aus ihr unmittelbar und mittelbar hervorging und geht, Auch das Leugnen der Pandemie an sich. All das hatte ich mir im März 2020 nicht vorstellen können, und es dauert ja weiter an, entwickelt immer neue Stufen, Stadien, Varianten, Folgen, Erkenntnisse, Verluste usw. Und wir klagen über alles mögliche, nicht ohne Grund.

Ohne Handycap in die Krise

Deutschland ist einer der stabilsten und entwickeltsten Staaten der Erde, einer der reichsten und vermutlich auch robustesten. Das lässt sich sagen, wenn man Zahlenvergleiche anstellt, Statistiken ansieht und auch, wenn man sich einfach umsieht in der Welt. Da ich keinerlei Patriotismus verspüre, kann ich so etwas äußern, ohne mich parteiisch zu fühlen. Stabil und reich heißt nicht, dass der Staat alles richtig macht, dass eine Regierung fehlerlos oder vorbildlich agiert,- es heißt, dass ein Staat institutionell verlässlicher und organisierter vorgehen kann als andere und die Bewohner auf diese Basis vertrauend leben können. Wir hatten auf verschiedenen Ebenen vergleichsweise gute bis hervorragende Voraussetzungen, um mit einer solch massiven Krise umzugehen.

Frisch aus der Schublade

Die Maßnahmen, Einschränkungen, Zumutungen, Unmöglichkeiten, Verluste, die wir seitdem hinnehmen müssen, manche von uns mehr, schmerzlicher, manche weniger, sind beispiellos in unserem Land, und nicht unumstritten, wie alles in einer Demokratie. Sie waren auch für unsere Verantwortlichen in Regierungen und Verwaltungen beispiellos und unvorstellbar, auch wenn Pandemie-Schutzpläne natürlich existierten. Pläne in der Schublade zu haben, ist aber nicht dasselbe, wie sie tatsächlich in Kraft zu setzen und dafür geradestehen zu müssen. Dabei läuft, unvermeidbar, nicht alles richtig und fehlerlos, entwickeln sich gesellschaftliche und politische Dynamiken, die in keinem Pandemiepapier stehen.

Schadlos?

Das grundlegende Ziel, wenn eine gefährliche Pandemie nicht mehr einzudämmen ist, besteht darin, ihren Verlauf beherrschbar zu halten und die öffentliche Ordnung, Wirtschaft und Lebensgrundlagen aufrechtzuerhalten, so gut es nur geht. Das klappt bei uns bisher. Tatsächlich. Denn wenn es nicht so wäre, würden Dinge geschehen, die wir niemandem wünschen (siehe nächster Abschnitt). Es klappt nicht ohne etlichen schmerzhaften Schaden, nicht ohne Probleme, nicht ohne ernste Folgen verschiedenster Art, aber es klappt. Ich finde, es gibt zu viele Tote zu beklagen (es sind immer zu viele), die Belastungen überall müssen ernst genommen werden auch in Zukunft, zu viele verhalten sich zu wenig verantwortungsbewusst, aber alles in allem kommen wir durch. Erwarten wir denn, dass wir ohne Schaden durch eine solche Katastrophe kämen? Die Trauma-Therapie, die unsere Großeltern nach dem Krieg gebraucht hätten – wir dürften sie bald brauchen, als Einzelne/r, als Paar, als Familie. Manche scheinen auf Unversehrtheit zu bestehen. Dabei vergessen sie:

Was uns (manchen anderen Ländern leider nicht) in der Pandemie bisher erspart blieb:

  • Überall sterben Leute auf der Straße und vor überfüllten Kliniken. (Wie derzeit in Indien, aber an vielen anderen Orten auch)
  • Gesundheitsdienste, Ärzte, Krankenhäuser funktionieren nur noch rudimentär. (Wie in etlichen Ländern, Indien, Brasilien, zeitweise in den USA und anderen Ländern)
  • Die grundlegendste Versorgung bricht zusammen. (Wie in Teilen Brasiliens und Indiens)
  • Zusammenbruch der Wirtschaft. Weitere Seuchen. Hunger.
  • Massenproteste, Aufstände aus akuter Not eskalieren und destabilisieren die Lage weiter.
  • Zusammenbruch der Ordnung an vielen Stellen, Plünderungen, Gewalt.
  • Strenge Notstandsregimes werden ausgerufen (wie in China/Wuhan und anderen meist nicht demokratischen Orten)

Es war keine Panikmache

Wenn ich das aufzähle, dann nicht, um unsere Regierung zu idealisieren, sondern, um den Blick darauf zu lenken, dass unsere Institutionen und wir selbst es hinbekommen haben, diejenigen Szenarien, die anderenorts furchtbarerweise Wirklichkeit wurden und werden, zu verhindern. Manche tun so, als sei das nichts. Es ist jedoch, auch wenn der Gedanke sich seltsam anfühlt in unserer bisher gewohnten Sicherheit, viel. Was wäre denn z.B. los, wenn die Berliner Kliniken dicht machten, weil viel zu viele Schwercovidkranke gebracht würden? Wenn Familien überall vor den Notaufnahmen, vor Arztpraxen um Hilfe bettelten und Sterbende an jeder dritten Straßenecke zusammenbrächen – und liegenblieben, weil sich keiner mehr darum kümmern kann? Was würde DAS mit uns machen? Welche Auswirkungen hätte das auf die Gesellschaft? Was würden wir unseren Politikern DANN vorwerfen? So ist es aber nicht gekommen. Nicht in Deutschland, selten in der EU, aber sehr wohl in zu vielen anderen Ländern, Regionen, Städten, Kommunen. Es ist dort tatsächlich so geschehen, geschieht gerade, Menschen betteln um ihr blankes Leben, nicht um eine Auftrittsmöglichkeit. Nicht nur in Indien oder im brasilianischen Urwald. In NEW YORK. In EUROPA. Das Szenario war keine Panikmache machthungriger Politiker, sondern, wo geschehen, war und ist es ihr Versagen.

Der Job jeder Regierung

Dass wir das in Deutschland verhindern konnten, heißt nicht, dass wir die Weltmeister sind, oder dass es uns allen ja wohl super gehen müsste, aber es sind, bei allen schlimmen Blessuren, die wir als Land und Bevölkerung erleiden, keine kompletten, verheerenden Zusammenbrüche zu verzeichnen. Das zu ermöglichen und zu organisieren, ist der Job besonders der Regierung, auch wenn sie nicht die beste auf der ganzen Welt ist (Nicht wenige andere Regierungen sind daran gescheitert oder haben es gar nicht erst versucht). Die Forschungsförderung zu Impfstoffen hat ihren Beitrag sogar global geleistet.

Es ist kompliziert

Grundsätzlich also bin ich zufrieden, besser: erleichtert. Uff, die Regierung hat nicht versagt. Wählen werde ich sie im September trotzdem nicht, aber sie hat in der Pandemie ihre fundamentalste Aufgabe erfüllt, tut dies weiterhin, bezieht dafür jede Menge Prügel, und auch das dürften sie gewusst haben vor einem Jahr, als es losging – die Aussicht, sich damit beliebt zu machen, war gering. Sie mussten etwas tun, so wie es ihre Pflicht war und ist. Mehr hatte ich von der Regierung nicht erwartet, mehr musste man nicht von ihr erwarten, es ist immerhin kompliziert wie kaum etwas zuvor. Verantwortlich ist aber nicht nur die Regierung, das ist jede/r auch selbst. Die meisten übernehmen ihre Verantwortung, viele nicht genügend. Manche machen sich geradezu schuldig. Natürlich muss/kann man in alldem kommentieren, kritisieren, anregen, aufdecken, informieren, protestieren, gestalten. Um einiges besser als ums Überleben kämpfen, sich gegen Plünderer verbarrikadieren, hungern, sterben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s