Klimakrise: Diese Sache mit dem Boot

Die Nachrichten über katastrophale klimagebundene Ereignisse häufen sich unübersehbar – und alles andere als überraschend. Dass es immer noch Menschen gibt, die den „Klimawandel“ und/oder unsere Verantworlichkeit dafür leugnen: geschenkt. Längst hat sich das Bewusstsein dieser bevorstehenden epochalen Veränderungen aus dem ganzen Nebel, der eifrig von Lobbyisten und Ignoranten geworfen wurde, erhoben und ist zumindest präsent, sichtbar, deutlich sichtbar. Aber noch immer nicht bestimmend für unser Handeln und Leben, so wie es eigentlich sein müsste. Das scheint verrückt. Denn wir sitzen, wie man so sagt, alle in einem Boot. Und dieses Boot fährt geradewegs auf einen Wasserfall zu. Wenn wir uns nur ein bisschen strecken, können wir ihn schon sehen.

Bleiben wir mal bei diesem Bild. Die uns umgebende Welt, unser Boot. Wir sind in ihm gewachsen, haben darin Zivilisationen und Technologien entwickelt und haben es dabei immer stärker verändert – zu unserem Nutzen, unserer Bequemlichkeit, unserer weiteren Entwicklung. Und haben dabei aus den Augen verloren, dass wir unser Boot schon eine ganze Weile aus komfortablen Gewässern in Richtung ausgedehnter und sehr unangenehmer Stromschnellen gelenkt haben. Diese wiederum sind ein Bild für das, was erst jüngst wieder der IPCC sehr eindringlich in seinem neuesten Welt-Klimabericht als das aktuelle und zukünftige Szenario beschrieben hat. Nun, die Stromschnellen sind jetzt ziemlich nah, und wir haben das Steuer für unser Boot – noch – einigermaßen unter Kontrolle. Also umsteuern, ausweichen, einen ungefährlicheren Kurs einschlagen, gemeinsam und wenn nötig (und das ist es) mit aller Kraft, oder?

Unser bisheriges Denken gehört der Vergangenheit an.

Worum es mir in diesem Beitrag geht, ist daran zu erinnern, in welche Situation wir mit unserem gesamten Boot zu geraten drohen. Denn das scheint, im Unterschied zur puren Tatsache des Klimawandels, vielen Menschen noch nicht ausreichend klar zu sein. Viele reden jetzt von den weltweit gehäuft und verstärkt auftretenden Überschwemmungen, den Waldbränden, Stürmen und den lebensbedrohlichen Hitzeperioden, die Artenkrise unserer Tier- und Pflanzenwelt nicht zu vergessen. Es gibt Opfer zu beklagen und große, gigantisch große Schäden. Man spricht von Wiederaufbau und Schutzmaßnahmen. Dieses Denken ist sehr verständlich. Doch es gehört der Vergangenheit an. Es ist das Denken der Menschen, die in ihrem Boot wie früher recht komfortabel (abgesehen von der dritten und vierten Klasse) unterwegs waren und ihrer Arbeit, ihrem alltäglichen Leben in irgendwie geregelten Verhältnissen nachgingen und weiter aufbauten und reparierten, was kaputt ging, um weitermachen zu können. Das Nebeneinander und die Kooperation (und die Ausbeutung) funktionierten, irgendwie, die Bedingungen auf unserem Boot konnte man grundlegend „stabil“ nennen. Das war nur möglich, weil sich unser Boot auf größtenteils ruhigem, bis auf punktuelle Ausnahmesituationen beherrschbarem Wasser fortbewegte. Über zehntausende von Jahren hinweg.

Versuchen Sie mal, auf einem Wildwasserkurs Spaghetti zu essen!

Diese Zeit geht nun vorbei, das haben viele nur noch nicht begriffen. Unser Boot ist bereits in die ersten Ausläufer der Stromschnellen geraten, wir haben „einfach nicht aufgepasst“. Doch, dem Pariser Klimaabkommen zum Trotz, wir werden noch eine ganze Weile weiter in die Stromschnellen hinein fahren, selbst wenn wir (was nicht geschieht) das Steuer sofort herumrissen. Das Boot ist groß und träge, und es braucht eine lange Strecke, um umzusteuern. Und was passiert mit einem Boot, das in raue See, was passiert mit den Passagieren auf einem Boot, das von ruhigem Wasser in Stromschnellen gerät? Das Boot wird zu einem ungemütlicheren Ort als es vorher war. Versuchen Sie mal, auf einem Wildwasserkurs Spaghetti zu essen oder einen Computer zu bedienen. Sie können beliebige weitere Tätigkeiten hinzufügen, metaphorische oder reale. Die Passagiere beginnen erst langsam, dann immer schneller und vollständiger, mit dem aufzuhören, was sie in ruhigem Wasser so selbstverständlich getan haben, und sich um ganz andere Dinge zu kümmern (meistens um sich selbst) – soweit sie das noch können. Irgendwann werden sie panisch, apathisch, aggressiv, defensiv oder ganz und gar irre und gefährlich.

Unser Boot wird aber nicht mehr in ruhiges Wasser zurückkehren. Darüber müssen wir gar nicht mehr nachdenken. Worüber wir nachdenken müssen, ist, die lebenserhaltende Ordnung, die soziale Ordnung unter erschwerten Bedingungen aufrechtzuerhalten. Die Möglichkeit zur Ordnung aufrechtzuerhalten auf einem Schiff, das unangenehm zu schwanken und zu rollen beginnt und damit sehr, sehr lange Zeit nicht aufhören wird, im Gegenteil.

Wir täuschen uns selbst

Sollten wir unser Ruder nicht schnell genug und nicht in eine bessere Richtung (weg von den Stromschnellen) lenken und unser Boot somit in derart starke Turbulenzen und Schläge geraten, die in dem Fall ohne Zweifel dauerhaft eintreten werden, ist eines ebenso zweifellos zu erwarten: Die bisher gewohnte Ordnung auf unserem Boot wird über den Haufen geworfen. Das Boot, einmal außer Kontrolle, wird zu einem Spielball der gigantischen Kräfte, die wir selbst freigesetzt haben. Die Passagiere darauf versuchen irgendwann nur noch, zu überleben. Wie sich Menschen in solch einer Situation verhalten, wissen wir. Die Anzahl und Frequenz der (regionalen) Katastrophen wie dem Ahr-Hochwasser werden weiter steigen. Wir wissen nicht genau, ab welcher Häufigkeit niemand mehr über Wiederaufbau redet, ab welcher Opferzahl dauerhaft evakuiert wird und wie viele gleichzeitig oder zeitnah auftretende Krisenereignisse nötig sind, bis regional oder darüber hinaus beständiges Chaos herrscht und die Menschen sich selbst überlassen sind – sehr hoch muss man diese Zahlen sicher nicht ansetzen. Das Vertrauen in die Regierungen, das Funktionieren der Institutionen wird schwinden, und nicht weit davon entfernt hört die bisherige Ordnung auf, zu existieren. Das finden Sie übertrieben? Schön, wenn es das wäre. Denn die unausweichlich drohende Verschärfung und Häufung solcher Ereignisse wird wissenschaftlich nicht mehr angezweifelt. Sie wird eintreten. Worüber wir uns aber noch immer hinwegtäuschen, ist das, was sie mit uns und unserem Leben macht.

Es wird einfach viel zu viel sein.

Die Kreisverwaltungen waren überfordert von den Überschwemmungen in NRW? Das, was auf uns zukommt, werden weder unsere Verwaltung noch unsere Gesellschaft „bewältigen“ können, denn es wird einfach viel zu viel sein. Und das gilt für einen der bestorganisiertesten, wohlhabendsten und technisch entwickeltsten Staaten der Erde. Was, glauben Sie, wird in den politisch zerrütteten USA, dem kriegsgeplagten Nahen Osten, den militärabhängigen Diktaturen Russland und China, dem sozial schutzlosen Afrika und allen anderen Weltteilen passieren? Was auch immer, es wird innerhalb der nächsten Jahrzehnte passieren, überall auf der Welt, auf unserem gemeinsamen Boot. Was tun Menschen/Staaten, wenn es mehr und mehr ums blanke Überleben geht? Darüber müssen wir nachdenken – während wir das Ruder herumreißen. Jetzt also, denn es hat bereits begonnen.

Probleme managen, während sie wachsen

Auf unserem gemeinsamen Boot wird es künftig anders zugehen als bisher, das müssen wir begreifen. Wenn wir es schaffen, viele der Probleme der Migration, Ernährung, Verschmutzung, medizinischen Versorgung, bewaffneten Konflikte usw. zu managen, während sie sich steigern, haben wir Chancen, die Ordnung, das produktive Leben auf dem Boot zu erhalten, wenn auch verändert. Schaffen wir es nicht, oder/und lassen wir unser Boot noch einige Jahre (ziemlich genau neun) auf dem alten Kurs weiterfahren, stecken wir, stecken unsere eigenen Kinder rettungslos tief in Stromschnellen, die niemand mehr kontrolliert und unbeschadet durchfahren kann.

Nur unterhalb von 1,5 Grad

Es gibt einen Haufen toller und gewitzer Ideen dafür, wie wir es besser machen können. Auf der ganzen Welt. Und an vielen wird längst gearbeitet, wenn auch bei weitem nicht umfassend genug. Die Bemühungen müssen vervielfacht, verzehntausendfacht werden, werden zum großen Teil aber vergebens sein, sollten wir nicht innerhalb der kommenden acht, neun Jahre sicherstellen, die Schwelle von 1,5 Grad Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit nicht zu überschreiten. (Manche Bewertungen gehen davon aus, dass dies gar nicht mehr gelingen kann, weil unumkehrbare Kipppunkte kaskadisch fallen werden (Golfstrom, Permafrost, Polkappen …) Denn soweit unser Heer von Wissenschaftler*innen es mit den vorliegenden Daten überhaupt absehen kann – und fast alle schlimmen Voraussagen wurden regelmäßig von der realen Entwicklung übertroffen – bleiben wir dann in beherrschbaren Gewässern, auch wenn wir den Stromschnellen schon viel näher sind, als wir bisher dachten. Alles, was jenseits der 1,5 Grad kommt, schon in den kommenden Jahrzehnten, wollen wir niemandem wünschen, schon gar nicht denen, die sich nach uns auf dem Boot in den Stromschnellen zurechtfinden müssen.

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