Von Schwarzkopf

Mein Beitrag zum 13. Jubiläum der Lesebühne „So noch nie“ als einer von 13 Themenbeauftragten zum Thema „öfter und länger kommen“

“Ich sollte öfter und länger kommen”, dachte er und musste grinsen. “Das klang jetzt anders, als es gemeint war”, dachte er und nahm das Regal mit Haarpflegeprodukten wahr, das sich vor ihm zwei Meter in die Höhe und jeweils drei bis vier Meter zu jeder Seite aufbaute. Wie war er hierher gekommen? Typisch Feierabendmüdigkeit. “Nicht öfter”, dachte er, “aber ab und zu mal länger bleiben. Zeit nehmen. Nicht nur reinhetzen, zugreifen, zahlen und raus. “Sonst hätte ich das bestimmt gar nicht gesehen.” Er hielt eine kleine Schachtel in der Hand. “Schauma festes Shampoo.” Zwischen den vier oder fünf festen Öko-Produkten, die ihrerseits zwischen den zahllosen flüssigen Markenshampoos, -spülungen und so weiter ein Schattendasein fristeten, war ihm der Name “Schauma” ins Auge gestochen.

“Schauma als Öko-Klötzchen!”, dachte er. Die sagen ja, dieses Trockenzeug soll tierisch Transporte einsparen, Energie, CO2 und was noch alles, wenn kein Wasser mehr nutzlos durch die Gegend gekarrt wird. Shampoo, Waschmittel, Reiniger und so, ist ja alles fast nur Wasser. Schauma. Er dachte an die Fernsehwerbung aus Kindertagen: Eine liebevolle Mutter massiert ihrer pubertären Tochter über dem Waschbecken im Badezimmer einen halben Liter zähflüssiges grünes Shampoo in die nassen, langen Haare und sagt glücklich lächelnd: “Seit wir Schauma-Shampoo nehmen, fühlt sich dein Haar schon viel kräftiger an!” Schon der Anblick des voluminösen Schaums, ohne den der Produktname idiotisch gewesen wäre, zusammen aber ein Geniestreich, bis zur Einfallslosigkeit simpel, der Schaum verströmte selbst aus dem Fernseher heraus einen blumigen Duft und sorgte für die wohlige Gewissheit: Damit tue ich meinen Haaren was Gutes! Die charakteristische Plastikflasche konnte jeder auf den ersten Blick mit der Marke Schauma – “von Schwarzkopf!” – verbinden. “Schwarzkopf”, dachte er. Das sagte eigentlich überhaupt nichts aus. Außer in der Schauma-Werbung kam die Firma nirgends vor, so als Gütesiegel, wie “Miele”, “Dr. Oetker” oder “Heckler & Koch”. Es sagte nichts. Aber wie sie es sagten, zeugte von Selbstbewusstsein. Denen von Schwarzkopf konnte man die delikate Frage seiner Haarpflege anvertrauen. Die Person auf dem Logo mit dem schwarzen Kopf hatte immerhin auch Haare. Dass Schauma etwas mehr kostete, war angemessen. Die anderen waren ja nicht “von Schwarzkopf”. Heute, dachte er, heute ist das anders. Es gibt viel mehr Luxusmarken. Vielleicht kaufen die Leute die auch bloß mehr als damals. Was haben wir früher denn schon gekannt? Das Shampooregal war keinen Meter breit gewesen. Und da waren auch keine Luxusprodukte dabei. “Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern”, dachte er. “Und festes Shampoo schon mal gar nicht.” Bei Seife war es aber auch so wie bei Shampoo. „Irischer Frühling“, dieser grün-weiß marmorierte Klotz, von dem der rothaarige Naturbursche auf der saftigen irischen Wiese beim beschwingten Klang einer irischen Blechflöte mit einem urig gekrümmten Taschenmesser einen Schnitz abhobelte, um zu zeigen, dass der Klotz auch innen grün-weiß war, ja, das machte was her, und dass der so gemasert war, das hob sie von anderen, gewöhnlichen Seifen ab. Auch wenn das ganz und gar nichts aussagte. Nicht von Schwarzkopf, aber grün-weiß. Das Taschenmesser in der kräftigen Hand des Iren, der gemaserte Seifenspan, das bürgte für gehobene Qualität. “Was für ein Quatsch”, dachte er. “Was haben wir uns damals für einen Blödsinn auftischen lassen!” Er ging mit einer Rolle Zahnseide und der Schachtel festes Shampoo zur Kasse.

Vorm Ausgang drehte er sich um, weil er plötzlich so ein komisches Gefühl hatte. Der Laden erschien ihm kleiner als vorhin. Schmaler und kürzer. “Seltsam”, dachte er. “Bin voll müde.” Er steuerte Richtung Auto. Draußen war es traumhaft angenehm, die Luft frisch, und er hörte keinerlei Lärm von polternden LKW. Da fuhren nämlich keine. Auch Autos waren kaum zu sehen. Dafür Fußgänger, Fahrräder, Lastenräder, Roller, Kinderwagen, ein paar Elektrofahrzeuge und die Straßenbahnen, die diskret an ihm vorbei glitten. Die meisten Läden waren, wie der Drogeriemarkt, viel kleiner und die gutgelaunten Kunden schleppten keine schweren Einkaufstaschen, sondern trugen leichte Rucksäcke und Stoffbeutel zum autonomen Elektroshuttle, saßen entspannt vor einem der auffällig vielen Cafés, Bars oder Studios. Kinder spielten fröhlich auf begrünten Straßen. Auf der Heimfahrt kein Stau, im Feierabendverkehr! Fast keine LKW und Lieferwagen, wenige Autos. Wiesenblumen auf dem Seitenstreifen.“Was ist hier los?”, dachte er. „Alles ist anders!“ In diesem Moment fiel sein Blick auf die Schachtel mit dem festen Shampoo auf dem Beifahrersitz. “Nee! Das kann doch nicht wirklich …!” Vor Schreck verriss er die Lenkung. Da tauchte er aus einer Art Trance auf, in die man bei Müdigkeit manchmal verfällt, vor ihm ein sehr, sehr breites Regal mit Haarpflegeprodukten, durch den Ladeneingang drang aggressiver Verkehrslärm. “Von wegen öfter und länger kommen!”, stieß er erleichtert aus und pfefferte die kleine Pappschachtel zurück ins Regal. “Ich dachte echt, ich hätte komplett den Verstand verloren.”

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