SCHRITTE – Neue Literatur in die Cafès!

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So wird sie aussehen, so wird sie (wieder) heißen

Sie können dabei sein, wenn ein einst phänomenal weit verbreitetes Literatur-Zeitschriftsprojekt wieder aufersteht: Der Frankfurter Axel Dielmann Verlag hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um die „Schritte“ wieder erscheinen zu lassen, eine Literaturzeitschrift im Zeitungsdesign für Cafés im ganzen Bundesgebiet. Mit kleinen oder größeren Beträgen können Sie das Projekt noch bis zum 15. Februar unterstützen und dabei sogar hochinteressante Belohnungen bekommen – Schritte-Ausgaben von früher, Bücher, Abos und vieles mehr. Crowdfunding heißt: jeder kleinste Betrag (ab 5 Euro) ist willkommen, es darf aber auch mehr sein, denn so ein Projekt ist nicht mit links zu stemmen, und die künftigen AutorInnen haben auch was davon!

Folgen Sie folgendem link und folgen dann ganz ihren Interessen:

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Die Begleitung des Rauchers

Wir sind der Ursprung des Lebens. Fernab aller Störung, umgeben von Wasser, umschwirren wir die aufsteigende Wärme des Erdinneren: schwarzen Rauch im Ozean, in der Dunkelheit der Tiefe.

Wir sind nicht gewesen, und sind jetzt. Die Begleitung sind wir und bleiben wir. Aus uns erwuchs alles. Und doch bleiben wir, wo wir sind. Wir ließen Leben hinaus, zum Licht, zum Land, überall hin. Ohne Absicht.

Wir sind folgerichtig schon länger hier, als andere irgendwoanders sind. Niemand außer uns ist fähig, hier zu sein. Unser Leben ist nicht das der anderen, irgendwo anders als hier.

Neuerdings haben auch wir, selten, so gut wie niemals, Begleiter. Maschinen, gebaut von Organismen, die aus uns erwachsen sind. Sie kehren zurück zum Ursprungsort.

Sie schicken Licht in den Rauch, der kein Licht hindurch lässt. Sie sehen uns nicht. Sie nehmen uns mit, zusammen mit Schwefel und Rauch und Ozeanwasser. Ans Licht. Und sehen uns. Und staunen.

Wir staunen nicht.

(© Michael Wäser, 2016)

Angora Flash

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Ein Text von 2011, in Erinnerung an den gestern verstorbenen Gründer von Earth, Wind & Fire, Maurice White

Angorapullover waren angesagt, rückenfrei, bei den heißesten Mädels, die dafür die passende Figur hatten. Andere, die sie gerne gehabt hätten, die Figur, trugen sie trotzdem. Die blieben aber blass, unsichtbar, Sichtbehinderung höchstens auf die Anderen, auch wenn ihre Pullover noch so schreiende Farben hatten. Pink. Feuerrot. Lila. Dass die Angorateile eigentlich nichts für den Sommer waren, diesen heißen Sommer neunzehnhundertzweiundachtzig, störte mich überhaupt nicht. Ich musste die Dinger ja nicht tragen. Aber zwei Frauen, die absolut die richtige Figur dafür hatten, eine, in die ich mal verliebt gewesen war, der ich mich erst offenbart hatte, als meine, reelle, Chance dahin war, eine, in die ich jetzt gerade verknallt war, die aber nichts von mir wollte, außer dass ich ihr verliebt hinterherschaute, die trugen sie und sie trugen sie stolz und immer in dem Bewusstsein, wie unwiderstehlich sie darin aussahen. Weiterlesen

„République“ – Auszug aus unveröffentlichtem Romankapitel

(Erzähler ist ein Pressefotograf, der sich zum ersten Mal in Europa aufhält.)
“ … Auf einem mächtigen, weißen Sockel reckte die bronzene Statue ihren Arm in die Höhe, einen Zweig in der Hand, vermutlich einen Ölzweig, ein Friedenszeichen. Nach der Métro-Station zu urteilen war dies „die Republik“, und rund um den steinernen Sockel befanden sich weitere Frauenfiguren, diese aber in Stein gehauen, und über ihnen stand in den Sockel gemeißelt, wofür sie ihre weibliche Gestalt zur Verfügung stellten: LIBERTÉ, EGALITÉ und FRATERNITÉ. Zu Füßen von ihnen allen stolzierte ein grimmig dreinblickender, bronzener Löwe vor der Säule, dessen Bedeutung ich nicht herausfand. Hinter ihm stand die Jahreszahl „1789“ in den Sockel gemeißelt, also vielleicht war er eine Allegorie auf die große Revolution. Rund um den Sockel, unterhalb der Frauenfiguren, waren rechteckige Bronzereliefs mit eher historischen als allegorischen Szenen eingelassen, jedes mit einer zugehörigen Jahreszahl versehen. Das waren wohl die Geburtstage der Republik, insgesamt zwölf an der Zahl, vom 20. Juni 1789 bis zum 14. Juli 1880. Eine schwere Geburt, dachte ich. Immer wieder musste sie von Neuem geboren werden. Diesen hier hatte man also ein Denkmal gesetzt, als man wohl nicht glaubte, dass sie noch weitere Geschwisterchen bekommen würden – oder besser gesagt, Nachfolgerinnen. Welche Revolution ist schon mit einem Mal getan? Und was ist „getan“, in Kairo, in Tunis, in Kiew und wo überall noch? Hier vor mir war es selbst mit zwölf Mal nicht getan. Die Tafel direkt zu Füßen der großen Statue, sie trug eine Inschrift, die ich mit „Menschenrechte“ übersetzen konnte. Die stammten, das wusste ich, noch von ihrer ersten Geburt, und sie gehörten wohl seitdem dazu. Vielleicht war sie auch bloß durch mehrere Kindheitsphasen gegangen, mehrere Pubertäten, Adoleszenzen und so weiter. …“

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Charliberté

 

Übergang vom Berufsleben zum Rentnerdasein

Drei Wochen Korfu hatte er sich gegönnt. Gleich am nächsten Sonntag nach seinem letzten, seinem allerletzten Arbeitstag war Ludwin zusammen mit seiner Tochter in den Flieger gestiegen. Es war Frühling, Vorsaison, das konnte er sich ein Mal leisten, auch wenn seine Rente bescheiden sein würde. Korfu erblühte in den schönsten Farben, die man sich nur vorstellen konnte. Das grüne, das bunte Korfu, die Blumeninsel Griechenlands. Sie bezogen zwei nette Zimmer in einem kleinen Hotel nahe dem Strand. Barbara hatte sich um alles gekümmert, schon Monate vor Ludwins Abschied aus der Firma. Zur Feier seiner Pensionierung, dachte sie, begleite ich ihn mal ein paar Tage und mache endlich auch wieder Urlaub vom Stress in der Kita. Ihre Mutter, Ludwins Ehefrau, hatte nicht mitkommen wollen. Ihr war nicht nach Reisen, hatte sie gesagt. Barbara blieb zwei Wochen, gemeinsam erkundeten sie die Insel, was sich ganz gut anließ, es war noch nicht so heiß wie im Sommer und Ludwin kam nur selten aus der Puste, trotz seines Raucherhustens. Am liebsten allerdings lag der ältere Herr am Strand, las in seinem Tucholsky oder schlief, planschte ein wenig in der sanften Brandung herum, fing sich einen Sonnenbrand ein und stöhnte am Abend beim Essen scherzhaft über das Brennen auf seinem Rücken. Es würde nicht schlimm werden, das wusste er. Weiterlesen

Mein erster Kinobesuch

Es war ein Sonntagnachmittag im Spätsommer, als ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Kino besuchte. Ich ging noch nicht zur Schule, denn dieser Kinobesuch war sozusagen mein Geschenk zum bevorstehenden allerersten Schultag am nächsten Morgen. Meine Erinnerung daran ist ein bisschen lückenhaft, an manche Dinge erinnere ich mich gar nicht mehr, andere habe ich bis heute nicht vergessen. Man weiß eben nie, was in Erinnerung bleibt. Ganz sicher war es aber im Jahr 1970, ich war fünf, Früheinschuler, und furchtbar aufgeregt, weil ich zum ersten Mal ins Kino durfte. Aufgeregt war ich aber sowieso schon seit Tagen, weil ich meine Schultüte, die ich am folgenden Morgen bekommen sollte, schon entdeckt hatte. Auf dem Wohnzimmerschrank hatte sie jemand ganz schlecht vor mir versteckt. Eine große, orangerote Schultüte mit einer Kuppe aus Krepppapier, so dunkelrosa wie die reifen Sauerkirschen, die in unserem Garten gerade am Baum hingen. Morgen schon würde ich sie stolz in Händen halten, so wie meine älteren Geschwister auf ihren Einschulungsfotos, und Schultüten, das hatten mir meine Geschwister verraten, waren immer voll mit Süßigkeiten und Spielsachen. Mein unbedeutendes Kinderleben ohne Sinn und Verantwortung würde bald zu Ende sein und einer viel erwachseneren Existenz weichen. Ich würde kein kleines Kind mehr sein! Nie mehr! Ich durfte sogar heute schon ins Kino. Als ich in Begleitung meiner Mutter das Filmtheater in der Nachbarortschaft erreichte, wusste ich aber nicht, dass der Abschied von meinem unschuldigen Kinderdasein ganz anders stattfinden würde, als ich dachte, und dass er außerdem unmittelbar bevorstand. Allerdings nicht nur mir. Weiterlesen

Mysterium

Warum bleibst du nicht?
Wenn ich dich doch gesucht habe
wie ein Verdurstender einen See sucht
um ihn auszutrinken
Immer wieder
Wenn du mich doch verwandelt hast
Und die Welt dazu
Jedes Mal
Wenn doch jeder dich will,
dich braucht, um ganz zu sein
versteinert, wenn du dich nicht zeigst
dich vermisst, wenn du fort bist
stirbt, weil du dich abwendest
oder gar tötet, wenn du gehst.
Warum bleibst du dann nicht?

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