1941 – Ein verzweifelter Clown von einem Film

Übermorgen startet Steven Spielbergs Neuverfilmung von „West Side Story“ in den Kinos. Wer sich darüber wundert, dass Spielberg einen Tanzfilm macht, hat „1941“ noch nicht gesehen. Darin gibt es eine der großartigsten Tanz-Massenszenen überhaupt. Doch der Film hat eine noch viel größere Bedeutung.

Heute jährt sich der japanische Angriff auf die US-Marinebasis Pearl Harbour, und zufällig gehen mir seit Tagen einige Gedanken zu Steven Spielberg durch den Kopf, der einen (vielleicht DEN) Pearl-Harbour-Film gemacht hat. Nur wenige allerdings kennen diesen Film, denn er gehört zu Spielbergs wenigen Flops, gilt gar als wirtschaftliches Desaster. Das hat Gründe, die sicher nicht in der erzählerischen und technischen Ebene oder gar beim Schauwert liegen, denn bei den beiden ersten liegt er vollkommen auf dem Niveau früherer und auch späterer Spielberg-Filme und beim dritten übertrifft er eigentlich alles, was bis dahin auf einer Kinoleinwand zu sehen gewesen war: Er ist atemberaubend spektakulär. Warum ist er dermaßen baden gegangen?

Steven Spielberg ist nie ein intellektueller Filmemacher gewesen, sein Kassenerfolg machte ihn bei vielen Cineasten verdächtig. Das hat sich erst mit „Schindlers Liste“ grundlegend verändert. Sein Zugang zum Kino und zum Erzählen im Film ist sehr direkt, emotional, bildhaft und auf seine eigene Weise intelligent. Ob er sich jemals ausgiebig für „Meta-Analyse“ interessiert hat, bezweifle ich. Das hat er mit den meisten Künstler*innen gemeinsam, sein überragendes Talent ist aber unbezweifelbar. Genau das dürfte aber der Grund dafür sein, dass es den Film „1941“ überhaupt gibt – und dass er „floppte“, denn er ist eigentlich nur auf seiner Meta-Ebene zu verstehen.

Die erste Kinokomödie von Steven Spielberg stellt die USA unmittelbar nach dem Angriff auf Pearl Harbour dar. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die westliche Weltmacht noch nicht in das Geschehen in Europa und den sich immer grausamer manifestierenden Holocaust eingegriffen. Der Schock des japanischen Angriffs sitzt den US-Amerikanern in den Knochen, Krieg kündigt sich an. Da taucht ein versprengtes japanisches U-Boot vor der Westküste auf und versetzt alle Bewohner, die ansonsten mit Weihnachtsvorbereitungen, Tanzturnieren und dem neuesten Disney-Film beschäftigt sind, in Panik. Das U-Boot hat es auf Hollywood abgesehen, die Traumfabrik der westlichen Welt. Was nun einen Film lang auf der Leinwand passiert, kann man nur als vollkommenen Wahnsinn bezeichnen.

Da lässt einer, dessen erweiterte osteuropäische Herkunftsfamilie fast vollständig in deutschen KZs ermordet wurde, seinem hilflosen Zorn freien Lauf, indem er sich höchst spektakulär und virtuos lustig macht über die US-Amerikaner, die selbstzufrieden und zu großen Teilen sogar komplett von Sinnen in ihrem Disney-Land/Vergnügungspark sitzen und sich von einem einzelnen U-Boot in die größte Panik versetzen lassen, über das Militär, das in Form von General Stilwell lieber im Kino Tränen über Dumbo vergießt, als den Menschen in den europäischen KZs zu Hilfe zu eilen. Da werden Kriegsflugzeuge und -waffen derart unzweideutig als phallische Lustinstrumente einer Nation vorgeführt, die ihre explosiven Triebe nicht angemessen abführen kann, dass es einem den Atem verschlägt. Und wer in diesem Film nicht vor Geilheit wahnsinnig ist, der (oder die) ist es vor Dummheit. So steuert der ganze Film auch auf einen phänomenal durchchoreographierten und von John Williams schmissig wie später nur Indiana Jones vertonten Destruktionsorgasmus zu, wie es ihn bis dahin im Kino noch nicht gegeben hat.

Die Dimension der Verzweiflung unter all dem war allerdings wohl nicht einmal Spielberg selbst bewusst. Er, seine Autoren und der Produzent sahen das Ganze als Komödie über Hysterie, die auf tatsächlichen Ereignissen beruht. Charlton Heston und John Wayne, die zuerst für die Rolle des Generals angefragt wurden, nahmen Spielberg schon die Idee übel und sahen das Projekt als absolut „unamerikanisch“, als Beschmutzung der US-amerikanischen Opfer und Erfolge im 2. Weltkrieg. Beide Weltstars waren bekannterweise stramme Konservative und Militär-Patrioten. Dass Spielberg sie überhaupt anfragte und ihnen das Drehbuch schickte, erscheint naiv, denn offensichtlich konnte er ihnen nicht erklären, worum es hier eigentlich ging. Ihre Reaktion nahm nur das vorweg, was dem fertigen Film in den USA entgegenschlug: Empörung.

Die überdimensionale, verzweifelte Clowns-Grimasse, die Spielberg seinem eigenen Land mit diesem Film schnitt, konnte kaum angenommen werden, so unterhaltsam und explosiv der Film auch gemacht ist. Er ist dennoch ein beeindruckendes Dokument der Filmgeschichte. In der Tradition der großen Film-Clowns Chaplin, Keaton und besonders Laurel & Hardy geht Spielberg hier allerdings noch einen Schritt weiter und macht gleich den ganzen Film zum tobsüchtigen Clown, lässt im wahrsten Sinne des Wortes keinen Stein auf dem anderen. Das Ausmaß lustvollster Zerstörung, dem man beim Anschauen von „1941“ beiwohnen darf, ist in der Tat beispiellos und bis dahin noch nie gesehen. Er selbst sagte dazu: „I really thought it would be a great opportunity to break a lot of furniture and see a lot of glass shattering.“ Den Zuschauern damals gingen die Augen über, sie konnten nicht fassen, was sie da sahen. Sie spürten aber auch den bitteren Anteil in all dem Spektakel und nahmen ihn als Kritik an den USA an sich, was 1979 nicht mehr mehrheitsfähig war. (Ganz am Ende zerschmettert Spielberg sogar das Allerheiligste, das traute Heim der Familie, das vorher schon lustvoll und ausgiebig durchlöchert worden war, komplett, aber so was von.) Der Film und seine unterschwellige Anklage sind nicht „gerecht“ oder historisch wirklich fundiert. Sie sind eine emotionale Reaktion auf das Zögern der USA, das nicht verhinderte Grauen des Holocaust, unreflektiert, aber zutiefst menschlich und verständlich. Ein talentstrotzendes Wunderkind hat sich damit eines festsitzenden Pfropfes entledigt.

Mit den Themen Nazis, Holocaust und Weltkrieg hat sich Spielberg später immer wieder auf unterschiedliche Weise befasst. Selbst in seinen ersten Erfolgen „Duell“ und „Der weiße Hai“ ist das Thema der existenziellen Bedrohung (die niemanden sonst zu kümmern scheint) schon zentral, das spätestens seit dem Holocaust in jeder jüdischen Familie verankert ist, sowohl im Bewusstsein als auch im Unterbewusstsein. Kaum ein Regisseur hat in der filmischen Gestaltung von Bedrohung solche Meisterschaft erlangt wie Steven Spielberg. Wenn er sich jetzt der tragischen Geschichte zweier verfeindeter Gruppen in „West Side Story“ annimmt, dann kann man davon ausgehen, dass er das Potenzial der Bedrohung durch die wachsende Spaltung der USA mehr als nur unbewusst verarbeitet.

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