Wirklichkeit im Gesicht

Adam Kinzinger kommt aus der Tea-Party-Bewegung. Das sind die, die in den USA das Prinzip der Realität gegen das der alternativen Fakten ausgetauscht und nicht nur in der Republikanischen Partei durchgesetzt haben. Die, die den Boden für Donald Trump bereitet haben, auch wenn er nie zur Bewegung gehört hat. Trump hat geerntet, was sie einst säten. Und Trump kultiviert – wenn man diesen Begriff bitte wirklich nur landwirtschaftlich versteht – die Früchte trotz Wahlniederlage weiter und bringt sie massenhaft unter die Leute. Er beherrscht die Republikanische Partei wie ein Khan, hinter sich Berge von politischen (und tatsächlichen) Leichen, um sich herum hörige Vasallen: Speichellecker wie einst sein Vize Mike Pence, Strippenzieher wie Rudi Giuliani und Bluthunde wie Jim Jordan.

Doch Kinzinger hat sich nie zu Trump bekannt, auch wenn er als Abgeordneter meistens für seine Politik stimmte. Welche Kriterien einen (ehemaligen?) Anhänger der Tea-Party dazu bringen, Trump nicht zu huldigen, ist mir persönlich ein Rätsel, doch während des letzten US-Wahlkamps – und danach – hat sich Kinzinger als Republikaner beim eher demokratischen Sender CNN als unabhängiger, Trump-kritischer Gesprächspartner profiliert. Die giftige Rhetorik, die Weigerung Trumps, das Wahlergebnis anzuerkennen, die „big lie“, die er daraus strickte – all dies hat Kinzinger abgelehnt und verurteilt als unwürdig, staatsgefährdend und als Bedrohung der öffentlichen Sicherheit. Und er tut das bis heute, was man ihm ansieht.

Denn abseits der großen Öffentlichkeit zahlt Kinzinger einen Preis dafür, dass er nicht wie fast alle seiner Partei“freunde“ umdeutet oder verleugnet, was vor und bei der Wahl, was am 6. Januar und seitdem geschehen ist. Ähnlich wie die stockkonservative Liz Cheney wird er von offiziellen Republikanern, aus dem ganzen rechten und ultrarechten Lager und natürlich von Donald Trump selbst tagtäglich angegriffen, verleumdet, beleidigt, unter Druck gesetzt, auf allen verfügbaren Kanälen, und die rechten Medien machen natürlich mit: Tucker Carlson auf Fox News ist mit seinen zynisch-skrupellosen Tiraden nur der Einflussreichste von vielen. Als Adam Kinzinger, entgegen der Weisung des Minderheitsführers und natürlich entgegen der Drohungen von Donald Trump, gestern als eines von nur zwei republikanischen Kommissionsmitgliedern (Liz Cheney ist das andere) an der Eröffnungssitzung des Untersuchungsausschusses über den 6. Januar teilnahm, war sein Gesicht sichtbar aufgeschwemmt, sein Erscheinungsbild das eines Menschen, der unter unvorstellbarem Druck steht. Und das tut er.

Wie sich der Druck auf Liz Cheney auswirkt, permanenter, bedrohlicher Druck, dem sie vermutlich in gleichem Maß wie Kinzinger ausgesetzt ist, ist ihr in der Reihe der Kommissionsmitglieder kaum anzumerken. Kinzinger jedoch kann nicht unterdrücken, was in ihm vorgeht. Die entsetzlichen Schilderungen der vier Polizisten, die am 6. Januar im Kapitol um ihr Leben und um die US-Demokratie selbst gekämpft haben, gegen tausende tollwütige Landsleute, er kann sie kaum ertragen. Immer wieder, vor allem in seinem eigenen Redebeitrag an die vier Zeugen, kämpft er mit den Tränen, ist auch selbst überrascht, wie sehr ihn das alles mitnimmt. Man sieht deutlich, dass die Rekapitulation der schändlichen Ereignisse seine eigenen Erinnerungen an die Gefühle und Erlebnisse dieses Tages wachruft, aber eben auch an all das, was seitdem über ihn hereingebrochen ist, über ihn, der bald Vater wird, über seine Frau und seine Familie. Von seinen Leuten, von seiner Partei, von „Konservativen“ in den USA, die seit den Anfängen – der Tea-Party-Bewegung – mehr und mehr zu einer wahnhaft-besinnungslosen Horde geworden sind, der Horde, die das Kapitol erstürmte, denn die war bloß deren reinste Verkörperung.

Scham. Verzweiflung. Wut. Nur drei Worte, drei Empfindungen, und man muss sie sich wohl in ihrer jeweils brennendsten, unzähmbarsten Variante vorstellen, um sie während der qualvollen Stunden im Ausschuss alle zusammen, gleichzeitig und widerstreitend in Adam Kinzinger wie glühende Lava hochkochen zu sehen. Und zusammen ergeben sie den kompletten Irrsinn, in dem das Land gefangen ist. Die Polizisten, die ihr eigenes Leben riskiert haben, um das von Kinzinger und allen anderen Kongressmitgliedern zu beschützen, berichten davon, wie sie von Parteikolleg*innen Kinzingers beleidigt, verunglimpft, verraten wurden und werden. Nicht auszudenken, was hier geschehen würde, wenn Nancy Pelosi den ruchlosen Jim Jordan als Kommissionsmitglied zugelassen hätte. Als ließe man einen Vergewaltiger seine Opfer öffentlich verhören. Für die vier Polizisten ist es auch so schwer genug, hier zu sein, sie können ihre Emotionen nicht immer zügeln, aber sie haben immerhin die Sicherheit und Genugtuung, vor respektvollen Zuhörern zu berichten.

Kinzinger muss wohl irgendwann aus dem Tea-Party-Wahn ausgestiegen sein, denn er hat keinerlei Abwehr gegen die ungeheuerliche Infamie all dessen, was im Namen seiner Partei geschah und geschieht, hat sie stattdessen immer beim Namen genannt. Auch heute, unter Tränen und mit erstickter Stimme. So viel Scham, denke ich da, kann ein einzelner Mensch gar nicht aufbringen, um sich vor diesen vier Polizisten nicht wie ein verachtenswerter Lügner und Verräter zu fühlen – und er weiß, das seine persönliche Scham dafür nie und nimmer ausreicht. Mag sein, dass ihm in diesen Momenten auch bewusst wird, welchen Anteil er mit seiner politischen Geschichte selbst an all dem Unglück hat.

Die Rechten in den USA haben keine Sekunde gezögert und noch während der Übertragung der Anhörung aus allen Rohren gegen Kinzinger und Cheney gefeuert, Gift und Galle gegen sie ausgespuckt, natürlich auch Trump persönlich. Der Druck auf Kinzinger lässt nicht nach, er steigt vielleicht sogar noch, weil die Anhörungen noch neun Werktage fortschreiten, die Untersuchungen Bekanntes und Neues hervorbringen und schmerzvolle Erinnerungen wachrufen. Da muss die Abwehr eben noch massiver ausgebaut, die Angriffe gegen alle verstärkt werden, die das Wahngebilde gefährden. Lügner und Verräter, das (und vieles mehr) ist absurderweise genau das, was die Rechten Kinzinger ohne Unterlass entgegenbrüllen, wenn sie ihn schmähen, ihn bedrohen und ihm Rache schwören. Sie, die Lügner und Verräter. Doch auf eine verdrehte und tragische Weise, das dürfte Kinzinger spüren, haben sie damit sogar Recht.

Ein Gedanke zu “Wirklichkeit im Gesicht

  1. Michael Wäser 30. Juli 2021 / 10:09

    Auscheidungsprodukte: Einen Einblick in das Verhalten der Rechten in den USA gegenüber den Protagonisten der Anhörung erhält man in diesem Artikel und den dort verlinkten Originalclips. Einer der Polizisten wird darin von einem anonymen Anrufer als „piece of shit“ bezeichnet. Das charakterisiert den Vorgang ziemlich genau. Die Trumpisten können unmöglich die real bezeugten und tausendfach gefilmten Angriffe auf das Herz der demokratischen Institutionen durch sie selbst in ihr Selbstverständnis integrieren, daher versuchen sie, diese auszuscheiden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s