Ein Wiedersehen im Saarland

Ende Oktober durfte ich auf Einladung der wunderbaren Lebacher Buchhandlung Anne Treib Buch & Papier bei der Woche der unabhängigen Buchhandlungen meinen Saarland-Roman „Das Wunder von Runxendorf“ vorstellen. Es war ein sehr besonderer Abend, denn es war meine erste Lesung im Saarland überhaupt (sieht man von zwei Lesungen auf „saarländischem Hoheitsgebiet“ in der Berliner Landesvertretung ab), und ausgerechnet die bittere Betrachtung des Dorflebens in den Siebzigern lag nun auf dem Tisch. Im Publikum, wie zu erwarten, viele alte Bekannte, alte Freund*innen, Schulkamerad*innen, die ich seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte (und eine große, schöne Überraschung, mein verehrter Deutschlehrer vom Lebacher Gymnasium JKG). Wegen der besonderen Situation hatte ich schon im Vorfeld ein paar erklärende Worte aufgeschrieben, die ich nun vorausschickte. Ich gebe sie hier wieder:

Danke an Anne Treib für die Einladung, danke an das JKG für diesen Ort.

Dies ist ganz und gar keine gewöhnliche Lesung für mich. Ich lese zum ersten Mal an meiner alten Schule, zum ersten Mal im Saarland. Und vor allem: Ich lese das hier. Deshalb erlauben Sie mir bitte ein paar Worte zuvor:

In dieser Aula begann 1975 für mich am gerade erst gegründeten JKG ein neues Leben. Während mein Grundschullehrer in einem Moment noch mit uns gesungen und uns im nächsten geschlagen hatte, siezte uns unsere Klassenlehrerin Frau Altmeier hier und erwies uns von Beginn an einen Respekt, den ich nicht kannte. Mein erster Deutschlehrer, Herr Saar, mein Kunstlehrer Herr Hoffmann eröffneten hier neue Welten, geistige Autonomie, zumindest eine Idee davon, die vorher nicht existierte. Literarische, künstlerische und mit der Schülerzeitung auch journalistische Versuche, dann ziemlich erfolgreiches Schülertheater, wurden hier ermutigt, ermöglicht und nicht entmutigt oder abgetan. Heute scheint so etwas selbstverständlich. Das war es damals nicht. Und es machte den Unterschied.

Der Roman. Eine hässliche Geschichte im schönen Saarland. Ist das nicht unpassend? Die Rede ist von den frühen Siebziger Jahren. Das sozialliberale Westdeutschland  stellte sich öffentlich als modern und offen dar, sieht man aber genauer hin, z.B. in die Familien, erkennt man, dass die alte, von Kriegsveteranen gebaute Ordnung sich oft brutal verteidigte. Heute sind wir in einer vergleichbaren Situation. Wieder öffnet sich die Gesellschaft. Mit vollem Recht verlangen Unterrepräsentierte und Übersehene angemessene Teilhabe, die Jugend eine halbwegs intakte zukünftige Welt; die Beharrungskräfte sind größer und bedrohlicher als wir glauben, das Internet quillt über von bösen Attacken gegen diese Veränderungen.

Die Siebziger mit ihren ins Rutschen gekommenen Verhältnissen und ihrer Gewalttätigkeit verdienen unsere Aufmerksamkeit und unseren Zorn. Beidem wollte ich in meinem vierten Roman einmal gebündelt Ausdruck verleihen. Gebündelt auch in der Sprache einer unerträglichen Figur, die sich selbst „Vagabund“ nennt und buchstäblich geboren wird aus Gewalt.

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