Unfisch


Was suchen wir hier? Herrgottsakrament, was? Fuck. Fuck.

Ich will scheißen und ich kann nicht. Ich kann schon, aber ich scheiße mir in den Anzug, wenn. Ich wär einfach irgendwo in die Büsche gesprungen, aber geht ja nicht ohne Büsche. Super. Deswegen? Deswegen etwa? Um als erwachsener Mann dazustehen und nicht scheißen zu können, wenn man scheißen muss? Deshalb? Ihr macht Witze! Ich mache Witze. All das. All das und dann steht man da und … Das war klar, von Anfang an. Aber daran denkt doch keiner, was das wirklich heißt. Oder doch? Oder doch? Vielleicht genau deshalb. Ich lach mich schlapp. Weiterlesen

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Down In The Hole

DSCF9423Es war noch dunkle Nacht und meine Augen brannten, als ich mich vorsichtig aus meinem Bett rollte. Das trübe glimmende Nachtlicht im Flur zeigte mir grob die Richtung an. Das reichte für meine Zwecke vollkommen. Ein paar Schritte nur. Keine zu große Anstrengung, keine übertriebene Bewegung jetzt. Meine Blase war zum Platzen voll, und da konnte jedes ungeschickte Drehen oder Beugen ein Unglück bedeuten. Entsprechend vorsichtig ließ ich mich auf die Kloschüssel nieder. Die offene Badezimmertür ließ genug von dem Nachtlicht rein, dass ich mich auch hier orientieren konnte. Ich schloss meine Augen, das Brennen ließ nach. In meinem Kopf kreiselte ein amerikanischer Blues aus dem Traum, aus dem ich gerade aufgewacht war. Way down in the hole. Musste ein seltsamer Traum gewesen sein, aber alles, was jetzt noch davon übrig war, war dieser Klagegesang eines alten, schwarzen Mannes. Irgendwie passend, dachte ich. Früher, als ich noch als junger Mann durchging, hatte meine Blase nachts problemlos durchgehalten. So ändern sich die Zeiten.
„Ich habe das gesehen!“
Die schnarrende, unangenehm helle Stimme ließ mich zusammenzucken. Fast hätte ich die Kontrolle über den entspannenden Strahl verloren. Ich öffnete die Augen. Auch wenn ich wieder und wieder blinzeln musste und noch immer nur die funzelige LED in einigen Metern Entfernung glimmte, erkannte ich ihn gleich, seine verräterische schwarze Silhouette hob sich vom gelblichen Schein im Flur deutlich ab. Der Teufel.
„Du schon wieder“, brummte ich.
„Lenk nicht ab. Ich habe es gesehen!“
Ich seufzte. „Was gesehen?“
„Na was wohl? Deine Erektion!“ Weiterlesen

SCHRITTE – Neue Literatur in die Cafès!

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So wird sie aussehen, so wird sie (wieder) heißen

Sie können dabei sein, wenn ein einst phänomenal weit verbreitetes Literatur-Zeitschriftsprojekt wieder aufersteht: Der Frankfurter Axel Dielmann Verlag hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um die „Schritte“ wieder erscheinen zu lassen, eine Literaturzeitschrift im Zeitungsdesign für Cafés im ganzen Bundesgebiet. Mit kleinen oder größeren Beträgen können Sie das Projekt noch bis zum 15. Februar unterstützen und dabei sogar hochinteressante Belohnungen bekommen – Schritte-Ausgaben von früher, Bücher, Abos und vieles mehr. Crowdfunding heißt: jeder kleinste Betrag (ab 5 Euro) ist willkommen, es darf aber auch mehr sein, denn so ein Projekt ist nicht mit links zu stemmen, und die künftigen AutorInnen haben auch was davon!

Folgen Sie folgendem link und folgen dann ganz ihren Interessen:

Die Begleitung des Rauchers

Wir sind der Ursprung des Lebens. Fernab aller Störung, umgeben von Wasser, umschwirren wir die aufsteigende Wärme des Erdinneren: schwarzen Rauch im Ozean, in der Dunkelheit der Tiefe.

Wir sind nicht gewesen, und sind jetzt. Die Begleitung sind wir und bleiben wir. Aus uns erwuchs alles. Und doch bleiben wir, wo wir sind. Wir ließen Leben hinaus, zum Licht, zum Land, überall hin. Ohne Absicht.

Wir sind folgerichtig schon länger hier, als andere irgendwoanders sind. Niemand außer uns ist fähig, hier zu sein. Unser Leben ist nicht das der anderen, irgendwo anders als hier.

Neuerdings haben auch wir, selten, so gut wie niemals, Begleiter. Maschinen, gebaut von Organismen, die aus uns erwachsen sind. Sie kehren zurück zum Ursprungsort.

Sie schicken Licht in den Rauch, der kein Licht hindurch lässt. Sie sehen uns nicht. Sie nehmen uns mit, zusammen mit Schwefel und Rauch und Ozeanwasser. Ans Licht. Und sehen uns. Und staunen.

Wir staunen nicht.

(© Michael Wäser, 2016)

Angora Flash

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Ein Text von 2011, in Erinnerung an den gestern verstorbenen Gründer von Earth, Wind & Fire, Maurice White

Angorapullover waren angesagt, rückenfrei, bei den heißesten Mädels, die dafür die passende Figur hatten. Andere, die sie gerne gehabt hätten, die Figur, trugen sie trotzdem. Die blieben aber blass, unsichtbar, Sichtbehinderung höchstens auf die Anderen, auch wenn ihre Pullover noch so schreiende Farben hatten. Pink. Feuerrot. Lila. Dass die Angorateile eigentlich nichts für den Sommer waren, diesen heißen Sommer neunzehnhundertzweiundachtzig, störte mich überhaupt nicht. Ich musste die Dinger ja nicht tragen. Aber zwei Frauen, die absolut die richtige Figur dafür hatten, eine, in die ich mal verliebt gewesen war, der ich mich erst offenbart hatte, als meine, reelle, Chance dahin war, eine, in die ich jetzt gerade verknallt war, die aber nichts von mir wollte, außer dass ich ihr verliebt hinterherschaute, die trugen sie und sie trugen sie stolz und immer in dem Bewusstsein, wie unwiderstehlich sie darin aussahen. Weiterlesen

„République“ – Auszug aus unveröffentlichtem Romankapitel

(Erzähler ist ein Pressefotograf, der sich zum ersten Mal in Europa aufhält.)
“ … Auf einem mächtigen, weißen Sockel reckte die bronzene Statue ihren Arm in die Höhe, einen Zweig in der Hand, vermutlich einen Ölzweig, ein Friedenszeichen. Nach der Métro-Station zu urteilen war dies „die Republik“, und rund um den steinernen Sockel befanden sich weitere Frauenfiguren, diese aber in Stein gehauen, und über ihnen stand in den Sockel gemeißelt, wofür sie ihre weibliche Gestalt zur Verfügung stellten: LIBERTÉ, EGALITÉ und FRATERNITÉ. Zu Füßen von ihnen allen stolzierte ein grimmig dreinblickender, bronzener Löwe vor der Säule, dessen Bedeutung ich nicht herausfand. Hinter ihm stand die Jahreszahl „1789“ in den Sockel gemeißelt, also vielleicht war er eine Allegorie auf die große Revolution. Rund um den Sockel, unterhalb der Frauenfiguren, waren rechteckige Bronzereliefs mit eher historischen als allegorischen Szenen eingelassen, jedes mit einer zugehörigen Jahreszahl versehen. Das waren wohl die Geburtstage der Republik, insgesamt zwölf an der Zahl, vom 20. Juni 1789 bis zum 14. Juli 1880. Eine schwere Geburt, dachte ich. Immer wieder musste sie von Neuem geboren werden. Diesen hier hatte man also ein Denkmal gesetzt, als man wohl nicht glaubte, dass sie noch weitere Geschwisterchen bekommen würden – oder besser gesagt, Nachfolgerinnen. Welche Revolution ist schon mit einem Mal getan? Und was ist „getan“, in Kairo, in Tunis, in Kiew und wo überall noch? Hier vor mir war es selbst mit zwölf Mal nicht getan. Die Tafel direkt zu Füßen der großen Statue, sie trug eine Inschrift, die ich mit „Menschenrechte“ übersetzen konnte. Die stammten, das wusste ich, noch von ihrer ersten Geburt, und sie gehörten wohl seitdem dazu. Vielleicht war sie auch bloß durch mehrere Kindheitsphasen gegangen, mehrere Pubertäten, Adoleszenzen und so weiter. …“

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Charliberté

 

Übergang vom Berufsleben zum Rentnerdasein

Drei Wochen Korfu hatte er sich gegönnt. Gleich am nächsten Sonntag nach seinem letzten, seinem allerletzten Arbeitstag war Ludwin zusammen mit seiner Tochter in den Flieger gestiegen. Es war Frühling, Vorsaison, das konnte er sich ein Mal leisten, auch wenn seine Rente bescheiden sein würde. Korfu erblühte in den schönsten Farben, die man sich nur vorstellen konnte. Das grüne, das bunte Korfu, die Blumeninsel Griechenlands. Sie bezogen zwei nette Zimmer in einem kleinen Hotel nahe dem Strand. Barbara hatte sich um alles gekümmert, schon Monate vor Ludwins Abschied aus der Firma. Zur Feier seiner Pensionierung, dachte sie, begleite ich ihn mal ein paar Tage und mache endlich auch wieder Urlaub vom Stress in der Kita. Ihre Mutter, Ludwins Ehefrau, hatte nicht mitkommen wollen. Ihr war nicht nach Reisen, hatte sie gesagt. Barbara blieb zwei Wochen, gemeinsam erkundeten sie die Insel, was sich ganz gut anließ, es war noch nicht so heiß wie im Sommer und Ludwin kam nur selten aus der Puste, trotz seines Raucherhustens. Am liebsten allerdings lag der ältere Herr am Strand, las in seinem Tucholsky oder schlief, planschte ein wenig in der sanften Brandung herum, fing sich einen Sonnenbrand ein und stöhnte am Abend beim Essen scherzhaft über das Brennen auf seinem Rücken. Es würde nicht schlimm werden, das wusste er. Weiterlesen