Tales from the Loop – Das Wunder liegt überall herum

Nach erst vier geschauten Episoden eine Serie empfehlen? Unbedingt! (Mittlerweile sind alle 8 geschaut, der Artikel aktualisiert.) Jede einzelne der Folgen lohnt das Anschauen. Natürlich erzählen die Episoden neben ihren jeweiligen Geschichten auch eine zusammenhängende, größere, mehrere davon. Doch haben sie alle ein eigenes Thema, das sie auf einzigartige Weise behandeln. Doch von Anfang an:

„Tales from the Loop“ auf amazon prime basiert auf dem gleichnamigen Bild-Roman von Simon Stålenhag. Die Bilder der Verfilmung orientieren sich stark an Motiven und Grundideen in den Gemälden. Zumindest in den ersten vier Episoden – es gibt keinen Grund, dass sich das ändert – sind alle Farben in diesem gleichmütigen, schweigsamen „Heureka“ gedeckt, es gibt viel Dunkel, und Helligkeit ist nicht wirklich hell. Das wirklich Auffällige an diesem abgelegenen Wissenschafts-Städtchen mit 50er- bis 80er-Jahre-Look aber: Überall liegen und stehen aufgegebene oder in Betrieb befindliche Anlagen oder Geräte herum, die aussehen wie Star-Wars-Müll. Wozu sie gut sind oder waren, bleibt meist ein Geheimnis, doch selbst scheinbar komplett ausgeschlachtete Wracks oder abgenutzte, weggeworfene Handgeräte entfalten erstaunliche – magische – Wirkung.

Ausreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden, heißt es, und das bekommt hier eine beeindruckend philosophische Tiefe. Das Wunderbare liegt achtlos aufgegeben in der Landschaft herum, und man fragt sich: wieso? Absolut spektakuläre Maschinen scheinen jene, die sie gebaut haben, überhaupt nicht mehr zu interessieren. Maschinen, die Persönlichkeiten („Seelen“) vertauschen, die Zeit anhalten, die Schwerkraft umkehren können! Die Antwort, oder eine erste Antwort, ist nicht von der Art, wie Sci-Fi-Nerds sie erhoffen, doch dazu gleich.

Eine Serienfolge als Reflexion über ein bestimmtes existenzielles Thema, das gibt es in vielen guten Serien. Hier ist es ebenso. Doch welches Thema das ist, erschließt sich nicht immer einfach. Das ist ihre poetische Kraft und der Mut, der ihre Schöpfer auszeichnet. Über die erste Folge grüble ich jetzt noch. Wunderbar. Fragen werden aufgeworfen und manche bleiben unbeantwortet. Was nach oberflächlichem Rätselspaß á la „Lost“ klingt, ist es aber nicht, trotz des geheimnisvollen Objekts unter der Erde. Es sind poetische Bilder, Atmosphären und Geschehnisse, die uns verzaubern. Die Geschehnisse will ich nicht verraten, aber ein wenig über ihre Poesie schreiben.

Eine Folge handelt von der überwältigenden Magie und der bitteren Flüchtigkeit des Verliebtseins und findet für beides ergreifende, bezaubernde und auch erschütternde Bilder. Ich frage mich, wann ein Film sich so etwas erlaubt hat, so stark, aber gleichzeitig so einfach und konzentriert, ein überwältigendes Bild ohne jedes Überwältigungsgehabe. Machtvolles Drama ohne jede vordergründige Dramatik zeichnet die Folgen aus.

Eine Folge, die vierte, handelt von der Vergänglichkeit des Lebens und unser Bedürfnis, darüber hinweggetröstet zu werden. Sie ist absolut erstaunlich, nicht nur, weil in einer amerikanischen Serie ein Satz wie „Wenn ich sterbe, existiere ich nicht mehr“ noch nie so schlicht und ohne Wertung gesagt wurde. Doch die Wirkung des Satzes und des Anlasses, aus dem er gesagt wird, ist anders als beabsichtigt. Denn er erzeugt bei dem, an den er gerichtet wurde, einen metaphysischen Impuls. Wir erleben mit, wie Glaube entsteht. Die völlige Abwesenheit von Metaphysik im Selbstverständnis dieser Menschen, den der Satz ausdrückt, steht im scheinbaren Gegensatz zu all den (technologischen) Wundern, die sie anscheinend erschaffen haben und in der Landschaft verrotten lassen. Und an dieser Stelle ergibt sich eine Antwort auf das „Wieso?“: Weil sich wohl herausgestellt hat, dass selbst diese Wunder dem Verzweifelten keinen Trost spenden. Der größte Fortschritt ernährt nicht unsere Seele, nimmt uns nicht unseren existenziellen Schmerz. Das Interesse an den Wundermaschinen ist erlahmt. Auch in dieser Hinsicht ist die Serie wundervoll.

Eine Weitere Folge untersucht das Leiden an unserer Unzulänglichkeit und was wir tun, um es nicht verspüren zu müssen. Eine dieser abgenutzen Maschinen bekommt dabei eine zentrale Rolle, die Waffendiskussion in den USA wird unübersehbar. Mit welch schlichter, aber genialer Inszenierung dies erzählt wird, wieder mit frappierenden, klaren, stillen Bildern, ist erstaunlich.

In der letzten Folge, Regie Jodie Foster, geht es um den Versuch, etwas unwiderbringlich Verlorenes zurückzubekommen. Das Bild für das Unmögliche ist wieder höchst einfach und ergreifend mysteriös, die Konsequenzen gehen weit über das hinaus, was beabsichtigt war.

Die Frage nach unserem Umgang mit dem, was größer ist als unsere alltägliche Existenz, ist hier immer präsent, und das ist sie ja auch, wenn wir ehrlich sind, in unserem alltäglichen Leben.

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