Rorschach über dem Altar

Die Richter-Fenster in der Abteikirche Tholey

In seiner Dorfkirche gab es zwei Beichtstühle, erzählt mir mein alter Freund, als ich ihn im Saarland vor meiner Lesung aus „Runxendorf“ besuche. Einen, in dem der „Pastor“ die Beichte abnimmt, und einen, in dem das der „Pater“ erledigt. Der Unterschied zwischen beiden Beichtstühlen war gravierend. Kommt ein Pater nur als „auswärtiger Dienstleister“ vorbei, verrichtet seinen Dienst und reist dann wieder ab, so lebt der Herr Pastor zusammen mit seinen „Schafen“ im Dorf. Für viele war daher der Gedanke unerträglich, ihm, der höchsten moralischen Autorität des Dorfes, immer wieder begegnen zu müssen im Wissen, dass er über alle begangenen „Sünden“ Bescheid weiß, jeden unerlaubten Gedanken, jeden Fehltritt, jeden Seitensprung. Ein echtes Dilemma. Für eben diese Gläubigen war der zweite Beichtstuhl gedacht. Denn ohne diesen würden viele ihre schlimmsten „Sünden“ einfach nicht offenbaren und ohne den Segen, ohne göttliche Vergebung weiterleben müssen. Was in einer Kirche ausgesprochen wird und was nicht, ist also von erheblicher, auch religiöser Bedeutung, und es existiert in (mindestens) zwei getrennten Sphären gleichzeitig.

Nichts als Kleckse
Über Gerhard Richters Kirchenfenster von Tholey im Saarland ist bereits viel geschrieben worden, nur über etwas, das mir am offensichtlichsten erscheint, habe ich bisher kein Wort gefunden (nicht mal von Richter selbst, der sich ausnahmsweise über dieses Werk geäußert hatte) – auch das ist bezeichnend für Richters Tholeyer Coup. Um es gleich zu sagen: Die „Motive“ von Richters Fenstern sehen aus wie mehrfarbig gepimpte Tintenkleckse aus den Rorschach-Sets beim Psychologen. Zufällig aus der Spiegelung eines verlaufenden Farbspritzers entstandene Formen, die von sich aus nichts darstellen, nichts abbilden sollen. Nicht abbilden soll man ja auch Gott, so weit erklären auch die Hausherren in Tholey ihre Fenster. Aber verdammt noch mal, der Mensch kann keine Formen betrachten, ohne sich ein Bild zu machen, ohne irgendetwas in diesen Formen zu erkennen. Es ist ihm neurologisch unmöglich, es nicht zumindest zu versuchen. „Das sieht aus wie …“ entsteht unwillkürlich im Gehirn jedes Menschen. Genau diese physische Eigenschaft machen sich Rorschach-Tests zu Nutze, um dem Arzt Einblick in die Psyche, ins Unbewusste zu verschaffen, in das, was der Mensch nicht offenbaren kann oder will.

Das Dilemma im Bild verewigt
Jeder sieht etwas anderes in den Tintenklecksen – etwas, das seiner psychischen Disposition, seiner dauerhaften oder aktuellen seelischen Verfassung entspringt und entspricht. Dabei spielen auch die Reaktionszeit und andere Faktoren eine Rolle, um halbwegs aussagekräftig zu sein (Rorschach ist nicht unumstritten). Doch die grundlegende Wirkungsweise der Kleckse fußt auf der Wirkungsweise des menschlichen Sehens an sich. Formen interpretieren anhand der ganz individuellen inneren Datenbank. Daher kommt es, dass wir Gesichter auf dem Mars oder im Mond sehen, Stiere in einer Wolkenformation, Zukunftszeichen in einem Stück erkaltetem Blei. Was wir in einer Form erkennen, können wir nicht bewusst beeinflussen, es geschieht einfach, und es weist auf uns selbst zurück. Jede*r, behaupte ich einfach, die/der diese Fenster betrachtet, sucht darin automatisch nach Bekanntem, nach „Sinn“. Aber nicht alles, was man da „findet“, will man vielleicht auch offenbaren.

Wo the fuck ist der Gorillakönig?
Schon auf Fotos in der Berichterstattung zur Einweihung der Fenster hatte ich Dinge erkannt. Einen wütenden Gorilla-Götzen z.B, der jedem Indiana-Jones-Film Ehre gemacht hätte. Ein weibliches Fortpflanzungsorgan, vom Muttermund bis zu den Eierstöcken. Natürlich machte ich mich in Tholey sofort auf die Suche danach! Es gelang, aber nicht so einfach, denn der eigene Kopf funktioniert nicht immer gleich. Während der Suche an den leider weit entfernten Fenstern gesellten sich ein Alien-Gesicht und gleich mehrere Azteken-Tempelanlagen dazu. Götzen? Aztekentempel? Aliens? S… Sex?!? Sie ahnen, in welche Situation die Fenster eine*n womöglich ganz traditionell gläubige*n Katholik*in potenziell zu bringen in der Lage sind. Das unwillkürliche Bild gehört unter Umständen ganz und gar nicht in eine Kirche, geschweige denn in einen katholisch-frommen Kopf. Es könnte ein Spiel sein, könnte aber ebenso empören, verstören, verwirren, um so deutlicher, je dogmatischer der jeweilige Glaubens- oder Bewusstseinsrahmen sitzt. Keine Apostel, keine Heiligen wie die, die einem in den anderen Fenstern der Abteikirche so fürsorglich unterbreitet werden, auch keine totale Abstraktion wie in den Kölner Richter-Kirchenfenstern, sondern eine Grenzüberschreitung, das absichtliche Auslösen eines vielfachen psychischen Reflexes mit unbestimmtem Assoziationsergebnis – in einem Kirchenraum, die Beichtstühle im Augenwinkel.

Das sind keine Fenster. Das sind Spiegel.
Was Richter mit diesen Fenstern vollbringt, ist transzendent und analytisch-subversiv zugleich. Er ist nicht umsonst so bedeutend in der Weltkunst. Was er mit den „Motiven“ hervorzubringen vermag, ist sowohl unabhängig vom Umfeld einer Kirche als auch untrennbar mit der Situation Kirche verbunden. Er provoziert auf die individuellste Weise, die man sich nur denken kann, und er spiegelt (alle Motive der Fenster sind in sich und mehrfach gespiegelt) uns unser – jeweils individuelles – Unbewusstes. Damit agiert er auch vollkommen frei von Moral, denn sogar die wird allenfalls individuell beim Betrachter der Fenster aktiviert, es gibt keine Autorität außer der jeweils internalisierten. Vielleicht redet deshalb niemand von dieser Eigenschaft der drei neuen Fenster über dem Altar der Abteikirche Tholey. Denn das Unbewusste ist eigentlich niemals so, wie es irgend jemand der Kirche, der Gesellschaft, den Nächsten oder sich selbst gerne beichten würde.

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