Oeverdings Sammlung – Kurzgeschichte

Die Nacht war kalt, die Luft trocken. Ich fahre nicht gerne auf nassen Straßen, wenn die Lichter sich an den Schlieren auf der Windschutzscheibe in unzählige Farben brechen. Farben lenken mich ab. Aber diese Gefahr bestand nicht. Ich machte diese unregelmäßigen Nachtdienste bei der ärztlichen Bereitschaft schon seit vielen Jahren. Jüngere Kollegen schauten mich schräg an, weil ich mir das noch zumutete, aber es ist für einen Allgemeinmediziner in der Großstadt eine der wenigen Möglichkeiten, Hausbesuche zu machen und trotzdem jedes Mal einen neuen Fall vor sich zu haben.

Über meine Einsätze führe ich Buch. Damit meine ich nicht den Papierkram, der nun mal dazugehört, sondern meine eigenen Aufzeichnungen. Seit meinem ersten Einsatz habe ich jeden einzelnen in ein Notizbuch eingetragen. Ein paar Stichworte, ohne Namen und Adressen, vielleicht eine Zeichnung, ein paar Gedanken zu dem Fall, der Wohnung, der Straße. Ich benutze dafür Skizzenbücher, unliniert, mit festem Einband und kräftigem Papier. Bleistifte. Federhalter. Das kommt vielleicht daher, dass ich früher mal Künstler werden wollte und ein paar Semester lang auf die hiesige Akademie ging. Das ist lange her.

Als die Meldung in dieser Nacht hereinkam, zog sich sofort etwas in meinem Nacken zusammen. Noch bevor sich meine Erinnerung regte, reagierte mein Organismus. Ich kannte den Namen von früher, und der Adresse nach wohnte dieser Mann noch in demselben Stadtteil wie damals, hatte dort vielleicht seine ganze Existenz verbracht. Damals, als ich glaubte, ein großer Maler werden zu können. Ich sah noch einmal auf die Meldung. Auch sein Alter mochte stimmen. Er musste alle anderen Professoren von damals überlebt haben.

Für mich war er ein Gott gewesen, obwohl er überhaupt kein Künstler war. Er war Professor für Kunstgeschichte. Die meisten Kommilitonen schwänzten seine Kurse, so oft sie nur konnten, hielten sie für Zeitverschwendung. Ich ging hin, fast immer. Die Akademie war von Individualisten bevölkert. Auch die Maler-Profs, einige von ihnen echte Stars der zeitgenössischen Kunst, entsprachen in keinster Weise ihren drögen Kollegen an den wissenschaftlichen Universitäten, den Ökonomen, Physikern, Medizinern. An der Akademie flatterten überall Paradiesvögel herum. Nonkonformisten, die sich selbst zu ihrem wichtigsten künstlerischen Projekt stilisierten und es manchmal wirklich zu etwas brachten. Er, unser Kunsthistoriker, gehörte nie dazu. Er kleidete sich geradezu deprimierend unauffällig, immer mit einer zum Anzug passenden Weste unter dem Jackett und einer Fliege um den gestärkten Kragen. Extravaganz schien er hartnäckig zu vermeiden, ja sogar zu verachten. Künstler schienen ihm vollkommen fremd zu sein. Aber er wusste alles über Malerei, über ihre Vergangenheit ebenso wie über die Gegenwart und irgendwie auch ihre Zukunft. Er sammelte Gemälde. Und er sprach darüber.

Niemand an der Akademie hatte seine Sammlung je als Ganzes gesehen, er stellte nicht aus, lud, soweit wir das wussten, niemanden ein, nur einzelne Stücke brachte er manchmal ins Seminar, als Lehrstoff, und das nicht ohne Sammlerstolz und Bewunderung für das Werk. Dabei galt er als außergewöhnlich geschickter Sammler. Gab es irgendwo eine echte Gelegenheit, war er zur Stelle. Sah er in einer unbekannten Malerin, einem Maler oder einem Werk großes Potenzial, kaufte er früh und günstig, aber so treffsicher, dass sich schon damals mehrere Bilder in seinem Besitz befanden, die ihren Wert seit seinem Erwerb um ein Vielfaches gesteigert hatten. Darüber sprach er, und wie er das tat, konnte einem jungen Studenten wie mir eine neue Welt nach der anderen eröffnen. „Sammeln“, sagte er, „anerkennt und verleiht Bedeutung. Es hat – und hatte immer schon – nachweisbare Wirkung in politischem, wirtschaftlichem, kulturellem, ästhetischem und kunsthistorischem Zusammenhang. Es wirkt ebenso zurück auf die Schaffenden wie auf die Gesellschaft.“ Nicht nur die Künstler konnten also die Welt verändern, auch die Sammler. Doch ich musste bald einsehen, dass ich weder zum einen noch zum anderen taugte, und das Weltverändern überließ ich jenen, die dafür das nötige Talent besaßen. Professor Oeverdings Sammlung musste schon zu jener Zeit nichts weniger als bedeutend und umfangreich gewesen sein, und sie war seither ohne Zweifel noch weiter gewachsen, an Wert wie an Zahl. Nun also war ich auf dem Weg dorthin.

Die Einsatzinformationen über die Adresse und den Namen hinaus waren spärlich: Der Patient hatte angegeben, 86 Jahre alt zu sein, das Haus nicht verlassen zu können und ein Asthmamittel zu benötigen. Bei diesem Wetter passiert so etwas häufiger, die Leute bekommen bei der trockenen, kalten Witterung schlecht Luft. Wenn einem Asthmatiker dann sein Spray ausgeht, ist schon der kurze Weg zur Nachtapotheke ein Risiko. Ich hatte drei verschiedene Sprays dabei, mit einem davon sollte ich dem alten Professor also Erleichterung bis zum nächsten Morgen verschaffen können. Als ich die Klingel mit seinem Namensschild drückte, flogen mir die Erinnerungen an die Akademiezeit wie von einem Windstoß aufgewirbelt durch den Kopf. Der Summer entsperrte die Haustür, ich betrat ein großzügiges, ja prachtvolles Treppenhaus mit einem alten, eisenvergitterten Aufzug. Oeverding wohnte im dritten Stock.

„Die Tür ist offen!“, rief er von drinnen, als ich anklopfte und unbeholfen „Der Notdienst“, sagte. Es war gegen ein Uhr in der Nacht. Seine Stimme klang schwach und rau, aber ich erkannte sie tatsächlich wieder. „Sammeln anerkennt und verleiht Bedeutung“, hörte ich ihn aus meiner Erinnerung wieder und sah ihn im Seminarraum stehen. Vorsichtig drückte ich die Tür nach innen und trat ein. Vor mir zog sich ein langer Flur tief in die sehr geräumige Altbauwohnung. Dass sie geräumig war, konnte ich jedoch nur vermuten, denn an beiden Wänden dieses Ganges erhoben sich, ich weiß nicht, ob es Regale waren, vielleicht ja, vielleicht ein paar, an manchen Stellen, und wenn, waren sie alle, alle bis beinahe zur Decke überschüttet mit Papier, mit Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, Packpapier, mit Holzlatten und Plastiktüten. Stickig, teilweise verstaubt und von der Decke her mit Spinnweben überzogen, gaben sie in der Mitte nur einen schmalen Pfad frei, den man benutzen konnte, um von einer der Türen zur nächsten zu gelangen. Die Plastiktüten schienen sämtlich vollgestopft mit Müll, mit schimmligen Verpackungen, mit eingetrockneten Essensresten. Fast musste ich mich übergeben, so hart traf mich der Gestank.

„Zweite Tür rechts!“, rief Oeverding. Ich balancierte durch die enge Schlucht aus Abfall und über verstreut herumliegende Abfalleinzelteile, achtete darauf, nicht mit meiner Tasche gegen den Müll zu stoßen, damit bloß keine der Wände zusammenstürzte und mir den Rückweg abschnitt. Ich erreichte sein Wohnzimmer oder das, was einmal ein Wohnzimmer gewesen sein musste. Durch eine der Wände dort führte eine breite, geöffnete Flügeltür in ein weiteres, vermutlich sein Arbeitszimmer. Er saß schwer atmend im Bademantel auf einem ehemals dunkelblauen, vollkommen verdreckten Sofa, umgeben von zerdrückten Kartons, Mülltüten, Stapeln von Zeitungen und Zeitschriften, hand- und maschinebeschriebenen Blättern. Es sah hier genauso aus wie im Flur, und im Zimmer nebenan nicht anders. Der Parkettboden und der große Orientteppich waren auch an den Stellen, an denen sich nicht irgendetwas meterhoch stapelte, kaum zu erkennen, weil alles mit festgetretenen Essensresten, Papierfetzen, offenen Konservendosen, leeren Medikamentenpackungen und Flaschen aller Art überhäuft war. Die Wand hinter dem Sofa bedeckten unzählige Schichten von Schmutz, Staub, angetrockneten Spritzern von irgendwas, Kaffee vielleicht, vielleicht Erbrochenes, wahrscheinlich beides und noch einiges mehr.
„Ich habe … immer ein … Spray!“, rief er mir zu. „Immer!“ Trotz seiner Schwäche klang er geradezu wütend, wütend auf sich selbst. „Ich habe es … verloren. Das ist mir … wirklich noch … nie passiert, glauben Sie mir!“ Meinem Blick wich er aus. Er schämte sich, und ich könnte wirklich nicht sagen, ob er sich für das, was sich in seiner Wohnung befand oder nur dafür schämte, dass er sein Spray in diesem unaussprechlichen, modrigen Durcheinander einmal, zum allerersten Mal nicht hatte finden können. „Kein Problem, Herr Professor“, antwortete ich. Ich suchte einen Platz, wo ich meinen Koffer abstellen und öffnen konnte. Da erkannte ich, dass die vor Dreck starrende Wand hinter dem Sofa keine bloße Wand war. Dort hing, nein, dort hingen zwei Bilder über dem Sofa. Ich hatte ganz vergessen gehabt, nach Bildern zu sehen, nach der sagenumwobenen Sammlung. Und hier waren zwei Gemälde, direkt vor mir, aber ich konnte weder erkennen, was sie zeigten, noch von wem sie vielleicht stammten. Erschrocken und sicher auch etwas verlegen sah ich den Professor an. Jetzt erwiderte er meinen Blick, er beobachtete mich, seine Augen waren wach und hell und scharf. Ich platzierte meinen Koffer vorsichtig auf einem der Stapel und nahm Stethoskop, Diagnoselampe, Blutdruckmessgerät und das stärkste Asthmaspray heraus, das ich hatte.

Oeverding war geschwächt, aber sein Zustand nicht besorgniserregend. Er wirkte etwas verwahrlost mit überlangen, schmutzigen Fingernägeln und fettigem Haar, sein linker Fuß – der rechte steckte in einer dicken Wollsocke – hatte eine fortgeschrittene Onychogrypose ausgebildet. Sicher unangenehm, und beim Laufen vermutlich schmerzhaft, aber nicht gefährlich. Er traute sich eben nicht an die kalte, trockene Außenluft, ohne sein Spray. Als er davon einen tiefen Zug genommen und die kleine Sprayflasche in die Tasche seines Bademantels gesteckt hatte, stand ich also vom Sofa auf und begann, meine Utensilien wieder im Koffer zu verstauen. Da fiel mir etwas in dem Stapel darunter auf. Ein Lappen oder ein Tuch hing aus dem Ganzen heraus, eine staubige, fleckige und von kleinen Löchern durchstochene Ecke nur, mit einzelnen Fäden, die daran herabhingen. Und ein Name war darauf geschrieben, oder besser: gemalt. Der knorrige Schriftzug kam mir bekannt vor und jetzt realisierte ich, das war eine Signatur: „K. Pölzke“. Ein Maler. Ein sehr bekannter Maler. Er war zu meinen Akademiezeiten gerade aufgestiegen, seit einigen Jahren tot, aber schon vorher zu beachtlichem Ruhm gekommen. Seine Bilder waren heute von einigem Wert, waren tatsächlich und in verschiedenster Hinsicht bedeutend. Und der Lappen, das konnte ich nun auch sehen, war eine – bemalte – Leinwand. Unwillkürlich zog ich ein wenig an dem Stück und glättete es vorsichtig. Es war ein Pölzke. Ein Original, zusammengefaltet wie eine alte Tischdecke. Darüber und darunter alte Zeitungen, Plastiktüten, Aufzeichnungen, anderes Papier, soweit ich das sehen konnte, aber immer wieder auch mehr, sehr viele – Leinwände. „Entschuldigung“, sagte ich und drehte mich zu dem Professor um, „dürfte ich einmal ihre Toilette benutzen?“ Er machte eine fast ärgerliche Geste zur Tür: „Hinten im Gang.“

Niemals wäre ich auf seine Toilette gegangen, aber ich stieg über den Abfall, nun noch vorsichtiger als vorher, in den Flur und als ich sicher war, dass Oeverding mich nicht mehr sehen konnte, suchte ich mit meinem Diagnoselämpchen den ganzen Gang ab, die Zimmer, sogar die Küche. Überall stapelten sich, vermengt mit Büchern, abgetippten Vorlesungen, Altpapier und Müll, manchmal verschimmelt, manchmal verfault, zu schweren Ballen zusammengemodert, andere zerdrückt oder zerrissen, hunderte, vielleicht tausende von Gemälden, vollständig von den Keilrahmen gelöst die meisten, manche herausgeschnitten, manche gerissen. Manche, von denen ich in der Eile etwas freilegen konnte, eine Signatur, eine berühmte, eine unbezahlbare Signatur, eine beschriftete Rückseite, enthielten Jahreszahlen, manche genaue Daten, die zurückreichten bis weit in die Mitte des letzten Jahrhunderts; zu der Zeit, als der junge Professor seine allerersten Bilder gekauft hatte.

Ich weiß kaum, wie ich wieder in Oeverdings Wohnzimmer gelangt bin, aber ich konnte mich gar nicht genug beeilen, meinen Koffer zu greifen und mich zu verabschieden. Fast hatte ich die Wohnungstür erreicht, da rief er von drinnen: „Ich kann mich an Sie erinnern, Herr Student Kubielik! Ich kann mich an jeden erinnern!“ Meinen Namen hatte ich ihm vorhin nicht gesagt, das wusste ich genau. Ich griff nach der Türklinke. Er sprach weiter: „Jetzt können Sie auch mich zu Ihrer Sammlung hinzufügen, nicht wahr?“ Ich musste durchatmen, aber ich fragte: „Welche Sammlung denn?“ Und bevor ich die Wohnungstür mit einem Blick in den vollgestopften Flur von außen wieder schloss, hörte ich ihn, zum letzten Mal in meinem Leben: „Ach, tun Sie doch nicht so! Wir sammeln doch alle.“

 

© Michael Wäser, 2018

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Unfisch


Was suchen wir hier? Herrgottsakrament, was? Fuck. Fuck.

Ich will scheißen und ich kann nicht. Ich kann schon, aber ich scheiße mir in den Anzug, wenn. Ich wär einfach irgendwo in die Büsche gesprungen, aber geht ja nicht ohne Büsche. Super. Deswegen? Deswegen etwa? Um als erwachsener Mann dazustehen und nicht scheißen zu können, wenn man scheißen muss? Deshalb? Ihr macht Witze! Ich mache Witze. All das. All das und dann steht man da und … Das war klar, von Anfang an. Aber daran denkt doch keiner, was das wirklich heißt. Oder doch? Oder doch? Vielleicht genau deshalb. Ich lach mich schlapp. Weiterlesen

Down In The Hole

DSCF9423Es war noch dunkle Nacht und meine Augen brannten, als ich mich vorsichtig aus meinem Bett rollte. Das trübe glimmende Nachtlicht im Flur zeigte mir grob die Richtung an. Das reichte für meine Zwecke vollkommen. Ein paar Schritte nur. Keine zu große Anstrengung, keine übertriebene Bewegung jetzt. Meine Blase war zum Platzen voll, und da konnte jedes ungeschickte Drehen oder Beugen ein Unglück bedeuten. Entsprechend vorsichtig ließ ich mich auf die Kloschüssel nieder. Die offene Badezimmertür ließ genug von dem Nachtlicht rein, dass ich mich auch hier orientieren konnte. Ich schloss meine Augen, das Brennen ließ nach. In meinem Kopf kreiselte ein amerikanischer Blues aus dem Traum, aus dem ich gerade aufgewacht war. Way down in the hole. Musste ein seltsamer Traum gewesen sein, aber alles, was jetzt noch davon übrig war, war dieser Klagegesang eines alten, schwarzen Mannes. Irgendwie passend, dachte ich. Früher, als ich noch als junger Mann durchging, hatte meine Blase nachts problemlos durchgehalten. So ändern sich die Zeiten.
„Ich habe das gesehen!“
Die schnarrende, unangenehm helle Stimme ließ mich zusammenzucken. Fast hätte ich die Kontrolle über den entspannenden Strahl verloren. Ich öffnete die Augen. Auch wenn ich wieder und wieder blinzeln musste und noch immer nur die funzelige LED in einigen Metern Entfernung glimmte, erkannte ich ihn gleich, seine verräterische schwarze Silhouette hob sich vom gelblichen Schein im Flur deutlich ab. Der Teufel.
„Du schon wieder“, brummte ich.
„Lenk nicht ab. Ich habe es gesehen!“
Ich seufzte. „Was gesehen?“
„Na was wohl? Deine Erektion!“ Weiterlesen

SCHRITTE – Neue Literatur in die Cafès!

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So wird sie aussehen, so wird sie (wieder) heißen

Sie können dabei sein, wenn ein einst phänomenal weit verbreitetes Literatur-Zeitschriftsprojekt wieder aufersteht: Der Frankfurter Axel Dielmann Verlag hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um die „Schritte“ wieder erscheinen zu lassen, eine Literaturzeitschrift im Zeitungsdesign für Cafés im ganzen Bundesgebiet. Mit kleinen oder größeren Beträgen können Sie das Projekt noch bis zum 15. Februar unterstützen und dabei sogar hochinteressante Belohnungen bekommen – Schritte-Ausgaben von früher, Bücher, Abos und vieles mehr. Crowdfunding heißt: jeder kleinste Betrag (ab 5 Euro) ist willkommen, es darf aber auch mehr sein, denn so ein Projekt ist nicht mit links zu stemmen, und die künftigen AutorInnen haben auch was davon!

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Die Begleitung des Rauchers

Wir sind der Ursprung des Lebens. Fernab aller Störung, umgeben von Wasser, umschwirren wir die aufsteigende Wärme des Erdinneren: schwarzen Rauch im Ozean, in der Dunkelheit der Tiefe.

Wir sind nicht gewesen, und sind jetzt. Die Begleitung sind wir und bleiben wir. Aus uns erwuchs alles. Und doch bleiben wir, wo wir sind. Wir ließen Leben hinaus, zum Licht, zum Land, überall hin. Ohne Absicht.

Wir sind folgerichtig schon länger hier, als andere irgendwoanders sind. Niemand außer uns ist fähig, hier zu sein. Unser Leben ist nicht das der anderen, irgendwo anders als hier.

Neuerdings haben auch wir, selten, so gut wie niemals, Begleiter. Maschinen, gebaut von Organismen, die aus uns erwachsen sind. Sie kehren zurück zum Ursprungsort.

Sie schicken Licht in den Rauch, der kein Licht hindurch lässt. Sie sehen uns nicht. Sie nehmen uns mit, zusammen mit Schwefel und Rauch und Ozeanwasser. Ans Licht. Und sehen uns. Und staunen.

Wir staunen nicht.

(© Michael Wäser, 2016)

Angora Flash

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Ein Text von 2011, in Erinnerung an den gestern verstorbenen Gründer von Earth, Wind & Fire, Maurice White

Angorapullover waren angesagt, rückenfrei, bei den heißesten Mädels, die dafür die passende Figur hatten. Andere, die sie gerne gehabt hätten, die Figur, trugen sie trotzdem. Die blieben aber blass, unsichtbar, Sichtbehinderung höchstens auf die Anderen, auch wenn ihre Pullover noch so schreiende Farben hatten. Pink. Feuerrot. Lila. Dass die Angorateile eigentlich nichts für den Sommer waren, diesen heißen Sommer neunzehnhundertzweiundachtzig, störte mich überhaupt nicht. Ich musste die Dinger ja nicht tragen. Aber zwei Frauen, die absolut die richtige Figur dafür hatten, eine, in die ich mal verliebt gewesen war, der ich mich erst offenbart hatte, als meine, reelle, Chance dahin war, eine, in die ich jetzt gerade verknallt war, die aber nichts von mir wollte, außer dass ich ihr verliebt hinterherschaute, die trugen sie und sie trugen sie stolz und immer in dem Bewusstsein, wie unwiderstehlich sie darin aussahen. Weiterlesen

„République“ – Auszug aus unveröffentlichtem Romankapitel

(Erzähler ist ein Pressefotograf, der sich zum ersten Mal in Europa aufhält.)
“ … Auf einem mächtigen, weißen Sockel reckte die bronzene Statue ihren Arm in die Höhe, einen Zweig in der Hand, vermutlich einen Ölzweig, ein Friedenszeichen. Nach der Métro-Station zu urteilen war dies „die Republik“, und rund um den steinernen Sockel befanden sich weitere Frauenfiguren, diese aber in Stein gehauen, und über ihnen stand in den Sockel gemeißelt, wofür sie ihre weibliche Gestalt zur Verfügung stellten: LIBERTÉ, EGALITÉ und FRATERNITÉ. Zu Füßen von ihnen allen stolzierte ein grimmig dreinblickender, bronzener Löwe vor der Säule, dessen Bedeutung ich nicht herausfand. Hinter ihm stand die Jahreszahl „1789“ in den Sockel gemeißelt, also vielleicht war er eine Allegorie auf die große Revolution. Rund um den Sockel, unterhalb der Frauenfiguren, waren rechteckige Bronzereliefs mit eher historischen als allegorischen Szenen eingelassen, jedes mit einer zugehörigen Jahreszahl versehen. Das waren wohl die Geburtstage der Republik, insgesamt zwölf an der Zahl, vom 20. Juni 1789 bis zum 14. Juli 1880. Eine schwere Geburt, dachte ich. Immer wieder musste sie von Neuem geboren werden. Diesen hier hatte man also ein Denkmal gesetzt, als man wohl nicht glaubte, dass sie noch weitere Geschwisterchen bekommen würden – oder besser gesagt, Nachfolgerinnen. Welche Revolution ist schon mit einem Mal getan? Und was ist „getan“, in Kairo, in Tunis, in Kiew und wo überall noch? Hier vor mir war es selbst mit zwölf Mal nicht getan. Die Tafel direkt zu Füßen der großen Statue, sie trug eine Inschrift, die ich mit „Menschenrechte“ übersetzen konnte. Die stammten, das wusste ich, noch von ihrer ersten Geburt, und sie gehörten wohl seitdem dazu. Vielleicht war sie auch bloß durch mehrere Kindheitsphasen gegangen, mehrere Pubertäten, Adoleszenzen und so weiter. …“

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Charliberté